Operation Rolling Thunder (deutsch: Donnergrollen) war die erste große Luftoffensive der amerikanischen und südvietnamesischen Luftwaffe gegen Ziele in Nordvietnam und Laos. Die Bombardierung ausgewählter Ziele sollte die Infiltration nordvietnamesischer Soldaten in den Süden unterbrechen, die Wirtschafts- und Militärmacht des Landes zerstören, dem Saigoner Regime Selbstvertrauen einflößen und Hanoi zur Annahme der amerikanischen Bedingungen zwingen.
Zunächst konzentrierten sich die Angriffe auf Ziele in unmittelbarer Nähe der demilitarisierten Zone, bewegten sich aber im Verlauf des Jahres 1966 schrittweise nach Norden. Auch der sogenannte Hồ-Chí-Minh-Pfad in Laos wurde nach und nach immer stärker bombardiert. Der militärische Nutzen des Bombardements ist umstritten, da Nordvietnam ein agrarisch geprägtes Land war, das kaum über eine nennenswerte Industrie verfügte. Obwohl es Mitte 1966 praktisch keine relevanten Ziele mehr gab, hielten die Amerikaner an der Luftoffensive fest. Der Republik Vietnam gelang es jedoch, die Schäden im eigenen Land zu begrenzen und die taktische Initiative beizubehalten. Nach der Tet-Offensive wurde die Luftoffensive abgebrochen. Die USA und Nordvietnam hatten sich mittlerweile auf Verhandlungen geeinigt, obwohl auf beiden Seiten noch kein echter Wille zu Kompromissen vorhanden war.
Bisheriger Kriegsverlauf Eskalation mini|(v. l. n. r.) Lyndon B. Johnson, General William Westmoreland, Nguyễn Văn Thiệu und Nguyễn Cao Kỳ Im Verlauf des Jahres 1964 gelang es der Nationalen Volksbefreiungsfront (NLF) und der Nordvietnamesischen Volksarmee immer mehr, die Kontrolle über Südvietnam zu erlangen. Trotz massiver amerikanischer Militär- und Wirtschaftshilfe wurde die Lage für das südvietnamesische Regime immer aussichtsloser. Während einiger größerer Schlachten, wie die bei Binh Gia, Dong Xoai und Ba Gia, konnten die Aufständischen einige Siege über Einheiten der ARVN erringen. Auch die amerikanischen Militärberater wurden immer öfter das Ziel von Angriffen, wie z. B. bei den Bombenattentaten auf das Saigoner Filmtheater Kapitol oder das Hotel Brink,Frey: Geschichte des Vietnamkriegs. 2010, S. 118 im Februar 1965 betrug ihre Anzahl bereits 23.300. Doch trotz aller Bemühungen stand das Regime militärisch kurz vor dem Zusammenbruch. Die Bodentruppen der ARVN waren vorwiegend damit beschäftigt, unzählige Brücken, Stadteinfahrten, Wirtschaftsobjekte, Dörfer und Straßen zu beschützen. Mittlerweile beliefen sich ihre Verluste auf fast 12.000 Mann monatlich, die durch Tod, Verwundung oder Desertion verloren gingen. Auch politisch war das Land fast am Ende. Nach dem Putsch gegen Ngo Dinh Diem 1963 gelang es Saigon nicht, eine stabile und vom Volk anerkannte Regierung zu bilden. Am 18. Februar 1965 putschten sich die drei jungen Generäle Nguyễn Cao Kỳ, Nguyễn Văn Thiệu und Nguyễn Chánh Thi unblutig an die Macht. Dies war bereits der achte Putsch des Offizierskorps nach dem Tode Diệms am 3. November 1963.
Beginn der Luftangriffe Bis zu diesem Zeitpunkt hatten die Amerikaner auf Luftangriffe gegen Nordvietnam weitgehend verzichtet. Die Aktionen gegen das Land beschränkten sich vor allem auf einige durch die CIA organisierte Sabotageakte von Amerikanern und Südvietnamesen, Flugblattaktionen und geheime Luftüberwachung. Doch insgeheim begann man schon mit detaillierten Planungen zur Bombardierung Nordvietnams. Zahlreiche hohe Militärs forderten schon seit langer Zeit eine ausgedehnte Luftkampagne, um, so Luftwaffengeneral Curtis E. LeMay, Nordvietnam „in die Steinzeit zurückzubomben“ und der vermeintlichen Invasion jede Grundlage zu entziehenFrey: Geschichte des Vietnamkriegs. 2010, S. 115 Bisher wurden vor allem Ziele entlang des Hồ-Chí-Minh-Pfades in Laos von dem amerikanischen Bombardement getroffen. Doch die Ereignisse im Golf von Tonkin Anfang August 1964 boten Washington einen willkommenen Anlass, Hanoi seine Entschlossenheit zu demonstrieren. Dort wurde am Nachmittag des 2. August der amerikanische Zerstörer Maddox von nordvietnamesischen Torpedobooten angegriffen (Tonkin-Zwischenfall). Das Schiff befand sich auf einer Aufklärungsfahrt zur Beobachtung feindlicher Radaranlagen. Am Tag zuvor kam es zu einigen Angriffen gegen Anlagen auf den nordvietnamesischen Inseln Hòn Mê und Hòn Ngư. Den Führern in Washington war durchaus bewusst, was die Nordvietnamesen zu den Angriffen veranlasst hatte. Dennoch wurde der Vorfall von Präsident Johnson öffentlich als militärische Provokation eingestuft. Anstatt das Schiff abzuziehen, suchte Washington die Konfrontation und beorderte den Zerstörer Turner Joy an den Ort des Geschehens. In der Nacht des 4. August meldeten beide Schiffe Feindbeschuss und erwiderten das Feuer. Aus diesem Grund entschlossen sich die amerikanischen Führer zu den ersten offenen Luftangriffen auf Nordvietnam. Einige weitere Meldungen, die auf ungünstige Wetterverhältnisse und eventuell falsche Radarmeldungen verwiesen, wurden kurzerhand ignoriert. Am 5. August stiegen Bomber der 7. US-Flotte zu Angriffen auf nordvietnamesische Marinebasen und Treibstofflager auf.Frey: Geschichte des Vietnamkriegs. 2010, S. 104
mini|Zwei Jagdbomber des Typs A-4 Skyhawk über dem Golf von Tonkin im August 1964 Über das, was sich zu dieser Zeit im Golf von Tonkin abspielte, gab es eine sehr lange Diskussion. Doch nach jahrelanger Forschung kann nun mit Sicherheit bestätigt werden, dass es einen zweiten nordvietnamesischen Angriff nie gegeben hat. Zwar wurde der Vorfall von den Amerikanern nicht von langer Hand vorbereitet, doch er eignete sich als Vorwand, um endlich mit den seit langem geplanten Luftangriffen zu beginnen. Am 7. August passierte die berüchtigte und bereits Wochen vorher verfasste „Golf-von-Tonkin-Resolution“ den Kongress ohne Gegenstimme. Diese Resolution ermächtigte Präsident Johnson, „alle notwendigen Maßnahmen zu ergreifen, um die Angriffe zurückzuschlagen und künftige Aggressionen zu verhindern“. Den Volksvertretern wurden die kurz vor den Vorfällen ausgeführten amerikanischen Angriffe auf die Inseln wohlweislich verheimlicht. Da einige Senatoren Sorgen auf Grund des vagen Wortlauts und des weitreichenden Charakters der Resolution hatten, versicherte Johnson, er werde das ihm zugebrachte politische Vertrauen nicht missbrauchen. Doch schon sehr bald bildete die Resolution keine parlamentarisch sanktionierte Grundlage mehr, allein für isolierte Aktionen, sondern diente als Begründung und Rechtfertigung der amerikanischen Kriegspolitik insgesamt. Mit ihr wurden die Entsendung hunderttausender Soldaten und die Verwüstung Nord- und Südvietnams begründet. Nicholas Katzenbach, der Unterstaatssekretär im Außenministerium war, bezeichnete die Resolution treffend als das „funktionale Äquivalent einer Kriegserklärung“.Frey: Geschichte des Vietnamkriegs. 2010, S. 105
Doch trotz der Resolution und dem Drängen hoher Militärs kam es vorerst zu keinen Angriffen gegen Nordvietnam. Im Gegensatz zu vielen seiner Berater steuerte Johnson nicht leichtfertig auf einen Krieg mit Nordvietnam zu. Doch in den folgenden Monaten wurde die Lage in Südvietnam immer chaotischer und die Alliierten gerieten zunehmend unter Druck.Frey: Geschichte des Vietnamkriegs. 2010, S. 117 Am 7. Februar 1965 kam es zu einem Überfall der NLF auf eine amerikanische Helikopterbasis bei Pleiku im zentralen Hochland. Um 2:00 Uhr morgens geriet die Basis überraschend unter Mörserbeschuss. In dem folgenden Chaos explodierten einige Treibstofflager, durch Sprengladungen wurden außerdem 11 Hubschrauber und Flugzeuge zerstört. Acht Amerikaner fanden dabei den Tod, 128 wurden verletzt. Einige Tage vor dem Angriff entsandte der noch immer unentschlossene Präsident Johnson seinen Sicherheitsberater McGeorge Bundy nach Saigon. Als dieser von dem Angriff erfuhr, begab er sich, zusammen mit General Maxwell Taylor, zu dem Hauptquartier von General William Westmoreland, telefonierte von dort aus mit dem Weißen Haus und empfahl Vergeltungsangriffe auf Nordvietnam. Am Nachmittag des 7. Februar, im Zuge der Operation Flaming Dart, flogen 45 Jagdbomber der Flugzeugträger Hancock, Coral Sea und Ranger Angriffe auf nordvietnamesische Baracken bei Dong Hoi, oberhalb der DMZ. Ein A-4C-Jagdbomber wurde während der Operation abgeschossen und die nordvietnamesische Armee gab bekannt, dass sie die Leiche des Piloten Edward A. Dickson bergen konnte.Prados: The Blood Road. 2000, S. 95
Drei Tage später wurden bei einem Bombenanschlag der NLF auf amerikanische Unterkünfte bei Quy Nhơn 23 amerikanische Berater getötet und 21 verwundet. Im Zuge dieser Entwicklungen verfügte Johnson den Beginn einer zeitlich unbefristeten Luftoffensive gegen Nordvietnam. Die Operation Rolling Thunder begann. Wie bereits im August des vergangenen Jahres vermied es die US-Regierung, die Bevölkerung über die Tragweite der Entwicklungen voll zu informieren. Regierungssprecher spielten die Entscheidungen herunter und versicherten, dass es sich bei den Luftangriffen nur um Vergeltungsaktionen handele, mit denen man auf die Aggressionen Hanois reagiere. Die Tatsache, dass die Operation keine isolierten Vergeltungsschläge beinhaltete, sondern eine Luftoffensive ohne zeitliche Begrenzung war, wurde nicht eingestanden.
Der Luftkrieg über Nordvietnam und Laos Donnergrollen Der amerikanische Oberbefehlshaber im Pazifik, Admiral Ulysses S. Grant Sharp, forderte die ersten großangelegten Luftangriffe für den 20. Februar. Doch auf Grund von Unruhen in Saigon wurden die Angriffe auf den 2. März verschoben. Die Verzögerungen frustrierten Sharp und waren die ersten von unzähligen noch kommenden Meinungsverschiedenheiten zwischen den hohen Militärs in Saigon auf der einen und den zivilen Entscheidungsträgern in Washington auf der anderen Seite.Prados: The Blood Road. 2000, S. 96 Von Anfang an gab es unterschiedliche Meinungen darüber, wie die Luftkampagne ausgeführt werden sollte. Präsident Johnson schreckte vor der totalen Zerstörung Nordvietnams aus der Luft zurück. Die Gefahr einer eventuellen chinesischen oder gar sowjetischen Intervention war zu hoch. Anfang April 1965 sandte der chinesische Außenminister Zhōu Ēnlái eine Botschaft an Präsident Johnson. Darin hieß es, dass China keinen Krieg mit den Vereinigten Staaten beginnen wolle, doch wenn er käme, wäre Peking darauf vorbereitet. Die USA werden sich nicht zurückziehen können und keine Politik der Bomben werde daran etwas ändern. „Wir würden uns ohne zu zögern erheben und bis zum Ende kämpfen... Wenn der Krieg erst einmal ausgebrochen ist, wird es keine Grenzen mehr geben.“Prados: The Blood Road. 2000, S. 124
mini|Vier Republic F-105 Thunderchiefs werden von einem Douglas B-66-Bomber angeführt
Aus diesem Grund schuf die amerikanische Administration ein ausgeklügeltes Bewertungssystem, mit dessen Hilfe vermeintlich wichtige militärische Ziele in Nordvietnam zur Bombardierung ausgewählt wurden. Jede Liste mit Zielen wurde ein oder zwei Mal pro Woche in einer komplizierten Kommandokette dem Verteidigungsministerium, dem Staatsministerium, dem Weißen Haus und oftmals auch dem Präsidenten persönlich übermittelt, damit über Stärke, Richtung und sogar Flughöhe der Angriffe bestimmt werden konnte.Spector: After Tet: The Bloodiest Year in Vietnam. 1993, S. 12 In erster Linie sollten die Luftschläge den Gegner in seiner Psyche beeindrucken. Sie sollten Hanois Willen brechen und zur Annahme der von den Amerikanern diktierten Bedingungen zwingen. „Die Art und Weise der Angriffe war so geschaffen, um sich die Optionen offen zu halten, sie fortzuführen oder nicht, zu eskalieren oder nicht, die Geschwindigkeit zu erhöhen oder nicht, je nachdem wie Nordvietnam reagiert. Das "Zuckerbrot" des Bombenstopps war genauso wichtig wie die "Peitsche" der Fortführung und Bombenpausen sorgten für dieses Gleichgewicht.“Spector: After Tet: The Bloodiest Year in Vietnam. 1993, S. 12–13