Die ängstlich-vermeidende Persönlichkeitsstörung (ÄVPS) ist eine psychische Störung. Sie ist gekennzeichnet durch Gefühle von Anspannung und Besorgtheit, Unsicherheit und Minderwertigkeit. Andere Namen für das Störungsbild sind selbstunsichere Persönlichkeitsstörung (SUP) oder vermeidend-selbstunsichere Persönlichkeitsstörung (historisch auch Hypersensitive Persönlichkeitsstörung).
Betroffene sehnen sich nach Zuneigung und Akzeptanz und sind gleichzeitig überempfindlich gegenüber Kritik und Ablehnung. Diese Zurückweisungsempfindlichkeit geht oft mit eingeschränkter Beziehungsfähigkeit einher. Die Betroffenen betonen potentielle Gefahren oder Risiken alltäglicher Situationen, bis hin zur Vermeidung bestimmter Aktivitäten.
Beschreibung Ängstlich-vermeidende Persönlichkeiten fühlen sich unsicher, gehemmt, unattraktiv und minderwertig. Aus Angst vor Kritik, Zurückweisung und Verspottung meiden sie soziale Kontakte. Dabei geraten sie nicht selten in soziale Isolation und brauchen besondere Unterstützung darin, aus der Reserve gelockt zu werden. Ihr geringes Selbstvertrauen wird von anderen meist positiv oder gar nicht gesehen, weil sie sich nicht in den Vordergrund drängen, bescheiden, „pflegeleicht“ und verlässlich sind. Sie sind typischerweise leicht zu beeinflussen und tun sich schwer, „nein“ zu sagen.
Nicht selten genießen diese Menschen ein hohes Ansehen bei ihren Mitmenschen. Denn oft versuchen sie, ihre vermeintlichen Unzulänglichkeiten durch gute berufliche Leistungen oder hohe Aufopferungsbereitschaft zu kompensieren. Typisch sind eine soziale Gehemmtheit sowie Unfähigkeitsgefühle, Schüchternheit, leichtes Erröten und schnelle Verlegenheit und ständige Selbstzweifel. Häufig besteht eine ausgeprägte Empfindlichkeit gegenüber negativer Kritik, Demütigung und Beschämung. (PDF; 832 kB)Uwe Henrik Peters (1999): Wörterbuch der Psychiatrie und medizinischen Psychologie. Bechtermünz Verlag, ISBN 978-3-86047-864-6. Siehe Stichwort Hypersensitive PS (Seite 660). Oft wird in Gesprächen Blickkontakt vermieden. In sozialen Kontakten wirken sie oft angespannt, gehemmt, gequält, distanziert. Der Redefluss ist häufig gehemmt.
Diagnostik
DSM-5 Im DSM-5 ist die vermeidend-selbstunsichere Persönlichkeitsstörung im Kapitel Persönlichkeitsstörungen in Sektion II unter 301.82 verzeichnet. Die Einführung ins DSM geht im Wesentlichen auf Theodore Millon zurück. Es handelt sich um ein tiefgreifendes Muster von sozialer Gehemmtheit, Insuffizienzgefühlen und Überempfindlichkeit gegenüber negativer Beurteilung. Der Beginn liegt im frühen Erwachsenenalter, und das Muster zeigt sich in verschiedenen Situationen. Mindestens vier der folgenden Kriterien müssen erfüllt sein:
Vermeidet aus Angst vor Kritik, Missbilligung oder Zurückweisung berufliche Aktivitäten, die engere zwischenmenschliche Kontakte mit sich bringen. Lässt sich nur widerwillig mit Menschen ein, sofern die betroffene Person nicht sicher ist, dass sie gemocht wird. Zeigt Zurückhaltung in intimen Beziehungen, aus Angst beschämt oder lächerlich gemacht zu werden. Ist stark davon eingenommen, in sozialen Situationen kritisiert oder abgelehnt zu werden. Ist aufgrund von Gefühlen der eigenen Unzulänglichkeiten in neuen zwischenmenschlichen Situationen gehemmt. Hält sich für gesellschaftlich unbeholfen, persönlich unattraktiv und anderen gegenüber unterlegen. Nimmt außergewöhnlich ungern persönliche Risiken auf sich oder irgendwelche neuen Unternehmungen in Angriff, weil sich dies als beschämend erweisen könnte.
Alternatives DSM-5-Modell Das Alternative DSM-5-Modell für Persönlichkeitsstörungen (AMPD) in Teil III schlägt folgende diagnostische Kriterien vor:
A. Mittelgradige oder stärkere Beeinträchtigung der Funktion der Persönlichkeit, welche sich durch typische Schwierigkeiten in mindestens zwei der folgenden Bereiche manifestiert: Identität: Geringes Selbstbewusstsein verbunden mit der Selbsteinschätzung, sozial unbeholfen, persönlich unattraktiv oder unterlegen zu sein; ausgeprägte Gefühle von Scham. Selbststeuerung: Unrealistische Erwartungen an sich selbst, verbunden mit der Abneigung, eigene Ziele zu verfolgen, persönliche Risiken auf sich zu nehmen oder neue Unternehmungen in Angriff zu nehmen, wenn diese zwischenmenschliche Kontakte mit sich bringen. Empathie: Starke Beschäftigung mit und Empfindlichkeit gegenüber Kritik oder Zurückweisung, verbunden mit der verzerrten Annahme, von anderen negativ gesehen zu werden. Nähe: Abneigung dagegen, sich mit Menschen einzulassen, sofern man sich nicht sicher ist, gemocht zu werden; eingeschränkter gegenseitiger Austausch in nahen Beziehungen aus Angst, beschämt oder lächerlich gemacht zu werden.
B. Vorliegen von mindestens drei der folgenden problematischen Persönlichkeitsmerkmale, eines davon ist (1) Ängstlichkeit: Ängstlichkeit: Intensives Gefühl von Nervosität, Anspannung oder Panik, oft als Reaktion auf soziale Situationen; Sorge über negative Auswirkungen vergangener unangenehmer Erlebnisse und über mögliche negative Entwicklungen in der Zukunft; ängstliche Gefühle, Besorgnis oder Bedrohungsgefühl bei Unsicherheit; Angst vor Beschämung. Sozialer Rückzug: Zurückhaltung in sozialen Situationen; Vermeidung von sozialen Kontakten und Aktivitäten; fehlende Aufnahme von sozialem Kontakt. Anhedonie: Fehlen von Freude, Engagement oder Energie im Hinblick auf die Dinge des Alltagserlebens; Beeinträchtigung der Fähigkeit, Lust zu empfinden und sich für Dinge zu interessieren. Vermeidung von Nähe: Vermeidung von engen Beziehungen, Liebesbeziehungen, zwischenmenschlichen Bindungen und intimen sexuellen Beziehungen.
ICD-10 In der ICD-10 ist die ängstlich-vermeidende Persönlichkeitsstörung unter Code F60.6 enthalten. Für die Diagnose müssen mindestens vier der folgenden Eigenschaften oder Verhaltensweisen vorliegen: andauernde und umfassende Gefühle von Anspannung und Besorgtheit; Überzeugung, selbst sozial unbeholfen, unattraktiv oder minderwertig im Vergleich mit anderen zu sein; übertriebene Sorge, in sozialen Situationen kritisiert oder abgelehnt zu werden; persönliche Kontakte nur, wenn Sicherheit besteht, gemocht zu werden; eingeschränkter Lebensstil wegen des Bedürfnisses nach körperlicher Sicherheit; Vermeidung beruflicher oder sozialer Aktivitäten, die intensiven zwischenmenschlichen Kontakt bedingen, aus Furcht vor Kritik, Missbilligung oder Ablehnung. Überempfindlichkeit gegenüber Ablehnung und Kritik können zusätzliche Merkmale sein.
ICD-11
Die ICD-11 klassifiziert Persönlichkeitsstörungen nicht mehr als separate Kategorien. Stattdessen gibt es die einheitliche Diagnose einer Persönlichkeitsstörung, bei der durch Merkmalsdomänen die Persönlichkeitsmerkmale Betroffener beschrieben werden können. Diese Merkmalsdomänen basieren auf den Big Five. Für die ängstlich-vermeidende Persönlichkeitsstörung sind sehr hohe Werte auf der Dimension Neurotizismus und sehr niedrige auf der Dimension Extraversion typisch. Das entspricht jeweils den Merkmalen 6D11.0 Negative Affektivität und 6D11.1 Distanziertheit. Der ausgeprägte Neurotizismus ist das wesentliche Unterscheidungsmerkmal zur schizoiden Persönlichkeitsstörung, die ausschließlich mit 6D11.1 Distanziertheit abgebildet wird.
Neurotizismus verursacht die für die ÄVPS charakteristische Ängstlichkeit, Scham und das geringe Selbstwertgefühl und damit die Vermeidung von Situationen und Aktivitäten, die intellektuell, physisch, sozial, zwischenmenschlich oder emotional als schwierig empfunden werden. Die ICD-11 beschreibt das Merkmal 6D11.0 so: „Zu den häufigsten Erscheinungsformen der negativen Affektivität, die möglicherweise nicht alle gleichzeitig bei einer Person auftreten, gehören: Das Erleben eines breiten Spektrums negativer Emotionen mit einer Häufigkeit und Intensität, die nicht im Verhältnis zur Situation stehen, emotionale Labilität und unzureichende Emotionsregulation, negativistische Einstellungen, geringes Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen sowie Misstrauen.“
Subtypen Patienten mit einer vermeidend-selbstunsicheren Persönlichkeitsstörung lassen sich nach einer Studie von Alden und Capreol (1993) etwa hälftig in folgende zwei Subtypen differenzieren:Peter Fiedler, Michael Marwitz (2016): Selbstunsicher und schizoid – Varianten einer Störung?
Kühl-distanziert Diese Gruppe lässt sich als „kühl-distanziert“ und „sozial-vermeidend“ (cold-avoidant) beschreiben; kennzeichnend sind Misstrauen und Probleme, warme Gefühle auszudrücken. Nachgiebig-ausnutzbar Charakteristisch für die „nachgiebig-ausnutzbare“ (exploitable-avoidant) Gruppe ist, dass Betroffene sich von anderen ausgenutzt fühlen oder tatsächlich ausgenutzt werden und es ihnen schwerfällt, anderen Grenzen aufzuzeigen. Im sexuellen Bereich kann dies u. U. Missbrauch durch andere begünstigen.
Abgrenzung Ein Problem bei der Abgrenzung liegt in der Kriterienüberlappung mit der sozialen Phobie. Sozialphobiker haben eng umschriebene Ängste (z. B. vor Prüfungen, öffentlichen Reden), während diese sich bei ängstlich-vermeidenden Persönlichkeiten auf viele unterschiedliche Situationen ausdehnen. Außerdem wird die ängstlich-vermeidende Persönlichkeitsstörung stärker als ich-synton erlebt: Das bedeutet, dass trotz Leidensdruck Betroffene ängstliche Denkmuster und ihr unsicheres Verhalten als integrativen Bestandteil ihrer Persönlichkeit betrachten. Sozialphobiker hingegen erleben ihre Symptome meist eindeutiger als Störung, die nicht Teil ihrer Persönlichkeit ist (Ich-Dystonie). Menschen mit sozialen Phobien ängstigen auch eher die sozialen Begleitumstände, während ängstlich-vermeidende Personen sich mehr vor der Intimität und Selbstoffenbarung in engen Beziehungen fürchten. Wichtige Merkmale zur Unterscheidung sind schließlich bei ängstlich-vermeidender Persönlichkeitsstörung das allgemeine Unbehagen in den meisten sozialen Situationen, die deutliche Angst vor Kritik und Zurückweisung und ausgeprägte Schüchternheit. Im Gegensatz zur Sozialphobie zeigen sich Anzeichen einer ÄVPS bereits in der frühen Kindheit und entwickeln sich lebenslang.Peter Fiedler, Michael Marwitz (2016): Abgrenzung gegenüber sozialer Phobie
Überschneidungen gibt es ebenfalls mit den Merkmalen der abhängigen Persönlichkeitsstörung. Dabei steht allerdings, anders als bei Personen mit ängstlich-vermeidender Persönlichkeitsstörung, das Bedürfnis des Umsorgt-Werdens im Vordergrund. Beide Persönlichkeitsstörungen können gleichzeitig bestehen. Eine ebenfalls häufig auftretende Komorbidität besteht mit der Borderline-Persönlichkeitsstörung. S. 15f.
Entstehung Immer häufiger werden auch genetische Faktoren als Ursachen diskutiert – vor allem eine persönlichkeitstypische Vulnerabilität in Form innerer Unruhe, Anspannung, Nervosität und damit einhergehender mangelhafter Reagibilität, die schließlich zu einer erhöhten Verletzbarkeit führt. Diese genetische Prädisposition kann bei ungünstiger Kombination mit negativen psychosozialen Einflüssen im Alltag einen ursächlichen Beitrag zur Entstehung der Störung darstellen. Die bei ängstlich-vermeidenden Personen stark ausgeprägten Persönlichkeitsmerkmale Neurotizismus und Introversion gelten als vererbbar.Siehe Leitlinie Persönlichkeitsstörungen der AWMF (PDF; 4 MB) S. 10–11, 40. Eine Pathogenese, die die Vererbung im Übermaß betont, verfügt aber gerade bei der ängstlich-vermeidenden Persönlichkeitsstörung über keine ausreichende wissenschaftliche Grundlage in Form von genügend aussagekräftigen Studien. Daher sollte auch der möglicherweise entscheidende Einfluss der frühen Kindheit beachtet werden. Bisher liegen dazu allerdings ebenfalls nur Spekulationen und keine belastbaren empirischen Untersuchungen vor.