mini|Papyrus des Artemidor von Ephesos aus dem Museo Egizio in Turin (ca. 25 vor Chr. bis ca. 50 nach Chr., als mögliche moderne Fälschung in der Diskussion)
Artemidor von Ephesos (, lateinisch Artemidorus; * in Ephesos) war ein griechischer Politiker und Geograph des späten Hellenismus, der um die Wende vom 2. zum 1. Jahrhundert v. Chr. wirkte. Er gilt noch vor dem in augusteischer Zeit schreibenden Isidoros von Charax als der bedeutendste Fachgeograph der Antike.Klaus Günther Sallmann: Die Geographie des älteren Plinius in ihrem Verhältnis zu Varro (= Untersuchungen zur antiken Literatur und Geschichte. Band 11). Verlag Walter de Gruyter, Berlin/New York 1971, S. 60.
Leben Artemidor entstammte der Oberschicht der kleinasiatischen Polis Ephesos; sein beruflicher Lebensweg führte ihn in die Politik. In der Eigenschaft eines Gesandten seiner Heimatstadt besuchte er unter anderem Rom. Das Römische Reich wurde zu dieser Zeit im östlichen Mittelmeerraum immer einflussreicher, und so war nach 133 v. Chr. auch Ephesos zusammen mit dem Pergamenischen Reich durch das Testament des letzten Königs, Attalos III., an die Römer gefallen und gehörte fortan zur Provinz Asia. In Rom war es Artemidors Aufgabe, für die Stadtkasse von Ephesos den nahegelegenen Selenusischen See mit einem Nebensee zurückzugewinnen. Bereits unter den Attaliden von Pergamon waren der Stadt durch den Entzug dieser Gewässer große Geldsummen entgangen; im Zuge der römischen Machtübernahme fielen die Seen zwar an die Stadt zurück, doch mächtige römische Steuerpächter hatten das Gebiet anschließend gewaltsam unter ihre Kontrolle gebracht. Die Verhandlungen in Rom gestalteten sich erfolgreich, und Ephesos erhielt die Gewässer zurück. Während einer anderen Gesandtschaft konnte Artemidor in einem Prozess den Standpunkt von Ephesos gegenüber dem sich selbständig machenden Gebiet von Herakleia durchsetzen,Stefan Radt (Hrsg.): Strabons Geographika. Band 4, Buch XIV–XVII: Text und Übersetzung. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2005, ISBN 3-525-25953-0, S. 27. wofür er in seiner Heimatpolis gebührend geehrt wurde.Johannes Engels: Augusteische Oikumenegeographie und Universalhistorie im Werk Strabons von Amaseia (= Geographica Historica. Band 12). Franz Steiner Verlag, Stuttgart 1999, ISBN 3-515-07459-7, S. 221.
In Form von ausgedehnten Reisen lernte Artemidor viele Anrainerländer des Mittelmeers kennen. Auf Grundlage dieses Periplus verfasste er möglicherweise um 100 v. Chr. eine Darstellung Ioniens (Ionika hypomnemata) sowie sein Hauptwerk, die Geographoumena, eine Beschreibung der damals bekannten Welt in elf Büchern. Die Geographoumena beruhten nicht ausschließlich auf der Verarbeitung älterer Literatur und der Autorität kanonisierter Autoren, sondern zu einem beträchtlichen Teil auf Autopsie, lassen sich demnach methodologisch dem antiken Empirismus in der Tradition des Aristoteles zuordnen. Sie standen aber nicht in der Tradition der wissenschaftlichen Länderkunde des Eratosthenes (276/273 – um 194 v. Chr.), sondern orientierten sich an der von Polybios (um 200 – um 120 v. Chr.) begründeten pragmatischen Tradition, die dieser im zweiten Teil seines Hauptwerks Historíai darlegt. Wissenschaft sollte danach kein Selbstzweck sein, sondern – möglichst ausgehend von eigenem Erleben und Augenschein des Verfassers – als Handlungsorientierung praktischen Zwecken dienen. Wahrscheinlich war auch das vollständig verlorene historische Werk des Artemidor in dieser Tradition verfasst.
Werk Überlieferung Artemidors Schrifttum ist vor allem durch Zitate in den Werken anderer antiker Autoren bekannt. Ansonsten hätte die Forschung kaum Fassbares zu diesem Gelehrten besessen. Denn bis zur Entdeckung eines sekundär verwendeten Papyrus im ausgehenden 20. Jahrhundert, der heute im Museo Egizio von Turin liegt,Vgl. Eintrag in der Datenbank Trismegistos. dessen Echtheit allerdings auch zwölf Jahre nach der Editio princeps (Erstedition) durch die beiden Papyrologen Claudio Gallazzi und Bärbel Kramer sowie den Archäologen Salvatore Settis noch immer Gegenstand intensiv geführter Diskussion ist, war keine Abschrift eines seiner Werke erhalten geblieben. So stützte sich die neuzeitliche Geschichtsschreibung bei der Analyse der Arbeiten Artemidors hauptsächlich auf den in augusteischer Zeit schreibenden Strabon (* um 63 v. Chr. – nach 23 n. Chr.), dessen geographisches Werk weitgehend erhalten blieb. In diesem finden sich unter allen Schriften, die den Bücherverlust in der Spätantike überdauerten, die meisten Zitate seines älteren Kollegen. Auch spätere Autoren hatten eine Vorliebe für Artemidor. Unter anderem bringen die geographischen Schriften des älteren Plinius (um 23 – 79 n. Chr.) 17 Auszüge in lateinischer Sprache. Dem spätantiken Epitomator Markian von Herakleia lagen Artemidors Schriften vor. Er nennt dessen Periplus noch nach 500 Jahren als den klarsten und genauesten des Mittelmeers. In der Einleitung zu seinen Epitomen erwähnt Markian, dass Artemidor neben den geographischen Beschreibungen auch ausführliche ethnographische Exkurse einlegte. Da er diese Ausführungen als überflüssiges Beiwerk ansah, ließ sie Markian in seiner Zusammenfassung weg. Damit gingen auch diese Abschnitte der Geographoumena verloren. Eine weitere wichtige Quelle sind die fragmentarisch erhalten gebliebenen Auszüge des durch Stephanos von Byzanz wohl im frühen 6. Jahrhundert n. Chr. verfassten Lexikons Ethnika.Johannes Engels: Augusteische Oikumenegeographie und Universalhistorie im Werk Strabons von Amaseia (= Geographica Historica. Band 12). Franz Steiner Verlag, Stuttgart 1999, ISBN 3-515-07459-7, S. 222.
Die Fragmente des Artemidor wurden erstmals von John Hudson im I. Band der Geographiae veteris scriptores Graeci minores (1698) gesammelt. Samuel Hoffmann veröffentlichte 1838, im Anhang zu einer Studie über die Iberer (Die Iberer im Westen und Osten), die Abhandlung Artemidorus, der Geograph, in der er eine kommentierte Sammlung der artemidorischen Fragmente zusammenstellte. Karl Wilhelm Ludwig Müller hingegen, der Verfasser der Geographi Graeci Minores (1855), nahm von Artemidor nur diejenigen Fragmente auf, die sich mit Sicherheit auf die Epitome des Markianos zurückführen lassen. Nach der von Robert Stiehle 1856 in der deutschen Zeitschrift „Philologus“ besorgten Ausgabe (die nicht wenige Fehler und Missverständnisse aufwies) erschien die erste vollständige Neuausgabe der Artemidor zugeschriebenen Fragmente in dem von Carlo Martino Lucarini herausgegebenen Band Geographi veteres vel minores vel quorum tantum fragmenta exstant, Bd. I (De Gruyter Verlag, 2026).
Beschreibung Artemidor begann seine Darstellungen bei den Landesgrenzen, den räumlichen Ausdehnungen und der topographischen Situation. Dazu nannte er die Namen der Flüsse, Seen und Berge. Besonderen Wert legte er auf eine sehr genaue Beschreibung der Küstenverläufe, mit den Häfen, Kaps, Meeresbusen, Halbinseln und Inseln, die er bei seinen Reisen persönlich in Augenschein nehmen konnte. Er lokalisierte die Städte und nannte die Distanzen zu anderen wichtigen Orten. Zu den Beschreibungen der Städte mit ihren bedeutenden Gebäuden gehörte auch ein Abriss aus der jeweiligen Ortsgeschichte, die manchmal auf einen mythischen Gründer zurückgeführt wurde. Neben ethnographischen Angaben hatte Artemidor seinem Werk auch klimatologische Informationen beigefügt.
Artemidors Quellen Zwar konnte Artemidor auf seinen Forschungsreisen viele Örtlichkeiten aus eigener Anschauung kennenlernen, doch musste er sich ergänzend auch auf andere Autoren stützen, die jene Bereiche abdeckten, zu denen er persönlich keinen näheren Zugang hatte. Daher finden sich bei ihm geographische Zitate von Eratosthenes, Aristagoras von Milet (zu Ägypten), Agatharchides von Knidos (über Asien und das Rote Meer) und von Pytheas von Massilia. Letzteren bezeichnen Artemidor wie später Strabon jedoch als unglaubwürdig. Von den Geschichtsschreibern werden offenbar die Autoren Ephoros von Kyme, Timaios von Tauromenion, Polybios, Ktesias von Knidos und Silenos von Kaleakte bevorzugt, während unter den Dichterzitaten häufig Homer zu lesen ist. Seine besondere Wertschätzung durch spätere Autoren hat Artemidor aufgrund seiner quellenkritischen Aufarbeitung der verarbeiteten Zitate erfahren.
Gliederung der Geographoumena Die Geographoumena lassen sich wie folgt rekonstruieren: Buch 1: Prolegomena. (Einführung) Buch 2: Spanien Buch 3: Gallien Buch 4: Italien Buch 5: Südgriechenland Buch 6: Nordgriechenland, Epiros, Makedonien, Thessalien und Thrakien. Das Buch endet mit einer Beschreibung Europas. Buch 7: Die Küsten Afrikas Buch 8: Ägypten, Äthiopien, Arabien Buch 9: Indien, Parthien, Phönizien, Südkleinasien Buch 10: Pisidien, Lykien, Karien, Rhodos, Ionien und Äolien Buch 11: Eine genaue Zuordnung von Zitaten ist für Buch 11 nicht möglich. Einige Fragmente zu Karien, Bithynien, Mysien, den Inseln vor Westkleinasien, Kappadokien, Pontos, Kolchis, dem skytischen Asien bis zu den Grenzen Europas am Fluss Tanaïs (Don) könnten sowohl Buch 10 oder 11 zugerechnet werden.
Der Artemidor-Papyrus Beschreibung Nach Ansicht der Herausgeber, die den bereits erwähnten Papyrus für echt hielten, tragen die Fragmente deutliche Spuren aus drei verschiedenen Nutzungsphasen, die wahrscheinlich auf verschiedene Bearbeiter zurückgingen. Möglicherweise hätten diese drei Nutzungsperioden zeitlich nicht weit auseinandergelegen, da der Papyrus mit anderen Rollen spätestens um 100 n. Chr. als Makulatur von Alexandria aus nilaufwärts in ein Bestattungsinstitut verschifft worden sei. Dort seien die nicht mehr benötigten Schriftstücke zu Mumienkartonage für die Herstellung von Mumiensärgen verarbeitet worden. Die Datierung eines Teils der auf das Verso gezeichneten Tiere aus der letzten Nutzungsphase lasse einen terminus post quem für 20 v. Chr. möglich erscheinen. Die Buchstabenformen auf dem Recto entsprachen nach einer Analyse durch den Papyrologen Fabian Reiter von der Papyrussammlung im Neuen Museum Berlin einem Vergleichsstück aus der Kanzlei der Königin Kleopatra VII. (69–30 v. Chr.), das sich in das Jahr 33 v. Chr. datieren lässt.
Während der ersten Nutzungsphase sei ein Schreiber in Alexandria damit beschäftigt gewesen, auf dem Recto der Papyrusrolle das zweite Buch der Geographoumena von einer Vorlage zu kopieren. Zeitgleich sei von Hand eines anderen Schreibers eine Landkarte entstanden, die das Werk illustrieren sollte. Beide Arbeiten seien aus einem unbekannten Grund abgebrochen worden. Zu einem etwas späteren Zeitpunkt habe ein Zeichner oder eine Zeichenwerkstatt die unbenutzte Rückseite für Studien benutzt.
Insgesamt konnten 41 Zeichnungen festgestellt werden, die reale und mythische Tiere darstellen. Einige wurden durch eine knappe Beischrift benannt. Die Darstellungen stammen aus der Hand einer einzigen Person. Ebenfalls nur wenig später seien gleichfalls auf dem Recto Nachzeichnungen oder Zeichenstudien von Köpfen, Händen und Füßen zu Werken der Bildhauerei entstanden.
Sollte es sich als Ergebnis der wissenschaftlichen Diskussion am Ende herausstellen, dass es sich, wie einige der Beteiligten annehmen, bei dem Papyrus um eine Fälschung aus dem 19. Jahrhundert handelt, wären all diese Rekonstruktionen hinfällig.
Geschichte des Papyrus