Das Kraftwerk Staudinger ist ein vorwiegend mit Steinkohle befeuertes Dampfkraftwerk bei Großkrotzenburg im Bundesland Hessen, in der Nähe von Hanau, direkt am Main gelegen. Es ist nach dem ersten Aufsichtsratsvorsitzenden der PreussenElektra, Hans Staudinger benannt und wird von der Uniper Kraftwerke GmbH betrieben. Seit der 2011 erfolgten Stilllegung des Kernkraftwerks Biblis war es das größte Kraftwerk Hessens. Es verfügte zwischenzeitlich über fünf Blöcke, von denen die Blöcke 1, 2 und 3 im Winter 2012/13 stillgelegt wurden.
Technische Anlagen Das Kraftwerk verfügte über fünf Blöcke. Ein geplanter sechster Block wurde 2012 aus wirtschaftlichen Gründen abgesagt.Kraftwerk Staudinger - Block 6 ist Geschichte Frankfurter Rundschau, 5. Dezember 2012 Die Blöcke 2 und 3 wurden zum 31. Dezember 2012, ersterer nach langjährigem Stillstand, endgültig stillgelegt; Block 1 folgte nach dem Ende der Heizperiode zum 30. April 2013. Block 4 und Block 5 können nur noch von der Bundesnetzagentur und dem Netzbetreiber zur Sicherung der Netzstabilität genutzt werden.
Zur Anlieferung der Kohle mit Ganzzügen besteht ein elektrifizierter Gleisanschluss an die Main-Spessart-Bahn, der Hauptanteil wurde per Schiff über den Main angeliefert.
+ Blöcke des Kraftwerks Staudinger Block Brenn-stoff El. Netto-leistung Inbetrieb-nahme Still-legung Einsatz 1 Steinkohle 249 MW 1965 2012/2013 Mittellast, Fernwärme 2 Steinkohle 249 MW 1965 2001 (Kaltreserve)/2012 Mittellast, Fernwärme 3 Steinkohle 293 MW 1970 2012 Mittellast 4 Erdgas, Heizöl 622 MW 1977 2012 (Netzreserve) / 2031 (geplant) Spitzenlast 5 Steinkohle 510 MW 1992 2024 (Netzreserve) / 2031 (geplant) Grundlast, Fernwärme 6 Steinkohle 1055 MW Planung aufgegeben Grundlast, Fernwärme
Blöcke 1, 2 und 3 Die baugleichen und je 249 MW starken Blöcke 1 und 2 wurden 1965, der 293 MW Nettoleistung liefernde Block 3 1970, jeweils als Mittellastkraftwerke, in Betrieb genommen und zum 31. Dezember 2012 stillgelegt. Block 1 wurde über dieses Datum hinaus noch bis zum 30. April 2013 zur Absicherung der Fernwärmeversorgung betriebsbereit vorgehalten.
Alle drei Blöcke dienten der Erzeugung von Mittellaststrom, Block 1 und Block 2 außerdem der Auskopplung von Fernwärme. Block 2 wurde im April 2001 in die Kaltreserve überführt und bis zur formellen Stilllegung nicht mehr angefahren.
Im Jahre 2006 kündigte E.ON (heute Uniper) an, Staudinger 1 und 3 sowie den de facto seit 2001 nicht mehr betriebenen Block 2 zum 31. Dezember 2012 endgültig stillzulegen. Zu diesem Zeitpunkt ging das Unternehmen von einer Betriebsaufnahme von Staudinger 6 während des Jahres 2012 aus. Weil mit Stand 2010 von einer Inbetriebnahme des Blockes 6 nicht vor 2016 auszugehen war, entschloss sich E.ON im Herbst 2010 dazu, die Verzichtserklärung zumindest für Block 1 zu widerrufen. Diesem Ansinnen E.ONs gab das Regierungspräsidium Darmstadt im Mai 2011 statt.Laufzeit verlängert In: Frankfurter Rundschau, 6. Mai 2011. Abgerufen am 27. Januar 2012. Am 31. August 2011 empfahl die Bundesnetzagentur, aufgrund der im Zuge der Abschaltung älterer Atomkraftwerke zu erwartenden Stromengpässe im Winter 2012/2013 einen Weiterbetrieb von Block 3 bis mindestens zum 31. März 2013 zu prüfen.
Im Dezember 2012 gab das Regierungspräsidium Darmstadt entgegen einer früheren Entscheidung bekannt, dass Block 1 wie auch die Blöcke 2 und 3 wie vorgesehen zum Jahresende 2012 stillgelegt werden müsse. Grundlage für diese Entscheidung war die zurückgewiesene Klage E.ONs bezüglich des Weiterbetriebs des Kraftwerks Datteln, wo E.ON wie auch beim Kraftwerk Staudinger zunächst eine Stilllegung der Altblöcke beantragt und später wieder zurückgenommen hatte. Diese gerichtliche Entscheidung sei auch für das Kraftwerk Staudinger bindend; die Betriebsgenehmigung erlösche damit zum 1. Januar 2013, da die durch E.ON gegebene Stilllegungserklärung trotz späterer Widerrufung nicht rückgängig gemacht werden könne. Damit sei die später beantragte Verlängerung der Betriebsdauer von Block 1 nicht möglich. Weil zur Absicherung der Fernwärmeversorgung Hanaus und Großkrotzenburgs in der Heizperiode 2012/2013 noch keine anderweitige Reserve zur Verfügung stand, wurde der Weiterbetrieb des Blockes 1 bis zum 30. April 2013 geduldet.
Block 1 und 2, die mit Durchlaufkühlung betrieben wurden, verfügten über jeweils zwei 38 Meter hohe Ventilatorkühltürme, die bei sommerlicher Hitze oder niedrigem Pegel des Mains zugeschaltet werden konnten, um die Belastung des Flusses durch erwärmtes Kühlwasser zu verringern. Block 3, welcher über einen 50 Meter hohen Ventilatorkühlturm verfügt, konnte sowohl im Durchlauf- als auch im Kreislaufkühlbetrieb gefahren werden.Planungsbüro Prof. Dr. Jörg Schaller: Gewässerökologisches Gutachten zur UVS zum ROV Kraftwerk Staudinger, Seite 15. Die Schornsteine von Block 1, 2 und 3 sind jeweils 195 Meter hoch.
Bis Ende 2018 sollten die im oberen Teil aus Ziegeln bestehenden Schornsteine der Blöcke 1 und 2 weitgehend zurückgebaut werden. Diese waren marode und stellten eine Gefahr durch Steinschlag dar. Der Rückbau der stillgelegten Blöcke 1 bis 3 sowie des aus Beton bestehenden Schornsteins von Block 3 ist dagegen derzeit aufgrund der hohen Kosten noch offen. Er soll erst erfolgen, wenn es Interessenten für eine Nachnutzung des für den Kraftwerksbetrieb nicht mehr benötigten Geländes gibt.In luftiger Höhe: Schlote werden gekappt. In: Offenbach-Post, 23. Juni 2018. Abgerufen am 6. Juli 2018.
Block 4 mini|Kamine und Kühltürme, ganz rechts der Kühlturm von Block 4
Block 4 wird mit Erdgas befeuert und dient der Erzeugung von Spitzenlaststrom. Der mit 622 Megawatt Nettonennleistung stärkste Block des Standortes wurde 1977 in Betrieb genommen. Der Kühlturm von Block 4 ist 128 Meter hoch; sein Schornstein ist 250 Meter hoch und damit der höchste Schornstein in Hessen. Im Jahre 2009 wurde der Kühlturm von Block 4 innen saniert, 2011 folgte die Sanierung der Außenwände. Im Zuge der Außensanierung erhielt der Kühlturm einen neuen Anstrich in lichtgrau mit einem himmelblauen Ring in der oberen Hälfte.
Im Mai 2012 meldete die Financial Times Deutschland, dass E.ON plane, Block 4 sowie drei Gaskraftwerke in Bayern wegen mangelnder Rentabilität 2013 stillzulegen. Vonseiten E.ONs wurden diesbezügliche Meldungen zunächst dementiert. Ende 2012 kündigte E.ON an, den Block abschalten zu wollen, und meldete ihn zum 1. Dezember 2012 von der Teilnahme am Strommarkt ab. Aufgrund einer Vereinbarung mit der Bundesnetzagentur, die den Block für systemrelevant erklärt hatte, wurde Block 4 bis zum Ende des ersten Quartals 2016 von E.ON in Betriebsbereitschaft gehalten. Am 2. Februar 2015 entsprach die Bundesnetzagentur dem Antrag des Übertragungsnetzbetreibers TenneT TSO, die Ausweisung der Systemrelevanz des Blockes Staudinger 4 ab Ende des ersten Quartals 2016 um zwei Jahre bis zum 2. Mai 2018 zu verlängern.Brief der Bundesnetzagentur an den Netzbetreiber TenneT vom 2. Februar 2015, abgerufen am 18. Februar 2015 Mit der Entscheidung der Bundesnetzagentur vom 1. September 2017 wurde die Systemrelevanz des Blockes 4 für weitere zwei Jahre bis zum 4. Mai 2020 bestätigt. Weitere Verlängerungen folgten: Am 14. September 2018 bis zum 30. Juni 2020, am 30. September 2019 bis zum 20. November 2021, am 8. September 2021 bis zum 20. November 2023, am 24. Mai 2022 bis zum 31. März 2025 sowie am 24. Mai 2024 bis zum 31. März 2031. Das Anfahren des Blockes wird seit Dezember 2012 von der Bundesnetzagentur und dem Netzbetreiber TenneT gesteuert.Weniger Jobs im Kraftwerk op-online, 1. Februar 2013 Die Betriebsbereitschaft der Blöcke 4 und 5 ist unabhängig voneinander.
Block 5 mini|hochkant|Wärmeschaltbild Kraftwerk Staudinger, Block 5
Block 5 wurde 1992 in Betrieb genommen, hat 510 Megawatt Nennleistung und erzeugt neben Strom auch Fernwärme. Eine Besonderheit des Blocks ist, dass er keinen Schornstein hat, sondern die gereinigten Rauchgase über den 141 Meter hohen Kühlturm emittiert werden. Er wird mit Steinkohle befeuert; kommunale und kommunalähnliche Klärschlämme (drei Prozent) werden dabei ebenfalls verbrannt.
Jährlich wurden 60.000 Tonnen Klärschlamm entsprechend 10 % der in Hessen anfallenden Gesamtmenge verbrannt. In Block 5 werden stündlich maximal 19 Tonnen Petrolkoks durch Verbrennung entsorgt. Dem Kraftwerk Rostock, das zwei Jahre später ans Netz ging, diente Block 5 als Vorlage.
Am 12. Mai 2014 kam es nach Abriss der Kesselumwälzpumpe während des Leistungsbetriebs zu einem schlagartigen Austritt von größeren Mengen unter Druck stehendem Wasserdampf, infolge dessen mehrere Löcher in die Fassade gerissen wurden und erheblicher Sachschaden um den Bereich der Austrittsstelle entstand. Daraufhin wurde der Block 5 herunter gefahren. Ursache war die ausgerissene Pumpenglocke der Kesselumwälzpumpe. Der Schaden wurde auf 25 Millionen Euro geschätzt, der Betriebsausfall war darin nicht enthalten.. In: Frankfurter Neue Presse, 18. Dezember 2014, abgerufen am 6. Januar 2015. Nachdem Block 5 ab dem 6. Januar 2015 einen Probebetrieb absolviert hatte, nahm er am 15. Januar 2015 mit Genehmigung des Regierungspräsidiums Darmstadt wieder den Regelbetrieb auf.Kohleblock Staudinger geht wieder ans Netz. In: Frankfurter Rundschau, 14. Januar 2015.
Im Oktober 2017 beantragte der Betreiber Uniper bei der Bundesnetzagentur, das Kraftwerk während der Sommermonate Juni bis August stillzulegen. Diese Regelung sollte zunächst von 2018 bis 2020 gelten. Hintergrund war die finanziell schlechte Situation des Kraftwerks. Laut Uniper sei die wirtschaftliche Lage des Kraftwerks „generell schwierig“, aber gerade in den nachfrageschwachen Sommermonaten sei es kaum mehr möglich genügend Einnahmen zu erzielen. Die Alternative zu der sommerlichen Außerbetriebnahme sei die endgültige Stilllegung des Blockes.Um Kosten zu sparen. Wird Staudinger 5 im Sommer vom Netz genommen?. In: Offenbach-Post, 20. Oktober 2017. Abgerufen am 21. Oktober 2017. Die Bundesnetzagentur genehmigte diese sommerliche Betriebspause für 2018.Fernwärmeversorgung ist gesichert. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18. März 2017. Abgerufen am 19. März 2018. Die vorläufige Stilllegungsanzeige über die Sommermonate wurde von Uniper Ende 2018 aufgrund gestiegener Strompreise widerrufen – ein Betrieb des Blocks erschien dadurch wieder rentabel.
Im Sommer 2022 musste Uniper den Betrieb des Blockes vorübergehend drosseln, da infolge der Dürre in Europa der Pegel des Rheins so weit gefallen war, dass der Kohletransport per Schiff eingeschränkt war.Kohlekraftwerk droht weniger Nachschub wegen Niedrigwasser. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 4. August 2022. Abgerufen am 4. August 2022.
2021 erhielt Uniper für den Kraftwerksblock einen Zuschlag bei der vierten Ausschreibung zum Ausstieg aus der Kohleverstromung in Deutschland und hätte damit nach dem Kohleverstromungsbeendigungsgesetz ab dem 22. Mai 2023 keine Kohle mehr verfeuern dürfen. Die Energiekrise seit 2021 machte den Weiterbetrieb des Kraftwerks aber erforderlich und für Uniper wirtschaftlich attraktiv. Der Betrieb war zunächst bis zum 31. März 2024 befristet. Der verantwortliche Übertragungsnetzbetreiber Tennet zeigte der Bundesnetzagentur aber die Systemrelevanz des Blocks an. Dieser darf nun bis zum 31. März 2031 nicht stillgelegt werden.