mini|Lage der Provinz mini|Das Praetorium in Köln, der Sitz des Statthalters der Provinz Niedergermanien

Germania inferior („Niedergermanien“) war eine römische Provinz. Sie umfasste die westlich des Rhein gelegenen Teile der heutigen Niederlande und Deutschlands sowie Teile von Belgien. Seit Augustus war dieses Gebiet ein Heeresbezirk, der verwaltungstechnisch zu Gallien gehörte. Die Provinz wurde erst unter Domitian um 85 n. Chr. eingerichtet. Ihre Hauptstadt und Sitz der Statthalter von Niedergermanien war die Colonia Claudia Ara Agrippinensium, das heutige Köln. Im Zuge einer spätantiken Verwaltungsreform wurde Germania inferior durch die neu geschaffene Provinz Germania secunda ersetzt.

Germania inferior war die nördliche Nachbarprovinz von Germania superior (Obergermanien) und lag östlich der Belgica.

Geschichte Vorgeschichte und Entstehung mini|Die ethnisch-politische Lage der römischen Rheingrenze um 70 n. Chr. Zu ersten Begegnungen zwischen römischen Truppen und gallischen beziehungsweise germanischen Stämmen im Gebiet der späteren Provinz kam es um 50 v. Chr. während des Gallienfeldzuges von Gaius Iulius Caesar. Caesar dehnte die grundsätzliche römische Einflusssphäre zwar bis zum Rhein und damit auf das Gebiet des späteren Niedergermanien aus, zu einer dauerhaften Erschließung der Region oder gar einer kulturellen Romanisierung führten seine Kriegszüge jedoch nicht. Dies hatte vor allem damit zu tun, dass die folgenden zwei Jahrzehnte über weite Strecken durch die inneren Auseinandersetzungen der Römischen Bürgerkriege ausgefüllt waren, die die Ressourcen Roms banden. Zudem waren die Gebiete im Nordosten von Gallien schon vor Caesar spärlich besiedelt gewesen und die Ereignisse des Gallischen Krieges dünnten die Bevölkerung noch einmal aus, als es einerseits zu Überfällen durch rechtsrheinische Germanen kam und andererseits Caesar selbst die dort ansässigen Eburonen weitgehend vernichtete oder vertrieb.Johannes Heinrichs: Überlegungen zur Versorgung augusteischer Truppen mit Münzgeld. Ein neues Modell und daraus ableitbare Indizien für einen Wandel in der Konzeption des Germanienkriegs nach Drusus. In: Leon Mooren (Hrsg.): Politics, Administration and Society in the Hellenistic and Roman World (= Studia Hellenistica. Band 36). Peeters, Leuven 2000, ISBN 90-429-0994-3, S. 155–214, hier S. 174–175 und 197–199.

Erst unter Augustus erholte sich die Bevölkerung des Gebietes wieder, hauptsächlich durch die Ansiedlung rechtsrheinischer Germanen, die zumindest teilweise im Rahmen römischer Zwangsumsiedlungen in das seit Caesars Zeiten weitgehend entvölkerte Territorium gelangten. Aus den Neuankömmlingen sowie den Resten der lokalen Bevölkerung bildeten sich neue Stämme, nämlich die Ubier, die Cugerner und die Bataver. Die Romanisierung des Raumes begann dann vor allem, als Augustus nach einer vernichtenden römischen Niederlage gegen die Germanen (der clades Lolliana 17/16 v. Chr.) größere Truppeneinheiten an den Rhein zusammenzog und über mehrere Jahrzehnte hinweg Feldzüge in die rechtsrheinischen Gebiete unternahm (Augusteische Germanenkriege). Die damit eingerichtete dauerhafte römische Militärpräsenz blieb auch bestehen, als die Germanenkriege 16 n. Chr. unter Augustus’ Nachfolger Tiberius eingestellt wurden. Nun blieben vier Legionen in festen Lagern stationiert: zwei Legionen in Xanten/Vetera sowie jeweils eine Legion in Neuss und Bonn.

Zu Beginn des Vierkaiserjahres 69 wurde Vitellius, der Oberkommandierende des Heeres in Niedergermanien, von der in Bonn stationierten Legion zum Kaiser ausgerufen. In der Folge zog er mit den ihm zur Verfügung stehenden Streitkräften nach Italien. Wohl aus Unzufriedenheit von Soldaten aus dem Stamm der Bataver über die Behandlung durch Vitellius kam es unter der Führung des Iulius Civilis im Jahr 69 zum Aufstand der Bataver. Dabei wurde unter anderem das Legionslager Vetera in der Nähe des heutigen Xanten vernichtet. Die offizielle Einrichtung der Provinz erfolgte schließlich unter Kaiser Domitian.

Seit Einrichtung der Provinz mini|Unter Domitian (Büste in den Kapitolinischen Museen, Rom) wurde die Provinz Niedergermanien eingerichtet.

Seit dem späten ersten Jahrhundert erlebte die Provinz einen Aufschwung. Die Errichtung eines Abschnitts der Kölner Stadtmauer an der Rheinseite lässt sich mit Hilfe der Dendrochronologie in die Jahre 89/90 datieren. In domitianischer Zeit wurde wahrscheinlich auch die Eifelwasserleitung nach Köln gebaut.

Kaiser Trajan hielt sich nach seiner Thronerhebung im Spätherbst und Winter 97/98 einige Monate in Köln auf. Die Erhebung der Siedlung bei Xanten zur Colonia Ulpia Traiana erfolgte um 100 n. Chr., mit dem Bau der Xantener Stadtmauer wurde wohl im Jahr 105/106 begonnen.Burghart Schmidt: Ein dendrochronologischer Befund zum Bau der Stadtmauer der CUT. In: Bonner Jahrb. Band 187, 1987, S. 495–503.

Bis in die Zeit um 230 herrschte an der Rheingrenze offenbar weitgehend Friede. Danach lassen sich erste kriegerische Ereignisse erschließen. Nach kriegerischen Auseinandersetzungen mit Germanen kamen im Jahr 256 Kaiser Valerian und sein Sohn Gallienus an die Grenze. Sie bezogen in Köln Quartier, hier wurde auch eine Münzstätte eingerichtet. Während Valerian bis zu seiner Gefangennahme durch die Sassaniden unter Schapur I. vor allem im Osten des Reiches Krieg führte, blieb Gallienus im Westen. Im Jahr 259 konnte er Alamannen und Juthungen besiegen, die nach Italien eingefallen waren. Seinen Sohn Saloninus ließ er in Köln zurück, unter anderem in Begleitung eines hohen Würdenträgers mit Namen Postumus.

Nach einem Einfall feindlicher Franken gelang es den am Rhein stationierten römischen Truppen, die Eindringlinge auf dem Rückweg zu besiegen und ihnen ihre Beute abzunehmen. Postumus gestattete den Soldaten, die Beute zu behalten und wurde 260 zum Kaiser des Gallischen Sonderreiches ausgerufen. Saloninus, der sich noch zum Kaiser ausrufen ließ, verschanzte sich in Köln. Der Usurpator Postumus belagerte die Stadt, Saloninus wurde ausgeliefert und zusammen mit seinem Erzieher ermordet. Köln wurde zunächst Hauptstadt des Imperium Galliarum, vor dem Ende des Sonderreiches übernahm Trier noch diese Funktion. Kaiser Aurelian bezwang 274 schließlich Tetricus I. als letzten Herrscher des Gallischen Sonderreiches und gliederte dieses wieder dem Imperium ein.

Die Unruhen des 3. Jahrhunderts sind in Niedergermanien archäologisch nachweisbar. So wurde die damals zweitwichtigste Stadt der Provinz, die Colonia Ulpia Traiana (ebenfalls nahe dem heutigen Xanten), im Jahr 275 durch Germanen zu weiten Teilen zerstört, so wie auch das Kastell Vetera II, das als Ersatz für das zerstörte Vetera I errichtet worden war, vernichtet wurde. Eine Reihe von römischen Villen ist wohl in den 270er und 280er Jahren zerstört worden. Straßen und Siedlungen wurden mit Kleinbefestigungen, so genannten burgi gesichert. Für den Burgus Villenhaus ist beispielsweise eine Erbauung nach 268 durch Münzfunde gesichert.

Im Zuge der unter Kaiser Diokletian begonnenen spätantiken Verwaltungsreformen wurde die Provinz in Germania secunda umbenannt.

Statthalter Die Quellenlage zu den Statthaltern der Provinz ist nicht einheitlich. Bekannte Persönlichkeiten sind etwa die nachmaligen Kaiser Vitellius und Didius Julianus. Andere sind nur von epigraphischen Zeugnissen bekannt. Da einige Amtsinhaber unbekannt sind, weist die Liste der Statthalter von Niedergermanien Lücken auf.

Ausdehnung Im Osten war der Rhein die Grenze der Provinz, im Norden reichte sie bis an die Nordsee. Die Ausdehnung im Westen wurde in der Wissenschaft diskutiert. Es ist gesichert, dass sich das Gebiet bis in den Bereich der Maas erstreckte, in der jüngeren Forschung wird auch das Gebiet der Tungerer westlich der Maas hinzugerechnet.Marie-Thérèse Raepsaet-Charlier: Vielfalt und kultureller Reichtum in den civitates Niedergermaniens. In: Bonner Jahrbücher. Band 202/203, 2002/2003, S. 35–56, doi:10.11588/bjb.2002.0.42249, hier S. 36 Karte 1. Im Süden bildete der Vinxtbach die Grenze zur Provinz Obergermanien.

Die geologischen Bedingungen im Bereich der Provinz Niedergermanien sind relativ differenziert. Nördlich der Mittelgebirge, also von Eifel und Ardennen im Süden, befindet sich eine breite Lösszone. Diese geht schließlich in lehmigere Alluvialböden über. In den Mittelgebirgen sind gute Böden selten. Dort vorkommende Erze (beispielsweise Eisen- und Bleierz) wurden nachweislich in römischer Zeit gefördert. Steinbrüche lieferten Baumaterial, aber auch Material für Steinsärge. Der Lösslehm der Bördenlandschaften ist in der Niederrheinischen Bucht (Jülich-Zülpicher Börde) weiträumig in fruchtbare Parabraunerden umgewandelt, die sehr gute Voraussetzungen für den Ackerbau bieten. Die nördlich anschließenden lehmigeren Böden (etwa auf der Kempener Lehmplatte) wurden in römischer Zeit wohl vorwiegend als Weide für die Großviehhaltung genutzt.

Bevölkerung Aus lateinischen Quellen sind Namen verschiedener einheimischer Stämme überliefert. Im Bereich des Mündungsdeltas des Rheins lebten demnach Bataver. Südlich daran schloss sich das Siedlungsgebiet der Cugerner an. Die Ubier werden im Süden der Niederrheinischen Bucht lokalisiert. Östlich von diesen befand sich das Territorium der Sunuker. Diejenigen Bevölkerungsteile, die durch Inschriftenfunde erkennbar sind, weisen zusätzlich auf zugewanderte Personen aus unterschiedlichen Teilen des Römischen Reiches hin. Dazu gehören etwa Soldaten, die nach Herkunftsangaben ihrer Grabsteine aus entfernten Regionen stammen können.

Aus der Antike sind keine Bevölkerungszahlen aus der Provinz überliefert. Die Ermittlung von Daten kann daher nur auf Schätzungen beruhen, die etwa die mutmaßliche Besiedlungsdichte innerhalb von Siedlungen und deren flächenmäßiger Größe sowie den Abstand und die vermutliche Einwohnerzahl von Villen berücksichtigen. Für das ummauerte Stadtgebiet von Köln schwanken die Schätzungen für das 2. Jahrhundert zwischen 20.000 und 40.000 Personen. In den zivilen Vici dürften demnach vermutlich noch etwa weitere 40.000 Personen gelebt haben. Die Bevölkerungszahl in den Villen mag bei ungefähr 75.000 Personen gelegen haben. Zusammen mit den Truppen ergibt die Schätzung in dieser Zeit für den Verwaltungsbereich der CCAA eine Einwohnerschaft von etwa 150.000 Menschen.W. Eck: Köln in römischer Zeit. 2004, S. 311–314. Nördlich der fruchtbaren Lössgebiete oder auch in der Eifel ist bei anderen Wirtschaftsbedingungen mit einer geringeren Besiedlungsdichte zu rechnen.

Gräber mini|Das Grabmal des Poblicius aus Köln

Anthropologische Auswertungen der Knochenreste aus Bestattungen können Aussagen über die Menschen selbst ermöglichen, also etwa über Alter, Geschlecht, Körpergröße oder Krankheiten. Darüber hinaus sind in Niedergermanien unterschiedliche Bestattungssitten beobachtet worden. Bis ins 3. Jahrhundert herrscht die Brandgrabsitte vor. Es werden unterschiedliche Formen von Brandbestattungen beobachtet, etwa solche in Aschenkisten oder Urnen, Brandschüttungsgräber, aber auch die Form des Bustum, bei dem der Scheiterhaufen direkt über der Grabgrube errichtet wurde. Seit dem Ende des 2. Jahrhunderts nahm die Zahl der Körpergräber langsam zu, am Ende des 3. Jahrhunderts waren Körperbestattungen die Regel.