mini|Eismöwe im Flug. Ein schwarzes Handschwingenmuster wie bei den meisten anderen Großmöwen fehlt. mini|Eismöwen im Jugendkleid. Man beachte den abgesetzt zweifarbigen Schnabel. mini|Eismöwe im zweiten Winter. Zum Frühjahr hin sind die jungen Vögel im abgenutzten Gefieder fast weiß. mini|Eismöwen gegen Ende der Brutzeit – noch im Brutkleid, im dritten Schlichtkleid und ins Schlichtkleid mausernd (von links nach rechts)
Die Eismöwe (Larus hyperboreus) ist ein großer Vogel innerhalb der Möwen, der die Küsten der subpolaren Zone und der Polargebiete der Arktis bewohnt. Sie überwintert an eisfreien Gewässern im Süden ihres Verbreitungsgebiets, ist aber in kleinerer Zahl auch südlich davon und – vor allem bei wetterbedingten Einflügen – als gelegentlicher Gast in der gemäßigten Zone zu finden.
Die Eismöwe brütet an Steilküsten und Inseln, seltener auch an Tundraseen oder Stränden. Sie ist oft in der Nähe von Brutkolonien anderer arktischer Vogelarten zu finden, von deren Eiern und Jungvögeln sie sich dann größtenteils ernährt. Zum Nahrungsspektrum zählen aber auch Fische und Meerestiere sowie vor allem außerhalb der Brutzeit Aas und Abfälle.
Beschreibung Die Eismöwe steht mit einer Körperlänge von 62–70 cm und einer Flügelspannweite von 140–160 cm in der Größe zwischen Silber- und Mantelmöwe. Sie ist eine kräftig gebaute Großmöwe mit einem „grimmig“ wirkenden Gesichtsausdruck und abfallender Stirn. Beim sitzenden Vogel bilden die Schirmfedern eine deutliche Stufe und die Handschwingenprojektion ist relativ kurz. Im Flug wirken der Körper kräftig und die Flügel kürzer als bei einer Silbermöwe, mit langem Arm- und recht kurzem Handflügel. Der Flug wirkt etwas träge. Auffällig sind die – von unten betrachtet – durchscheinenden Handschwingen. Ein schwarzes Handschwingenmuster fehlt ebenso wie eine schwarze Schwanzbinde in den Jugendkleidern. Ein Sexualdimorphismus besteht bezüglich des Gefieders nicht. Weibchen sind aber oft deutlich kleiner und leichter, als Männchen.Olsen/Larsson (2003), S. 187, siehe Literatur Während Männchen der Nominatform etwa zwischen 1 und 2,2 kg wiegen, liegt das Gewicht der Weibchen zwischen 0,9 und 1,8 kg.Olsen/Larsson (2003), S. 197, siehe Literatur Junge Eismöwen sind nach dem vierten Winter voll ausgefärbt.
Die Eismöwe ähnelt in allen Kleidern der Polarmöwe. Diese ist jedoch kleiner mit rundlicherem Kopf. Der Flug wirkt leichter und das Flugbild unterscheidet sich deutlich.
Adulte Vögel Im Prachtkleid zeigt die Eismöwe einen gelben Schnabel mit rotem Gonysfleck. Die Iris ist hell gelblich, das Auge von einem gelben oder orangen Orbitalring umgeben. Kopf, Hals, vorderer Rücken, Unterseite und Steuerfedern sind rein weiß. Die Oberseite ist hell grau. Dem Flügel fehlt im Unterschied zu den meisten Großmöwen ein schwarzes Handflügelmuster. Die Flügelhinterkante zeigt einen breiten, weißen Saum, der bis zur Spitze reicht. Beine und Füße sind dunkel rosa. Im Schlichtkleid sind Kopf und Hals bis auf die vordere Brust relativ dicht und strichelig graubraun gemustert.
Jugendkleider Auffälliges Merkmal junger Eismöwen, das diese auch von jungen Polarmöwen unterscheidet, ist der abgesetzt zweifarbige Schnabel mit rosa-fleischfarbener Basis und schwarzer Spitze, bzw. subterminalem Band. Die Beine sind ebenfalls in allen Kleidern fleischfarben. Im Unterschied zu anderen Großmöwen fehlen eine dunkle Schwanzbinde und eine schwarze Flügelspitze.
Vögel im Jugendkleid sind überwiegend hell graubraun bis „milchkaffeebraun“. Kopf und Unterseite sind sehr fein graubraun gemustert. Das dunkle Auge ist von hellen Lidern eingefasst und der Bereich hinter dem Schnabel etwas aufgehellt. Das Schulter- und Rückengefieder wirkt aufgrund heller Säume und subterminaler dunkler Bänder schuppig gemustert; das beigegraue Flügelgefieder und die Steuerfedern sind weißlich gesäumt und dunkel gebändert oder bespitzt. Bürzel und Unterschwanzdecken sind dunkel gebändert.Olsen/Larsson (2003), S. 188–191 und S. 192f, siehe Literatur
Vögel im ersten Winter ähneln denen im Jugendkleid, sind aber heller. Manche Exemplare – besonders zum Frühjahr hin im abgenutzten Gefieder – wirken fast ganz weißlich mit nur noch rudimentär vorhandener Zeichnung. An der komplett schwarzen Schnabelspitze können sie von älteren Vögeln unterschieden werden.
Vögel im zweiten Schlichtkleid sind unregelmäßiger gemustert als Vögel im ersten Winter. Sie wirken etwas scheckig. Die Kopfzeichnung ist oft deutlich gestrichelt, wie für das Schlichtkleid der Großmöwen typisch. Auge und Schnabelspitze sind bereits aufgehellt. Zum Sommer hin oder bei manchen Vögeln erst zu Beginn des dritten Winters, mischen sich die hellgrauen Federn des Adultkleids in Rücken und Schultergefieder.
Im dritten Schlichtkleid sind Rücken und Schulterfedern bereits überwiegend hellgrau. Einige beigegraue Federn mit hellen Säumen bleiben aber oft erhalten. Die Schirmfedern sind noch schmaler weiß gesäumt als im Adultkleid. Unterseite, Bürzel und Steuerfedern zeigen noch graubraune Fleckungen oder Federzentren. Die schwarze Schnabelspitze ist nun auf ein schmales, subterminales Band reduziert. Das Gesicht wirkt oft heller als im zweiten Winter.
Stimme
Die stimmlichen Äußerungen der Eismöwe sind wesentlich höher als die der ähnlich großen Mantelmöwe und teilweise auch höher als die der Silbermöwe.Glutz von Blotzheim (S. 663, siehe Literatur), nach Friedrich Goethe: Die Rufe der Eismöwe und der Silbermöwe, ein Vergleich. Erweiterte deutsche Fassung eines Vortrages vom Juli 1972 vor der Brit. Orn. Union in Reykjavík. Vogelwarte 31, 1982
Der Hauptruf wird als üe oder zweisilbiges k-liOlsen / Larson (2003), S. 192, siehe Literatur beschrieben. Das „Jauchzen“ (long call) ist höher und langsamer als bei der Silbermöwe. Wegen der sich übersteigernden, schrillen Laute im Mittelteil erinnert es an die umgekehrten Rufe eines Esels (a-i statt i-a). Der „Katzenruf“ wird als hoch, langgezogen und pfeifend beschrieben.Gilchrist (2001), Abschnitt Sounds, siehe Literatur Der als Alarmruf eingesetzte „Staccatoruf“ ist ein gellendes ga-ga-gak, kek-kek-kek oder go-go-gok.
Verbreitung Die Brutverbreitung der Eismöwe erstreckt sich über die subpolare Zone und die Polargebiete der Arktis. In Europa beschränkt sie sich auf den Nordwesten und Südosten Islands, auf Jan Mayen, Spitzbergen und die Bäreninsel. Im Norden Russlands und Sibiriens reicht sie von der Murmanküste ostwärts bis zum Anadyrgolf und umfasst Franz-Joseph-Land, Nowaja Semlja, Sewernaja Semlja, die Neusibirischen Inseln, die Bennett- und die Wrangelinsel sowie die Sankt-Lorenz-Insel.Glutz von Blotzheim
In der Nearktis besiedelt die Eismöwe die nördlichen Küsten Alaskas südwärts bis zur Bristol Bay. Auf den Aleuten und den Pribilof Islands fehlt sie. Binnenlandvorkommen gibt es im Vorland der Brooks Range und im Bereich des Colville River. An den Küsten des Kanadisch-arktischen Archipels ist sie verbreiteter Brutvogel. Das Areal reicht hier vom Nansen Sound, dem Greely Fjord und der Lady Franklin Bay im nördlichen Ellesmere Island südwärts. Die Eismöwe fehlt hier nur im Westen von Baffin Island. Auf dem Festland kommt sie an der nördlichen Küste von Yukon inklusive Herschel Island, auf der Adelaide-Halbinsel und auf Boothia vor, fehlt dort aber in den Rasmussen Lowlands. In Kivalliq gibt es Binnenlandvorkommen auf Tundraseen. Die Ostküste der Hudsonbay besiedelt sie bis auf die Höhe der Belcherinseln, wo sie ebenfalls brütet. An der James Bay kommt sie nur zerstreut vor. Ferner brütet sie im äußersten Norden der Labrador-Halbinsel – vor allem an der Ungava Bay, aber auch südöstlich bis 55° N.Gilchrist (2001), Abschnitt Distribution, siehe Literatur
Auf Grönland ist die Art an der Westküste von Nunarsuit bei etwa 60,4° N bis Washington Land verbreiteter Brutvogel, fehlt aber im Bereich des Humboldt Gletsjers sowie an Küstenabschnitten, die dicht von der Mantelmöwe besiedelt sind. An der Ostküste reicht die Verbreitung von Kap Farvel bis zur Halbinsel Germania Land. Nordwärts kommt die Art dann nur noch zerstreut bis etwa zum Jørgen Brønlund Fjord vor.
Geografische Variation und Hybriden Es werden bis zu vier Unterarten anerkannt, wobei L. h. leuceretes umstritten ist und oft zur Nominatform gestellt wird:
L. h. hyperboreus 1767 – Jan Mayen und Spitzbergen, ostwärts bis zur östlichen Taimyrhalbinsel L. h. pallidissimus 1939 – östliches Sibirien zwischen Taimyrhalbinsel und Beringsee L. h. barrovianus 1886 – Alaska bis Westkanada L. h. leuceretes 1819 – Östlicher Mackenzie-Distrikt, kanadisch-arktischer Archipel, Grönland und Island.
Die geografische Variation ist relativ schwach ausgeprägt, so dass manche Autoren die Art auch als monotypisch betrachten. 1986 unterzog Richard C. BanksBanks (1986), S. 153f, siehe Literatur die Feinsystematik dieser Art einer genaueren Untersuchung. Ihm zufolge sind die Vögel der westlichen Nearktis relativ klein, oberseits dunkel und haben recht kleine Schnäbel (barrovianus). Die Populationen vom östlichen MacKenzie ostwärts bis zur Taimyrhalbinsel (bisher als Nominatform geführt) sind größer und großschnäbeliger, die Vögel östlich der Taimyrhalbinsel am größten und hellsten, mit den kräftigsten Schnäbeln (palidissimus). In Bezug auf die Größe gibt es also eine Zunahme von West nach Ost mit einer deutlichen Grenze an der Beringsee.
Zudem wäre nach Banks die Nominatform aufzugliedern in die oberseits recht hellen Vögel der östlichen Nearktis, Grönlands und Islands sowie eine oberseits dunklere Population von Jan Mayen und Spitzbergen ostwärts. Als Unterartnamen schlägt er leuceretes vor, basierend auf der Beschreibung Bernhard Christian Schleeps eines grönländischen Vogels von 1819 aus einer Sammlung in Schleswig. Andere Autoren folgen dem nicht. Ihrer Ansicht nach unterscheiden sich die Populationen der bisherigen Nominatform nicht. Im Unterschied zu europäischen Vögeln seien ostamerikanische zwar oft im ersten Winter heller, was aber nicht unbedingt die Regel sei.Mactavish et al. (briefll.), zitiert in Olsen/Larsson (2003), S. 195
Die Eismöwe hybridisiert nicht selten mit der Silbermöwe oder der Amerikanischen Silbermöwe. Letztere Hybriden werden auch als „Nelson’s Gull“ bezeichnet und treten besonders im Mackenzie-Delta und im nordöstlichen Kanada auf, erstere vor allem im Südwesten Islands und der Kola-Halbinsel. Im westlichen Alaska sind Hybriden mit der Beringmöwe häufig und machen lokal bis zu 50 % der Population aus. Sie treten auch im Osten der Beringsee auf. In Grönland kommen regelmäßig Hybriden mit der Mantelmöwe vor.Olsen/Larsson (2003), S. 135, 158 und 193f
Wanderungen miniatur|Zwei Eismöwen (oben rechts und unten links) in einem Winterschwarm von Mantelmöwen in Ontario miniatur|Brutfelsen der Eismöwe, wie hier in Westgrönland, sind oft von orangegelbem Flechtenbewuchs gekennzeichnet. miniatur|Eismöwen im Gefolge einer Eisbärenfamilie Die Eismöwe ist ein Teilzieher, der größtenteils im südlichen Teil der Brutverbreitung in eisfreien Gewässern überwintert. In kleineren Zahlen ist die Art auch in Teilen der kaltgemäßigten Zone regelmäßiger Wintergast. Besonders bei wetterbedingten Einflügen gelangt sie auch noch weiter südlich.Glutz von Blotzheim, S. 664f, siehe Literatur
Westgrönländische Vögel sind weitgehend Standvögel, die Vögel der Ostküste überwintern großenteils in Island, in kleineren Zahlen auch auf den Britischen Inseln und im Nordseeraum. Die Vögel der Westpaläarktis sind Kurzstreckenzieher, die häufig in Nordnorwegen überwintern.Olsen/Larson (2003), S. 165f, siehe Literatur Ostsibirische Vögel überwintern an der ostasiatischen Pazifikküste südwärts bis Japan oder seltener auch Ostchina. In strengen Wintern sammeln sich teils mehrere hundert Exemplare in den Fischereihäfen Hokkaidōs. Als Irrgast gelangt die Art bis Hongkong.