Pankow – Eigenschreibweise PANKOW – war eine 1981 in der DDR gegründete Rockband. Musikalisch werden Pankow gelegentlich mit den Rolling StonesMichael Rauhut: Rock in der DDR. Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2002, ISBN 3-89331-459-8, S. 103. verglichen und haben in ihrer Bandgeschichte zahlreiche Musikstile verarbeitet und Theaterprojekte realisiert. Bereits zu DDR-Zeiten eine der bekanntesten Bands des Landes, hatten ihre Stücke oft einen kritischen und provozierenden Unterton. „Ähnlich vielen Schriftstellern zählten sie zu den etablierten Größen ästhetischer Subversion“, schrieb der Journalist Christoph Dieckmann in einem 1999 im Rolling Stone erschienenen Artikel.Christoph Dieckmann: Nun machs gut, Inge Pawelczik, du Wilde! Die „Stones des Ostens“ treten nun ab. In: Rolling Stone, 1999, Heft 2, S. 14 Bei einigen ihrer Stücke traten daher Veröffentlichungsprobleme auf. So konnte ihr Erstlingswerk Paule Panke erst 1989 beim staatlichen Plattenlabel Amiga erscheinen. Das Lied Langeweile vom Album Aufruhr in den Augen durfte zeitweise im DDR-Rundfunk nicht gesendet werden. Diese Stücke wurden aber bei Pankows öffentlichen Auftritten gespielt. 2025 gab die Band in Dresden ihr letztes Konzert.

Geschichte Vorgeschichte und Gründung Pankow gingen aus der ursprünglichen Begleitband von Veronika Fischer hervor, die ab 1977 als 4 PS weiterarbeitete.

Nach dem Weggang von Franz Bartzsch suchten die Band-Mitglieder Jäcki Reznicek, Frank Hille, Jürgen Ehle und Rainer Kirchmann einen neuen Frontmann, den sie in André Herzberg bei der Gaukler Rock Band fanden.

Die neue Band nannte sich 1981 Pankow. Der Bandname spielt auf den Berliner Stadtbezirk Pankow an, in dem Herzberg lebte, sowie die Ähnlichkeit mit dem Wort Punk. Die Bezeichnung „Pankow“ war außerdem seit den 1950er Jahren ein westdeutscher Schmähbegriff für das DDR-Regime, dessen Mitglieder dort in Villen lebten.

Aufruhr in den Augen (1981–1989) Paule Panke Von Anfang an wurde der Band eine große Aufmerksamkeit durch die Medien zuteil. 1983 beschrieb der West-Berliner Olaf Leitner in seinem Standardwerk über die Rockszene in der DDR die Begeisterung, mit der der Held des Rockspektakels Paule Panke als neue Kultfigur angenommen wurde und Pankow damit „endlich das DDR-typische Liedhafte eliminiert zugunsten einer rauhen, vital-treibenden Rhythmik“ und prophezeite der Band den Weg „an die Spitze aller Rockbands des Landes“.Olaf Leitner: Rockszene DDR: Aspekte einer Massenkultur im Sozialismus. Rowohlt, Reinbek 1983, ISBN 3-499-17697-1, S. 448

1981 brachte Pankow Paule Panke auf die Bühne, ein mit Elementen einer Theateraufführung in Szene gesetzte Rockspektakel, das einen Tag aus dem Leben eines Lehrlings erzählt und für das als Texter fast ausschließlich Frauke Klauke alias Wolfgang Herzberg, Bruder von André Herzberg, verantwortlich zeichnet. Im Folgejahr kam es zu ersten Produktionen im Studio sowie zu einem Live-Mitschnitt von Paule Panke.

mini|Pankow (2011) Bei Paule Panke waren Handlung und Musik nahezu gleichberechtigt. Die optische Darstellung der Handlung beschränkte sich im Wesentlichen auf den Frontmann der Band André Herzberg, der ähnlich wie Peter Gabriel in den frühen Jahren von Genesis die vorgetragenen Texte mit theatralischen Elementen visuell verstärkte. Paule Panke war das erste Rockspektakel der DDR, dessen Aufführung nicht auf Theaterbühnen und damit auf ein relativ kleines Publikum beschränkt war. So wurde Paule Panke in den Kulturhäusern und auf den Freilichtbühnen der DDR etwa 200 Mal vor rund 50.000,Wolfgang Herzberg: Paule Panke, Hans Im Glück: Texte für und über die Gruppe Pankow. Henschelverlag Kunst und Gesellschaft, Berlin 1990, dialog, ISBN 3-362-00292-7, S. 89 in anderen Quellen auch vor ca. 100.000Wolfgang Herzberg. In: Kunst und Kultur in der DDR: 36 Sitzung der Enquete-Kommission „Aufarbeitung von Geschichte und Folgen der SED-Diktatur in Deutschland“ am 5. Mai 1993. 2. Teil. Deutscher Bundestag, Referat Öffentlichkeitsarbeit, Bonn 1993, S. 72. Jugendlichen live im Konzert gespielt.

Trotz des enormen Erfolgs bei den Live-Konzerten im ganzen Land, der mehrfachen Sendung von Paule Panke im staatlichen Radio, der finanziellen Unterstützung der Band bei den Proben durch die Generaldirektion beim Komitee für Unterhaltungskunst und einer Auszeichnung im Rahmen des 1982er Interpretenwettbewerbs der Unterhaltungskunst wurde der Band letztlich die Veröffentlichung beim staatlichen Plattenlabel Amiga verwehrt.Michael Rauhut: Schalmei und Lederjacke. Schwarzkopf & Schwarzkopf, Berlin 1996, ISBN 3-89602-065-X, S. 257ff.Jürgen Balitzki: Zwischen Paule und Hans. Jürgen Balitzki im Gespräch mit André Herzberg und Frank Hille. In: Melodie und Rhythmus, 1984, 11, , .

1982 kam der Dokumentarfilm Einmal in der Woche schrein von Günter Jordan unter anderem wegen des Pankow-Titelstücks mit der Zeile „Immer um Erlaubnis fragen, gibt’s denn gar nichts mehr zu wagen, wer will an der Leine geh’n, ich will selber denken, selber seh’n.“ auf den Index. Er wurde erst im Oktober 1989 uraufgeführt.

Am 29. Januar 1983 trat die Band beim Festival Rock für den Frieden im Palast der Republik auf und provozierte einen Eklat, als André Herzberg von der Bühne herab und vor den Augen der Funktionäre von SED und FDJ in Wehrmachtsuniform lautstark Parallelen zwischen dem nationalsozialistischen Deutschland und der DDR proklamierte. Das DDR-Fernsehen unterbrach daraufhin seine Übertragung.André Herzberg: Keine Stars: Mein Leben mit Pankow. 1. Auflage, Aufbau Verlag, Berlin 2021, ISBN 978-3-351-03843-4, S. 91ff.

Ein von Heiner Carow geplantes Projekt zur Verfilmung des Paule-Panke-Stoffs im Stil einer RockoperJürgen Balitzki: Pankow. Interview mit Heiner Carow. In: Melodie und Rhythmus, 1982, 11, , wurde nach Vorlage des Treatments von der Abteilung HV Film beim Ministerium für Kultur gestoppt,Ingrid Poss, Peter Warnecke (Hrsg.): Spur der Filme: Zeitzeugen über die DEFA. 2. Auflage. Links, Berlin 2006, ISBN 3-86153-401-0, S. 411 ff. während unter der Regie von Lew Hohmann 1983 der Dokumentarfilm Paule in Concert gedreht wurde, in dem der Alltag von Jugendlichen in der DDR von Songs aus Paule Panke begleitet wird.Bernd Lindner: DDR Rock & Pop. KOMET, Köln 2008, ISBN 978-3-89836-715-8, S. 153

Hier und auch in den Folgejahren kommt die Ambivalenz des „kulturpolitischen Systems DDR“ zum Ausdruck. Auf der einen Seite gab es Unterstützer der Band, die sich in den offiziellen Medien und bei den zuständigen Behörden für die Band einsetzten, Texte und Aufführungen positiv rezensierten,Jürgen Balitzki: Paule, Pankow und Pawelczik. In: Melodie und Rhythmus. (1983), Stefan Körbel: PANKOWs Premiere. In: Sonntag, 13/82Bianca Tänzer: Realitätsgewinn in unserer Republik. In: Musik und Gesellschaft, Dezember 1982 sowie ein großes Interesse, den Stoff auch szenisch als Film oder Bühnenstück umzusetzen. Auf der anderen Seite standen Gegenspieler, wie etwa der unter ideologischen und wirtschaftlichenChristian Hentschel: Du hast den Farbfilm vergessen … und andere Ostrockgeschichten. Interview mit Wolf-Dietrich Fruck. Schwarzkopf & Schwarzkopf, Berlin, 2000, ISBN 3-89602-317-9, S. 144 ff. Prämissen agierende Chefredakteur von Amiga, René Büttner, der den von ihm und der Band bereits unterzeichneten Plattenvertrag für Paule Panke nach Intervention von nicht näher genannter Stelle zurückzog,Christian Hentschel: Du hast den Farbfilm vergessen … und andere Ostrockgeschichten. Interview mit André Herzberg. Schwarzkopf & Schwarzkopf, Berlin, 2000, ISBN 3-89602-317-9, S. 44 ff.André Herzberg: Mosaik. Avinus Verlag, Berlin 2004, ISBN 978-3-930064-22-9, S. 116 eine Vertragsverletzung, die Pankow in den folgenden Verhandlungen mit dem künstlerischen Direktor der VEB Deutsche Schallplatten Berlin, Hansjürgen Schaefer, in eine unbefristete und vertraglich garantierte Option zur jährlichen Veröffentlichung eines Albums ummünzen konnte.Jürgen Ehle, E-Mail vom 13. Februar 2012 an den Autor

Die Schriftstellerin Gisela Steineckert, ab 1984 Präsidentin des Komitees für Unterhaltungskunst, urteilte 1982 über Paule Panke:

1984 in einer Sammlung von Briefen veröffentlicht, hat sie nach dem Live-Erlebnis und dem Kennenlernen der Band diese harsche Kritik allerdings öffentlich revidiert und in der Folge das Konzept von Pankow unterstützt.

Die Ursachen für diese Ambivalenz sind sicher auch in den Folgen und der Verunsicherung der Kulturfunktionäre nach der Biermann-Ausbürgerung und den darauf folgenden Protesten und dem Exodus von namhaften DDR-Künstlern zu sehen.

Lieder statt Konzeptalben 1983 wurde mit Kille Kille unter dem Druck der Popularität der Band eine erste Zusammenstellung von Titeln veröffentlicht.Christine Wagner: Pankows Wiedervereinigung. In: Freie Presse, 11. Januar 1997, André Herzberg schreibt dazu in seinem autobiographischen Roman Mosaik:

Trotz der in kurzer Zeit vergriffenen ersten Auflage von 110.000 blieb diese Zusammenstellung von Amiga ohne konzeptionellen Zusammenhang der einzelnen Stücke für die Band und ihr Publikum, die nach den vielen Live-Konzerten auf die Veröffentlichung von Paule Panke gehofft und gewartet hatten, hinter den Erwartungen zurück.

Als es Pankow dann 1985 gelang, das ebenfalls als Konzept angelegte Rockspektakel Hans im Glück bei Amiga zu veröffentlichen, führte der Inhalt des Stücks wieder zu kontroversen Diskussionen und vielfach auch zu Ablehnung von Seiten der für Jugendkultur in der DDR zuständigen Funktionäre und Organisationen.

Wenn bei Paule Panke noch die Fiktion des Einbringens in eine entwicklungsfähige Gesellschaft (Komm aus’m Arsch) überwog, so mehrten sich die als systemkritisch empfundenen Töne in den Texten von Frauke Klauke auf Hans im Glück. Zeilen wie die folgenden aus Hans Negativ wurden vom Publikum auch auf das sozialistische System der DDR bezogen:

André Herzberg beschrieb die Wirkung der Texte auf das jugendliche Publikum:

Nach teils heftigen Kontroversen und Diskussionen über Hans im Glück in der Öffentlichkeit, die neben den Texten auch das Konzept der Band in Frage stellten, trennten sich Pankow und ihr Texter Frauke Klauke.Wolfgang Herzberg: Paule Panke, Hans Im Glück: Texte für und über die Gruppe Pankow. Henschelverlag Kunst und Gesellschaft, dialog, Berlin 1990, ISBN 3-362-00292-7, S. 175–176 Fortan wurden die Texte zu den Songs von Herzberg und Ehle oder anderen Textern, wie etwa Ronald Galenza, verfasst. In Konzerten waren einzelne Songs von Paule Panke, wie Freitag oder auch der Werkstattsong weiterhin präsent. Von Stille, dem Abschlusstitel von Hans im Glück, gab es auf dem 2006er-Album Nur aus Spass ein Remake.

Das erste Pankow-Konzert im NSW fand 1984 im Quartier Latin in West-Berlin statt.André Herzberg: Keine Stars: Mein Leben mit Pankow. 1. Auflage, Aufbau Verlag, Berlin 2021, ISBN 978-3-351-03843-4, S. 130ff. Es folgte 1985 die von Bernd Reisig organisierte Tournee durch die Bundesrepublik Deutschland. Nach der Tour verließ Frank Hille die DDR und somit auch die Band. Er wurde durch Stefan Dohanetz ersetzt.André Herzberg: Keine Stars: Mein Leben mit Pankow. 1. Auflage, Aufbau Verlag, Berlin 2021, ISBN 978-3-351-03843-4, S. 147ff.

Das 1986 erschienene Album Keine Stars wurde von Teldec auch in der BRD verlegt. Das Album enthält den von Ronald Galenza getexteten Titel Er will anders sein, der das Motto großer Teile der jungen Generation in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre der DDR wurdeBernd Lindner: DDR Rock & Pop. KOMET, Köln 2008, ISBN 978-3-89836-715-8, S. 151 und dessen Refrain bei Live-Auftritten von Sänger und Publikum lautstark im Chor skandiert wurde.Michael Rauhut: Rock in der DDR. Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2002, ISBN 3-89331-459-8, S. 103f.