mini|Das einzige Foto Samuel Kleinschmidts (Fotograf: Jens Arnold Diderich Jensen, 1885), der sich ansonsten stets weigerte, fotografiert zu werden. Samuel Petrus Kleinschmidt (* 27. Februar 1814 in Lichtenau (Alluitsoq); † 9. Februar 1886 in Nuuk) war ein deutsch-grönländischer Missionar der Herrnhuter Brüdergemeine.
Er wuchs in Grönland und Europa auf und verbrachte den Rest seines Lebens in Grönland. Kleinschmidt war ein Universalgelehrter, der in verschiedenen Bereichen wissenschaftliche Pionierleistungen erbrachte. So schuf er die erste standardisierte grönländische Rechtschreibung, verfasste die bis dahin genaueste Grammatik und das ausführlichste Wörterbuch, auf ihn geht die erste vollständige grönländische Bibelübersetzung zurück. Er verfasste außerdem mehrere wissenschaftliche Lehrbücher sowie Leselernbücher und betätigte sich nebenbei in Meteorologie und Kartographie. Durch seine Verhaltensweisen und Ansichten geriet er mit vielen europäischen Kolonialangestellten und Missionaren in Konflikt, während er von der grönländischen Bevölkerung sehr geschätzt wurde.
Leben Kindheit in Grönland Samuel Kleinschmidt wurde als Sohn des deutschen Missionars Konrad Kleinschmidt (1768–1832) und dessen dänischer zweiter Ehefrau Christina Petersen (1780–1853) in der Herrnhuter Missionsstation Lichtenau (Alluitsoq) geboren. Er hatte drei ältere Halbgeschwister aus der ersten Ehe des Vaters, die jedoch nicht bei der Familie aufwuchsen. Zwei weitere Halbgeschwister waren vor Samuels Geburt gestorben. Nach dem Tod der ersten Ehefrau heiratete sein Vater 1813 erneut und bekam weitere Kinder: Samuel war der älteste Sohn; er bekam später noch zwei Schwestern sowie einen Bruder, der jedoch als Kleinkind starb. Er wurde vermutlich nach K'âjarnaĸ benannt, der 1739 mit dem Namen Samuel als erster Grönländer von der Herrnhuter Brüdergemeine getauft worden war. Kleinschmidt wuchs vermutlich zweisprachig mit Deutsch und Grönländisch als Muttersprachen auf, konnte aber auch Dänisch. Als er etwa acht Jahre alt war, wurde er von einem Ochsen angegriffen und so stark erschreckt, dass er danach dauerhaft zu stottern begann. In Lichtenau wurde er von Missionar Valentin Müller unterrichtet, bis er – wie seine älteren Halbgeschwister – 1823 seine Ausbildung in Europa fernab der Eltern fortsetzte.
Sein Vater plante ab 1821 die Gründung einer weiteren Missionsstation. Um sein Anliegen durchzusetzen, reiste er 1823 mit seiner Familie nach Europa. Ein Boot brachte sie von Alluitsoq nach Qaqortoq. Von dort reisten sie am 24. August mit dem Schiff nach Europa. Am 25. September erreichten sie Flekkefjord in Norwegen. Anschließend fuhren sie weiter nach Kopenhagen, wo sie am 4. Oktober ankamen. Nach einem kurzen Aufenthalt dort reisten sie mit einer Kutsche weiter nach Christiansfeld, wo seine Mutter früher gewohnt hatte, und anschließend ins sächsische Kleinwelka, das sie Mitte November erreichten. Dort betrieb die Herrnhuter Brüdergemeine ein Internat für Kinder der Missionare aus aller Welt. Samuel und seine beiden Schwestern wurden dort einquartiert. Ihre Eltern reisten zwei Tage später ab, und sie sollten ihren Vater nie wieder sehen.
Jugend in Europa Sachsen mini|500px|Die Kolonie Kleinwelka, wo der junge Samuel Kleinschmidt von 1823 bis 1827 die Schule besuchte. In Kleinwelka zeigte sich schnell, dass Samuel hochbegabt war. Gemeinsam mit dem gleichaltrigen Ernst Bourquin erhielt er ab 1826 Sonderunterricht in Latein und Englisch. Damit war er eigentlich qualifiziert, das Pädagogium in Niesky zu besuchen, wo sein Halbbruder Emanuel mittlerweile als Lehrer arbeitete. Aber wegen seines Stotterns weigerte sich die Schulleitung, ihn aufzunehmen. Man überlegte deswegen, was der junge Samuel stattdessen tun sollte. Er wollte selbst Kunstmaler werden, was auch sein Vater für eine gute Idee hielt. Dies wurde jedoch abgelehnt. Stattdessen ließ man ihn zwischen einer Ausbildung zum Kupfer- oder Goldschmied wählen. Zu diesem Zeitpunkt wäre er lieber Uhrmacher geworden, da er eher schwächlich gebaut war, aber letztlich musste er sich für eine Lehre zum Goldschmied in Herrnhut entscheiden. Kurze Zeit später revidierte man diese Entscheidung jedoch, da seine Halbschwester Karoline ihm einen Lehrplatz als Apotheker im niederländischen Zeist vermitteln konnte.
Niederlande mini|Ansicht der Siedlung der Herrnhuter Brüdergemeine in Zeist, wo Samuel Kleinschmidt von 1827 bis 1835 lebte. Im April 1827 reiste er somit zu Fuß von Kleinwelka erst nach Neuwied und dann nach Zeist. Während er in Zeist lebte, hörte er auf zu stottern. Er lebte anfangs in der Nähe seiner Halbschwester, die für ihn wie eine Mutter wurde, bevor sie 1829 mit einem Missionar verheiratet wurde und in die Karibik zog. Es ist überliefert, dass Samuel Kleinschmidt in seiner Jugend introvertiert war, häufig in der Bibliothek saß und sich Wissen aneignete, während er kaum Interesse hatte, Zeit mit Gleichaltrigen zu verbringen.
1832 wurde sein Halbbruder Emanuel zum Mitdirektor am Pädagogium ernannt. Er versuchte zu erreichen, dass Samuel nach einem Vorbereitungskurs ab 1833 Theologie studieren dürfe, obwohl er das Pädagogium nicht besucht hatte. Diese Idee wurde jedoch abgelehnt, unter anderem weil sein Meister ihn brauchte und weil der Vorschlag nicht von Samuel selbst kam.
Nachdem Samuel seine Lehre 1832 abgeschlossen hatte, blieb er somit vorerst als Geselle in der Apotheke in Zeist. 1834 überlegte man, ihn als Lehrer in Königsfeld im Schwarzwald einzustellen, verwarf diese Idee aber auch aufgrund seines Charakters.
Dänemark mini|Ansicht von Christiansfeld, wo Samuel Kleinschmidt von 1835 bis 1841 lebte. 1835 bat Samuel um eine Versetzung nach Neudietendorf, dem Heimatort seines Vaters, da er gehört hatte, dass seine drei Jahre zuvor verwitwete Mutter nach Europa zurückkehren wollte. Seine Mutter ließ sich jedoch in ihrer alten Heimat Christiansfeld nieder, weswegen Samuel Kleinschmidt im November 1835 dorthin reiste. Eigentlich sollte er in der dortigen Apotheke arbeiten, aber da er mehr Interesse für Homöopathie hatte, verzichtete er darauf und begann stattdessen im dortigen Laden zu arbeiten. 1837 bot man ihm an, homöopathischer Arzt in Suriname zu werden, aber vermutlich lehnte er selbst ab. 1838 wurde ihm eine Stelle als Apotheker in Neudietendorf angeboten, aber auch hier lehnte er ab.
Obwohl er bereits anderthalb Jahre dort gelebt hatte, wurde er erst im Mai 1837 offiziell in die Gemeine in Christiansfeld aufgenommen. Es war in der streng reglementierten Brüdergemeine nicht üblich, ohne Genehmigung zu verreisen oder umzuziehen, aber dem hatte Samuel Kleinschmidt sich mit seinem Wegzug aus Zeist widersetzt. Er lebte im Brüderchor, der von seinem Onkel Niels Petersen geleitet wurde, und arbeitete währenddessen als begabter Buchhalter im Laden.
Im August 1837 wurde Samuel als Aufseher im Internat in Christiansfeld angestellt, vor allem auf Empfehlung von Ernst Reichel, der am Internat arbeitete und Freund von seinem Halbbruder Emanuel war. Nachdem mehrere Lehrer in Christiansfeld versetzt worden waren, überlegte man, Kleinschmidt zum Lehrer zu befördern. Aber der Schulleiter Philipp Jacob Roentgen weigerte sich erneut aus Charaktergründen. Kleinschmidt war ein arbeits- und wissensbegieriger Einzelgänger, der aufgrund seiner eigenen Fähigkeiten die seiner Schüler nicht richtig einzuschätzen vermochte, was ihn als Pädagogen potentiell ungeeignet machte. Da Roentgen jedoch keinen Ersatz finden konnte, wurde Kleinschmidt 1840 dennoch Lehrer.
In Christiansfeld lernte Kleinschmidt Peder Kragh kennen, der 1838 im nahegelegenen Lintrup Sogn zum Pastor ernannt worden war. Von 1818 bis 1828 war Kragh für die dänische Mission in Grönland tätig gewesen, wo er großes Interesse an der Sprache zeigte. 1840 wurde eine Stelle als Missionar in Samuel Kleinschmidts Geburtsort Lichtenau frei. Trotz seines schwierigen Charakters sah man ihn diesmal als gute Wahl, vor allem weil er selbst von dort stammte. Auch den in Königsfeld tätigen Lehrer Carl Wilhelm Fliegel hatte man in Betracht gezogen und wie üblich ließ man das Los entscheiden, wobei Kleinschmidt gewann. Nachdem er ein letztes Mal Weihnachten mit seiner Mutter und seinen beiden Schwestern Cornelia und Elisabeth gefeiert hatte, wurde er am 4. Januar 1841 zum Akoluth (Missionshelfer) ernannt und am 26. März reiste er aus Christiansfeld ab, um sich auf den Weg nach Grönland zu machen.
Missionstätigkeit in Grönland Lichtenau mini|Die Kirche und die Pastorenwohnung in Alluitsoq. Beide wurden erst nach Samuel Kleinschmidts Zeit dort errichtet. Er erreichte Qaqortoq und fuhr von dort aus mit dem Boot nach Lichtenau, wo er am 10. Juni 1841 ankam. Er war zu diesem Zeitpunkt seit 18 Jahren nicht mehr in Grönland gewesen. Anfangs musste Kleinschmidt vor allem praktische Arbeiten in den Bereichen Nahrungsversorgung, Bau oder Landwirtschaft übernehmen. Noch im selben Jahr unternahm er mit seinen Kollegen eine Untersuchungsreise, um das mittelalterliche Kloster St. Olaf zu finden. Sie suchten vergeblich auf der Insel Uunartoq, die rund zwölf Kilometer östlich von Alluitsoq liegt; erst später wurden die Ruinen rund fünf Kilometer weiter nördlich auf dem Festland bei der Schäfersiedlung Narsarsuaq entdeckt. Wegen seiner aus seiner Kindheit stammenden Angst vor Ochsen konnte er sich nur um die Ziegen kümmern; tatsächlich begann er kurz nach seiner Ankunft wieder stärker zu stottern.
Nebenher musste Kleinschmidt sich auch der Missionarstätigkeit widmen, wozu der Schulunterricht der Kinder gehörte. Er kritisierte die vorhandenen Leselernbücher als wirkungslos, was sich in den vorgefundenen Lesefähigkeiten der Kinder widerspiegelte, und schuf seine eigene Methode, die sich als deutlich erfolgreicher herausstellte. Er hielt es für nutzlos zu versuchen, vierjährigen Kindern Lesen beizubringen. Stattdessen schlug er die Gründung von Vorschulklassen für die vier- bis siebenjährigen Kinder vor. Sein Vorschlag wurde erst einige Jahrzehnte später eingeführt. Allerdings gelang es ihm durchzusetzen, dass die Schüler in zwei getrennten Gruppen unterrichtet wurden: Die Kinder wurden aufgeteilt in eine Gruppe derjeniger, die lesen konnten, und jener, die nicht lesen konnten. Offiziell stieg die Anzahl der Schüler, die gut lesen konnten, anschließend stark an. Allerdings beschwerte sich Kleinschmidt in Briefen darüber, dass die anderen Missionare die Berichte beschönigten.
Samuel Kleinschmidt hatte aufgrund seiner Herkunft gänzlich andere Voraussetzungen und dazu einen andersartigen Charakter im Vergleich zu den anderen Missionaren. Wie man bereits in seinen jungen Jahren befürchtet hatte, führte dies zu Autoritätskonflikten. Kleinschmidt hatte Grönländisch als Muttersprache gelernt, wenn auch in den Jahren in Europa teils vergessen. Für die anderen Missionare war Grönländisch eine äußerst schwer zu erlernende Fremdsprache. Obwohl Kleinschmidt somit bereits nach kurzer Zeit besser Grönländisch sprach als alle seine Kollegen, weigerte er sich Predigten zu halten, da er der Meinung war, dass seine Sprachfähigkeiten dafür zu schlecht waren und man der Bevölkerung ein solches Kauderwelsch nicht zumuten könne. Erst 1843 hielt er seine erste Andacht und einige Jahre später gezwungenermaßen auch seine erste Predigt, wobei er im Gegensatz zu allen anderen Missionaren nicht vorlas, sondern frei vor den Grönländern sprach.