Die Lokalbahn Mödling–Hinterbrühl war eine meterspurige elektrische Lokalbahn. Die weitgehend straßenbündig trassierte – und daher oft auch als Straßenbahn bezeichnete – Verbindung war die erste elektrische Bahn in ÖsterreichIgnaz Konta: Geschichte der Eisenbahnen Oesterreichs vom Jahre 1867 bis zur Gegenwart. In: (Karl Prochaska): Geschichte der Eisenbahnen der österreichisch-ungarischen Monarchie. (Prachtausgabe). Band 1,2., Wien 1898, OBV, S. 294., und weltweit die erste elektrische Straßenbahn im engeren Sinn, welche einen Dauerbetrieb aufrecht hielt. Sie verlief im niederösterreichischen Bezirk Mödling von Mödling nach Hinterbrühl. Die 4,458 Kilometer lange Strecke wurde 1932 stillgelegt.

Geschichte

Anfang 1881 erteilte das k.k. Handelsministerium der Lokomotivfabrik Krauss & Comp. die Bewilligung, unter anderem für eine vom Linienwall in Wien über Hietzing, Lainz, Speising, Mauer, Liesing, Kalksburg, Rodaun, Perchtoldsdorf, Brunn a. G., Maria-Enzersdorf, Mödling und Vorderbrühl nach Hinterbrühl führende normalspurige Lokalbahnstrecke technische Vorarbeiten vorzunehmen.

Durch bei der Oberbehörde lancierte Einsprüche konnte die, in Konkurrenz zu Krauss stehende, private Südbahngesellschaft sich in der Folge den – in der Station Mödling an die Südbahn von Wien nach Triest anknüpfenden – Lokalbahnbau in die Hinterbrühl sichern. Eine weitere in der oben genannten Bewilligung der Südbahngesellschaft überantwortete Strecke war dabei die Kaltenleutgebener Bahn.

Anfang des Jahres 1882 verhandelte die Südbahngesellschaft mit Siemens & Halske über die Lieferung des elektrischen Teils der Bahn. Siemens hatte im Jahr zuvor die weltweit erste dauerhafte elektrische Straßenbahn Groß-Lichterfelde in Berlin errichtet (1881–1930). Die Bestellung sollte Anfang März 1882 erfolgen und der Betrieb bereits am 15. Juli desselben Jahres eröffnet werden. Der tatsächliche Verfahrensverlauf gab jedoch Siemens & Halske bis zum Sommer 1883 Zeit zur Vorbereitung für den Bau von StromerzeugernAls Stromerzeuger wurden anstelle der ursprünglich geplanten acht Maschinen mit 1000 Umdrehungen pro Minute vier Maschinen mit jeweils 400 Umdrehungen pro Minute gewählt. Sie hatten Compoundwicklung mit Kreuzschaltung und lieferten eine Spannung von 450 Volt und eine Stromstärke von je 18 A. Die Motoren waren für eine größte Leistung von 12,5 PS gebaut. Die Übertragung erfolgte durch Zahnräder und Zwischenwelle. Das Wagengewicht betrug vier Tonnen, die Kapazität 30 Fahrgäste und die Geschwindigkeit 15 km/h. – Siehe: Thomälen: Elektrische Bahnen, S. 57., fünf Motorwagen sowie die Lieferung aller Bestandteile der röhrenförmigen Oberleitung, die mit Unterstützung eines Ingenieurs von Siemens & Halske montiert werden würde.Thomälen: Elektrische Bahnen, S. 57.

Infolge eines an das k. k. Handelsministerium gerichteten Ansuchens einer ersten behördlichen Begehung der projektierten Strecke wurde mit 23. August 1882 die Concessionsurkunde für eine Eisenbahn von Mödling nach Vorderbrühl [...] eventuell nach Hinterbrühl, angekündigt in: zu Gunsten der priv. Südbahngesellschaft ausgestellt.

Mit Erlass vom 6. Oktober 1882 genehmigte das k. k. Handelsministerium das gemäß § 5 der Konzessionsurkunde vorgelegte Detailprojekt grundsätzlich; von der k. k. Statthalterei wurde für 17. November 1882 die politische Streckenbegehung festgelegt und deren Ergebnis im Hinblick auf Baugenehmigung vom Handelsministerium im Frühjahr 1883 zur Kenntnis genommen. Im Juni desselben Jahres wurden dem Handelsministerium diverse baurelevante Pläne, unter anderem auch der Geleiseplan der Station Mödling, vorgelegt, welche die Zustimmung der Oberbehörde fanden.Von der Genehmigung der Geleisepläne für die Haltestelle Klausen sowie die Station Vorder-Brühl wurde noch kurz vor der Teilstreckeneröffnung berichtet. – Siehe:

Die Genehmigung für diesen Betrieb war nicht leicht zu bekommen, da es bis dahin weltweit außer der Straßenbahn Lichterfelde–Kadettenanstalt in Berlin noch keinen dauerhaften elektrischen Bahnbetrieb gab, obwohl in St. Petersburg die erste Strecke von Fjodor Pirozki und kurz vor Mödling die Volk’s Electric Railway gebaut worden waren.

Aus Rücksicht auf das steigende Transportaufkommen in das Ausflugsgebiet in dem engen Tal wurde aber die Genehmigung erteilt. Im Straßenbereich durfte jedoch nur mit einer Höchstgeschwindigkeit von zehn Kilometer pro Stunde gefahren werden, wenn auch, insgesamt, bereits zwei Wochen nach Betriebseröffnung die Fahrgeschwindigkeit beschleunigt wurde.

1883 wurde die Linie von der Südbahngesellschaft vorerst bis in die Vorderbrühl, einem heutigen Ortsteil Mödlings, erbaut, die Eröffnung einer Teilstrecke für 15. August 1883 in Aussicht genommen.Zu Beginn des Monats der Eröffnung der Teilstrecke bis Klausen wurde von der Verwaltung der Südbahn eingeräumt, dass die Verzögerung in der Fertigstellung beziehungsweise Freigabe des Abschnitts Klausen – Vorderbrühl auf die von mehreren Grundstückseigentümern erhobenen Einsprüche zurückzuführen sei. – Siehe: mini|links|250px|Streckenverlauf mit Stationen 1883/1885 sowie 1932 bei Betriebsende Am 25. September 1883 konnte unter der Leitung des bei Siemens & Halske Projektverantwortlichen, Carl Frischen, eine Probefahrt mit einem einzigen Wagen auf einem Drittel der Strecke stattfinden, am 18. Oktober 1883 fand auf der 1,7 Kilometer langen Strecke eine Probefahrt im Beisein von Vertretern der Behörden statt; Fahrtdauer: sechs Minuten. Zur Eröffnung der Teilstrecke Mödling–Klausen der ausschließlich dem Personenverkehre dienenden Localbahn Mödling–Vorderbrühl mit elektrischem Betriebe am 22. Oktober 1883 wurde von der Generaldirektion der Südbahn vorab eine Kundmachung erlassen, mit welcher alle Fahrpreise im Hinblick auf die Zeit nach Inbetriebnahme der ganzen Bahn, also bis Vorderbrühl, publiziert wurden. Kurze Zeit nach der am 6. April 1884 erfolgten Freigabe der Strecke Klausen – Vorderbrühl gestattete das Handelsministerium hinsichtlich etwaiger auf Antriebstechnik und bzw. oder Fahrzeugkapazitäten zurückzuführender Unterbrechungen oder Störungen die aushilfsweise Anwendung des Locomotivbetriebes, wobei u. a. die Zugmaschine einen lichten Anstrich zu erhalten habe, da Pferde vor demselben erfahrungsgemäß weniger scheuen.

Gemäß neuer Fahrordnung verkehrten ab 25. Juni 1885 zwischen Mödling und Vorderbrühl täglich in jeder Richtung 35 Züge, die möglichst kurze Anschlüsse an die auf der Südbahn von Wien kommenden wie nach Wien abgehenden Localzüge bieten sollten. Noch 1885 wurde die Strecke bis in die Hinterbrühl verlängert.

Die eingleisige Strecke mit Ausweichen verlief auf einer Trasse entlang des Mödlingbachs durch die Klausen. Wegen des beengten Raumes war sie teilweise ähnlich einer Straßenbahn geführt.

mini|Weiche einer Schlitzrohrfahrleitung der FOTG

Die Bahn war von Anfang an voll elektrifiziert. Im Gegensatz zur heute üblichen Stromversorgung von Eisenbahnen wurden über dem Gleiskörper zwei geschlitzte Rohre als Stromführung an Seilen befestigt (Schlitzrohrfahrleitung). In den Rohren gleitende Metallschiffchen mit isolierten Kabeln dienten als Stromabnehmer. Drei Lokomobile samt vier Dynamo-Maschinen erzeugten 550 Volt Gleichspannung, die Zuleitung des Stromes erfolgt von der auf dem Bahnhofe in Mödling erbauten Centralstation.

mini|links|250px|Reserve-Dampflok mini|links|250px|Triebwagen der zweiten Generation 1903 mini|Streckenverlauf um 1888 mini|Fahrpläne aus den ersten vier Betriebsjahren 1883–1886 mini|Ein Zug () in der Klausen, nach 1900Der im Stadtpark den Mödlingbach auf einem Steg querende Weg führte zum (links außerhalb des Bildes gelegenen) Sommertheater (1875–1913). Der Steg lag zwischen den Haltestellen Adlerbrücke (Blickrichtung) und Klausen und war selbst nie Haltestelle. – Hohn: Mödling–Hinterbrühl, S. 104, Streckenskizze.

Die ersten Trieb- und Beiwagen der Type SB Tw 1-15 besaßen nur 18 Sitz- und zwölf Stehplätze und hatten aufgrund der engen Kurven einen Achsabstand von nur eineinhalb Metern. Als Federung waren nur Gummipuffer vorgesehen, Blattfedern wurden noch nicht eingesetzt. Der Elektromotor befand sich in der Mitte des Triebwagens. Als Bremsen wurde schon eine frühe Form der Luftdruckbremsen (sogenannte Zweiwagen-Hardybremse) für alle Wagen verwendet. Durch die über Gelenkwellen gekuppelten Kurbeln an den Wagenenden wurde der unter dem Wagenboden liegende Fahrschalter bedient, somit konnte erstmals der Zug auch vom Beiwagen aus gesteuert werden.

Es wurde zwar eine Dampflokomotive vom Typ SB M als Reserve bereitgestellt, diese wurde aber, da es mit der Stromversorgung keine Probleme gab, vorerst nur für Bauzüge eingesetzt und später nach Slawonien weiter vermietet und schließlich verkauft.

Anders als die eine Flusstalschaft weiter südlich gelegene und häufig zu Vergleichen herangezogene elektrische Bahn Baden – Rauhenstein (Helenental) beziehungsweise Baden – Vöslau verkehrte die Lokalbahn Mödling – Hinterbrühl, bei beträchtlichem Aufwand, auch während der Wintermonate.

Mit 1. Jänner 1903 sollte die Elektrizitäts-Gesellschaft „Union“ von der Südbahngesellschaft, gegen Bezahlung einer fixen Rente auf Konzessionsdauer, die Bahntrasse Mödling–Hinterbrühl übernehmen. Damit vertraglich verbunden wäre, bei einer Investitionssumme von 700.000 Kronen, die vollständige Modernisierung der Betriebsmittel sowie die Vermehrung des Betriebs gewesen. Der Kontrakt kam jedoch wegen Unannehmbarkeit von regierungsseitig gestellten Bedingungen nicht zustande.

1903 wurde die Bahn dennoch von der Südbahn komplett umgebaut und die Stromversorgung auf die bis heute übliche Bauweise mit einem Fahrdraht und Rückleitung über die Schienen umgestellt. Auch die Generatoren wurden auf zwei 100 PS starke Maschinen mit Gasfeuerung umgestellt. Der Unterbau wurde verstärkt, sodass die neuen Wagen bereits einen Achsabstand von drei Metern sowie 21 Sitz- und 24 Stehplätze aufwiesen. Die Züge fuhren zu Spitzenzeiten im Sieben-Minuten-Takt.

Bereits 1912 hatten sich die Investitionen amortisiert, und die Bahn fuhr mit Gewinn. Mit Frühsommer 1914 erwuchs der Bahn die erste Konkurrenz: eine von der Oesterreichischen Motor-Omnibusgesellschaft zwischen Wiener Neudorf und Vorderbrühl geführte Buslinie, die als weiteren Vorteil die Verbindung von Wiener Lokalbahn und Südbahn bot.

Nach dem Ersten Weltkrieg übernahmen die Österreichischen Bundesbahnen (damals BBÖ) den Betrieb, die Betriebsausgaben stiegen sprunghaft an. Auch die Anzahl der Fahrgäste stieg stetig und erreichte 1926 mit einer knappen Million die höchste Anzahl seit Bestehen.

Im Jahr 1927 richtete jedoch die LOBEG (Lastwagen und Omnibus-Betriebs-Gesellschaft) einen Autobusdienst auf derselben Strecke ein. Die Folge war ein gegenseitiges Unterbieten der Tarife, das die Rentabilität beider Verkehrsmittel unmöglich machte. Die durchschnittlichen Einnahmen der „Elektrischen“ betrugen nur mehr 16 Groschen je Fahrgast, und die Frequenz sank auf fast die Hälfte. Gegenüber der Vorkriegszeit sanken die Betriebseinnahmen um 60 Prozent; allerdings hatte auch die LOBEG um ihren Bestand zu kämpfen, da das Verkehrsaufkommen in dieser Zeit eben für zwei parallel verlaufende Verkehrsmittel doch zu schwach war. Die BBÖ wollte den Betrieb der Mödling-Hinterbrühler Straßenbahn, wie sie jetzt auch bezeichnet wurde, aber aufrechterhalten. 1931 kaufte sie die LOBEG auf und erwog, die parallel zur Bahn verlaufenden Kraftwagenlinien einzustellen; der Bahnbetrieb sollte erhalten, eine wirtschaftliche Gesundung durch Neuanschaffung moderner Fahrbetriebsmittel erreicht werden.Figlhuber: Die elektrische Bahn, S. 28.