Rünthe ist ein Stadtteil der westfälischen Stadt Bergkamen im Kreis Unna.
Die Gemeinde Rünthe im Amt Pelkum wurde mit der Gebietsreform in Nordrhein-Westfalen zum 1. Januar 1966 nach Bergkamen eingemeindet.
Lage Rünthe liegt an der Lippe und am Datteln-Hamm-Kanal; im Westen liegt Heil, im Norden Werne, im Osten Sandbochum und im Süden der Beverbach, der Rünthe von Bergkamen-Mitte und Overberge abgrenzt. Der Ortskern liegt zwischen der Landesstraße 736, der Kreisstraße 16 und der Bundesstraße 233. Die Bundesautobahn 1 verläuft östlich des Stadtteils bereits auf dem Gebiet der Stadt Hamm. Die Anschlussstelle Hamm/Bergkamen liegt nur etwas über 2 km vom Ortskern entfernt.
Der am 25. Mai 2026 neu eingeführte Fahrplan der VKU bietet für den Stadtteil Rünthe folgendes Streckennetz an:
Linie X4: Hamm-Herringen-Sandbochum-Rünthe-Bergkamen-Kamen-Königsborn-Bönen Linie X5: Werne-Rünthe-Bergkamen-Kamen-Königsborn-Unna Linie X9: Selm-Bork-Cappenberg-Werne-Rünthe-Bergkamen-Kamen Linie 219: Schwerte-Unna-Königsborn-Kamen-Bergkamen-Rünthe-Werne Linie 231: Werne-Rünthe-Overberge-Bergkamen
Am Datteln-Hamm-Kanal befindet sich ein Sportboothafen, die Marina Rünthe mit angegliedertem westfälischen Sportbootzentrum. Sie zählt zu den größten Freizeithäfen in Nordrhein-Westfalen.
Geschichte Rünthe, erstmals als Rennethe 1277 urkundlich erwähnt, gehörte ursprünglich in eigener Bauernschaft im Amt Hamm zur Grafschaft Mark. Im Schatzbuch der Grafschaft von 1486 werden die Bauern Koeneman (Keinemann), Schult van Bugge (Schulte Bögge), Wilde, Lypman (Bimberg), Schult ter Erberg (Schulte Elberg) und Henrick ter Erberg (Bumann) als steuerpflichtige Höfe aufgeführt.Litzinger 2005, S. 20.
Mit der preußischen Landgemeindeordnung für die Provinz Westphalen von 1841 wurde die Bauernschaft eine eigenständige politische Gemeinde, die dem Amt Pelkum im damaligen Kreis Hamm angehörte, ab 1930 Kreis Unna. Durch die Landgemeindeordnung wurde 1844 erstmals eine Gemeindevertretung mit einem Gemeindevorsteher als Oberhaupt installiert.
Die „Beschreibung und kurze Geschichte des Kreises Hamm und der einzelnen Ortschaften in demselben“ von Moritz Friedrich Essellen aus dem Jahre 1851 ist eine historische Quelle, die die damalige Gemeinde Rünthe mit folgendem Eintrag beschreibt:
„Bauernschaft Rünte, 1 Meile 60 Minuten von Hamm, mit dem Hause Rünte, dem Weiler Rünter Landwehr. Eine Brücke führt hier über die Lippe. 1849 hatte sie: 153 evangelische, 91 katholische, zusammen 244 Einwohner. Gebäude: 1 Kommunalgebäude, 32 Privat-Wohnhäuser, 46 Ställe, Scheunen und Schoppen. Viehstand: 40 Pferde, 248 Stück Rindvieh, 786 unveredelte Schaafe, 96 Schweine.“
Mit Gründung der Zeche Werne durch den Georgs-Marien-Verein im Jahre 1899 wandelte sich die Ortschaft vom kleinen Bauerndorf zu einer modernen Bergbaugemeinde, weil das Bergwerk Wohnstätten für seine Mitarbeiter schaffen musste, die als Arbeitsmigranten vornehmlich aus den damaligen Provinzen Ost- und Westpreußen, Schlesien und Sachsen nach Rünthe kamen. Den größten Anteil stellten Bergmannsfamilien aus der Gegend um Hettstedt im Mansfelder Land und aus dem damaligen Kreis Waldenburg in Niederschlesien.
Bekannt ist außerdem, dass im Ort viele Ruhrpolen und italienische Fremdarbeiter lebten. Eine Gruppe österreichisch-ungarischer Bergleute war zahlenmäßig so stark, dass ein eigener Knappenverein gegründet werden konnte. Mit Ausbruch des Ersten Weltkriegs mussten die österreichisch-ungarischen Knappen in ihre Heimat zurück, um ihrer Militärpflicht nachzukommen.Litzinger 2005, S. 53. Durch den Zuzug der vielen Arbeitsmigranten stieg die Einwohnerzahl in Rünthe rapide an und vervielfachte sich binnen weniger Jahrzehnte. mini|Kolonie Rünthe-Süd (Beverstraße), 1913 Die Alte Kolonie ist die erste von drei Zechensiedlungen, die gleich zu Anfang des 20. Jahrhunderts auf den Ländereien des alten Guts Haus Rünthe errichtet wurde. In den Jahren bis 1911 folgte der Bau der Kolonie Rünthe-Süd. Im selben Jahr wurde die Gemeinde Rünthe flächendeckend elektrifiziert.Litzinger 2005, S. 49. Der Schacht III der Zeche Werne wurde ab Dezember 1912 auf dem früheren Hof des Landwirts Timpeltei abgeteuft, am 1. November 1915 begann die KohleförderungFestschrift "50 Jahre Zeche Werne", Klöckner-Werke AG, 1949, S. 14. Kurz vor dem Ersten Weltkrieg erwarb die Zeche auch die Höfe Schulze Bögge und Schulze Wedeling. Auf den Ländereien von Schulze Wedeling wurde ab 1921 die Kolonie Rünthe-West errichtet. mini|Hellweg in Rünthe, 1913Allen drei Zechensiedlungen ist gemein, dass sie zeittypisch die Züge einer Gartenstadt tragen, die im Werkssiedlungsbau des Ruhrgebiets zu Anfang des 20. Jahrhunderts eine Reaktion auf die bis dahin beengten und hygienisch katastrophalen Arbeitersiedlungen nach englischem Vorbild (“Victorian rows”, in Deutschland: D-Zug-Siedlung) bildeten. Zu den Charakteristika der Gartenstadt zählen eine geringere Wohndichte durch offene Bauweise, also freistehende, zumeist eineinhalbgeschossige Häuser, Nutzgärten, Vorgärten und unterschiedliche Haus-Typen innerhalb einer Kolonie.Stefan Weber: Arbeiterwohnungen. D-Zug unter Denkmalschutz. Süddeutsche Zeitung. 8. Dezember 2016, abgerufen am 28. Juni 2026. Beim Bau der Siedlung in Rünthe-Süd wurden günstige Förderkredite des Bochumer Knappschaftsvereins in Anspruch genommen. Im Gegenzug verpflichtete sich die Zeche Werne zur Einhaltung bestimmter Wohn-Standards bei den Häusern.Ulrich Lauf: „Knappschaftsdarlehen für Zechenkolonien - Ein unbekanntes Kapitel knappschaftlicher Sozialverantwortung im Ruhrgebiet“ in: Kompass, 119. Jahrgang, Mai/Juni 2009 mini |Straßenbahn in der Schlägelstraße, 1913 Eine Straßenbahn verkehrte ab Dezember 1911 in der Gemeinde Rünthe, nachdem der Anschluss an das Netz der Kleinbahn Unna–Kamen–Werne (U.K.W.) erfolgt war. Die Streckenführung verlief entlang der Schlägelstraße, Schachtstraße, Hellweg, Ostenhellweg und Werner Straße. Im Ort gab es drei Haltestellen: Schlüter (Schlägelstraße), Gaststätte Kuhlmann (Hellweg) und Lippebrücke (Werner Straße). Ab 1940 endete die Straßenbahn an der Gaststätte Kuhlmann, die weitere Strecke von und nach Werne wurde von Omnibussen übernommen. Zehn Jahre später wurde der Betrieb der Straßenbahn ganz eingestellt. Aus der Kleinbahn Unna-Kamen-Werne ging anschließend die Verkehrsgesellschaft für den Kreis Unna (VKU) hervor.
Aufgrund wirtschaftlicher Schwierigkeiten gelangte die Zeche Werne mit ihren Liegenschaften im Jahre 1923 in den Besitz des Klöckner-Konzerns. Wegen der durch die Weltwirtschaftskrise bedingten Absatzflaute wurde der Schacht III bereits im Jahre 1930 stillgelegt. Durch die Schließung verloren mehr als 500 Bergleute ihren Arbeitsplatz, die Gemeinde Rünthe geriet zum „Armenhaus des Kreises Unna“.Litzinger 2005, S. 61. In den Folgejahren wurde ein großer Teil der Übertage-Anlagen abgerissen. Nach Kriegsende ab 1946 nutzte man den Schacht wieder, um die Rünther Bergleute schnell vor Ort zu bringen, bevor 1960 die endgültige Schließung erfolgte. Der Förderturm der Schachtanlage, einst Wahrzeichen der Ortschaft, wurde am 5. Mai 1986 demontiert. Die unter Denkmalschutz stehende ehemalige Waschkaue der Zeche wurde bis 2018 als Kulturzentrum genutzt. Inzwischen ist das Gebäude an eine private Immobiliengesellschaft verkauft und einer gewerblichen Nutzung zugeführt.
mini|Gedenkstein Anna KalinaBeim Ruhraufstand von 1920 wurde die Altgemeinde Rünthe, nur wenige Kilometer Luftlinie von der „Schlacht bei Pelkum“ entfernt, zunächst ein Stützpunkt der Roten Ruhrarmee und anschließend von den Truppen des Freikorps Oberst Ritter von Epp eingenommen. Bei den Auseinandersetzungen wurde am Karfreitag, 2. April 1920 die Arbeiter-Samariterin Anna Kalina beim Hof Schulze-Elberg von Freikorps-Truppen standrechtlich erschossen. Die 27-jährige Frau stand im Verdacht, einen verwundeten Kämpfer der Ruhrarmee versorgt zu haben. Auf dem Rünther Friedhof befindet sich ein Gedenkstein, der an das Schicksal der Arbeiter-Samariterin erinnert. Sie blieb beim Ruhraufstand das einzige Todesopfer im Ort.
Die Zeit des Nationalsozialismus war in Rünthe durch hartes Vorgehen gegen die lokale Arbeiterbewegung bestimmt. Mit Beginn der 1930er Jahre lieferten sich Kommunisten und Sozialdemokraten gewalttätige Auseinandersetzungen mit Mitgliedern der NSDAP. Die Bergbaugemeinde galt als „rote Hochburg“. In den Zeitungsarchiven finden sich zeitgenössische Berichte, die ein Bild von regelrechten Straßenschlachten in der Kolonie Rünthe-Süd und der Alten Kolonie zeichnen.Dortmunder Zeitung, 12. Januar 1933: „Kommunisten greifen Nationalsozialisten mit Mistgabeln, Hacken und Beilen an.“Dortmunder Zeitung, 27. Februar 1932: „Blutige Zusammenstöße“ Unmittelbar nach der Machtergreifung Hitlers begannen politische Säuberungsaktionen, die sich gegen Mitglieder und Funktionäre von KPD und SPD richteten. Im nahegelegenen KZ Schönhausen, das die Nazis von April bis Oktober 1933 als provisorisches Schutzhaftlager nutzten, wurden allein 117 Einwohner der Gemeinde Rünthe inhaftiert und von dort auch in andere Lager verschleppt, etwa nach Brauweiler oder in die Emslandlager. Außerdem wurden mindestens sieben Einwohner Opfer der NS-Euthanasie, darunter ein sechs Monate altes Mädchen und ein 12-jähriger Junge.Manuel Izdebski: Spuren der Nazi-Verbrechen in Rünthe. In: Westfälischer Anzeiger, Lokalausgabe Bergkamen, 15. Juli 2020 Im Ort sind elf Stolpersteine aus dem Erinnerungsprojekt des Künstlers Gunter Demnig verlegt, die an ausgewählte Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung erinnern.„Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist.“ Bergkamener Stolpersteine. Abgerufen am 28. Juni 2026.
mini|Kolonie Rünthe-Süd Die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg war zunächst durch den Wiederaufbau geprägt, wobei die Gemeinde Rünthe im Vergleich zu anderen Ortschaften nur geringe Kriegsschäden zu beklagen hatte. Ein größeres Problem stellte die Wohnungsnot in den Nachkriegsjahren dar, weil durch die vielen Kriegsflüchtlinge die Einwohnerzahl sprunghaft anstieg. Bis weit in die 1950er Jahre hinein lebten viele Familien in Bunkeranlagen entlang der Halde und der Bever, die zu Notwohnungen hergerichtet wurden. Als Folge der Wohnungsknappheit hatte die Schaffung neuer Baugebiete besondere Priorität. Zu Beginn der 1950er Jahre entstanden die Ketteler- und Wichernsiedlung mit Förderung der katholischen bzw. evangelischen Kirchengemeinde. mini|Datteln-Hamm-Kanal in Rünthe Zugleich errichtete die Klöckner Bergbau AG mit der Böggefeldsiedlung ihr letztes Wohnungsbauprojekt in Rünthe. Außerdem waren ab 1955 die ersten Mehrfamilienhäuser in der Feldstraße bezugsfertig. Die Wohnungen wurden vorrangig an die Familien vergeben, die zu dieser Zeit noch immer in den Bunkern wohnten. In den Wirtschaftswunderjahren investierte die Gemeinde Rünthe viel Geld in die öffentliche Infrastruktur. In Rünthe-West wurden das alte Jugendheim und das Hafenstadion gebaut, gemeindeeigene Straßen saniert, der Friedhof um ein Urnengräberfeld erweitert und mit einer Trauerhalle ausgestattet. Mitte der 1950er Jahre hatte der Ort mit 8.344 Bewohnern die höchste Einwohnerzahl seiner Geschichte erreicht.Litzinger 2005, S. 73. mini|Wierlingstraße, Kolonie Rünthe-West