Érico Lopes Veríssimo (* 17. Dezember 1905, Cruz Alta in Rio Grande do Sul, Brasilien; † 28. November 1975 in Porto Alegre) war ein brasilianischer Schriftsteller, Literaturwissenschaftler und Übersetzer. Als sein bedeutendstes Werk gilt die Trilogie O tempo e o vento (deutscher Titel: Die Zeit und der Wind).

mini|200px|Haus der Familie Éricos in Cruz Alta, heute ein Museum der Fundação Érico Veríssimo. Leben Érico Veríssimo war der Sohn des Apothekers Sebastião Veríssimo da Fonseca, verehelicht mit Abegahy Lopes, beide aus traditionsreichen Gaúcho-Familien entstammend. Er war in eine wohlhabende Familie geboren, die jedoch Bankrott machte. Die Höhere Schule konnte er folglich nicht abschließen, da er früh zur Erwerbstätigkeit genötigt war.

In Cruz Alta wurde er Apotheker, war aber nicht erfolgreich und zog im Dezember 1930, dem Jahr der Revolution von 1930 (Revolução de 1930), in das 130 km entfernte Porto Alegre, der Hauptstadt des Bundesstaates Rio Grande do Sul, um ausschließlich von der Schriftstellerei zu leben. Zu seinen bisherigen Literaturerfahrungen gehörten Autoren wie Aluísio Azevedo und Joaquim Manuel de Macedo, von den ausländischen Schriftstellern Walter Scott, Zola und Dostojewski. In Porto Alegre schloss er sich den damals dort lebenden schon berühmten Schriftstellern und Intellektuellen wie Mário Quintana, Augusto Meyer, Guilhermino César und anderen an. Er wurde 1931 Redaktionsassistent bei der Zeitschrift Revista do Globo, 1932 deren Direktor und übernahm später die Leitung des Verlages Editora Globo, der durch die von ihm initiierten Erfolgsreihen wie Nobel e Biblioteca do Séculos einen Aufschwung erlebte. Ab 1931 begann er auch Werke aus dem Englischen zu übersetzen, zunächst Edgar Wallace, dann Aldous Huxley oder Somerset Maugham. Aus dem Deutschen übersetzte er u. a. Hans Falladas Kleiner Mann – was nun? und Jahrgang 1902 von Ernst Glaeser.

Ab 1943 unterrichtete er Brasilianische Literatur an der University of California, Berkeley. Seine literaturwissenschaftlichen Vorlesungen erschienen auf Englisch 1945 als Brazilian Literature – an Outline. Von 1953 bis 1956 leitete er die Kulturabteilung der Organisation Amerikanischer Staaten in Washington, D.C.

Érico Veríssimo war seit 1931 mit Mafalda Volpe verheiratet, mit der er zwei Kinder hatte. Sein Sohn Luís Fernando Veríssimo (1936–2025) ist ebenfalls ein in Brasilien sehr bekannter Schriftsteller. Érico Veríssimo starb 1975 an einem Herzanfall, ohne das Erscheinen des zweiten Teiles seiner Autobiografie Solo de clarineta (Klarinettensolo) zu erleben. In Rio Grande do Sul wird sein Andenken u. a. durch die Fundação Érico Veríssimo gewahrt, eine Stiftung, die in Cruz Alta ein Schriftstellermuseum unterhält.

mini|150px|links|Buchhandlung und Verlag Editora Globo in Porto Alegre, in dem Érico arbeitete und seine Werke veröffentlichte.

Schriftstellerisches Wirken

Érico Veríssimo war ein überaus produktiver Autor, der neben seinen Romanen und Erzählungen auch Jugendliteratur und Reiseberichte veröffentlichte, und gilt sozusagen als erster Berufsschriftsteller in Rio Grande do Sul. Sein gesamtes literarisches Werk lässt sich heute in drei Phasen gliedern, die zeitlich und thematisch aufeinanderfolgen.Mary L. Daniel: Veríssimo, Érico. In: Irwin Stern (Hrsg.): Dictionary of Brazilian literature. Greenwood Press, New York 1988, ISBN 0-313-24932-6, S. 361.

Mechthild Strausfeld beschreibt die damalige Zeit nach 1920, in der Érico Veríssimo seine literarische Position finden musste, Zitat: „In den nächsten beiden Jahrzehnten folgten in rascher Folge neue Namen, neue Werke, begann der Aufschwung der brasilianischen Literatur. Beflügelt wurde er dann durch die Ereignisse der »Woche der Modernen Kunst von São Paulo«, die in diesem Jahrhundert die wohl wichtigste Zäsur im Kulturleben des Landes darstellt. Die »modernistische Revolution« aus dem Jahr 1922 rüttelte die Intellektuellen auf, zwang sie zur Stellungnahme, zum Überdenken ihrer Arbeit, zur Auseinandersetzung mit ihrem Land. Die brasilianische Kunst und Literatur befreite sich von den europäischen Modellen und wurde sozusagen »in einer Woche« eigenständig und modern.“Mechthild Strausfeld: Brasilianische Literatur von Machado de Assis bis heute: Versuch einer Annäherung. In: Mechtild Strausfeld (Hrsg.): Brasilianische Literatur. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1984, ISBN 3-518-38524-0, S. 12–13. Diese erste Phase des literarischen Modernismo in der Ausprägung des Modernismo brasileiro war noch weitgehend durch Oswald de Andrade und sein Umfeld, der „1922er Generation“, avantgardistisch geprägt.Irwin Stern (Hrsg.): Dictionary of Brazilian literature. Greenwood Press, New York 1988, ISBN 0-313-24932-6, S. 205–206. Zu Beginn der zweiten Phase des Modernismo brasileiro (1930–1945) setzt das schriftstellerische Werk von Érico Veríssimo ein. Strausfeld führt weiter aus, Zitat: „Das Jahr 1930 stellt eine Zäsur in der brasilianischen Geschichte dar. Die Bevölkerung überschritt die vierzig Millionen, Getúlio Vargas wurde Präsident des Landes und instaurierte den Estado Novo. Damit wird der Beginn des modernen Brasiliens markiert. Die bis dahin weitgehend intakt gebliebene Herrschaft der Oligarchien, der »Herrenhäuser«, geriet durch das allmähliche Aufkommen einer Mittelschicht, durch das Entstehen der großen Metropolen, durch das erwachende Selbstbewußtsein (nicht zuletzt gefördert durch die »Woche der Modernen Kunst«) in Bewegung.“

In den 1930er Jahren setzte die literarische Strömung des Regionalismo brasileiro ein, im Werk von Érico Veríssimo insbesondere thematisch behandelt durch den riograndischen Gaúcho-Stadtroman des Süden Brasiliens und dem Gaúcho-Geschichtsroman Die Zeit und der Wind, der die Zeit von 1745 bis 1945 behandelt. Dieser Regionalismus, zu dem auch die eher sozialkritischen Werke des, neben den bestehenden literarischen Zentren Rio de Janeiro und São Paulo, ebenfalls neuem Zentrum im Nordosten gehören, wurde als Stil des Roman der Dreißiger Jahre (Romance de 30) bekannt, zu deren Hauptvertretern im Süden neben Dyonélio Machado (1905–1975) und Cyro Martins (1908–1995) Veríssimo zählt.

Die erste Phase in seinem Werk beginnt mit dem 1932 selbstständig erschienenen Band mit Erzählungen Fantoches (Marionetten). Zuvor, 1929, wurde in der Monatsschrift Cruz Alta em Revista die Erzählung Chico: um conto de Natal veröffentlicht, Ladrão de Gado und A Tragédia dum Homem Gordo in der Revista do Globo, sowie A Lâmada Mágica im Correio do Povo. 1933 folgte der Roman um eine Heranwachsende: Clarissa, damit die thematisch verbundenen Caminhos cruzados (Kreuzungen) von 1935 und 1936 Música ao longe (Musik von Weitem) sowie Um lugar ao sol (Ein Platz an der Sonne), die ihm erste Erfolge brachten. 1938 erschien der Roman um den Arzt Eugênio Fontes Olhai os lírios do campo (Sehet die Lilien auf dem Felde).Daniela Borja Bessa: O discurso religioso em Olhai os lírios do campo. Belo Horizonte 2000. (PDF; 655 kB) Dissertation, portugiesisch, abgerufen am 24. November 2012. Für seinen Arztroman mit dem Thema des Selbstmords O resto é silêncio (Der Rest ist Schweigen) von 1943 sah er sich der Verfolgung durch die katholische Kirche in Rio Grande do Sul ausgesetzt.

Die zweite Phase seines Werkes beinhaltet hauptsächlich sein bekanntestes Werk O tempo e o vento (Die Zeit und der Wind), das als Trilogie von 1949 bis 1961 erschien. Es zeigt im neorealistischen Stil ein zweihundertjähriges soziales, politisches und geschichtliches Panorama des Rio Grande do Sul im Zeitraum von 1745 bis 1945. Es wird neben den Grande Sertão: Veredas des João Guimarães Rosa oder Vidas Secas des Graciliano Ramos gestellt.

Eine letzte Phase umfasst ab 1965 Werke wie O senhor embaixador (Seine Exzellenz der Botschafter) oder Incidente em Antares (Zwischenfall in Antares) von 1971, in denen auch politische Themen wie Rassenbeziehungen, Vietnamkrieg, Terrorismus und politische Unterdrückung behandelt werden.Mary L. Daniel: Veríssimo, Érico. In: Irwin Stern (Hrsg.): Dictionary of Brazilian literature. Greenwood Press, New York 1988, ISBN 0-313-24932-6, S. 362.

Auszeichnungen

1934 Prêmio Machado de Assis der Cia. Editora Nacional für sein Werk Música ao longe 1936 Prêmio Fundação Graça Aranha für Caminhos cruzados 1944 Ehrendoktorwürde des Mills College, Oakland, Kalifornien 1954 Prêmio Machado de Assis der Academia Brasileira de Letras für sein Lebenswerk 1964 Ehrenbürgerschaft der Stadt Porto Alegre 1965 Prêmio Jabuti in der Kategorie Roman für O senhor embaixador 1967 Prêmio Intelectual do Ano (Prêmio Juca Pato), verliehen von der Zeitung Folha de São Paulo und der União Brasileira de Escritores (UBE), dem Verband brasilianischer Schriftsteller, für O prisioneiro.

Eine besondere Ehre erwies ihm der Bundesstaat Rio Grande do Sul, der das Jahr 2005 zum „Jahr der Hundertjahrfeier des Érico Veríssimo“ erklärte und eine Reihe von Veranstaltungen durchführte. (portugiesisch).

Werke Gesamtausgaben Insgesamt gibt es bisher drei Werkausgaben: Obras de Erico Verissimo. 1956. In 17 Bänden. Obras completas. 1961. In 10 Bänden. Ficção completa. 1966. In 5 Bänden.

Autobiografien O escritor diante do espelho. 1966. Solo de clarineta – Memórias. (1. Band). 1973. Solo de clarineta – Memórias 2. 1976.

Erzählungen Fantoches. 1932. As mãos de meu filho. 1942. O ataque. 1958.

Romane Clarissa. 1933. Caminhos cruzados. 1935. Música ao longe. 1936. Um lugar ao sol. 1936. Olhai os lírios do campo. 1938. deutsche Ausgabe: Die Lilien auf dem Felde. Ein Arztroman. Neff, Wien/Berlin 1974, ISBN 3-7014-0103-9. (Übersetzer: Hans Erik Hausner). Saga. 1940. O resto é silêncio. 1943. O tempo e o vento. (1. Teil) — O continente. 1949. deutsche Ausgabe: Die Zeit und der Wind. Roman. Neff, Wien/Stuttgart/Wien 1953, . (Übersetzer: Ernst Doblhofer). TB-Ausgabe: Goldmann (TB #8818), München 1989, ISBN 3-442-08818-6. (Auch als Hörbuch erhältlich). O tempo e o vento. (2. Teil) — O retrato. 1951. deutsche Ausgabe: Das Bildnis des Rodrigo Cambará. Neff, Wien/Stuttgart/Berlin 1955, . (Übersetzer: Thomas Silbitzer & Ernst Doblhofer). TB-Ausgabe: Goldman (TB #8921), München 1989, ISBN 3-442-08921-2. O tempo e o vento. (3. Teil) — O arquipélago. 1961. Noite. Novela. 1954. deutsche Ausgabe: Nacht. Roman. Neff, Wien/Berlin/Stuttgart 1956, . (Übersetzer nach der englischen Ausgabe Night. 1956: Elfriede Wagner). O senhor embaixador. 1965. deutsche Ausgabe: Seine Exzellenz der Botschafter. Neff, Wien/Berlin 1967, . (Übersetzer: Hans Erik Hausner). DDR-Ausgabe: Volk und Welt, Berlin 1970, , (Mit einem Nachwort von Adalbert Dessau). TB-Ausgabe: Bastei Lübbe, Bergisch Gladbach 1975, ISBN 3-404-00319-5. O prisioneiro. 1967. Incidente em Antares. 1971.

Kinder- und Jugendbücher A vida de Joana d’Arc. 1935. As aventuras do avião vermelho. 1936. Os três porquinhos pobres. 1936. Rosa Maria no castelo encantado. 1936. Meu ABC. 1936. As aventuras de Tibicuera. 1937. O urso com música na barriga. 1938. A vida do elefante Basílio. 1939. Outra vez os três porquinhos. 1939. Viagem à aurora do mundo. 1939. Aventuras no mundo da higiene. 1939. Gente e bichos. 1956.

Reisebeschreibungen Gato preto em campo de neve. 1941. A volta do gato preto. 1946. México. 1957. deutsche Ausgabe: Mexiko. Land der Gegensätze. Neff, Wien/Berlin/Stuttgart 1958, . (Übersetzer: Thomas Silbitzer). Israel em abril. 1969.

Essays Brazilian Literature – an Outline. The Macmillan Company, New York 1945. Rio Grande do Sul. 1973. Breve história da literatura brasileira. 1995.

Biografien Um certo Henrique Bertaso. 1972.

Viele seiner Werke wurden übersetzt; es gibt Bücher von ihm in inzwischen 19 Sprachen, darunter auf Deutsch, Spanisch, Finnisch, Holländisch, Ungarisch, Indonesisch, Englisch, Italienisch, Japanisch und Norwegisch.

Übersetzungen Aus dem Deutschen Ernst Glaeser: Classe 1902. 1933. (Originaltitel: Jahrgang 1902).