mini|Das Stadtschloss Wiesbaden (2017) Das Stadtschloss Wiesbaden, auch bekannt als Residenzschloss Wiesbaden, ist die ehemalige Residenz der Herzöge von Nassau am Schlossplatz in Wiesbaden. Die klassizistische Zweiflügelanlage wurde 1837 bis 1841 durch Herzog Wilhelm von Architekt Georg Moller errichtet. Nach der Annexion des Herzogtums durch Preußen wurde es saisonale Residenz der preußischen Könige und späteren deutschen Kaiser, bis es in der Zwischenkriegszeit ein Museum beherbergte. Seit der Konstituierung des deutschen Landes Hessen im Dezember 1946 dient es, inzwischen gemeinsam mit einigen hinzugekommenen Nachbargebäuden, als Sitz des Hessischen Landtags.

Geschichte Nassauisches Residenzschloss (1841–1866) mini|Wappen der nassauischen Herzöge über dem Eingang des Schlosses

An der Stelle des heutigen Stadt- oder ResidenzschlossesLAGIS Hessen stand seit dem frühen Mittelalter die Burg der Grafen von Nassau. Seit dem Mittelalter bildeten sich dort das Zentrum und die politische Machtzentrale der Stadt Wiesbaden. 1610 wurde am direkt angrenzenden Marktplatz (heute: Schlossplatz) das Rathaus errichtet. Näheres über die Ausdehnung und Gestalt der Burg ist nicht überliefert. Bei Ausgrabungen im Jahr 1952 während des Wiederaufbaus des an das Schloss angrenzenden und im Zweiten Weltkrieg beschädigten Kavaliershauses wurden Reste einer Turmburg aus fränkischer Zeit entdeckt.

Bereits 1744 wurde Wiesbaden Regierungssitz des Fürstentums Nassau-Usingen und die fürstliche Residenz von Usingen im Taunus in das seit 1701 entstandene barocke Biebricher Schloss am Rhein verlegt. Folgerichtig wurde die Stadt 1806 Hauptstadt des neu gegründeten Herzogtums Nassau, Herzog Friedrich August von Nassau-Usingen Staatsoberhaupt. Als er am 24. März 1816 kinderlos starb, ging die Herzogswürde auf die Linie Nassau-Weilburg über. Wilhelm I. wurde neuer Herzog und zog vom eigens für ihn errichteten Erbprinzenpalais an der Wilhelmstraße ins Biebricher Schloss. Eigentlich hatte sein Vater Friedrich Wilhelm die Amtsgeschäfte führen sollen, dieser starb jedoch nur zwei Monate zuvor, am 9. Januar 1816, bei einem tragischen Unfall in Schloss Weilburg: Er stürzte von einer Treppe.

mini|hochkant|Die Mollersche Ecklösung mit Treppe, Säulen und Haupteingang: Im zweiten Obergeschoss das Nassauische Wappen. Der Balkon trägt heute die Inschrift „Hessischer Landtag“

In den 1830er Jahren kamen Überlegungen auf, den Sitz vom stadtfernen Rheinufer in die Stadt zu verlegen. Zunächst war ein Bauplatz am repräsentativen klassizistischen Luisenplatz im Gespräch, der damals jedoch noch am Stadtrand lag. Schließlich wurde der zentrale Standort am Marktplatz gewählt, offiziell, um mehr Bürgernähe zu demonstrieren. An der Nordseite des Platzes wurden mehrere Gebäude erworben, darunter das noch existente 1826 erbaute Kavaliershaus. Die Planungen für das Herzogliche Haus am Markt, wie das Schloss zunächst hieß, wurden an den bekannten Oberbaudirektor Georg Moller aus Darmstadt vergeben, der sich dort schon einen Namen gemacht hatte. Insbesondere musste eine anspruchsvolle Ecklösung gefunden werden, da diese für das Gebäude und den ganzen Platz bestimmend sein würde. Moller beauftragte schließlich den Wiesbadener Baumeister Richard Goerz mit der Ausführung, 1837 wurde der Grundstein für den Neubau gelegt. Herzog Wilhelm sollte die Fertigstellung seines Schlosses jedoch nicht mehr erleben; er starb am 20. August 1839 während der Kur in Bad Kissingen an einem Schlaganfall. Sein 22-jähriger Sohn Adolf I. zog dann erstmals im November 1841 in das fertiggestellte Gebäude. Er bewohnte das Haus jedoch nur in den Wintermonaten, im Sommer zog es ihn weiterhin nach Schloss Biebrich.

1844 heiratete er die russische Prinzessin Elisabeth Michailowna, die Tochter von Michael Romanow (1798–1849), dem jüngeren Bruder der Zaren Alexander I. (Regierungszeit: 1801 bis 1825) und Nikolaus I. (Regierungszeit: 1826 bis 1855). Als seine Gemahlin am 27. Januar 1845 im Kindbett zusammen mit dem Kind starb, ließ er als Grabeskirche ihr zu Ehren die Russische Kapelle auf dem Neroberg errichten.

Während der Märzrevolution 1848 kam es vor dem Herzoglichen Schloss zu einem Volksaufstand. Am 4. März 1848 versammelte sich eine bis dato nicht für möglich gehaltene Menge von 30.000 aufgebrachten Bürgern auf dem Marktplatz, um die zuvor gestellten „Neun Forderungen der Nassauer“ (Volksbewaffnung, Pressefreiheit, Vereinsrecht, öffentliche Gerichtsverfahren, Versammlungsfreiheit etc.) zu bekräftigen, und riefen nach der Republik. Der eiligst aus Berlin herbeigerufene Herzog versprach in seiner Not, die Forderungen zu erfüllen. Obwohl er diese später teilweise zurücknahm, genoss er mit längerer Regierungszeit ein immer größeres Ansehen in der Bevölkerung.

Im Preußisch-Österreichischen Krieg von 1866 schlug sich Nassau zusammen mit Kurhessen, Hessen-Darmstadt, Bayern, Hannover, Sachsen und anderen auf die Seite der Österreicher. Nachdem der preußische Sieg durch den Prager Friedensvertrag besiegelt war, wurde Nassau – wie auch alle anderen unterlegenen Staaten nördlich des Mains – annektiert und Herzog Adolf abgesetzt. Er lebte zunächst als Privatmann in Wien und in seinem Schloss Hohenburg bei Lenggries, bevor er 1890 nach dem Aussterben der dortigen Monarchie als nächster Verwandter Großherzog von Luxemburg wurde. Er begründete damit das Herrschergeschlecht derer von Luxemburg-Nassau und regierte bis zu seinem Tod am 17. November 1905 im Großherzogtum. Bis heute pflegt die Stadt Wiesbaden ein freundschaftliches Verhältnis zu Luxemburg.

Preußisches Residenzschloss (1866–1918) mini|hochkant|Kaiser Wilhelm II. war häufiger Gast im Schloss. Er ärgerte sich über das laute Markttreiben auf dem Schlossplatz und sorgte dafür, dass der Markt auf die andere Seite des Neuen Rathauses verlegt wurde. Nach der Absetzung des Herzogs war das Schloss seiner Funktion als nassauische Residenz beraubt. Die preußischen Könige, welche nun Eigentümer waren, erkannten den Wert der Immobilie in zentraler Lage der aufstrebenden und eleganten Kurstadt. Sie nutzten die Räumlichkeiten fortan bei ihren Aufenthalten in Wiesbaden, um mit ihrem Hofstaat hier einzuziehen. Wilhelm I., seit 1861 König von Preußen und ab 1871 deutscher Kaiser, verweilte mehrmals im Schloss. In seiner Regierungszeit entstand die nach ihm benannte angrenzende Kaiser-Wilhelms-Heilanstalt, die 1871 als Militärhospital eröffnet wurde.

Sein Enkel Kaiser Wilhelm II. machte Wiesbaden und das Stadtschloss schließlich zu seiner regelmäßigen „Mai“-Residenz: Er war zusammen mit seinen Bediensteten und einigen seiner Familienangehörigen oft mehrmals im Jahr zu Gast, beispielsweise im Jahr 1897 gleich dreimal. Ihm gefiel es in der Stadt so sehr, dass er ihre Entwicklung maßgeblich förderte. Wiesbaden erlebte in dieser Zeit einen großen Aufschwung, wurde zur „Kaiserstadt“ und hatte um die Jahrhundertwende die meisten Millionäre Deutschlands. Die Bevölkerungszahl stieg von 35.500 im Jahr 1871 auf 109.002 im Jahr 1910. Zahlreiche wichtige repräsentative Bauten entstanden, darunter das Hoftheater (1894), das Kurhaus (1907) und der Hauptbahnhof (1906). Bereits 1896 waren dem Kaiser zu Ehren die Internationalen Maifestspiele ins Leben gerufen worden.

Museumssitz (1918–1946) Mit Beginn des Ersten Weltkrieges 1914, spätestens aber mit dem Ende des Kaiserreichs 1918 war Wiesbadens große Zeit als Weltkurstadt vorbei. Das Schloss hatte als repräsentative Residenz ausgedient; nach dem Sturz der Monarchie und der Abschaffung des Adels gab es keinen Regenten mehr, der in dem Gebäude residieren konnte. Nach der Novemberrevolution erfuhr das Schloss unterschiedliche Nutzungen. Zunächst zog 1918 der Arbeiter- und Soldatenrat ein. Später war es Verwaltungsgebäude des französischen Oberkommandos und ab 1925 der britischen Armee. Nach Abzug der Besatzungstruppen kam das Schloss 1930 in Besitz der preußischen Schlösserverwaltung und wurde zum Museum. Während des Zweiten Weltkrieges nahm das Generalkommando der Wehrmacht das Gebäude in Besitz. Obwohl das Schloss durch den Luftangriff vom 2. Februar 1945 beschädigt wurde, überstand es zu Großteil unbeschadet den Krieg. Der verursachte SchadenBeschädigtes Schloss ca. 1945 wurde später nicht fachgerecht repariert, so dass unbemerkt Feuchtigkeit eindringen und der Hausschwamm sich ausbreiten konnte, was erst 2008 entdeckt wurde.Bauarbeiten am Wiesbadener Schloss kommen voran

Sitz des Hessischen Landtages (seit 1946) mini|Tafel an der Fassade des Schlosses Nach dem Zweiten Weltkrieg zog in das teilweise zerstörte Schloss zunächst das Alliierte Oberkommando ein. Nachdem Wiesbaden 1946 Hauptstadt des neuen Landes Hessen wurde, wurde das Schloss zum Sitz des Hessischen Landtags auserkoren. Am 1. Dezember 1946 tagte hier erstmals der neu zusammengetretene Landtag, zunächst im größten Saal des Hauses, dem Musiksaal. In den Jahren 1960 bis 1962 wurde die ehemalige Reithalle im Innenhof abgerissen und an ihrer Stelle ein neues Plenargebäude errichtet. Im gleichen Zuge wurden für rund 2,5 Millionen D-Mark auch die historischen Schlossräume restauriert und an die Anforderungen des neuen Parlamentsbetriebs angepasst. Dies beinhaltete u. a. den Abbruch des Violetten Kabinetts, einen großen Durchbruch von der Rückwand des Musiksaals in das neue Plenargebäude und ein kleiner Durchbruch vom Roten Gesellschaftszimmer zum Präsidium im neuen Plenarsaal.

Die erhalten gebliebenen historischen Räume des Schlosses werden seitdem als repräsentativer Rahmen bei Empfängen und sonstigen Veranstaltungen genutzt, im übrigen Gebäude wurden Räumlichkeiten für die Landtagsverwaltung und Fraktionen geschaffen. Im Untergeschoss des Mittelbaus, dort wo sich früher der Marstall befand, ist die Landtags-Kantine untergebracht.

1965 besuchte die britische Königin Elisabeth II. bei ihrem Aufenthalt in Wiesbaden auch das Schloss.

Unter anderem aufgrund des weit ausgebreiteten Hausschwammes (siehe oben) wird der wesentliche Teil das Stadtschlosses seit Herbst 2017 grundlegend saniert. Dabei wurde zunächst unter einem Schutzdach die bisherige Dachkonstruktion abgetragen. Um das zeitweise aufgestellte Baugerüst wurde eine mit der historischen Fassade bedruckte Plane gespannt, um die Ansicht zu bewahren. Zu Beginn der Baumaßnahme war eine Fertigstellung Ende 2020 und Kosten von 18,1 Millionen Euro anvisiert worden. Im Rahmen der Sanierung wurden im Frühjahr 2025 erhöhte Bleiwerte auf der Baustelle festgestellt.

Zu den weiteren Gebäuden des Landtags siehe Hessischer Landtag #Gebäudekomplex.

Architektur

Äußeres mini|Das Stadtschloss bei Nacht (2006) Das klassizistische Schloss besteht aus einer äußerlich schlichten, aber eleganten dreistöckigen Zweiflügelanlage, die in stumpfem Winkel zueinander angeordnet sind. Sie fügen sich nahtlos in die umgebende Bebauung ein und sind deswegen nicht ohne weiteres als Schloss zu erkennen. Markantestes architektonisches Merkmal ist die Ausführung der verbindenden Ecke zwischen den beiden Flügeln, welche in Form eines Zylinder-Ausschnitts aus diesen heraustritt. Hier ordneten die Baumeister Georg Moller und Richard Goerz den Haupteingang an. Jeweils drei Säulen beidseits desselben tragen dabei einen Balkon im ersten Obergeschoss, der um diesen Zylinder-Ausschnitt herumführt. Anstelle des Mittelfensters im zweiten Obergeschoss ist das Wappen des Hauses Nassau angebracht. Die Fassaden der beiden Seitenflügel sind weiß verputzt. Lediglich die Gesimse unterhalb des ersten und oberhalb des zweiten Obergeschosses sowie die Fensterkrönungen insbesondere im ersten Obergeschoss sind aufwändiger gestaltet und heben sich mit ihrer grauen Farbe von der restlichen weißen ab. Oberhalb des abschließenden Dachgesimses sind kleinere Fenster angeordnet, hinter denen sich die Dienstbotenräume befanden.