Als Kärntner Slowenen () bezeichnet man die autochthone slowenischsprachige Volksgruppe im österreichischen Bundesland Kärnten. Sie entsenden Vertreter in den österreichischen Volksgruppenbeirat und sind zumeist österreichische Staatsbürger. Der Status der Volksgruppe ist verfassungs- und völkerrechtlich abgesichert.

Der Begriff Kärntner Slowenen ist nicht synonym mit dem Begriff Slowenen in Kärnten (siehe Slowenen in Österreich).

Geschichte Völkerwanderung mini|Auf dem Fürstenstein wurden die karantanischen Fürsten inthronisiert

Das slowenische Sprachgebiet wurde gegen Ende der Völkerwanderung zuerst, unter anderem, von Westslawen besiedelt, danach schließlich von Südslawen, die zur vorherrschenden Gruppe wurden. Es entstand eine südslawische Umgangssprache mit westslawischem Einfluss (Alpenslawen). Am Ende der Völkerwanderung entstand das slawische Staatsgebilde Karantanien, Vorläufer des heutigen Kärntens, das über das heutige Landesgebiet weit hinausreichte und dessen politisches Zentrum auf dem Zollfeld lag.

Mittelalter und Neuzeit Karantanien wurde unter Karl dem Großen Teil des Franken- und in der Folge des Heiligen Römischen Reiches, wobei sich bis ins Hochmittelalter zwei parallele Rechtssysteme hielten, wie dies etwa der sogenannte Slawenzehent (huba slovenica) und insbesondere der Stand der Edlinger (slowenisch kosezi) belegen. In der Folge setzten sich nach und nach deutsche Adelsgeschlechter durch, während die Bevölkerung slawisch blieb. Schließlich setzte eine Siedlungsbewegung der Baiern nach Kärnten ein. Diese besiedelten bis dahin schwach besiedelte Gebiete, etwa Waldgebiete und Hochtäler. Zur unmittelbaren Verdrängung von Slawen (als Slowenen bildeten sie sich erst im Laufe der Zeit heraus) kam es nur vereinzelt. Es bildete sich in Folge eine Sprachgrenze heraus, welche bis ins 19. Jahrhundert stabil blieb.Werner Besch u. a. (Hrsg.): Sprachgeschichte. Ein Handbuch zur Geschichte der deutschen Sprache und ihrer Erforschung. Band 4, Berlin 2004, S. 3370. In dieser Zeit hatte in Klagenfurt das Deutsche eine gesellschaftlich bzw. sprachsoziologisch dominierende Rolle, während das unmittelbare Umland slowenisch blieb. Klagenfurt war auch ein gesamtslowenisches Kulturzentrum und war die slowenische Bücherstadt. Mit dem Aufkommen der Nationalbewegung in der späten Monarchie beschleunigte sich die Assimilation, gleichzeitig verschärfte sich der Konflikt zwischen den Volksgruppen.

Nach 1918 mini|Die Abstimmungszonen A und B mit den Bedingungen für das Stimmrecht mini|Ergebnisse der Abstimmung 1920 mini|Eine Karte über Slowenen in Kärnten um 1930

Mit Ende des Ersten Weltkrieges versuchte der SHS-Staat die slowenisch gebliebenen Gebiete zu besetzen (vergleiche Kärntner Abwehrkampf). Diese Frage spaltete auch die slowenische Bevölkerung. In der Abstimmungszone, in der der slowenischsprachige Bevölkerungsanteil bei ca. 70 % lag, stimmten 59 % der Abstimmungsteilnehmer für einen Verbleib bei Österreich. Im Vorfeld der Volksabstimmung versicherte die Landesregierung, dass sie den Erhalt der slowenischen Kultur unterstützen und fördern werde. Diese konzilianten Versprechungen führten neben wirtschaftlichen und anderen Gründen dazu, dass ca. 40 % der in der Abstimmungszone lebenden Slowenen sich für den Erhalt der Landeseinheit aussprachen. Das Abstimmungsverhalten war jedoch regional unterschiedlich; in zahlreichen Gemeinden gab es Mehrheiten, die sich für einen Anschluss an den SHS-Staat aussprachen.

Die slowenische Volksgruppe im österreichischen Kärnten hatte bis zum „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich 1938 Minderheitenrechte. So gab es zunächst noch zweisprachige Schulen, Pfarren, eigene Zeitungen, Vereine, Banken und politische Vertreter in Gemeinden und im Landtag. Die politischen Spannungen zwischen Österreich und Jugoslawien verstärkten jedoch die Benachteiligung der Kärntner Slowenen. Wie überall in Europa nahm in der Zwischenkriegszeit der Nationalismus zu. Gemachte Versprechen wurden gebrochen, die Assimilation forciert, indem man die Slowenen durch ihre Teilung in Slowenen und Windische spaltete, ihnen sogar absprach, dass ihre Sprache überhaupt slowenisch wäre (vgl. „Windischentheorie“). Dies gipfelte in gezielter Verfolgung im Dritten Reich. Allerdings konnte man sich durch ein Bekenntnis zum Windischen und dem damit verbundenen Versprechen zur Assimilation mit dem Regime gut stellen. Umgekehrt verachteten viele von den Slowenen, die 1920 für Jugoslawien gestimmt hatten, die „nemčurji“ (abwertende Bezeichnung für angeblich deutschnationale bzw. ihre nationale Herkunft verleugnende Slowenen).Janez Wutte: Wir waren die Tschuschen und sie waren die švaba. Dokumentation des österreichischen Widerstandes

Die Nationalsozialisten verhafteten bereits ab/bei der Machtübernahme 1938 ausgewählte slowenische Persönlichkeiten, unter anderem auch viele Geistliche, es kam zu Versetzungen und Ausweisungen. Die Umsiedlungspläne für weitere 1000 „volks- und staatsfeindlich bekannte“ Slowenen wurden nach dem Überfall auf Jugoslawien im Frühjahr 1941 konkreter, vorerst kam es aber in der südlich anschließenden annektierten Oberkrain (wie auch in der Untersteiermark) zu Enteignungen und Aussiedlungen von Slowenen. Am 14. April 1942 begann die Deportation der Kärntner Slowenen, zur Umsetzung wurde kurzzeitig das in Wien aufgestellte Pol.Res.Bataillon 171 aus Oberkrain abgezogen.Josef Rausch: Der Partisanenkampf in Kärnten im Zweiten Weltkrieg. In: Militärhistorische Schriftenreihe, Heft 39/40, Wien 1994, Seite 11f. Die Aussiedlung erfolgte nach einer Anordnung von Himmler vom 25. August 1941, die u. a. auch die Umsiedlung der Kanaltaler nach Kärnten, Oberkrain und das Mießtal festlegte. Die für eine Aussiedlung bestimmten Kärntner Slowenen wurden ins RAD-Lager in Klagenfurt und von dort in verschiedene Lager der Volksdeutschen Mittelstelle deportiert. Die Deportation rief eine starke Unterstützung des bewaffneten Widerstandes der Kärntner Partisanen durch die slowenische Bevölkerung hervor, viele gingen in die Wälder, bildeten die Grünen Kader und stießen später zu den Titopartisanen.Valentin Sima: Kärntner Slowenen. In: Emmerich Tálos, Ernst Hanisch, Wolfgang Neugebauer (Hrsg.): NS-Herrschaft in Österreich 1938–1945. Wien 1988, ISBN 3-900351-84-8, S. 361–379. Letztere versuchten nach dem Krieg neuerlich, Teile Kärntens zu besetzen, zogen sich aber auf Drängen der englischen Besatzer zurück. Angesichts dieser extremen Entwicklung auf beiden Seiten war nach dem Zweiten Weltkrieg die Stimmung zwischen den Volksgruppen äußerst gespannt. Die stetige Zurückdrängung des Slowenischen setzte sich fort.

mini|Kärntner Pfarren mit zweisprachiger (deutsch-slowenischer) Liturgie

Nach 1955 Am 15. Mai 1955 wurde der Österreichische Staatsvertrag unterzeichnet, in dessen Artikel 7 die „Rechte der slowenischen und kroatischen Minderheiten“ in Österreich reguliert sind. Im Jahr 1975 verfehlte die Wahlgruppierung der slowenischen Volksgruppe (Enotna Lista) nur knapp den Einzug in den Kärntner Landtag. Vor den nächsten Wahlen 1979 wurde der ursprünglich einheitliche Wahlkreis Kärnten in vier Wahlkreise untergliedert. Das Siedlungsgebiet der Kärntner Slowenen wurde aufgeteilt und diese Teile wiederum mit rein deutschsprachigen Landesteilen zusammengefasst. In den neuen Wahlkreisen reduzierte sich der slowenischsprachige Bevölkerungsanteil derart, dass ein Einzug von Volksgruppenvertretern in den Landtag faktisch nicht mehr möglich war. Das Volksgruppenbüro der Kärntner Landesregierung und Vertreter der Kärntner Slowenen sahen in dieser Vorgangsweise den erfolgreichen Versuch, den politischen Einfluss der slowenischsprachigen Volksgruppe zu reduzieren.

In den 1970er Jahren eskalierte die Lage neuerlich im so genannten Ortstafelstreit, danach entspannte sie sich wieder. Die Lage der Slowenen in Kärnten änderte sich jedoch durch die Unabhängigkeitserklärung Sloweniens am 25. Juni 1991 grundlegend. Anders als der panslawistische Staat Jugoslawien, von dem sich Slowenien 1991 loslöste, ist die Republik Slowenien als Nationalstaat konzipiert. Folgerichtig gibt es in Slowenien ein „Ministerium für Auslandsslowenen“, das sich auch für die Belange autochthoner Slowenen in Kärnten für zuständig hält. Der slowenische Außenminister Karl Erjavec bemängelte im Februar 2017, dass durch die neue Landesverfassung Kärntens die slowenische Sprache diskriminiert werde, indem sie nicht als „die Sprache der Vollziehung des Landes Kärnten“ gelte.Kärntner Verfassungsreform für Slowenen inakzeptabel. Der Standard. 17. Februar 2017.

Siedlungsgebiet Jahr Anzahl Bemerkungen 1818 137.000 1848 114.000 Schätzung des Landesausschusses – in den damaligen Grenzen des Herzogtums Kärnten 1880 85.051 Volkszählung – in heutigen Grenzen, gefragt wurde nach der Umgangssprache 1890 84.667 Umgangssprache 1900 75.136 Umgangssprache 1910 66.463 Umgangssprache 1923 34.650 Denksprache 1934 24.875 Zugehörigkeit zum Kulturkreis 1939 43.179 / 7.715 Muttersprache / Volkstumszugehörigkeit 1951 42.095 Umgangssprache 1961 24.911 Umgangssprache 1971 20.972 Umgangssprache 1981 16.552 Umgangssprache 1991 16.461 Umgangssprache 2001 12.586 Umgangssprache

Ende des 19. Jahrhunderts machten die Kärntner Slowenen ungefähr ein Viertel bis ein Drittel der Gesamtbevölkerung Kärntens in den damaligen Grenzen aus. Im Laufe des 20. Jahrhunderts reduzierte sich ihre Anzahl vor allem aufgrund des Assimilierungsdrucks auf offiziell 2,3 % der Gesamtbevölkerung.

Da das Deutsche vor allem von Westen und Norden vordrang, liegt das heutige Siedlungsgebiet im Süden und Osten des Landes, im Jaun-, Keutschacher- und Rosental, im untersten Lavanttal sowie im Gailtal (bis etwa Hermagor-Pressegger See). Die nördlichsten Punkte bilden etwa Köstenberg und Diex.

Im Jahre 1857 wurde von K. v. Czoernig in seiner Ethnographie der österreichischen Monarchie die deutsch-slowenische Sprachgrenze wie folgt beschrieben:Karl Freiherr von Czoernig: Ethnographie der oesterreichischen Monarchie. 1857, S. 27. Malborghet – Möderndorf/Hermagor – Wasserscheide Gail/Drau – Villach – Zauchen – Dellach (bei Feldkirchen) – Moosburg – Nußberg – Galling – St. Donat – St. Sebastian – St. Gregorn – Schmieddorf – Wölfnitz/Saualpe – Pustritz – Granitztal – Eis (an der Drau) – Lavamünd (wobei die genannten Ortschaften noch im deutschen Sprachgebiet lagen). Auch die Landeshauptstadt Klagenfurt, das nördlich von ihr liegende Zollfeld und die Städte Bleiburg und Völkermarkt in Südkärnten waren ganz überwiegend deutschsprachig. In Zahlen ausgedrückt: In der Mitte des 19. Jahrhunderts sprachen innerhalb der damaligen Grenzen von Kärnten 95.735 Personen slowenisch (30 %) und 223.489 deutsch (70 %) als Umgangssprache.

Mit 2010 wurde der Sprachschatz der Slowenischen Flur- und Hofnamen in Kärnten zum Immateriellen Welterbe, wie es die UNESCO deklariert, in die Österreichliste (Nationales Kulturgut) aufgenommen. auf nationalagentur.unesco.at

Bevölkerungsanteil Die Gemeinden mit dem höchsten Bevölkerungsanteil an Kärntner Slowenen sind Zell (89 %), Globasnitz (42 %) und Eisenkappel-Vellach (38 %) (laut Volkszählung 2001).

Die tatsächliche Anzahl der Kärntner Slowenen ist umstritten, da sowohl Vertreter slowenischer Organisationen als auch Vertreter Kärntner Traditionsverbände die Ergebnisse der Volkszählung als nicht akkurat bezeichnen. Erstere verweisen auf die teilweise stark schwankenden Volkszählungsergebnisse in einzelnen Gemeinden, die ihrer Meinung nach stark mit politischen Spannungen in Volksgruppenfragen korrelieren. Somit würden die Ergebnisse die tatsächliche Anzahl der Kärntner Slowenen unterschätzen. Man verweist beispielsweise auf die Südkärntner Gemeinde Gallizien, die laut der Volkszählung von 1951 einen slowenischsprachigen Bevölkerungsanteil von 80 % aufwies, 1961 jedoch – bei gleichzeitigem Ausbleiben größerer Migrationsbewegungen und bei ungefähr gleicher Bevölkerungszahl – nur noch einen Anteil von 11 %.