mini|hochkant=1.15|Verlauf der Neckar-Enz-Stellung Die Neckar-Enz-Stellung war eine vom Deutschen Reich zwischen 1935 und 1938 errichtete Festungslinie in Baden und Württemberg. Sie verlief von Eberbach nach Besigheim entlang des Neckars und von Besigheim bis Enzweihingen entlang der Enz, erstreckte sich über 86 km und umfasste 450 Bunker. Die Baukosten betrugen 12 bis 15 Millionen Reichsmark.Arnold, S. 143

Sie sollte einen Angriff französischer Truppen über den Kraichgau aufhalten und ihnen den Weg ins deutsche Hinterland versperren. Nach der vertraglichen Festigung eines französischen und tschechoslowakischen Bündnisses 1935 sollten dieses Bauwerk, die Wetterau-Main-Tauber-Stellung und die bayerisch-tschechische Grenzstellung Selb–Eslarn gemeinsam verhindern, dass im Rahmen einer militärischen Auseinandersetzung den gegnerischen Truppen eine schnelle Vereinigung und damit die Abschnürung Süddeutschlands gelingt.

Mit der Errichtung des wesentlich größeren Westwalls 1938–1940 wurde die Stellung zu einer zweiten Befestigungslinie. Zum Ende des Zweiten Weltkriegs erfüllte die Stellung in beschränktem Umfang ihre Funktion und ermöglichte es der Wehrmacht, die alliierte Eroberung Süddeutschlands um zwölf Tage hinauszuzögern.

Vorgeschichte Friedensvertrag von Versailles mini|Unterhalb des Krappenfelsens bei Lauffen am Neckar, orange markiert: Ruine des hinter einer Weinbergmauer versteckten Bunkers 266 (Feb. 2008)mini|MG-Scharte des heutigen Museumsbunkers 346 in Bissingen Der Friedensvertrag von Versailles, den das Deutsche Reich am 28. Juni 1919 nach dem Ersten Weltkrieg unterzeichnete, beschnitt die Verteidigungsfähigkeit Deutschlands erheblich.Arnold, S. 115 So beschränkte er das Heer der Reichswehr auf eine Stärke von 100.000 Mann und verbot die Beschaffung und Unterhaltung von schweren Waffen wie Panzern oder Flugzeugen. Darüber hinaus untersagte der Vertrag den Aufbau und die Unterhaltung von militärischen Verbänden und von Befestigungsanlagen westlich und 50 Kilometer östlich des Rheins.Arnold, S. 116 Die Festungen Köln (Festungsring Köln) und Germersheim (Festung Germersheim) sowie der Isteiner Klotz mussten geschleift werden. Französische Streitkräfte besetzten das linke Rheinufer. Durch diese Maßnahmen erreichte Frankreich militärische SicherheitKiener (2002), S. 8: Die Besetzung des Rheinlands und die entmilitarisierte Zone östlich des Rheins sollten im Falle eines militärischen Konflikts eine Pufferzone auf deutschem Boden schaffen.

Weimarer Republik Bald nach Gründung der Weimarer Republik stellte das deutsche Militär erste Überlegungen für eine Strategie zum Schutz des Deutschen Reichs an. Spätestens durch die Ruhrbesetzung 1923 wurde das Bedrohungspotential für einen Angriff aus dem Westen offenbar, zudem stärkte der Konflikt die Macht des Militärs innerhalb der deutschen Politik. Das Reichswehrministerium kam zu dem Schluss, dass die neuen deutschen Grenzen – bedingt durch die Änderungen am Grenzverlauf und durch die entmilitarisierten Zonen – ungleich schwerer zu verteidigen seien als die alten. Zudem musste wegen der Beschränkungen des Versailler Vertrags von einer materiellen und personellen Überlegenheit des Gegners ausgegangen werden; Frankreich, Polen und die Tschechoslowakei galten in der damaligen Zeit als starke Militärmächte.Arnold, S. 119

Daher reifte innerhalb der Reichswehr die Ansicht, dass sich eine Landesverteidigung für das Deutsche Reich an den gegebenen Randbedingungen orientieren müsse, anstatt traditionelle Konzepte zu verfolgen, wie sie der damalige Chef der Heeresleitung, General von Seeckt, vertrat. Ein Vordenker war der damalige Chef der Heeres-Organisationsleitung im Truppenamt, Oberstleutnant Joachim von Stülpnagel, Autor der Denkschrift Gedanken über den Krieg der Zukunft vom 26. Februar 1924.Arnold, S. 120

In diesem Sinne plante die Heeresabteilung T 1 I B des Truppenamts 1924 und 1925 Widerstandszonen entlang der 50-km-Zone. Im Falle eines Angriffs sollten die Gefechte auf strategischem und operativem Weg gezielt in diese vorbereiteten Gebiete gelenkt werden, um den Gegner dort möglichst früh in verlustreiche Kämpfe zu verwickeln. Durch diese „strategische Defensive“ oder auch „operatives und strategisches Hinhalten“ hielt es das Heer damals für möglich, einem überlegenen Gegner über längere Zeit Widerstand leisten zu können. Aus den Stellungskriegen im Ersten Weltkrieg verfügte das Heer zudem über umfangreiche Erfahrungen mit dem Konzept der Stellung.Schrode, S. 5 Bis Dezember 1925 vervollständigte das Heer die Planungen um Vorgaben für Taktik, Organisation, Technik und Operation: So sollten die Widerstandszonen in vorderer Linie von Eisenbeton-Unterständen für Maschinengewehre und Artillerie aus verteidigt werden.Arnold, S. 121 In der Tiefe der Zonen sollten Hindernisse, Sperranlagen und weitere Befestigungen ein Vorwärtskommen des Angreifers verhindern. Eine solche Widerstandszone sollte ihren Ausgang bei Coesfeld nehmen, westlich und südlich von Münster und weiter über Fritzlar, Gießen, Nidda, Gelnhausen, Mosbach, Heilbronn, Pforzheim, Rottweil bis nach Fützen verlaufen. Eine zusätzliche Zone sollte weiter im Landesinneren eingerichtet werden. Die erste Linie nahm damit den Verlauf der Wetterau-Main-Tauber- und der Neckar-Enz-Stellung vorweg.

Da die Reichsregierung, namentlich Außenminister Gustav Stresemann, um eine Verständigung mit Frankreich und um eine Revision des Versailler Vertrags bemüht war, versuchte die Politik in der Zeit nach 1925 jegliche militärische Provokation zu vermeiden. So verließen die Widerstandszonen vorerst nicht das Planungsstadium. Das Pariser Abkommen vom 31. Januar 1927 als Zusatzprotokoll zum Versailler Vertrag gestattete Deutschland erstmals den Bau leichter Festungen. Zuvor hatte die Interalliierte Militär-Kontrollkommission (IMKK) genauestens über die Einhaltung der Verbote gewacht. Die Emanzipation führte während der großen Koalition unter Reichskanzler Müller zum ersten Rüstungsprogramm der Weimarer Republik von 1929 bis 1932.Arnold, S. 122 In dessen Rahmen entstanden an den Ostgrenzen Ende der 1920er Jahre einfache Sumpf- und Wasserhindernisse. 1931 erfolgte die Befestigung des Heilsberger Dreiecks südwestlich von Königsberg. Entlang der westlichen Grenzen wurden nur einfache Maßnahmen umgesetzt, beispielsweise wichtige Durchgangsstraßen mit Sprengkammern versehen, Schlagbäume verstärkt und Grenzschutzeinheiten gebildet.

Im Februar 1932 begann die Genfer Abrüstungskonferenz. Das Deutsche Reich forderte eine militärische Gleichberechtigung und die Aufhebung der militärischen Bestimmungen des Versailler Vertrags.

NS-Deutschland Ab dem 14. Oktober 1933 nahmen die Vertreter des Deutschen Reiches nicht mehr an den Verhandlungen der Genfer Abrüstungskonferenz teil und Deutschland verließ zudem fünf Tage später den Völkerbund. Nach der „Machtergreifung“ war es nun das Ziel Hitlers, die militärische Gleichstellung im Alleingang zu erreichen. Für die neue Militärpolitik fernab internationaler Abkommen bildete das Zweite Rüstungsprogramm von 1933 bis 1938 die Grundlage. Es sah unter anderem den Bau von Landesbefestigungen vor.Arnold, S. 123

Durch den am 2. Mai 1935 unterzeichneten französisch-sowjetischen Beistandsvertrag und den Vertrag zwischen der Tschechoslowakei und der UdSSR sah das Truppen- bzw. Wehrmachtsamt durch einen französischen Vorstoß zum Main und eine schnelle Vereinigung mit der tschechoslowakischen Armee die Gefahr einer Abschnürung Süddeutschlands vom Kernland. Nach wie vor gab es mit Frankreich große politische Spannungen. Die französische Armee galt als sehr modern und war der deutschen weit überlegen. Bedrohungsszenario war ein Überraschungsangriff, gedeckt durch die Maginot-Linie. Zu Beginn seiner Herrschaft wollte Adolf Hitler keinen Konflikt mit den Westmächten durch einen Bruch des Versailler Vertrags mit einer Befestigung der deutsch-französischen Grenze provozieren. Aus einer militärischen Auseinandersetzung wäre das noch schwache Heer wohl als Verlierer hervorgegangen.Schrode, S. 2

Errichtung Planung und Erkundung mini|hochkant=1.2|Strategische Lage der Wetterau-Main-Tauber- und der Neckar-Enz-Stellung 1933 nahm die Inspektion der Festungen (In Fest) beim Chef der Heeresleitung, ab 1935 Oberkommando des Heeres (OKH) die Arbeiten für einen Gesamtplan zur Landesbefestigung des Deutschen Reichs auf. Die In Fest erachtete im Krisenfall einen Durchbruch über die Rhein-Main-Ebene oder über den Kraichgau, das Jagsttal und die Hohenloher Ebene für wahrscheinlich. Über die Wetterau-Main-Tauber-Stellung (WMTS) zwischen Büdingen und Klingenberg am Main und die Neckar-Enz-Stellung zwischen Eberbach und Enzweihingen, beide direkt östlich der nach wie vor von Hitler respektierten 50-km-Zone des Versailler Vertrags gelegen, sollten diese beiden historischen Einfallstore durch Sperrstellungen abgesichert werden. Ein französischer Angriff über den Schwarzwald oder den Odenwald wurde für weniger plausibel erachtet. Zusätzlich sollte die bayerisch-tschechische Grenzstellung alle Durchgangsstraßen im Bayerischen Wald gegen einen Durchmarsch aus dem Osten absperren.

Am 9. Oktober 1934 erging durch den Leiter der In Fest, Inspekteur Otto-Wilhelm Förster, der Befehl zur Erkundung der Neckar-Enz-Stellung. Die Aufgabe lautete:

Ab Oktober 1934 wurde die Neckar-Enz-Stellung auf ihrer vollen Länge erkundet. Da sich die nördlichen und die südlichen Ausläufer zwischen dem Michaelsberg und Eberbach beziehungsweise zwischen Unterriexingen und Enzweihingen innerhalb der 50-km-Zone befanden, stellte dies bereits einen Bruch des Versailler Vertrags dar.Arnold, S. 126 Mit dem Befehl für den Sicherheitsausbau der Neckar-Enz-Stellung vom 18. Januar 1935 ordnete die In Fest den ersten Ausbau der Stellung anSchrode, S. 10 und gab für den gesamten Ausbau Mittel in Höhe von 15 Millionen Reichsmark frei, die jedoch ab 16. März auf 13 Millionen gekürzt wurden.Schrode, S. 7 Als Folge konnten 10 Prozent der geplanten Bauten nicht realisiert werden. Es entstanden die Festungs-Inspektion V mit den Festungsbaugruppen Heilbronn I (verantwortlich für den Abschnitt Jagstfeld–Schozach-Mündung), Heilbronn II (Schozach-Mündung–Besigheim) und Ludwigsburg (Besigheim–Unterriexingen), die späteren Festungspionierstäbe 10, 11 und 12.Schrode, S. 9 Sie erkundeten die Standorte für Bunker, legten die Details der Anlage fest und koordinierten und überwachten den Bau.

Bau Außerhalb der 50-km-Zone 1935 wurden die Bauarbeiten für den 45 Kilometer breiten Bauabschnitt I zwischen Jagstfeld und Unterriexingen, der sich vollständig außerhalb der 50-km-Zone des Versailler Vertrags befand, aufgenommen. Der Sicherheitsausbau, der bis 1936 dauerte, umfasste den Bau von zwei Dritteln aller geplanten Bunker, ein durchgehendes Flächendrahthindernis, Panzerhindernisse und den Bau und die Ausstattung von Armierungsschuppen. Entlang der Flüsse entstanden drei bis vier Bunker pro Kilometer, um frühzeitig eine Verteidigungsbereitschaft zu erreichen. Von 1936 bis 1937 und von 1937 bis 1938 erfolgte der Verstärkungsausbau: In der Tiefe der Stellung entstanden pro Kilometer zwei bis drei Bunker, und das Kommunikationsnetz wurde erweitert.Schrode, S. 12 Der anschließende Armierungsausbau umfasste das Zwischenfeld und die Vervollständigung der Hindernisse.

Innerhalb der 50-km-Zone mini|Staustufe Gundelsheim Obwohl Gundelsheim innerhalb der 50-km-Zone lag, wurde bereits 1935 beim Bau der dortigen Staustufe für die Neckarkanalisierung eine umfangreiche Bunkeranlage mit einer Besatzung von 26 Mann eingerichtet. Offiziell wurden diese Kampfbunker als zivile Luftschutzbauten deklariert. In einem Schreiben hieß es damals: „… Die dadurch bedingte Überschreitung der 50-km-Grenze um etwa 1000 m ist nach Auffassung des Herrn Reichswehrministers, der sich den Entscheid hierfür noch vorbehalten hat, unbedenklich. …“Kiener (2002), S. 24