Das Kastell Eining (lateinisch Abusina) war ein römisches Militärlager, dessen Besatzung für Sicherungs- und Überwachungsaufgaben am „nassen“ rätischen Limes zuständig war. Die Donau bildete dort in weiten Abschnitten die römische Reichsgrenze. Etwas nördlicher mündete zudem bis zum Limesfall der Obergermanisch-Rätische Limes am westlichen Flussufer ein. Die baulichen Reste der Anlage befinden sich südlich von Eining, einem Gemeindeteil von Neustadt an der Donau. Abusina ist seit 2005 Bestandteil des zum UNESCO-Weltkulturerbe erhobenen Obergermanisch-Rätischen Limes und eine der wenigen vollständig freigelegten und in ihren Grundmauern rekonstruierten Wehranlagen an diesem Grenzabschnitt.
Lage Das Kastell Abusina befindet sich etwa 500 m südlich des heutigen Eininger Ortszentrums auf dem Donau-Hochufer zwischen der nach Sittling führenden Straße und dem knapp nördlich des Kastells in die Donau mündenden Flüsschen Abens, das einst namengebend für den römischen Ort war.
In antiker Zeit lag es in strategisch und verkehrsgeographisch wichtiger Position. Von dort konnte sowohl der Schiffsverkehr auf der Donau als auch ein Straßenknotenpunkt an dieser Stelle kontrolliert werden, bei dem ein Verkehrsweg von der römischen Donausüdstraße in südöstliche Richtung abzweigte und ein weiterer über eine Donaufurt nach Westen führte. Die nächstgelegenen größeren Garnisonen waren das Alen-Kastell Pförring auf dem nördlichen Donauufer, gegenüber dem heutigen Neustadt an der Donau, sowie das Legionslager Castra Regina, das heutige Regensburg. Ein kleiner Nachteil des Standortes war die fehlende Sichtverbindung zum Kastell Pförring und zu dem ebenfalls auf dem nördlichen Donauufer befindlichen Anfang des mit einer Mauer ausgebauten Limesabschnitts bei Hienheim. Er konnte durch einen zusätzlichen Wachturm auf dem Weinberg kompensiert werden.
Forschungsgeschichte mini|links|Abusina als ARUSENAauf der Tabula Peutingeriana(Bildmitte oben) mini|Luftbild des Kastells auf einer Infotafel des archäologischen Parks (Norden = links), Zustand der 1980er Jahre mini|Stand der Ausgrabungen 1903(Norden = rechts) mini|Geländemodell des Kastells und seiner Umgebung mini|Modell des mittelkaiserzeitlichen Steinkastells (Germanisches Nationalmuseum Nürnberg) mini|Modell des spätantiken Restkastells in der Südwest-Ecke (Archäologisches Museum Kelheim)
Der Name Abusina war schon lange durch verschiedene antike Quellen bekannt, erschien aber in unterschiedlichen Schreibweisen. Die Varianten „ABVSINA, AVSINA, ALLVSINA, AVSENA und ARVSENA“ befinden sich auf der Tabula Peutingeriana, im Itinerarium Antonini, in der Notitia dignitatum sowie auf Inschriftensteinen. So wussten bereits humanistische Gelehrte der beginnenden Neuzeit von der ehemaligen römischen Ansiedlung in der Gegend um Eining. Neben Johannes Aventinus (1477–1534) war es auch Peter Apian (1495–1552), der verschollene Steindenkmäler in Eining gesichert hat. Die Gelehrten konnten die antiken Mauerreste durch ihre Forschungen bereits richtig mit Abusina identifizieren. Danach geriet der Kastellort wieder für ein paar Hundert Jahre in Vergessenheit, bis sich im 19. Jahrhundert das Interesse gebildeter bürgerlicher Schichten auf die antiken Zeugnisse in Deutschland richtete.
Von den Aktivitäten der 1892 gegründeten Reichs-Limeskommission (RLK) wurde das Kastell nicht erfasst, da deren Untersuchungsgebiet mit dem Ende der Limesmauer auf dem westlichen Donauufer bei Hienheim endete. Den Beginn seiner Erforschung verdankt der Kastellplatz der Initiative des Eininger Pfarrers Wolfgang Schreiner, der 1879 mit den ersten Ausgrabungen begann, die er zunächst mit privaten Mitteln finanzierte.Wolfgang Schreiner: Eining und die dortigen Römer-Ausgrabungen. Ein kleiner Wegweiser durch dieselben. Thomann’sche Buchhandlung, Landshut 1887. Insbesondere unter der Leitung des damaligen Landesarchäologen Paul Reinecke (1872–1958) wurden die Grabungen mit gelegentlichen Unterbrechungen zwischen 1911 und 1920 fortgesetzt. Danach ruhten die wissenschaftlichen Forschungen für nahezu ein halbes Jahrhundert. Erst 1968 wurde die wissenschaftliche Erforschung auf Initiative des provinzialrömischen Archäologen Hans Schönberger (1916–2005), des damaligen Direktors der Römisch-Germanischen Kommission des Deutschen Archäologischen Instituts (DAI), wieder aufgenommen.
Bei einem Wettbewerb, dem Kastellgelände ein neues Gesicht zu geben, setzte sich 2010 ein Düsseldorfer Designerteam durch. Es hatte Pläne vorgelegt, mehrere Konstruktionen aus teils überdimensionalen Stahlplatten im Ausgrabungsgelände zu verteilen, um die archäologische Stätte zu „beleben“. Zudem wurden ein neuer Eingangsbereich, Toiletten und ein Wegenetz für Besucher in der heute parkähnlichen Landschaft geplant. Versteckte Mauerreste sollten mit Kräuterbepflanzung „sinnlich wahrnehmbar werden.“ Der Pächter von Abusina, der Verein Historia Romana, hatte im Gegensatz zur öffentlichen Hand Bedenken gegen die Pläne vorgebracht und hätte die benötigten erheblichen Geldmittel besser in die Substanzerhaltung der antiken Baureste investiert gesehen.Gabriele Ingenthron: Moderne Stahlträger auf historischen Mauern. Donaukurier vom 28. Juli 2010. . Abgerufen am 28. Juli 2010. Diese Bedenken setzten sich nicht durch. Mit der Fertigstellung des Konzepts 2011 erhielt das Gelände den Namen Römerpark Abusina Eining. Neben den nun das Gelände dominierenden rostigen Stahlplattentoren, die unmittelbar vor den antiken Tor- und Gebäudezugängen errichtet wurden, scheute das Konzept auch nicht, Einbauten und damit optische Veränderungen an der antiken Substanz vorzunehmen. So ließen die Verantwortlichen eine Beton-Stahlkonstruktion mitten in die Zufahrt der mittelkaiserzeitlichen, flussseitigen Porta decumana legen, die als Steg über das abfallende Gelände hinausreicht. Die Stahlplatten dienen auch als Hör-Stationen. Im Kastellgelände sind nun an verschiedenen Stellen Geräusche zu hören, die an das Leben von vor 2000 Jahren erinnern sollen, so Hufgeklapper und brüllende Römer.Ein neuer Blick auf die alten Römer In: donaukurier.de, 3. Juni 2011, abgerufen am 20. September 2012 Anstelle des im ausgehenden 20. Jahrhunderts eingerichteten hölzernen Pavillons mit Informationen und Funden im Norden des Kastells wurde eine auch als Aussichtsplattform dienende Konstruktion aus Stahl, Glas und Beton errichtet.
Das nicht unerhebliche Fundmaterial aus Eining verteilt sich im Wesentlichen auf das Archäologische Museum der Stadt Kelheim, das Stadt- und Kreismuseum Landshut, die Archäologische Staatssammlung München und das Stadtmuseum Abensberg. Das Kastellgelände selbst ist heute ein kleiner aber attraktiver archäologischer Park.
Kastell- und Vicusgeschichte Nach der Gründungsinschrift wurde das Kastell Abusina zur Zeit der Herrschaft des flavischen Kaisers Titus (79–81) um das Jahr 80 n. Chr. durch die Cohors IV Gallorum (4. Kohorte der Gallier) zur Sicherung der Donaulinie als Teil der Nordgrenze des römischen Imperiums errichtet. Diese Kohorte war auch die erste Stammeinheit, die in dem neuen Kastell Quartier bezog. In seiner ersten Bauphase bestand das Lager aus einer Umwehrung in Holz-Erde-Bauweise und in seinem Inneren aus recht einfachen Fachwerkbauten.
Im frühen 2. Jahrhundert, wohl gegen Ende der Regierungszeit des Kaisers Trajan wurde die Gallierkohorte durch eine Vexillatio, ein gut 500 bis 600 Mann starkes Detachement der Cohors II Tungrorum milliaria equitata (2. teilberittene Doppelkohorte der Tungerer) ersetzt. Diese Abkommandierung ist ein exemplarisches Kennzeichen für die Mobilität, Flexibilität und damit Modernität des Exercitus Romanorum, des römischen Heeres. Während die Stammeinheit in Britannien stationiert blieb, war es problemlos möglich, das Detachement dieser Truppe zwischenzeitlich im weit entfernten Donauraum einzusetzen. Etwas später, zwischen 138 und 147, trat vermutlich die Vexillatio eine Schwestereinheit der Cohors IV Tungrorum milliaria equitata, für einige Jahre an ihre Stelle.
Ab 153 ist die Cohors III Britannorum equitata (3. teilberittene britannische Kohorte) mit sechs Zenturien Infanterie und sechs Turmen Kavallerie in Eining nachgewiesen. Sie verblieb dort bis zum endgültigen Ende der römischen Herrschaft über die Provinz Raetia im frühen 5. Jahrhundert. Eine ihrer ersten Aufgaben bestand in dem Umbau des Lagers in ein Steinkastell. Diese Maßnahme stand im Zusammenhang mit einer koordinierten Verstärkung des gesamten regionalen Limesabschnitts in antoninischer Zeit.
Die Notwendigkeit der Ausbaumaßnahmen erwies sich schon bald. Während der Markomannenkriege in der Regierungszeit des Kaisers Mark Aurel (161–180) geriet die Provinz Raetia in schwere Bedrängnis und entglitt zumindest teil- und zeitweise der römischen Kontrolle. Dabei wurden auch Kastell und Vicus von Eining erstmals zerstört. Das Gebiet zwischen Abusina und Castra Regina konnte vermutlich erst um das Jahr 175 n. Chr. durch die in Regensburg stationierte Legio III Italica (3. Italische Legion), wieder unter Kontrolle gebracht werden. Teile dieser Legion wurden für rund zehn Jahre ab ca. 172 n. Chr. vorübergehend in der nördlich von Eining gelegenen Flur Unterfeld stationiert.
Nach dem Neuaufbau des Kastells und des Lagerdorfes begann eine bis ins erste Drittel des 3. Jahrhunderts dauernde Phase der Ruhe und des Wohlstands für Abusina. Den politischen Höhepunkt dieser Zeit bildete der Besuch des Kaisers Caracalla in Eining im Jahre 213. Caracalla hatte sich nach Raetia begeben, um einen Präventivkrieg gegen die sich nördlich der Donau bedrohlich konzentrierenden Alamannen zu koordinieren. Die nun eingeleiteten militärischen Operationen verliefen so erfolgreich, dass sie die Provinz und damit auch Abusina für weitere zwei Jahrzehnte vom Druck der Alamannen befreiten.
Ab dem Jahr 233 gehörten die relativ stabilen Zeiten für die Grenzbewohner der Vergangenheit an. Im Zuge eines ersten Alamanneneinfalls wurde Abusina erneut zerstört. Es folgten weitere Wellen der alamannischen Beute- und Eroberungszüge, bis im Jahre 260 die römische Grenzwehr in Raetien nahezu völlig zusammenbrach und die Provinz im Chaos versank. Auch Eining wurde bei diesem letzten Alamannensturm erneut niedergebrannt. Zahlreiche Hortfunde, darunter auch der berühmte Verwahrfund von Eining, der 1975 zufällig entdeckt wurde, zeugen von dieser Zeit. Der Verwahrfund von Eining gehört neben den Schatzfunden von Weißenburg und Straubing zu den bedeutendsten archäologischen Entdeckungen in Bayern und enthält Teile von römischen Paraderüstungen. Er wurde von Hans-Jörg Kellner dokumentiert und befindet sich heute in der Archäologischen Staatssammlung München. Die 3. Britannische Kohorte und die 3. Italische Legion gehörten zu den wenigen überlebenden militärischen Verbänden und waren die letzten stabilisierenden Faktoren in der Region.