mini|Die Villa von Johannes Stroux in Berlin-Lichterfelde (1935), einer der Treffpunkte der Mittwochsgesellschaft
Die Mittwochsgesellschaft war eine „freie Gesellschaft zur wissenschaftlichen Unterhaltung“ in Berlin, die 1863 gegründet wurde und sich jeden zweiten Mittwoch für eine wissenschaftliche Diskussion im privaten Kreis traf. Alle jeweils 16 (maximal 17) Mitglieder waren hervorragende Experten in ihrem Fachgebiet und hatten besondere Positionen im öffentlichen Leben inne. Jedes Mitglied lud zweimal im Jahr die anderen Mitglieder zu einem Vortrag in seinem Hause ein. Der jeweilige Hausherr hielt den Vortrag, der anschließend diskutiert wurde. Kurz nach dem Attentat vom 20. Juli 1944 wurde die Gesellschaft aufgelöst.
In der Nachkriegszeit gab es in Tübingen einen „Mittwochsclub“, der in verschiedener Hinsicht der Berliner Mittwochsgesellschaft von 1863 ähnelte. Im Jahr 1996 gründeten Marion Gräfin Dönhoff und Richard von Weizsäcker eine „neue“ Mittwochsgesellschaft, die ausdrücklich an die Tradition der vormaligen Mittwochsgesellschaft anknüpfte.
Regeln und Tätigkeit Alle Mitglieder verpflichteten sich zur regelmäßigen Teilnahme und zur zweijährlichen Gastgeberschaft für die Gesellschaft. Der jeweilige Gastgeber hatte zunächst einen Vortrag aus seinem Fachgebiet zu halten, bevor das allgemeine Gespräch begann. Außerdem hatte er für das leibliche Wohl der anwesenden Mitglieder zu sorgen. Tagespolitische Diskussionen sollten nicht geführt werden. Der Vortragende hatte ein Protokoll seines Vortrages in ein vom Schriftführer aufbewahrtes schwarzes Protokollbuch einzutragen. Die fertigen Protokollbände wurden der Preußischen Akademie der Wissenschaften zur Aufbewahrung übergeben.Klaus Scholder: Die Mittwochsgesellschaft. Protokolle aus dem geistigen Deutschland 1932–1944. 2. Auflage. Severin und Siedler, Berlin 1982, ISBN 3-88680-030-X, S. 13.
Der Kreis sollte auf 16 Personen beschränkt bleiben. Nach dem Tode eines Mitgliedes wählte die Gesellschaft ein neues Mitglied, das dem Fachbereich des Verstorbenen entsprach, hinzu. Die Wahl erfolgte auf Vorschlag eines Mitglieds und musste einstimmig erfolgen.Klaus Scholder: Die Mittwochsgesellschaft. Protokolle aus dem geistigen Deutschland 1932–1944. 2. Auflage. Severin und Siedler, Berlin 1982, ISBN 3-88680-030-X, S. 14.
Profil der Mitglieder Der Kreis hatte von Beginn an den Anspruch, „Männer der verschiedensten Richtungen und Weltanschauungen“ bei sich aufzunehmen. Mitglieder waren überwiegend (Berliner) Wissenschaftler verschiedener Fachrichtungen sowie Verwaltungsbeamte, Militärs, Unternehmer, Kulturschaffende und Regierungsmitglieder. Der Adel war kaum vertreten, weshalb die Mittwochsgesellschaft als Kreis des gehobenen Bildungsbürgertums betrachtet wird, der zugleich die geistige Elite Preußens und des Deutschen Reichs repräsentierte. Die Mitglieder teilten Werte des Humanismus mit Wurzeln in der Antike. Sie verkörperten die Tradition der abendländisch-christlichen Kultur und der bürgerlichen Aufklärung.
Zum Kreis der Mitglieder gehörten in den 1930er Jahren beispielsweise der Chirurg Ferdinand Sauerbruch, der Philosoph Eduard Spranger, der Physiker Werner Heisenberg, der Botschafter Ulrich von Hassell, der Klassische Philologe und Althistoriker Johannes Stroux und der Generaloberst Ludwig Beck. Von 28 Mitgliedern zwischen 1932 und 1944 waren 18 Ordinarien an der Berliner Universität, 17 auch Mitglieder der Preußischen Akademie der Wissenschaften und zwei Direktoren von Kaiser-Wilhelm-Instituten, alles Einrichtungen von Weltruf. Trotz verschiedener Richtungen und Weltanschauungen gab es in der Gruppe ein ausgeprägtes Gemeinschaftsgefühl.Klaus Scholder: Die Mittwochsgesellschaft. Protokolle aus dem geistigen Deutschland 1932–1944. 2. Auflage. Severin und Siedler, Berlin 1982, ISBN 3-88680-030-X, S. 15.
Geschichte Gründung und Entwicklung Laut Paul Fechter fand sich die Mittwochsgesellschaft schon 1859 zusammen, „nach dem Muster der Göttinger Freitagsgesellschaft“. Offiziell gegründet wurde sie am 19. Januar 1863 durch 15 Personen. Das Gründungstreffen fand im Hause des ehemaligen preußischen Kultusministers Moritz August von Bethmann-Hollweg statt (er war der Großvater des Reichskanzlers Theobald von Bethmann Hollweg).Paul Fechter: Menschen und Zeiten. 2. Auflage. Deutsche Buch-Gemeinschaft, E. U. Koch’s Verlag Nachf., Darmstadt/Berlin 1951, S. 381.
Die Mittwochsgesellschaft erwarb einen legendären Ruf, der Wahl und Aufnahme als eine hohe Auszeichnung erscheinen ließ. In den 1930er Jahren reichte das vertretene politische Spektrum von der liberalen Mitte über den national-konservativen Flügel bis zu Sympathisanten und Vertretern des Nationalsozialismus. Manche Mitglieder waren aber nur wissenschaftlich interessiert oder äußerten sich nicht öffentlich zur Politik.Klaus Scholder: Die Mittwochsgesellschaft. Protokolle aus dem geistigen Deutschland 1932–1944. 2. Auflage. Severin und Siedler, Berlin 1982, ISBN 3-88680-030-X.
Zeit des Nationalsozialismus Während der Zeit des Nationalsozialismus beschäftigte sich die Gruppe teilweise in kritischer Distanz mit den ethischen und staatsrechtlichen Aspekten des sogenannten Dritten Reichs und der Zeit danach. Die Einstellung einiger Mitglieder zur Politik der Nationalsozialisten wechselte im Lauf der Jahre zu eindeutiger Gegnerschaft. Einige der Mitglieder, u. a. der frühere preußische Finanzminister Johannes Popitz, waren an konkreten Umsturzplänen beteiligt. Da dies aber im größeren Kreis kein Gesprächsthema war, kann die Mittwochsgesellschaft nicht insgesamt als Widerstandsgruppe betrachtet werden. Eugen Fischer, ein Aktivist des NS-Rassenprogramms, war ebenfalls Mitglied. Er verließ die Mittwochsgesellschaft jedoch 1943, da er nach seiner Emeritierung ins heimatliche Freiburg zog.Klaus Scholder: Die Mittwochsgesellschaft. Protokolle aus dem geistigen Deutschland 1932–1944. 2. Auflage. Severin und Siedler, Berlin 1982, ISBN 3-88680-030-X, S. 21.
Der Schriftsteller Paul Fechter, der 1938 Mitglied wurde, beschrieb später seine Eindrücke:
Auflösung Nach dem Attentat vom 20. Juli 1944 wurde die Gesellschaft von der Gestapo aufgelöst. Der Grund waren ideologische Gegnerschaft und erhebliche personelle Überschneidungen mit den Widerstandskämpfern. In einem Gestapo-Bericht nach dem 20. Juli 1944 hieß es, die Mittwochsgesellschaft stelle sich „immer mehr als Kristallisationspunkt dar, in dem sich Persönlichkeiten defaitistischer und dem Nationalsozialismus feindlicher Haltung zusammenfanden und sich gegenseitig in ihrer Auffassung bestärkten“.Klaus Scholder: Die Mittwochsgesellschaft. Protokolle aus dem geistigen Deutschland 1932–1944. 2. Auflage. Severin und Siedler, Berlin 1982, ISBN 3-88680-030-X, S. 22.
Ludwig Beck wurde schon am 21. Juli in der Bendlerstraße ohne Verhandlung erschossen. Am selben Tag wurde Johannes Popitz verhaftet. Die letzte Sitzung, es war die 1056. Sitzung, fand am Mittwoch, dem 26. Juli, im Hause von Paul Fechter statt. Außer diesem waren Ulrich von Hassell, Ludwig Diels, Johannes Stroux und Eduard Spranger anwesend.Klaus Scholder: Die Mittwochsgesellschaft. Protokolle aus dem geistigen Deutschland 1932–1944. 2. Auflage. Severin und Siedler, Berlin 1982, ISBN 3-88680-030-X, S. 11, 354 f.
Eduard Spranger wurde zehn Wochen lang im Gestapo-Gefängnis in Moabit festgehalten. Ferdinand Sauerbruch (zu dessen Freundeskreis auch Friedrich Olbricht, Franz Kempner und Erwin Planck gehörtenFerdinand Sauerbruch, Hans Rudolf Berndorff: Das war mein Leben. Kindler & Schiermeyer, Bad Wörishofen 1951; zitiert: Lizenzausgabe für Bertelsmann Lesering, Gütersloh 1956, S. 420 f.) wurde zweimal vom Chef der Gestapo Kaltenbrunner persönlich verhört.Klaus Scholder: Die Mittwochsgesellschaft. Protokolle aus dem geistigen Deutschland 1932–1944. 2. Auflage. Severin und Siedler, Berlin 1982, ISBN 3-88680-030-X, S. 24. Nach Ludwig Beck wurden noch drei weitere Mitglieder wegen Beteiligung am Umsturzversuch hingerichtet: Ulrich von Hassell am 8. September 1944, Jens Jessen am 30. November 1944, Johannes Popitz am 2. Februar 1945.
Zeugnisse Von allen Vorträgen bis 1944 wurden Protokolle erstellt, insgesamt neun Bände, die sich heute im Bundesarchiv befinden. Der Historiker Klaus Scholder analysierte in seinem Buch die Mittwochsgesellschaft und ihre Beziehung zur Politik in den 1930er und 1940er Jahren und druckte eine Reihe der Vortragsprotokolle aus dieser Zeit ab. Einige wurden auch von Eckart Mensching und von Hans Speidel veröffentlicht.
Paul Fechter, Mitglied von 1938 bis 1944, beschrieb die Mittwochsgesellschaft in seinem Buch Menschen und Zeiten. Begegnungen aus fünf Jahrzehnten (1948). Ulrich von Hassell, Mitglied von 1940 bis 1944, gab in seinen Tagebüchern (1938–1944) ein Bild der Mittwochsgesellschaft in diesen Jahren.
Liste der Mitglieder und ihrer Vorträge von 1932 bis 1944 Mitglieder im Zeitraum Herbst 1932 bis 26. Juli 1944.Klaus Scholder: Die Mittwochsgesellschaft. Protokolle aus dem geistigen Deutschland 1932–1944. 2. Auflage. Severin und Siedler, Berlin 1982, ISBN 3-88680-030-X, 359–368. Jeweils mit Jahr der ersten und letzten Teilnahme und exemplarischen Vorträgen.
Friedrich Baethgen (Historiker) 1942–1944 Das Deutsche Königtum im Hochmittelalter (1943). Die Persönlichkeit Kaiser Friedrichs II. (1944). Ludwig Beck (General) 1939–1944 Über den Krieg (1940). Der deutsche Kriegsplan 1914 (1940). Über die Frage: West- oder Ostoffensive 1914 (1941). Die Lehre vom totalen Krieg (1942). Der 29. September 1918 (1942). Marschall Foch (1944). Ludwig Diels (Botaniker) 1928–1944 Die Künstliche Gewinnung von Pflanzenformen (1933). Das Geschlecht (1934). Die Kulturpflanzen des Menschen (1935). Ecuador (1935). Die Gestaltung der Blüten (1937). Die Vegetation Griechenlands (1938). Die Wüste Deutsch-Südwestafrikas (1939). Wesen und Wirken des Blütenstaubs (1940). Die Metamorphose der Pflanzen (1941). Die malaiische Flora (1942). Botanische Grundlagen der Ernährungswissenschaft (1942). Das Wesen der biologischen Species (1944). Bill Drews (Jurist, Richter) 1927–1938 Die Problematik der Weimarer Reichsverfassung (1932). Die Preußische Verwaltungsreform in Geschichte und Gegenwart (1933). Über den deutschen Richter (1934). Die Entwicklung der Meinungsfreiheit in Deutschland (1935). Ohne Protokoll (1936). Ohne Protokoll (1938). Paul Fechter (Literat) 1938–1944 Journalismus (1940). Sterben und Erneuerung der Sprache (1941). Das Problem des dichterischen Gestaltens (1942). Die Kunsttheorie Karl Fiedlers (1943). Ohne Protokoll – letzte Sitzung (1944). Heinrich von Ficker (Meteorologe) 1926–1937 Krieg und Gefangenschaft in Russland (1933). Ballonfahrten im Gebirge (1934). Westturkistan (1934). Geschichte und Methodik der Wettervoraussage (1936). Die Entwicklung atmosphärischer Wirbelstürme (1936). Eugen Fischer (Mediziner) 1927–1943 Die Rassen der Juden (1933). Phaenogenetik (1934). Das Problem der Rassenkreuzung beim Menschen (1935). Biologische Elternschaftsgutachten (1936). Ursachen und Vorgang der Rassenbildung in der Menschheit (1937). Die Bewegungen des Menschen (1938). „Schicksal der Erbes – Erbe als Schicksal“ (1938). Das Rechts-Links-Problem (1939). Die Gebeine Heinrichs des Löwen und die Schicksale der Schädel einiger berühmter Männer (1941). Das Vererbungsexperiment im Dienst der Medizin (1942). Wilhelm Groener (Militär, Politiker) 1930–1939 Erlebnisse im großen Hauptquartier 1914–1916 (1933). Über den Luftkrieg (1933). Die Strategie Falkenhayns (1935). Persönlichkeit und Strategie Ludendorffs (1936). Über Ludendorffs „totalen Krieg“ (1937). Die Pläne Ludendorffs bei der Offensive 1918 (1938). Bernhard Harms (Wirtschaftswissenschaftler) 1937–1939 Die amerikanische New-Deal-Gesetzgebung (1938). Die Vorgeschichte der Wirren in Palästina (1939). Ulrich von Hassell (Diplomat) 1940–1944 Die Persönlichkeit Mussolinis (1941). Die Persönlichkeit des Königs Alexander von Jugoslawien (1943).