Als Sachsenkrieg oder Sachsenaufstand bezeichnet man die Auseinandersetzungen zwischen dem salischen Königshaus und den aufständischen Sachsen. Seinen Höhepunkt fand dieser teilweise bewaffnet ausgetragene Konflikt unter König Heinrich IV. in der Zeit vom Sommer 1073 bis zum Ende des Jahres 1075. Zu unterscheiden ist er von den Sachsenkriegen Karls des Großen in den Jahren 772 bis 804.
Vorbedingungen Latente Missstimmung zwischen dem salischen Königshaus und den Sachsen gab es bereits unter Heinrichs Vater Heinrich III. Dies mag vor allem an dessen süddeutscher Herkunft gelegen haben sowie an seinen zahlreichen Aufenthalten in der Goslarer Kaiserpfalz, die mit unverhältnismäßig hohen wirtschaftlichen Belastungen für die umliegende Bevölkerung verbunden waren. Mit der Mündigkeit und damit dem Regierungsantritt Heinrichs IV. im Jahre 1065 verschärfte sich dieser Konflikt, da der 15-Jährige mitten im sächsischen Kernland am Harz zahlreiches Krongut zurückforderte. Zur Sicherung dieses Königseigentums legte er ein Burgenbauprogramm auf und errichtete rund um das Gebirge zahlreiche Burgen, deren prominenteste die Harzburg war. Weitere Burgen waren der Wigantenstein, die Moseburg, der Sassenstein, die Spatenburg, die Heimburg und die Asenburg.L.F. Hesse und W. Wattenbach: Die Jahrbücher des Lambert von Hersfeld. Leipzig 1893, S. 138
Dies wurde von den Sachsen als Bedrohung empfunden. Zudem wurden diese Burgen mit Ministerialen schwäbischer Herkunft belegt, die sich mangels Besoldung zu zahlreichen Übergriffen auf die sächsische Bevölkerung hinreißen ließen.Johannes Laudage, Matthias Schrör (Hrsg.): Der Investiturstreit – Quellen und Materialien, 2. Auflage, Köln 2006, S. 87.
Motive der Beteiligten Heinrich IV. Der König hatte seine eigenen Gründe, die auch mit dem Staatsstreich von Kaiserswerth begründet waren und weitreichende Folgen hatten. Die Zeit nach dem Staatsstreich wurde von den Reichsfürsten nämlich dazu genutzt, um ihre Machtbasis innerhalb des Reichs weiter auszubauen, da es ja de facto keinen Herrscher gab, der sie hätte hindern können.Lambert von Hersfeld, Annalen 1063. Kaiserin Agnes selbst war zu schwach und in Ungnade gefallen und der junge König befand sich in der Hand Annos von Köln. Als Heinrich 1065 seine Schwertleite erhielt, konnte er diesen folgenreichen Entwicklungen entgegenwirken. Der Vorgang ist jedoch nicht als Rekuperationspolitik zu verstehen, denn der Verlust von königlichen Ländereien ist im Harzraum als gering zu betrachten und daher kein wesentliches Motiv.Stefan Weinfurter: Canossa – Die Entzauberung der Welt, München 2006, S. 59. Diese Gebiete waren schon unter Heinrich III. ein Zankapfel zwischen den Saliern und Sachsen. Die Burgen sind vielmehr als Ausdruck der königlichen Macht zu sehen, denn Heinrich stützte sich vornehmlich auf Ministeriale, welche von seinem Wohlwollen abhängig warenGerhard Baaken: Königtum, Burgen und Königsfreie. Studien zu ihrer Geschichte in Ostsachsen. In: Theodor Mayer (Hrsg.): Vorträge und Forschungen. Bd. VI, Stuttgart 1961, S. 9–95, hier: S. 83., um sich von den Reichsfürsten zu lösen. Damit zog er sich wiederum den Unmut der Fürsten zu.Karl Bosl: Die Reichsministerialität der Salier und Staufer. Ein Beitrag zur Geschichte des hochmittelalterlichen deutschen Volkes, Staates und Reiches. Stuttgart 1950, S. 621. miniatur|Mitteleuropa 919–1125
Der sächsische Adel Die Motive der sächsischen Adeligen sind offensichtlich, da sie massiv von Heinrichs Aktionen betroffen waren. Sie waren folglich empört und wollten ihren Einfluss, den sie während der Abstinenz des Herrschers aufgebaut hatten, nicht wieder aufgeben.Lutz Fenske: Adelsopposition und kirchliche Reformbewegung im östlichen Sachsen Entstehung und Wirkung des sächsischen Widerstandes gegen das salische Königtum während des Investiturstreites. Göttingen 1977, S. 34. Diese Unabhängigkeit, die der König nun selber zu erlangen versuchte, führte zu einem Konkurrenzdenken ihm gegenüber, was wiederum zu Unzufriedenheit unter den sächsischen Fürsten führte.Ernst Schubert: Königsabsetzungen im deutschen Mittelalter, Eine Studie zum Werden der Reichsverfassung. Göttingen 2005, S. 117. Heinrichs Bestrebungen führten dazu, dass der Wunsch nach einem leichter zu kontrollierenden Herrscher aufkam und ihm von Seiten der Sachsen Amtsmissbrauch vorgeworfen wurde.Michael Borgolte: Europa entdeckt seine Vielfalt, 1050–1250 n. Chr. Stuttgart 2002, S. 45. Ebenso gab es einen Konflikt aufgrund der sogenannten „Königsnähe“, eine regelmäßige Anwesenheit des Königs in den Reichsteilen, wobei dieser Umstand eine Dramatisierung der Zustände ist, denn der König hielt sich ebensolang in anderen Reichsteilen auf, ohne dass es zu ähnlichen Komplikationen kam.Matthias Becher: Die Auseinandersetzung Heinrichs IV. mit den Sachsen. Freiheitskampf oder Adelsrevolte? In: Jörg Jarnut, Matthias Wemhoff (Hrsg.): Vom Umbruch zur Erneuerung? Das 11. und beginnende 12. Jahrhundert. Positionen der Forschung. München 2006, S. 357–378, hier S. 359. Unter den sächsischen Fürsten ist insbesondere Otto von Northeim zu nennen, der dem König durch seine Beteiligung am Staatsstreich von Kaiserswerth und die Ausdehnung seines Besitzes im Harz ein besonderer Dorn im Auge war.Lampert von Hersfeld, Annalen 1070. Aufgrund dieser Auseinandersetzung und dem späteren Verlust seiner Güter, im Zuge des angeblichen Mordkomplotts gegen den König, nahm er während des Aufstands eine führende Rolle ein.
Die Reichsfürsten Die Querelen um die Ministerialen zogen weiter ihre Kreise und machten auch nicht vor den nicht am Aufstand beteiligten Fürsten halt. Aus Furcht vor Machtverlust unterstützten die Großen des Reichs den Aufstand zumindest passiv. So sagten sich Rudolf von Rheinfelden (Rudolf von Schwaben), Berthold von Kärnten und Welf von Bayern vom König los:
Rudolf von Rheinfelden Der spätere Gegenkönig Rudolf von Rheinfelden hatte schon länger einen Zwist mit dem König, der auf der Reform des Reichsmönchstums beruhte, die eine Schmälerung der königlichen Befugnisse vorsah.Jörgen Vogel: Rudolf von Rheinfelden, die Fürstenopposition gegen Heinrich IV. im Jahr 1072 und die Reform des Klosters St. Blasien. In: Zeitschrift für die Geschichte des Oberrheins (ZGO), 132 (1984), S. 1–30, hier: S. 30. Der Herzog wurde 1072, ebenso wie Otto von Northeim 1070, des Hochverrats angeklagt. Jedoch konnte er sich weitaus besser aus der Affäre ziehen als sein Leidensgenosse, indem er sich die Unterstützung der Kaiserin Agnes, Annos von Köln und Siegfrieds von Mainz sicherte. Dies belastete die Beziehung zum König deutlich.
Welf IV. von Bayern Nachdem 1070 Otto von Northeim das Herzogtum Bayern entzogen worden war, setzte Heinrich auf Anraten Rudolfs Welf IV. als Herzog ein. Für gewöhnlich wurden unter den Saliern Stammesfremde in solche Herzogtümer gesetzt, aber dadurch, dass Welf bayerische Ländereien besaß, konnte dieser sich besser mit dem ortsansässigen Adel arrangieren. Er stand stets treu auf der Seite Rudolfs, was sich auch darin zeigt, dass er ihn 1077 mit zum Gegenkönig wählte.Johannes Laudage: Welf IV. und die Kirchenreform des 11. Jahrhunderts. In: Dieter Bauer, Matthias Becher (Hrsg.): Welf IV. - Schlüsselfigur einer Wendezeit Regionale und europäische Perspektive. München 2004, S. 280–313, hier: S. 300. Lampert von Hersfeld stellt ihn jedoch als eine Person dar, die Macht über Treue und Anstand stellte.Lampert von Hersfeld, Annalen 1071. Im Krieg zeigte sich dies auch, denn seine Treue hing davon ab, wie das Verhältnis zwischen Heinrich IV. und Otto von Northeim weiterlief. Hier sei zu erwähnen, dass Welf mit der Tochter des Northeimers verheiratet war, welche er jedoch nach dessen Ächtung verstieß.
Berthold von Kärnten Berthold von Kärnten spielte eine etwas untergeordnete Rolle. Lampert berichtet nur, dass Berthold sich gegenüber dem König benachteiligt fühlte. Seine Lehen wurden eingezogen und er machte Heinrich für seine mangelnde Durchsetzungskraft in seinen Ländereien verantwortlich.Matthias Becher: Die Auseinandersetzung Heinrichs IV. mit den Sachsen. Freiheitskampf oder Adelsrevolte? In: Jörg Jarnut, Matthias Wemhoff (Hrsg.): Vom Umbruch zur Erneuerung? Das 11. und beginnende 12. Jahrhundert. Positionen der Forschung, München 2006, S. 357–378, hier: S. 377. Ebenso wie Welf IV. stand er Rudolf von Rheinfelden zur Seite.
Der Kriegsverlauf Der Beginn des Aufstands mini|Schnittzeichnung des Harzburger Brunnens Laut dem Chronisten Lampert von Hersfeld zogen am 29. Juni 1073 die sächsischen Großen vor die Kaiserpfalz Goslar, um auf diese Missstände hinzuweisen und Besserung einzufordern. Heinrich IV. verweigerte den Dialog und floh vor den daraufhin mit einem großen Heer anrückenden Sachsen auf die nahe Harzburg, wo ihn die sächsischen Aufständischen unter der Führung von Otto von Northeim und Bischof Burchard von Halberstadt belagerten. In der Nacht auf den 10. August 1073 konnte Heinrich mitsamt den Reichsinsignien aus der belagerten Burg entkommen. Der Sage nach nutzte er dazu einen Geheimgang, der in 12 m Tiefe im Brunnen begann und unter den Burgmauern hindurch führte. Der Brunnen wurde 1968 freigelegt, wobei der Geheimgang gefunden wurde.
Heinrich begab sich zunächst nach Eschwege und zog von dort über Hersfeld weiter in den süddeutschen Raum. Er fand allerdings kaum noch Unterstützung bei den Fürsten des Reiches, die nicht bereit waren, mit ihm gegen die Sachsen zu Felde zu ziehen.
Der Friede von Gerstungen Daher stand Heinrich am 27. Januar 1074 nur mit einem kleinen Heer dem wesentlich größeren sächsischen bei Hersfeld gegenüber. Beide Seiten scheuten jedoch aus unterschiedlichen Beweggründen die Schlacht: Heinrich vermutlich wegen der offensichtlichen Unterlegenheit, den sächsischen Führern war hingegen klar, dass ein Sieg ihres überwiegend aus Bauern bestehenden Heeres deren Stellung gestärkt hätte, was nicht in ihrem Sinne war. So kam es am 2. Februar 1074 zu Friedensverhandlungen in Gerstungen, bei denen eine Einigung zwischen den zerstrittenen Parteien erzielt werden konnte. Das wesentlichste Ergebnis war, dass Heinrich IV. der Schleifung der Burgen am Harzrand zustimmte.
Die Plünderung der Harzburg Hierzu gehörte auch die Harzburg, die allerdings über eine Stiftskirche und eine Grablege mit Heinrichs verstorbenem Sohn und Bruder verfügte. Um diese zu schonen, verfügte Heinrich, bei der Harzburg nur die Türme und Mauern umzulegen. Dies wiederum empörte die umliegende bäuerliche Bevölkerung, die daraufhin im März 1074 Burg und Stiftskirche bis auf die Grundmauern niederriss und die königlichen Gräber schändete. So sehr Heinrich dieses Ereignis persönlich betroffen haben mag, politisch spielte es ihm alle Trümpfe in die Hand: Die Plünderung der Kirche und die Schändung des königlichen Grabes sorgten für höchste Empörung im Reich, zahlreiche Fürsten wandten sich wieder auf Heinrichs Seite. Die sächsischen Fürsten wiesen jede Schuld am Handeln der bäuerlichen Bevölkerung zurück und boten umgehend die Wiederherstellung von Burg und Kirche auf eigene Kosten an.
Die Schlacht bei Homburg an der Unstrut