Der Begriff No-go-Area bzw. No-go-Zone entstammt der Militärterminologie und steht dort für militärisches Sperrgebiet. Als Teil der Psychologischen Kriegsführung wurde im Vietnamkrieg Südvietnam in Go-Areas, die heimischen Gebiete, in denen die Bevölkerung versorgt und unterstützt wurde, und No-Go-Areas, die gegnerischen Gebiete, aufgeteilt.Gregory R. Clark: Words of the Vietnam War. The Slang, Jargon, Abbreviations, Acronyms, Nomenclature, Nicknames, Pseudonyms, Slogans, Specs, Euphemisms, Double-talk, Chants, and Names and Places of the Era of United States Involvement in Vietnam. McFarland & Company, Inc., Publishers Jefferson, North Carolina and London 1990. Seite 202. Heute bezeichnet der Begriff im deutschsprachigen Raum einen „Stadtteil, Bezirk, in dem es immer wieder zu gewalttätigen Auseinandersetzungen kommt und wo die öffentliche Sicherheit nicht gewährleistet ist.“No-Go-Area, in duden.de, abgerufen am 18. November 2016

Etymologische Überlegungen „No-go-Area“ ist eine neuenglische Wortschöpfung. Der Begriff wurde 1971 in das Merriam-Webster English Dictionary aufgenommen. Das zugrundeliegende Adjektiv „no-go“ (deutsch „defekt“, „kaputt“), ursprünglich ein Wort des Slang, ist seit 1865–1870 bekannt.

Übersicht Ursprünglich war der Begriff militärischer Herkunft und wurde in den 1970er Jahren im Kontext des Buschkriegs in Südrhodesien benutzt, als die weiße Minderheitsregierung von aus dem benachbarten Ausland operierenden schwarzen Nationalisten bekämpft wurde. Die rhodesische Armee erhielt lediglich in strategisch wichtigen Gebieten, wie Industriezentren und Verkehrsknotenpunkten, eine dauerhafte Präsenz aufrecht und kontrollierte stattdessen andere Landesteile kaum. Diese wurden den Aufständischen überlassen und wurden zu „No-Go-Areas“ für Zivilisten erklärt.

In der innerdeutschen gesellschaftlichen Debatte um rassistische Gewalt gewann der Begriff im Vorfeld der Fußballweltmeisterschaft 2006 eine internationale Bedeutung für Regionen in Deutschland, in denen Besucher mit rassistischer Gewalt rechneten.

Eine andere Form von No-go-Areas bezieht sich auf sogenannte national befreite Zonen, in denen das Straßenbild so sehr von Rechtsradikalen geprägt ist, dass sich etwa Ausländer und Angehörige linker Gruppen nicht öffentlich zeigen können, ohne gewalttätige Übergriffe zu riskieren.

Seit der Diskussion um Jugendkriminalität wird der Ausdruck No-go-Area auch verwendet, um auf die Problematik der Straßenkriminalität hinzuweisen.

Nordirlandkonflikt No-go-Areas spielten im Nordirlandkonflikt zwischen 1968 und 1972 eine bedeutende Rolle.zur Verwendung des Begriffs in Nordirland siehe Conflict Archive on the Internet (CAIN, englisch) Insbesondere in den beiden größten Städten Nordirlands, Belfast und Derry, bestand schon vor 1968 eine Segregation in Wohnviertel, die jeweils fast ausschließlich von pro-irischen, katholischen Nationalisten oder pro-britischen, protestantischen Unionisten bewohnt wurden.

miniatur|Wandbild – „Sie betreten jetzt das freie Derry“

Demonstrationen der nordirischen Bürgerrechtsbewegung führten ab 1968 zu Auseinandersetzungen mit unionistischen Gegendemonstranten, der überwiegend protestantischen nordirischen Polizei Royal Ulster Constabulary (RUC) und ihrer Hilfspolizei B-Specials. Den Bewohnern des fast ausschließlich von Nationalisten bewohnten Stadtteils Bogside in Derry gelang es im Oktober 1968 durch den Bau von Barrikaden, die aus ihrer Sicht parteiische nordirische Polizei über Nacht aus dem Stadtteil fernzuhalten. Dies war die Geburtsstunde von „Free Derry“, das sich zu einem No-go-Area für die Sicherheitskräfte entwickelte.Eintrag Bogside in: Adrian Room: Brewer's dictionary of modern phrase & fable. Cassell, London 2000, ISBN 0-304-35381-7, S. 89f. Nach weiteren, über mehrere Tage andauernden Unruhen entstand im Januar 1969 an einer Giebelwand die bis heute vorhandene Inschrift „You are now entering Free Derry“.Johannes Kandel: Der Nordirland-Konflikt. Von seinen historischen Wurzeln bis zur Gegenwart. Dietz, Bonn 2005, ISBN 3-8012-4153-X, S. 113f. Im gleichen Monat bildeten sich im Stadtteil sogenannte Local Vigilante Committees, einer Bürgerwehr vergleichbar.

Einen vorläufigen Höhepunkt der Auseinandersetzungen bildeten die Unruhen ab dem 12. August 1969, die auch unter dem Namen „Schlacht um die Bogside“ bekannt wurden.englisch: „Battle of Bogside“, siehe Kandel, Nordirland, S. 116; Eintrag Battle of the Bogside in: Room, dictionary, S. 56. Nach zwei Tagen sah sich die nordirische Polizei RUC nicht mehr in der Lage, Ordnung und Sicherheit zu garantieren. Es begann der Einsatz der britischen Armee, der am folgenden Tag auf Wohngebiete im Westen der Hauptstadt Belfast ausgedehnt wurde.Kevin J. Kelley: The Longest War. Northern Ireland and the IRA. Lawrence Hill, Westport 1988, ISBN 0-86232-764-4, S. 118f. Chronik der Ereignisse beim Conflict Archive on the Internet (CAIN, englisch) Dort waren bei Auseinandersetzungen über 200, fast ausschließlich von katholischen Nationalisten bewohnte Häuser niedergebrannt worden. Sechs Menschen starben bei den Unruhen, bei denen die nordirische Polizei mit schweren Maschinengewehren auf die von Nationalisten bewohnten Divis Flats schoss. Der Einsatz der Armee wurde von katholisch-nationalistischer Seite zunächst begrüßt. Die bei den Unruhen entstandenen Barrikaden wurden teilweise beseitigt, an den Grenzen zwischen katholisch-nationalistischen und protestantisch-unionistischen Wohngebieten im September 1969 zum Teil durch Stacheldrahthindernisse der Armee ersetzt. Aus diesen Absperrungen der Armee entwickelten sich noch heute bestehende „Friedenslinien“ (englisch: Peace Line, auch Peace Wall), die häufig aus Betonwänden bestehen.siehe Einträge 'Peace Line'/'Peace Wall' und 9. September 1969 bei Conflict Archive on the Internet. (CAIN, englisch). Der deutsche Begriff bei: Dietrich Schulze-Marmeling, Ralf Sotscheck: Der lange Krieg. Macht und Menschen in Nordirland. Verlag die Werkstatt, Göttingen 1989, ISBN 3-923478-34-8, S. 323. Polizei und Armee duldeten dabei die Entstehung von No-go-Areas in Belfast und Derry, um eine weitere Eskalation zu verhindern.Kandel, Nordirland, S. 123f. In den No-go-Areas von Belfast bildeten sich Bürgerverteidigungskomitees, die ihre Aktivitäten im „Central Citizens' Defence Committee“ (C.C.D.C) koordinierten.Kelley, War, S. 121. Das C.C.D.C bestand aus bis zu 95 Delegierten, die 75.000 Einwohner Belfasts repräsentierten. Eine der führenden Personen im C.C.D.C. war der nordirische Parlamentsabgeordnete Paddy Devlin. Die Verteidigungskomitees organisierten die Bewachung der Barrikaden, ihre Mitglieder patrouillierten – teilweise mit Messern und Knüppeln ausgerüstet – in den Wohngebieten.

Die zunächst wenigen und schlecht bewaffneten Mitglieder der IRA spielten während der Unruhen des Jahres 1969 nur eine Nebenrolle. Im Dezember 1969 spaltete sich die IRA in zwei Flügel: Die Official IRA und die Provisional IRA. Insbesondere der Provisional IRA gelang es innerhalb kurzer Zeit, sich zu reorganisieren und sich einen Ruf als Verteidiger der katholischen Wohngebiete zu erarbeiten.Kandel, Nordirland, S. 132f. Mehrere Auseinandersetzungen zwischen der britischen Armee und katholischen Nationalisten führten zu einer „tiefgreifenden Entfremdung“Kandel, Nordirland, S. 135. beider Seiten. Im Juli 1970 kam es zur Durchsuchung von mehr als 50 Häusern in Lower Falls Road im Westen Belfasts. Die Armee verhängte eine dreitägige Ausgangssperre; Feuergefechte zwischen den Sicherheitskräften und beiden Flügeln der IRA hatten den Tod von fünf Menschen zur Folge, weitere 60 wurden verletzt. Nach Augenzeugenberichten gingen die Soldaten bei den Durchsuchungen rücksichtslos und brutal vor.

Anfang 1971 ging die Provisional IRA zu offensiven Aktionen gegen die britische Armee über.Kandel, Nordirland, S. 136. Die nordirische Regierung führte im August 1971 Internierungen ohne Gerichtsverfahren ein, die zur weiteren Eskalation beitrugen: Die zuvor gewarnte IRA war von den Verhaftungen kaum betroffen, zudem war das Datenmaterial der Sicherheitskräfte veraltet.Kandel, Nordirland, S. 140. Schwere Unruhen forderten innerhalb von 48 Stunden 17 Menschenleben, darunter zehn katholische Zivilisten, die von der britischen Armee erschossen wurden.Chronik der Ereignisse beim Conflict Archive on the Internet (CAIN, englisch) Während der Unruhen entstanden in vielen katholisch-nationalistischen Wohngebieten erneut Barrikaden. Betroffen hier von waren vorübergehend auch kleinere Städte wie Newry, Armagh und Strabane. Vor allem die Bogside in Derry und in geringerem Maße das Gebiet der Lower Falls Road in Belfast wurden zu No-go-Areas, zu denen sich die britische Armee nur noch durch größere Operationen Zugang verschaffen konnte.Kelley, War, S. 157, 178. Insbesondere für die Provisional IRA entstanden Gebiete, in denen nahezu ungehindert Waffen gelagert, Mitglieder trainiert, Pressekonferenzen abgehalten und Bomben gebaut werden konnten.Zu den Verhältnissen in „Free Derry“ im Mai 1972 siehe

Am 30. Januar 1972 wurden am Bloody Sunday bei einer Demonstration in Derry 13 Menschen von britischen Fallschirmjägern an der Grenze zur Bogside erschossen. Am 24. März trat die nordirische Regierung zurück; an ihre Stelle trat die Direktverwaltung durch die britische Regierung, vertreten durch den neugeschaffenen Posten des Nordirlandministers. Von protestantischer Seite wurde ein Vorgehen gegen die katholischen No-go-Areas gefordert. Im Mai 1972 begann die paramilitärische Ulster Defence Association (UDA), in protestantischen Wohngebieten vorübergehend No-go-Areas zu errichten, um diese Forderungen zu unterstreichen.Schulze-Marmeling, Krieg, S. 91. Siehe auch: Robert Bell: Chronology of events 1970–1990. In: Robert Johnstone (Hrsg.): Troubled Times. Fortnight Magazine and the Troubles in Northern Ireland 1970–1991. The Blackstaff Press, Belfast 1991, ISBN 0-85640-462-4, S. 155. Seit Jahresanfang 1972 hatte die Provisional IRA eine Serie von Bombenanschlägen verübt. Am 21. Juli 1972 explodierten in der Innenstadt von Belfast innerhalb von 75 Minuten circa 20 Bomben; neun Menschen wurden getötet und ungefähr 130 weitere verletzt. Dieser Bloody Friday hatte enormen Einfluss auf die öffentliche Meinung.siehe Conflict Archive on the Internet (CAIN, englisch) Zehn Tage später drang die britische Armee in der „Operation Motorman“ in die No-go-Areas in Belfast und Derry ein. Die Barrikaden wurden mit schwerem Räumgerät beseitigt. Der Widerstand war gering, die IRA war von einer derartigen Militäroperation ausgegangen und hatte sich zurückgezogen.Kelley, War, S. 184; Kandel, Nordirland, S. 170. Siehe auch: Michael Rainsborough, Professor für strategische Theorie am King’s College, nannte die No-go-Areas den „vielleicht wichtigsten militärischen Faktor, der die IRA zu einer starken Bedrohung werden ließ.“M.L.R. Smith: Fin de Siècle, 1972: The Provisional IRA's Strategy and the Beginning of the Eight-Thousand-Day Stalemate. In: Alan O'Day (Hrsg.): Political violence in Northern Ireland. Conflict and conflict resolution. Praeger, Westport, Conn. 1997, ISBN 0-275-95414-5, S. 15–32, hier S. 29 M.L.R. Smith ist das Pseudonym von Rainborough (Abgerufen am 22. Dezember 2011).

miniatur|Kaserne der Polizei und Armee in Crossmaglen (April 2001) Nach der „Operation Motorman“ bezog die Armee in öffentlichen Einrichtungen wie Schulen oder Turnhallen Quartier. In den ehemaligen No-go-Areas entstand ein dichtes Netz von Wachtürmen und stark befestigten Armeestützpunkten, von denen aus die Wohnviertel mit Kameras und Richtmikrofonen überwacht wurden.Kelley, War, S. 185; Kandel, Nordirland, S. 170f. Dennoch blieben die ehemaligen No-go-Areas Zentren des Nordirlandkonflikts. Insbesondere der Westen Belfasts entwickelte sich ab den 1980er Jahren zu Hochburgen der mit der IRA verbundenen Partei Sinn Féin.