mini|400x400px|Länder nach Index der geschlechtsspezifischen Ungleichheit (Gender Inequality Index) (Daten von 2019, veröffentlicht 2020). Rot kennzeichnet weniger Gleichstellung, grün mehr Gleichstellung.
Gleichstellung der Geschlechter () ist der auf Menschen bezogene Prozess tatsächlicher Gleichstellung von Geschlechtern oder Geschlechtsidentitäten in rechtlicher Hinsicht und im Hinblick auf ihr persönliches und berufliches Entfaltungspotential in einer Gesellschaft (Chancengleichheit). Gleichstellung als Ausdruck sozialer Gerechtigkeit führt zu einer gleichen Teilhabe an persönlichen Entwicklungsmöglichkeiten. Damit schafft Gleichstellung der Geschlechter auch die Freiheit und den gesellschaftlichen Raum, individuelle Lebensentwürfe zu realisieren.
Statt der älteren Bezeichnung Gleichstellung von Frau und Mann wird in jüngerer Zeit der neutralere Ausdruck Gleichstellung der Geschlechter bevorzugt. Damit soll auf den Anspruch auf Gleichheit von Männern, Frauen und diversgeschlechtlichen Menschen verwiesen werden.
Begriffsbestimmung Der Begriff der Gleichstellung geht über die Gleichbehandlung i. S. v. UN-Ausschuss für die Beseitigung der Diskriminierung der Frau hinaus. Gleichbehandlung meint die Vermeidung von direkter oder indirekter Diskriminierung von Menschen in allen Lebensbereichen. Er impliziert, Gleichbehandlung reiche nicht aus, um Chancengleichheit für alle herzustellen; zudem müsse die Gleichheit aktiv gefördert werden. Der Begriff Gleichberechtigung hat die juristische Gleichbehandlung von Menschen zum Ziel. Auch hier greift der Terminus zu kurz, da die juristische Gleichbehandlung wiederum nicht automatisch zu einer faktischen Gleichbehandlung also Gleichstellung der Geschlechter führe. Für den allgemeinen Begriff der Gleichstellung siehe die Begriffserklärung unter Gleichstellung, die auch auf die Formen von Gleichstellungsbemühungen im Zusammenhang mit anderen benachteiligten Bevölkerungsgruppen hinweist.
Geschlechtergerechtigkeit bedeutet laut Irene Pimminger die „Freiheit zu unterschiedlichen und nicht nach Geschlecht vorgezeichneten Seins- und Lebensweisen auf der Basis von Gleichheit in der Verteilung von Ressourcen, Einflussmöglichkeiten und Wertschätzung“.Irene Pimminger: Geschlechtergerechtigkeit: ein Orientierungsrahmen für emanzipatorische Geschlechterpolitik. Herausgegeben von der Friedrich-Ebert-Stiftung, Forum Politik und Gesellschaft. Berlin 2014, ISBN 978-3-86498-804-2, S. 53 (PDF: 1,8 MB, 36 Doppelseiten auf fes.de).
Voraussetzungen für Gleichstellungspolitik Gleichstellung von Mann und Frau Gleichstellungspolitik legitimiert sich durch die Bekenntnisse der Völkergemeinschaft zur prinzipiellen Gleichberechtigungetwa UN-Menschenrechtscharta 1948.etwa Österreichisches Bundes-Verfassungsgesetz, Art. 7(1) von Mann und Frau durch eine tatsächliche Ungleichheit der Geschlechter durch die Annahme, dass gewisse Ungleichheiten nicht biologisch und somit modifizierbar sind durch die Annahme, dass die freie Entscheidung Benachteiligter selbst unter Bedingungen der juristischen Gleichberechtigung nicht gewährleistet ist (also dass die faktische Gleichstellung noch nicht erreicht ist).
Insbesondere die Geschlechtersegregation am Arbeitsmarkt bildet eine Basis, auf der Ungleichheiten entstehen und fortbestehen können.
Ungleiche Situation von Mann und Frau Gleichstellungspolitik geht davon aus, dass die Situation von Frauen und Männern in der Gesellschaft ungleich ist. So heißt es zum Beispiel im Chancengleichheitsgesetz des Landes Baden-Württemberg:
Die ungleiche Situation von Mann und Frau in vielen beruflichen Zweigen ist nicht immer die Folge direkter Diskriminierung. Die unterschiedliche Bildungs- und Berufswahl von Frauen und Männern wird nach Erkenntnissen der OECD maßgeblich durch geschlechtsspezifische Stereotypen beeinflusst.OECD: Geschlechtsbezogene Vorurteile beeinflussen die Bildungsergebnisse von Jungen und Mädchen. Abgerufen am 29. November 2012.OECD (2002). OECD-Beschäftigungsausblick. OECD Publications, Paris 2002, S. 88. Die unterschiedlichen Frauenanteile in den Studienfächern sind außerdem Ausdruck unterschiedlicher Interessen. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes fanden sich im Wintersemester 2011/12 12.690 männliche Studienanfänger im Studium Elektrotechnik, während sich 1.357 Frauen eingeschrieben hatten. Umgekehrt schrieben sich 10.825 Frauen und dagegen 3.009 Männer in das Fach Germanistik ein.
Institutionalisierte Maßnahmen, die eine gezielte Gewährung bestimmter Vorteile an benachteiligte Gruppen beinhalten und auf diese Weise auf eine Gleichstellung abzielen, werden als Affirmative Action oder „positive Diskriminierung“ bezeichnet.
Benachteiligungen von Frauen Die Ungleichheit bezüglich beruflicher Förderung, Aufstiegsbedingungen und Beteiligungsquoten in der Schweiz wird zum Beispiel in einem Dokument des Gleichstellungsbüros der Stadt Basel wie folgt quantifiziert (komprimierte Darstellung):Gleichstellungsbüro Basel-Stadt (Hrsg.): Zahlen? Bitte. Basel September 2004, ISBN 3-9521779-3-8 ().
Kriterium Studie Frauen Männer beide andere Matura oder noch höhere Bildung Basel, 2000 36,4 % 40,8 % – – Eintritt Universität Schweiz, 2001 49,8 % 50,2 % – – Eintritt Fachhochschule Schweiz, 2001 43,1 % 56,9 % – – Erwerbsquote Basel, 2000 71,1 % 82,6 % – – Vollzeittätigkeit Basel, 2001 49 % 87 % – – Arbeitnehmende in Unternehmensleitung Basel, 2000 19,6 % 80,4 % – – Lohndifferenz Privatwirtschaft Schweiz, 2000 −21 % – – – Haushalthauptverantwortung Schweiz, 2000 87 % 2 % 10 % 1 % Stadtparlament Basel 2004 32,3 % 67,7 % – –
In Deutschland bestand im Jahr 2014 ein Unterschied im Bruttostundenverdienst von durchschnittlich 22 % zwischen Männern und Frauen. Je nach Wirtschaftszweig variiert dieser Unterschied jedoch stark, von 2 % (Abwasser- und Abfallentsorgung) bis zu 33 % (Freiberufliche, wissenschaftliche und technische Dienstleistungen). Der Verdienstunterschied hängt zum größeren Teil, jedoch nicht vollständig, mit Unterschieden bei den ausgeübten Tätigkeiten oder der Qualifikation zusammen. Frauen sind stärker als Männer in den unteren Leistungsgruppen vertreten; werden Männer und Frauen bei formal gleicher Tätigkeit und Qualifikation verglichen, so reduziert sich der beobachtbare Verdienstunterschied auf 7 %.Joachimiak, W.: Frauenverdienste – Männerverdienste: Wie groß ist der Abstand wirklich? Statistisches Bundesamt, Wiesbaden 2013
Eine andere Gruppe häufig angeführter, eher unterschwelliger Benachteiligungen von Frauen zeigt sich in der Sprache und besonders in Grammatik und Lexik. Die meisten Personenbezeichnungen, die Handelnde bezeichnen, sind in ihrer Grundform Maskulina, etwa Wähler, Lehrer, Arzt. Durch Anhängen des Femininsuffixes (meist -in) werden die weiblichen Bezeichnungen gebildet: Lehrerin, Ärztin, Bürgerin (siehe Ableitung femininer Formen von maskulinen Bezeichnungen). Die männliche Bezeichnung wird darüber hinausgehend auch als generisches Maskulinum verwendet, um auf Personen aller Geschlechter oder unbekannten Geschlechts zu referieren. Dabei werden Frauen unter der Maskulinform subsumiert und sollen „mitgemeint“ sein, sodass beispielsweise 99 Studentinnen und 1 Student gemeinsam als 100 „Studenten“ bezeichnet werden. Demgegenüber gibt es kein generisches Femininum.Georg Stötzel, Martin Wengeler: Kontroverse Begriffe: Geschichte des öffentlichen Sprachgebrauchs in der Bundesrepublik Deutschland. Verlag Walter de Gruyter, Berlin 1995, ISBN 3-11-014106-X, S. 522–523.Gertrude Postl: Weibliches Sprechen: Feministische Entwürfe zu Sprache & Geschlecht. Passagen Verlag, Wien 1991, ISBN 3-900767-68-8, S. 89 ff. Eine Reihe von Studien zeigen, dass generisch maskuline Personenbezeichnungen nicht geschlechtsneutral verstanden werden, sondern dass bei Personenreferenzen im generischen Maskulinum eine kognitive Überrepräsentation von Männern und ein geringerer gedanklicher Einbezug von Frauen zu beobachten ist als bei alternativen Sprachformen wie der Beidnennung oder dem Binnen-I.Dagmar Stahlberg, Sabine Sczesny: In: Psychologische Rundschau. Band 52, Nr. 3, 2001, S. 131–140 (doi:10.1026//0033-3042.52.3.131).John Gastil: Generic Pronouns and sexist language: The oxymoronic character of masculine generics. In: Sex Roles. Band 23, Nr. 11, 1990, S. 629–643. doi:10.1007/BF00289252Frederike Braun, Sabine Sczesny, Dagmar Stahlberg: Cognitive effects of masculine generics in German: An overview of empirical findings. In: Communications. Band 30, Nr. 1, 2005, S. 1–21 (doi:10.1515/comm.2005.30.1.1).Lisa Irmen, Ute Linner: Die Repräsentation generisch maskuliner Personenbezeichnungen: Eine theoretische Integration bisheriger Befunde. In: Zeitschrift für Psychologie. Band 213, Heft 3, Juli 2005, S. 167–175 (doi:10.1026/0044-3409.213.3.167). Bereits der Sprachwissenschaftler Josef Klein hatte in seiner Untersuchung 1988 konstatiert, dass „die Benachteiligung der Frau durch das generische Maskulinum also keine feministische Schimäre [ist], sondern psycholinguistische Realität“.Josef Klein: Benachteiligung der Frau durch das generische Maskulinum – eine feministische Schimäre oder psycholinguistische Realität? In: Norbert Oellers (Hrsg.): Germanistik und Deutschunterricht im Zeitalter der Technologie: Selbstbestimmung und Anpassung. Niemeyer, Tübingen 1988, ISBN 3-484-10592-5, S. 310–319.
Es gibt große Unterschiede in der medialen Repräsentation von Frauen und Männern. So haben Männer in Film und Fernsehen meistens einen höheren Berufsstatus als Frauen. Zum Beispiel werden Frauen in Fernsehserien häufiger als Pflegepersonal (etwa Krankenschwestern), Männer hingegen als Ärzte dargestellt.Monika Weiderer: Das Frauen- und Männerbild im deutschen Fernsehen: eine inhaltsanalytische Untersuchung der Sendungen mit Spielhandlung von ARD, ZDF und RTLplus (PDF; 381 kB). In: Medienpsychologie. Band 6, Nr. 1, 1994, S. 15–34.Anne Externbrink: „Nur eine Mutter weiß allein, was lieben heißt und glücklich sein“. Eine Kritik zur Darstellung der Frau in der Lindestrasse. In: Romy Fröhlich (Hrsg.): Der Andere Blick: Aktuelles zur Massenkommunikation aus weiblicher Sicht. Brockmeyer, Bochum 1992, ISBN 3-8196-0009-4, S. 103–122.Peter Weingart: Von Menschenzüchtern, Weltbeherrschern und skrupellosen Genies: Das Bild der Wissenschaft im Spielfilm. In: Stefan Iglhaut, Thomas Sping (Hrsg.): science + fiction: Zwischen Nanowelt und globaler Kultur. Jovis, Berlin 2003, ISBN 3-931321-31-2, S. 1–9 ().Heike Becker, Wolfgang Becker: Die Darstellung von Frauen und die Behandlung von Frauenfragen im Fernsehen. Eine wissenschaftliche Untersuchung im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Osnabrück 1999. Auch definieren sich die dargestellten Frauen vorwiegend über ihre private Rolle – die handlungsentscheidende Rollendefinition ist die einer Freundin, Mutter, Tochter oder Ehefrau –, während Männer sich viel stärker über ihren Beruf definieren.Irmela Hannover, Arne Birkenstock: . Grimme-Institut, 2005. Wie eine Studie der Annenberg School for Communication and Journalism an der University of Southern California in Los Angeles zu den jeweils hundert einträglichsten Filmen der Jahre 2007 bis 2017 zeigte, hatten 2,3-mal so viele Männer wie Frauen Sprechrollen. Immer noch, so die Autoren der Studie, seien die Frauenrollen stark sexualisiert. Dies läge an der geringen Zahl von Regisseurinnen: Von den 1223 Menschen, die Regie führten, waren nur 43 Frauen.Stacy L. Smith, Marc Choueiti, Dr. Katherine Pieper, Ariana Case, Angel Choi: Inequality in 1,100 Popular Films: Examining Portrayals of Gender, Race/Ethnicity, LGBT & Disability from 2007 to 2017 (PDF; 2,4 MB)