Erzgebirgisch (erzgebirgisch: ArzgebirgschHendrik Heidler’s 400 Seiten Echtes Erzgebirgisch: Wuu de Hasen Hoosn haaßn un de Hosen Huusn do sei mir drhamm. Das Original Wörterbuch. 5. Auflage. BoD, Norderstedt 2020, ISBN 978-3-7347-6356-4, S. 28f.) ist ein deutscher Dialekt, der heute noch im oberen westlichen Teil des Erzgebirges, aber auch in einem sehr kleinen Teil des Oberharzes in Niedersachsen gesprochen wird (Oberharzisch). Er ist bisher nur wenig sprachwissenschaftlich erforscht. Der von den Sprechern als eigenständig wahrgenommene Dialekt wird in der Dialektologie dem Ostmitteldeutschen zugeordnet.Statt vieler oder einiger nur einer: Peter Wiesinger: Die Einteilung der deutschen Dialekte. In: Werner Besch u. a.: Dialektologie. Ein Handbuch zur deutschen und allgemeinen Dialektologie. Berlin / New York 1983 (HSK 1), S. 807–900, mit Karten 47.4 und 47.5. Da eine der Grenzen der Verschiebung von anlautendem germ. p jedoch zwischen dem Erzgebirgischen und dem Meißenischen verläuft (etwa erzgebirgisch Pfund gegenüber meißenisch Fund ‚Pfund‘), wird ersteres vereinzelt auch dem oberdeutschen Ostfränkischen zugerechnet.Gerade in sudetendeutscher Literatur ist der Topos des Ostfränkischen zu finden, bspw. in der Geschichte der Sudetenländer
Aufgrund der immer stärkeren Vermischung mit dem Obersächsischen, der Abwanderung großer Bevölkerungsteile und deren damit verbundener Abkehr vom Erzgebirgischen, insbesondere seit 1989, verringert sich die Sprecheranzahl zusehends.
Verbreitungsgebiet und Geschichte mini|300px|Verbreitungsgebiet mini|300px|Verbreitung des Erzgebirgischen und der Nachbardialekte in Sachsen nach Gunter Bergmann 1986 Das Erzgebirgische umfasst drei Gruppen: Westerzgebirgisch, Osterzgebirgisch und Vorerzgebirgisch. Bauern aus dem mainfränkischen Raum siedelten sich seit Mitte des 12. Jahrhunderts im Erzgebirge an und brachten ihren Dialekt mit, der dem Westerzgebirgischen zugrunde liegt. Bei den anderen beiden Gruppen handelt es sich um Mischformen mit dem Obersächsischen.
Das Erzgebirgische wird heute hauptsächlich im Erzgebirgskreis gesprochen, daneben im Süden des Landkreises Mittelsachsen, im Südosten des Landkreises Zwickau sowie in Lichtenstein. Eine weitere Sprechergemeinschaft findet sich im Oberharz in der Region von Clausthal-Zellerfeld (Niedersachsen); die Vorfahren letztgenannter waren Bergleute, die im 16. Jahrhundert aus dem Erzgebirge dorthin auswanderten.
Noch 1929 wurde Erzgebirgisch auch in anderen Teilen der heutigen Landkreise Mittelsachsen, Sächsische Schweiz-Osterzgebirge sowie in Chemnitz und Zwickau gesprochen.
Bis 1945 war das Erzgebirgische auch im angrenzenden Böhmen beheimatet. Zu nennen ist vor allem die Region Kaaden-Duppau, in deren Mundart eine Sammlung von erzgebirgischen Wörtern, Redensarten und Anekdoten veröffentlicht wurde (siehe Literatur). Die Verteilung der nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs aus der damaligen Tschechoslowakei vertriebenen Deutschböhmen auf ganz Deutschland beschränkte jedoch in der Folge den Gebrauch der Mundart großteils auf die eigene Familie.
Trotz zahlloser in Mundart verfasster Kurzgeschichten, Gedichte und Lieder ist bisher keine Norm der Verschriftlichung des Erzgebirgischen allgemein anerkannt; die 1937 vom sächsischen Heimatverein aufgestellten Richtlinien werden seitens der Autoren kaum berücksichtigt. Eine linguistische Analyse dieser Mundart basiert daher hauptsächlich auf Feldforschung. Fehleinordnung des Erzgebirgischen als ländliche Variante des Sächsischen (vgl. hierzu z. B. in EthnologueEthnologue kennt wie ISO 639-3 verwaltet von SIL International kein Erzgebirgisch, sondern nur Obersächsisch und Ostfränkisch.
Ethnologue: East Middle German, Upper Saxon (sxu) Upper German, Eastern Franconian (vmf) ISO 639-3 verwaltet von SIL International: Upper Saxon [sxu] Mainfränkisch [vmf]) behindern Pflege und Erhalt des Dialekts ebenfalls.
Gelegentlich wird das Werk des Volksdichters und Sängers Anton Günther (1876–1937) als sprachlicher Maßstab des Dialekts angesehen.
Sprachverwandtschaft mit oberdeutschen Dialekten Die Gemeinsamkeiten mit den oberdeutschen Dialekten sind im Erzgebirgischen an der klaren Tendenz zu erkennen, das standarddeutsche Verbpräfix er- durch andere Präfixe (der- (im Erzgebirgischen und im Bairischen) oder ver- (im Bairischen und Schwäbischen)) zu ersetzen (z. B. westerzgeb. derschloong [] ‚erschlagen‘, derzeeln [] ‚erzählen‘).
Auch der Gebrauch der Partikel fei [] – typisch für Ostfränkisch und Bairisch – ist auch im Erzgebirgischen weit verbreitet.
Weiterhin ist auch im Ostfränkischen und Bairischen die Lautentsprechung des standarddeutschen [] zu dialektalem [] (z. B. westerzgeb. huus [] ‚Hose‘), sowie die starke o-Färbung des standarddeutschen [a] (z. B. westerzgeb. hoos [] ‚Hase‘) zu finden.
Ein weiterer Punkt ist der Verlust von silbenschließendem [n] nach langen Vokalen, der im Erzgebirgischen weit verbreitet auftritt (z. B. lichtensteinisch Huuschdee [] ‚Hohenstein‘ – gemeint ist die Stadt Hohenstein-Ernstthal, in der übrigens nicht Erzgebirgisch, sondern ein meißnischer Dialekt gesprochen wird). Selten tritt dieses Phänomen in einsilbigen kurzvokalischen Wörtern auf, bei denen dann der Vokal gelängt wird (z. B. màà [] ‚Mann‘).
Auch die vor allem im Lichtensteinischen oft praktizierte Auslassung des Schwa () (geschrieben e) und (seltener) auch des (kurzes i) ist typisch im Oberdeutschen (z. B. lichtenst. Reedlz [] ‚Rödlitz‘ (der Ort Rödlitz wurde in den 1990er-Jahren nach Lichtenstein eingemeindet)).
Die folgende Tabelle verdeutlicht die Ähnlichkeit des Erzgebirgischen zu den (übrigen) oberdeutschen Dialekten. Zur Kontrolle wird das Osterländische mit aufgelistet. X steht dafür, dass das entsprechende Merkmal in den meisten Unterdialekten vorhanden ist. x bedeutet, dass es nur in Randgebieten auftritt.
MerkmalErzgebirgischOstfränkischBairischAlemannischOsterländisch Ersetzung von er- durch der-/ver- X X der-/ver- ver- – fei X X X – – o/u-Entsprechung X X X – – n-Tilgung X X X X – Schwa-Tilgung X X X X x Zusammenfall von ch und sch x – – – X
Unterdialekte In der Literatur wird grundsätzlich zwischen West- und Osterzgebirgisch unterschieden. Der Unterschied zwischen den beiden Unterdialekten ist beträchtlich, die Grenzen sind jedoch fließend. Während dem Westerzgebirgischen noch ein bemerkbarer Einfluss durch das Oberfränkische zugeschrieben wird, sind im Osterzgebirgischen vor allem meißenische Elemente zu finden. Im Wesentlichen wird auf die großen Unterschiede zwischen Ost- und Westerzgebirgisch und die zahlreichen Übereinstimmungen zwischen Westerzgebirgisch, Vogtländisch und Ostfränkisch hingewiesen. Besonders an den Grenzen zum meißnischen Sprachraum sind die Übergänge fließend, was mancherorts eine eindeutige Zuordnung zum Erzgebirgischen oder zum sogenannten „Sächsischen“ unmöglich macht.
Der Dialekt der erzgebirgischen Sprachkolonie im Oberharz entwickelte sich seit der Besiedlung relativ eigenständig. Es wird angenommen, dass er sich bezüglich der Lautlehre seit Anfang des 17. Jahrhunderts nicht weiter verändert hat, im Gegensatz zu Flexionslehre und Wortschatz, welche vor allem den nordthüringischen Einflüssen unterworfen waren. Bedingt durch die Besiedlungsgeschichte ist das Oberharzische durch eine weitgehende Übereinstimmung mit dem Westerzgebirgischen geprägt, während sich osterzgebirgische Spracheinflüsse nur im geringen Umfang durchsetzen konnten.
Zum Beispiel verwendet der osterzgebirgische Dialekt (wie auch der meißnische) das Wort ni(ch) [] als Negation, wogegen im Westerzgebirgischen nèt [] gebraucht wird. Wegen der fehlenden Sprachgrenze findet man in manchen Gegenden beide Versionen nebeneinander, vor allem an der Grenze von Ost- zum Westerzgebirgischen oder zum Meißnischen.
Ein weiterer Beleg für die Verwandtschaft des meißnischen und des osterzgebirgischen Dialektes kann auch in der Abwandlung des standarddeutschen kl… und gl… bzw. kn… und gn… am Wortanfang in [tl…] resp. [tn…] gesehen werden (z. B. dlee [] ‚klein‘, dnuchng [] ‚Knochen‘).
Zusammenfassend lassen sich also vier Dialekte feststellen:
DialektVerbreitungsgebietheuteFrühere zusätzliche GebieteMittelerzgebirgisch (westlicher osterzgebirgischer Dialekt)ehemaliger Mittlerer Erzgebirgskreis mit den Städten Olbernhau und Marienberg sowie im ehemaligen Landkreis Annaberg (Nordhälfte)Sudetenland (Weipert, Brandau, Kallich und in benachbarten Orten)Westerzgebirgisch ehemalige Landkreise Aue-Schwarzenberg, Annaberg (Südhälfte) Sudetenland (Dreieck von Graslitz über Schlackenwerth bis Preßnitz)Osterzgebirgisch ehemalige Landkreise Dippoldiswalde, Mittweida (Westen, Süden), Freiberg (Nordwesten, Süden) Sudetenland (um St. Katharinaberg)Nordwesterzgebirgisch(auch „Vorerzgebirgisch“) ehemalige Landkreise Chemnitzer Land (Region Lichtenstein), Stollberg, Zwickau Oberharzisch Region Clausthal-Zellerfeld und St. Andreasberg (Niedersachsen)
Grammatik Phonologie Wie erwähnt, existiert keine einheitliche Rechtschreibung. Um die Sprachdaten in diesem Artikel trotzdem nahe an ihrer tatsächlichen Aussprache niederzuschreiben, muss eine Konvention gefunden werden.
Konsonanten Die Schreibung der Konsonanten folgt weitgehend den im Bairischen üblichen Notationen. In der folgenden Tabelle werden die in den wichtigsten erzgebirgischen Mundarten vorkommenden Sprachlaute als IPA-Zeichen dargestellt. Dahinter findet sich die Schreibung für den entsprechenden Laut, die in diesem Artikel angewendet wird, sofern sie sich vom IPA-Zeichen unterscheidet.
bilabial labio-dental alveolar post-alveolar retroflex palatal velar uvular glottal stl. sth. stl. sth. stl. sth. stl. sth. stl. sth. stl. sth. stl. sth. stl. sth. stl. sth. Asp. Plosive kʰ (k) Nicht-asp. Plosive p (b) t (d) k (g) Affrikaten pf ts (z) tʃ (tsch) ʈʂ (tsch) Frikative f v (w) s ʃ (sch) ʂ (sch) ç (ch) x (ch) ɣ (r) χ (ch) h Nasale m n ŋ (ng) laterale Approximanten l zentrale Approximanten j ɰ (r)
In keinem Unterdialekt kommen die postalveolaren (, ) und die retroflexen (, ) Laute im Kontrast vor, d. h. jeder Unterdialekt hat nur postalveolare oder nur retroflexe Laute.
Die Unterscheidung zwischen [] und ist vor allem im Nordwestdialekt nicht gegeben, hier kommt nur vor, das jedoch trotzdem je nach Herkunft als /sch/ oder /ch/ geschrieben wird.
Die stimmlosen unaspirierten Plosive (b, d, g) neigen vor allem zwischen Nasalen (m, n, ng) und Vokalen dazu, stimmhaft zu werden. Dies ist jedoch nur eine Tendenz und wird in der Schreibung nicht ausgedrückt.
Eine wichtige und für Erzgebirgisch typische Lautveränderung betrifft das r. Folgt ihm einer der Laute k, g, ch oder ng (das sind die velaren Konsonanten), so wird zwischen den beiden Lauten ein [j] eingeschoben. So wird zum Beispiel Baarg (dt. „Berg“) [] gesprochen. Das [j] wird nicht geschrieben, da sein Auftreten vollständig vorhersagbar ist.
Der velare Zentralapproximant () wird meistens als Velarisierung des davorstehenden Vokals realisiert. In den IPA-Transkriptionen in diesem Artikel wird konsequent verwendet.
Vokale Die hier vorgeschlagene Schreibung der Vokale basiert teilweise auf den im Schweizerdeutschen, teilweise auf den im Bairischen üblichen Notationen. Hinter dem IPA-Zeichen folgt die Schreibung des entsprechenden Vokals, falls diese sich unterscheiden.
vorne fastvorne zentral fasthinten hinten ung. ger. ung. ger. ung. ger. ung. ger. ung. ger. geschlossen i u fast geschlossen ɪ (i) ʊ (u) halbgeschlossen e o mittel ə (e) halboffen ɛ (è) ʌ (à) ɔ (e/o) fast offen æ (a) offen a
Alle Unterdialekte haben entweder oder , nie beide. Steht ein Schwa vor einem r in der gleichen Silbe, so wird es als gesprochen, aber weiterhin als e geschrieben.
Die hinteren hohen Vokale ([]) sind oft tendenziell ungerundet.
Länge wird durch Doppeltschreibung des betreffenden Vokals oder Konsonanten ausgedrückt. Es gibt die Langvokale ii, ee, èè, aa, uu, oo und àà.