Jay Lovestone (* 15. Dezember 1897 als Jakob Liebstein in Molchad, Gouvernement Grodno, Russisches Kaiserreich; † 7. März 1990 in New York City) war ein US-amerikanischer Politiker, Gewerkschaftsfunktionär und Verbindungsmann der CIA (the labor movement's chief CIA liaisonBuhle, Paul, Lovestones Thin Red Line, in: The Nation, 24. Mai 1999.).
Lovestone gehörte von 1914 bis 1919 der Socialist Party of America, danach verschiedenen Vorgängerorganisationen der Kommunistischen Partei der USA (CPUSA) und schließlich – in leitenden Funktionen – bis 1929 dieser selbst an. Nach seinem Parteiausschluss gründete und leitete er mit der Communist Party of the USA (Opposition) eine ihrem politischen Gehalt nach mit der deutschen KPD-O vergleichbare Gruppierung. Durch Vermittlung des antikommunistischen Gewerkschaftsführers David Dubinsky wurde Lovestone 1937 Mitarbeiter des Präsidenten der Automobilarbeitergewerkschaft UAW Homer Martin, der in schwere Auseinandersetzungen mit Gewerkschaftsfunktionären verwickelt war, die der CPUSA angehörten oder nahestanden. Hier und in den Folgejahren erwarb sich Lovestone eine Reputation als „Fachmann“ für die Zurückdrängung und Ausschaltung kommunistischen Einflusses in der Gewerkschaftsbewegung.
In diesem Sinne anfänglich nur im nationalen Maßstab tätig, entwickelte sich Lovestone nach dem Zweiten Weltkrieg zur „grauen Eminenz“Morgan, Ted, A Covert Life. Jay Lovestone: Communist, Anti-Communist, and Spymaster, New York 1999, S. 371. eines zunächst europa- und schließlich weltweit verzweigten Netzwerkes rechtssozialdemokratischer Politiker und Gewerkschafter, die er – nunmehr von State Department und CIA finanziert und instruiert, offiziell aber als „außenpolitischer Berater“ des AFL-CIO-Präsidenten George Meany camoufliert – bei der Bekämpfung kommunistischer Parteien und linker Sozialdemokraten unterstützte und auf einen proamerikanischen Kurs einschwor. Ausmaß, Arbeitsweise und Bedeutung dieses „Lovestone Intelligence Service“Morgan, Lovestone, S. 281. wurden erst 1995 nach der Öffnung von Lovestones Nachlass in Grundzügen bekannt und liegen in Teilen nach wie vor im Dunkeln.„Yet he remains an often elusive figure, as though seen in the pulses of a strobe light, brightly illuminated for a moment, then retreating into darkness.“ Morgan, Lovestone, S. X.
Herkunft, Jugend und Ausbildung Lovestone kam 1897 als Jakob Liebstein in Molchad (jiddisch Maytshet, heute Moŭčadź, Breszkaja Woblasz, Weißrussland) zur Welt. Sein Vater, ein lokal angesehener orthodoxer Rabbiner, entschloss sich unter dem Eindruck der im Gefolge der Revolution von 1905 durch die rechtsradikalen Schwarzhunderter entfachten antisemitischen Pogromwelle zur Auswanderung und ging mit der ältesten Tochter 1906 in die Vereinigten Staaten; im September 1907 folgte der Rest der Familie nach.Siehe Morgan, Lovestone, S. 5.
Die Liebsteins lebten zunächst in der Hester Street auf Manhattans Lower East Side und zogen kurze Zeit später in die Daly Avenue im Stadtteil Bronx, wo Jakob aufwuchs. Lovestones Vater, der nie Englisch lernte, fand in New York keine Anstellung als Rabbiner. Er erzielte mit Hilfstätigkeiten in Synagogen und der Erteilung von Hebräischunterricht nur ein geringes Einkommen. Seine drei Töchter arbeiteten in der Textilindustrie Manhattans, sicherten auf diese Weise das Überleben der Familie und ermöglichten nicht zuletzt den beiden Söhnen Barnet Liebsteins eine College-Ausbildung.Siehe Morgan, Lovestone, S. 6. Jakob Liebstein besuchte nach Absolvierung der High School von 1915 bis 1918 das New Yorker City College, das in dieser Zeit aufgrund der ungewöhnlichen Kombination hoher pädagogischer Standards und einer fast ausschließlich aus der Arbeiterklasse stammenden Studentenschaft als poor man's Harvard bekannt war. Anschließend begann er ein Jurastudium an der New York University, das er aber bereits 1919 nach wenigen Monaten abbrach. Am 7. Februar 1919 wurde ihm seine Einbürgerungsurkunde überreicht. Bei dieser Gelegenheit ließ er seinen Namen anglisieren und nannte sich fortan Jay Lovestone.Siehe Morgan, Lovestone, S. 13.
Aktivist in der Arbeiterbewegung Politische Anfänge Bereits in seiner Jugend kam Lovestone mit der sozialistischen Bewegung in Kontakt. Das war nicht ungewöhnlich, da viele der jüdischen Immigranten bereits in Europa in diesem Sinne politisiert worden waren. Über seine älteste Schwester, die der International Ladies' Garment Workers' Union (ILGWU) beigetreten war, gewann er Anschluss an Diskussionszirkel sozialistischer Gewerkschafter. Im Mai 1914 nahm er mit tausenden anderen Menschen an der Beisetzung Daniel De Leons teil und wurde im gleichen Jahr Mitglied der Socialist Party of America.Siehe Morgan, Lovestone, S. 10. Am City College trat er der Intercollegiate Socialist Society bei, deren Leitung er schließlich übernahm. Obwohl er in Übereinstimmung mit den Beschlüssen der SPA öffentlich als Kriegsgegner auftrat, befürwortete er nach dem Kriegseintritt der Vereinigten Staaten im April 1917 die Umbenennung der ISS in Social Problems Club und machte sich in Privatbriefen über Parteimitglieder lustig, die weiterhin eine „r-r-r-revolutionary position“Zitiert nach Morgan, Lovestone, S. 12. vertraten. Bei einer Diskussionsveranstaltung griff er den aus Russland zurückgekehrten John Reed an.Siehe Morgan, Lovestone, S. 16. New York war zu diesem Zeitpunkt die Hochburg des rechten Parteiflügels um Morris Hillquit, dem Lovestone zumindest zuneigte.
Dennoch gehörte er wenige Monate später zu einer Gruppe von New Yorker SPA-Mitgliedern um Charles Ruthenberg, die die Gründung einer selbständigen kommunistischen Partei vorbereiteten. Anders als Ruthenberg hatten Reed, Benjamin Gitlow und Alfred Wagenknecht monatelang versucht, die SPA durch innerparteiliche Mehrheiten zu gewinnen; erst, als sie am 30. August 1919 in Chicago vom dort tagenden Parteitag ausgeschlossen worden waren, gründeten sie mit 82 weiteren abgewiesenen Delegierten mehr oder weniger spontan die Communist Labor Party of America. Die Ruthenberg-Gruppe gründete einen Tag später – ebenfalls in Chicago – die Communist Party of America. Dem 15-köpfigen Exekutivkomitee der CPA gehörte auch Lovestone an, der damit von Anfang an führend an den bis 1929 nahezu ununterbrochen andauernden Fraktionskämpfen in der amerikanischen kommunistischen Bewegung beteiligt war.Siehe Morgan, Lovestone, S. 18. Während sich die CLPA fast ausschließlich auf in den USA geborene oder zumindest aufgewachsene Mitglieder stützte, setzte sich die CPA weitgehend aus osteuropäischen Immigranten zusammen, von denen die wenigsten Englisch sprachen. Ruthenberg selbst vermutete, dass unter den Mitgliedern seiner Partei nur „five speakers who could present its case in English“Zitiert nach Morgan, Lovestone, S. 18. zu finden seien. Die beiden Parteien bekämpften sich erbittert und wurden schon nach wenigen Monaten praktisch in die Illegalität gedrängt, in der sie innerhalb kürzester Zeit den Großteil ihrer Mitglieder verloren (vgl. Rote Angst). Die noch vorhandenen Organisationsreste schlossen sich im Frühjahr 1921 unter dem Dach der CPA zusammen und formierten im Dezember des gleichen Jahres mit der Workers Party of America eine legale „Frontorganisation“. Die WPA war bis 1929 de facto die in den USA aktive kommunistische Partei.
Lovestones Rolle bei den Flügelkämpfen in der WPA/CPUSA Im Sommer 1921 trat eine Gruppe Gewerkschaftsaktivisten um William Z. Foster der Partei bei. Der aus dem revolutionären Syndikalismus kommende, politisch ambitionierte Foster plädierte für eine konsequente Konzentration der Parteiarbeit auf die Produktionsarbeiter der Großindustrie, die oft gewerkschaftlich unorganisiert waren und von der nach handwerklichen Qualifikationsprinzipien organisierten konservativen American Federation of Labor (AFL) weitgehend ignoriert wurden. 1923 setzte er gegen den Widerstand Lovestones die Verlegung des Parteihauptquartiers nach Chicago durchSiehe Barrett, James A., William Z. Foster and the Tragedy of American Radicalism, Urbana-Chicago 1999, S. 111. und durchkreuzte 1924 erfolgreich die Versuche der Ruthenberg-Lovestone-Gruppe, mit dem Senator Robert M. La Follette und dessen Progressiven Partei eine gemeinsame Plattform für die anstehenden Präsidentschaftswahlen zu erarbeiten.Siehe Morgan, Lovestone, S. 41. Bereits zu diesem Zeitpunkt war der Graben zwischen dem „linken“, geographisch fast ausschließlich aus dem Westen und dem Mittleren Westen und sozial aus der Arbeiterklasse stammenden Parteiflügel um Foster und der „rechten“, um Lovestones New Yorker „City College boys“Siehe Barrett, Foster, S. 115. gruppierten Strömung unüberwindlich. Im März 1925 versuchte Foster erstmals, Lovestones Einfluss auszuschalten, indem er von einer Kommission der Kommunistische Internationale (Komintern) dessen dubiose Rolle beim Prozess gegen den Kommunisten Harry Winitsky im Frühjahr 1920 untersuchen ließ.Siehe Morgan, Lovestone, S. 20ff.
Lovestone und Foster verfochten nicht allein konkurrierende politische Konzeptionen, sondern empfanden auch eine ausgesprochen starke persönliche Abneigung gegeneinander. Diese wurde offen nach außen getragen und verlieh dem politischen Streit zusätzliche Schärfe. So kam es im August 1925 auf dem Parteitag in Chicago zu Schlägereien zwischen Anhängern beider LagerSiehe Barrett, Foster, S. 150., bei Auftritten vor Gremien der Komintern in Moskau bezeichneten sich Lovestone und Foster wechselseitig als „bastard“ und „goddam liar“.Siehe Morgan, Lovestone, S. 50, 89.
Im Sinne der Mitte der 20er Jahre von der Komintern favorisierten Bündnisstrategie intervenierte deren Repräsentant Sergei Gussew 1925 auf dem Chicagoer Parteitag zugunsten Lovestones. Obwohl Foster alle wesentlichen Abstimmungen mit Zweidrittelmehrheiten für sich entscheiden konnte, setzte Gussew durch, dass die Lovestone-Gruppe 40 % der Sitze im Exekutivkomitee und die Hälfte der Redakteursstellen des Daily Worker erhielt.Siehe Barrett, Foster, S. 150. Als am 1. Juli 1926 in New York ein Streik zehntausender Textilarbeiter begann, der von einer lokalen Mehrheit linker Funktionäre gegen den Widerstand des ILGWU-Präsidenten Morris Sigman ausgelöst und geführt wurde, engagierte sich Foster stark, während Lovestone dessen Verhalten als „sektiererisch“ angriff.Siehe Barrett, Foster, S. 152. Durch den erfolglosen Abbruch des Streiks im November 1926 erlangte die rechte ILGWU-Führung wieder die Kontrolle über die New Yorker locals, was Lovestone als Bestätigung seines „vorsichtigen“ Kurses auffasste. Nach Ruthenbergs Tod 1927 wurde Lovestone zum neuen Exekutivsekretär bestimmt; sein Einfluss in der Partei erreichte den Höhepunkt, als die Foster-Gruppe 1928 durch den Ausschluss des Kreises um James P. Cannon nachhaltig geschwächt wurde.Siehe Morgan, Lovestone, S. 67ff. Lovestone begann nun, das Konzept eines „American exceptionalism“ zu vertreten, mit dem er die Partei endgültig auf eine „rechte“ Linie festlegen wollte. Dabei nahm er Anleihen bei der unter anderem von Thorstein Veblen vertretenen Theorie eines spezifisch amerikanischen, dynamischen New Capitalism. Lovestone behauptete in diesem Zusammenhang, dass die Klassengesellschaft in den Vereinigten Staaten von „besonderer Natur“ und eine Revolution daher „strukturell“ unwahrscheinlicher sei als in anderen entwickelten kapitalistischen Ländern.Siehe Barrett, Foster, S. 155.