Marcel Perincioli (* 14. Juni 1911 in Bern; † 10. September 2005 in Bern) war ein Schweizer Bildhauer.

Leben Der Sohn des aus dem Piemont eingewanderten Bildhauers Etienne PerincioliBiografie + Werdegang. In: perincioli.ch. Abgerufen am 15. Oktober 2020.Etienne Perincioli in: SIKART – Lexikon und Datenbank zur Kunst in der Schweiz und im Fürstentum Liechtenstein, abgerufen am 11. Juni 2011. und der Bernerin Rosa Dietrich bildete sich nach einer Bildhauerlehre beim Vater in den 1930er-Jahren in Berlin und Paris weiter. Zu seinen Lehrern gehörten die Bildhauer Charles Despiau, Wilhelm Otto, Walter Linck und die Bildhauerin Germaine Richier. Er war ab 1936 verheiratet mit der Kunsthandweberin Hélène Perincioli, geb. Jörns (1911–1996).

Ein Durchbruch gelang dem jungen Künstler mit der Ausführung des Porträts von Fritz de Quervain, Direktor des Berner Inselspitals. Für die Schweizerische Landesausstellung von 1939 in Zürich schuf er die Figur Narziss, die jetzt vor dem Berner Staatsarchiv steht, und für die Berner Feuerwehrkaserne das Relief Florian und sein Engel.Einweihung Florian und der Engel. In: Die Berner Woche. Bd. 33, Heft 17, 1943, S. 476. Es folgten weitere Aufträge für öffentliche Bauten und Kirchen, grosse figurative und später abstrakte Kompositionen in Stein, Holz, Bronze, Aluminium und Stahl.

Fred Zaugg schrieb 2011: „Viele begegnen seinen Figuren täglich. […] Das Schaffen von Marcel Perincioli befindet sich weniger in Museen als draussen in der Stadt, in der Agglomeration und weit darüber hinaus in unseren Lebensräumen.“

mini|Bronzereliefs von Perincioli an der Brückentüre der Nydeggkirche in Bern Perincioli schuf für die Berner Nydeggkirche zwei Bronzetüren, Glockenreliefs in Gümligen, Kanzel, Abendmahlstisch und Taufstein der Chapelle Romande in Thun und der Stephanuskirche im Spiegel, Bronzereliefs an der Kirche Bern-Bethlehem, abstrakte Plastik beim Kirchgemeindehaus Bolligen und eine Engelsfigur für den Schosshaldenfriedhof, als Teil der Friedhofsgestaltung: „Die schiere Grösse der Skulptur, aber auch die Formensprache und der Ausdruck lassen keinen Zweifel offen: Das ist keine niedliche Engelsgestalt, sondern eine kraftvolle Figur mit festem Stand – verbunden mit dem Irdischen, aber dennoch erhaben. Die fliessenden Linien – die Verschmelzung von Körper und Gewand – nehmen dem Engel die Strenge und lassen ihn freundlich wirken. Seine Arme sind schützend und willkommen heissend ausgestreckt …“Direktion für Tiefbau, Verkehr und Stadtgrün, Stadtgrün Bern (Hrsg.): Der Schosshaldenfriedhof. Ein Spaziergang mit Geschichten, Bern (Schweiz) 2017, S. 19. Auf S. 20 dazu auch ein Foto "Der grosse Engel von Perincioli wird von der Feuerwehr versetzt, 1964". Der Sitzende Athlet ist auf dem Cover der Veröffentlichung abgebildet, der Namensartikel zu Perincioli findet sich auf S. 22. Download der vollständigen Broschüre unter

Fred Zaugg sieht die Bronzetüren der Nydeggkirche als zentral im Schaffen des Bildhauers, der auch selbst zu diesem Werk gesagt habe, „… es sei eines seiner wichtigsten. Vielleicht darum, weil er hier am alten Sakralbau seine unverwechselbare bildhauerische Sprache mit der alten Konstruktionsform der Kassetten konfrontierte und verband. Er schlug damit einen Bogen von der Gegenwart bis in die Renaissance, ja bis ins Mittelalter. Die andere, für die ganze Philosophie des Künstlers bezeichnende Brücke verbindet ihn mit der Antike, mit der Mythologie.“Fred Zaugg: Bronzene Begleiter – selbst Narziss ist dabei. In: Der Bund. Bern, 14. Juni 2011.

Immer wieder widmete sich Perincioli dem Menschen in Bewegung: Läufergruppen, Speerwerfer, und als Kleinplastiken Tänzerinnen.

Johanna Strübin Rindisbacher schrieb: „Perincioli ist dem Ausdruck von – äusserer und innerer – Bewegung verpflichtet. Beweglichkeit und Offenheit prägen auch seine künstlerische Haltung. Er reflektiert in seinem Werk Ausdrucksweisen von Germaine Richier bis Henry Moore. Anfänglich arbeitet er vor allem in Stein, dann zunehmend in Bronze. Heute modelliert er die Vorlagen direkt in Wachs. Nach Kriegsende wendet er sich unter dem Eindruck der funktionalistischen Architektur auch ungegenständlichen Kompositionen zu, unter anderem in Holz. Seine bevorzugten Themen sind aber bis heute Läufer, Tänzerinnen und Speerwerfer als Einzelfiguren oder als Gruppen, neuerdings auch Pferdestudien. Kraftvoll-expressive Monumentalwerke (Speerwerfer, 1964, Bern, Haus des Sports; Engel, 1959, Bern, Schosshaldenfriedhof) stehen neben bewegten feingliedrigen Kleinplastiken (Tänzerinnen, 1960er bis 1980er Jahre). In einigen seiner Kleinbronzen, etwa in Frau am Fenster (1962) und in der Werkgruppe Joie de vivre (1972), hält Perincioli zauberhafte Augenblicke sinnlicher Faszination fest. Die figürlichen und abstrakten Kleinplastiken haben eine spielerische und einige auch eine poetische Qualität (Schlüsselmannli, 1966; Septett, 1965). Seine Zeichnungen zu figürlichen Motiven spiegeln das Tempo der Niederschrift und die Unmittelbarkeit des Ausdrucks.“Johanna Strübin Rindisbacher, In: SIKART Lexikon und Datenbank zur Kunst in der Schweiz und im Fürstentum Liechtenstein., abgerufen am 12. Juni 2011.

Fred Zaugg hebt die humanistischen Anliegen des Künstlers hervor: «Das letzte Werk Marcel Perinciolis heisst ‹Liberté›, seine ‹Flüchtlingsgruppe› steht im IKRK in Genf, und sein Herz gehörte den Behinderten und Bedrängten ebenso wie den Tanzenden und den Athleten.»Fred Zaugg: Bronzene Begleiter – selbst Narziss ist dabei. In: Der Bund. Bern, 14. Juni 2011.

Von 1961 bis 1966 amtierte Perincioli als Zentralpräsident der Gesellschaft der Schweizer Maler, Bildhauer und Architekten (GSMBA).seit 2001 visarte.schweiz, abgerufen am 12. Juni 2011. In dieser Zeit förderte er explizit den Zugang von Künstlerinnen in diese Vereinigung. Er erwirkte zudem für die Bildhauer die Möglichkeit, bei Kleinplastiken eine Serie von bis zu sechs Original-Abgüssen machen zu können.

2004 gründete er zusammen mit seinen Kindern die „Stiftung Hélène und Marcel Perincioli-Jörns“, die mit Stipendien junge Künstler (speziell Tanz und Musik) unterstützt.

Die Regisseurin Cristina Perincioli ist seine Tochter.

Auszeichnungen 1947, 1948 und 1953 erhielt Perincioli Kunstpreise der Stadt Bern für Komposition, Portrait und Leichtathletik; 1959, 1966 und 1967 Goldmedaillen für Sportplastik, für kirchliche Kunst (Seconda Mostra internationale d’Arte Sacra Triest) und an der XVIII. Mostra del Fiorino in Florenz; 1969 Medaille an der 2. Internationalen Biennale des Sportes in der Kunst in Madrid.

Dem Grab Marcel Perinciolis auf dem Berner Schosshaldenfriedhof – in dem auch seine Ehefrau Hélène Perincioli mit bestattet ist – wurde von der Stadt Bern der Status eines «Persönlichkeitsgrabes» verliehen.vgl.

Werk + Werke von Marcel Perincioli Jahr Werk Standort Ortschaft/Gemeinde EN 1938 Porträt Prof. Dr. de Quervain Inselspital Bern 1939 «Narziss I», Brunnen Staatsarchiv Bern Bern Abb.Bezugsangabe 1942 Flötenspieler Haus Brunnadernstrasse 95 Bern 1943 «Florian und sein Engel», Relief Feuerwehrkaserne Bern Abb. 1945 Grabmal Koerfer-Fehr Friedhof Bolligen 1947 Mutterschaft Mattenkrippe Bern 1948 Löwin Eingang Worbla Ittigen 1949 Zwei Reliefplastiken Gebäude der Brandversicherungsanstalt Bern 1950 «Genius» Gewerbeschule Thun 1950 «Narziss» Sammlung H.S. Muri BE 1950 Fünf Glockenreliefs Kirche Gümligen Abb. 1951 Kanzel, Abendmahlstisch und Taufstein Chapelle Romande Thun Abb. 1951 Bronzegruppe «Befreiung Petri» Chapelle Romande Thun 1952 Grabmal Habich Rheinfelden 1952 «Guter Hirte» Schulhaus Grosshöchstetten 1953 Mutterschaft Schulhausplatz Ostermundigen Abb. 1953 Relief Eingang Ersparniskasse Thun 1953–1955 Zwei Bronzetüren und Abendmahlstisch Nydeggkirche Bern Abb. 1954 Gruppe «Barmherzigkeit» Zieglerspital Bern 1954 «Grosse Pietà» Friedhof Flawil 1955 Gruppe Knabe und Mädchen Sekundarschule Rothus Ostermundigen Abb. 1955 Stehender Jüngling Bremgartenfriedhof Bern 1956 Gruppe Knabe mit Hund und Brunnen Dorfplatz Ostermundigen 1957 «Guter Hirte» Stettlen 1958 Familiengrab Rossel Bümpliz 1958 Grosser Engel Friedhof Frutigen 1958 Kanzel, Abendmahlstisch und Taufstein Stephanskirche Spiegel bei Bern 1959 Mutterschaft Schweizerische Botschaft Belgrad 1958/59 Grosser Engel Schosshaldenfriedhof Bern Abb. 1960/61 Speerwerfergruppe Sportanlage Schönau Bern 1961 Grosser Läufer Magglingen und Schulhaus Rüfenacht 1962/63 «David und Goliath» Sekundarschulhaus Kirchberg Abb. 1963/64 Bronzeplastik «Grosser Speerwerfer» Haus des Sportes, Bern (ab 2007 Haus des Sports, Ittigen) Ittigen 1964 Ankerkreuz in roter Lava Krematorium Bremgartenfriedhof Bern 1964 Kanzelplatte Kirchgemeindehaus-Kapelle Calvin Bern 1965 Form II 1965 Gruppe von fünf Läufern Stadt Bern, PTT Bern, Madrid, Sportanlage Fluntern, Zürich 1966 Grabmal Reusser Schosshaldenfriedhof Bern 1966 Bronzeplastik «Offene Gemeinde» Hof des Kirchgemeindehauses Bolligen 1966/67 Relief Eingangshalle Generaldirektion der Schweizerischen Volksbank Bern 1967 Fussballergruppe, Preis der europäischen Nachwuchsmannschaften Moskau 1967/68 Relief «Arche Noah» Schulhaus in Ferenberg Bolligen 1968 Bronzeplastik Verwaltungsgebäude Losinger AG Bern-Fischermätteli 1969 Betonplastik Schulhausanlage Eisengasse Bolligen 1969 Zwei Bronzereliefs Kirche Bethlehem Bern 1969 Bronzeplastik Schule Hünibach Hilterfingen 1970 Gartenplastik in Bronze Sammlung F.R. Bern 1970 Relief in Nickel/Bronze Amtsersparniskasse Münsingen 1971 Holzplastik «Libuda» Untere Gantrischhütte 1971 Relief in Nickel/Bronze Eingangshalle Krankenkasse des Kanton Bern Bern 1972 Brunnen-Plastik Schule Buchsee Köniz 1972/73 Holzplastik Schulhausanlage Rüti Ostermundigen 1972 Studien «Joie de vivre», Kleinplastiken in Bronze und Skizzen Abb. 1973 Relief in Bronze Gebäude der Publicitas/Vita, City-West Bern 1973/74 Bronzeplastik Gebäude des Radiostudios Bern 1974 Bronzeplastik Gemeindehaus Mörigen 1974 Monumentalplastik in Aluminium Schule Buchholz Thun 1975 Plastik in Cor-Ten-Stahl Sammlung E.H. Flugbrunnen BE 1977 Grabmal O. Wirz Bremgartenfriedhof Bern 1979 Brunnen «Jona» Friedhof Seedorf, BE 1979 Relief in Aluminium CARBA Liebefeld, BE 1979 Auferstehung, Bronze, Grab Hélène und Marcel Perincioli Schosshaldenfriedhof Bern 1980 Plastik in Cor-Ten-Stahl ETB Burgdorf 1980 Grosses Relief in Aluminium Schweizerische Kreditanstalt Bern 1980 Plastik in Cor-Ten Stahl Kantonale Krankenkasse Bern 1981 «Cité» Eingangshalle der Einwohner-Ersparniskasse Bern 1981 Keimende Form Sammlung S. Essen 1982 Form III/65 Schweizerische Nationalbank Zürich 1995 «Flüchtlingsgruppe» Internationales Rotes Kreuz Genf 199x Drei abstrakte Formen Sportplatz Füllerich Gümligen

Literatur M. Perincioli, W. Fries, J. Latour: Les 100 ans de la Société des Peintres Sculpteurs et Architectes suisses / 100 Jahre Gesellschaft Schweizerischer Maler Bildhauer und Architekten. Aarau (GSMBA) 1965. Alfred Scheidegger, Marcel Perincioli: Perincioli. Bern 1969. Alexander Müllegg, Marcel Perincioli: Marcel Perincioli. Katalog zur Ausstellung im Thunerhof 22. Febr.-30. März 1969, Thun (Kunstsammlung) 1969. Marcel Perincioli: Aufzeichnungen. Bern 1986. Hans Christoph von Tavel, Max von Mühlenen: Marcel Perincioli. Bern 1990, ISBN 3-7272-9521-X.

Weblinks

Website «Bildhauer Perincioli. 100 Jahre Leben und Werke in Bern» Werke, Biografien, Aufzeichnungen und Rezeption von Etienne und Marcel Perincioli Marcel Perincioli im Katalog des Inventars der immobilen Kunst in der Stadt Bern 1929-1989, doi:10.5169/seals-246592#82, S. 77–80 von Regina Bühlmann

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