mini|hochkant=1.15|Amphore der Kugelamphorenkultur, 1979 bei Erdarbeiten am Schloss Friedrichsfelde entdeckt, jetzt Märkisches Museum Berlin Die Kugelamphoren-Kultur (KAK) ist eine mitteleuropäische Kultur des Spätneolithikums/Endneolithikums. Sie existierte etwa von 3450 v. Chr. bis 2600 v. Chr. Benannt wurde sie nach den typischen Tongefäßen mit kugelförmigem Körper, zylindrischem, meist verziertem Hals und Ösenhenkeln am Halsansatz. Der Begriff Kugelamphoren-Kultur wurde im Jahre 1900 vom Berliner Prähistoriker Alfred Götze geprägt.

Forschungsgeschichte Im Jahre 1746 wurde beim Pflügen in der Nähe von Sittichenbach, Amt Sittichenbach, eine Steinkiste entdeckt, in dem „die Gerippe und Knochen von fünf Menschen“ lagen. Drei waren mit den Köpfen nach Westen und zwei nach Osten gerichtet. Von den beiden gefundenen Gefäßen blieb bis zum Zweiten Weltkrieg eines erhalten, das nach der Photographie als reich verzierte Kugelamphore klassifiziert wird.

Auch in den folgenden Jahrzehnten wurden bei Arbeiten/Plünderungen/Zerstörungen an Großsteingräbern Gefäße bemerkt, die an Kugelamphoren erinnern. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurden die Funde häufiger. Julius Schmidt berichtete 1894 über die Untersuchung einer Steinkiste in Beckendorf-Neindorf, Kreis Oschersleben.Julius Schmidt: Steinkistengrab bei Beckendorf, Kreis Oschersleben. In: Mitteilungen aus dem Provinzial-Museum der Provinz Sachsen zu Halle a. d. Saale. Band 1, 1894, S. 34–38 (Digitalisat).

Alfred Götze stellte 1900 alle bekannten Informationen zusammen und fasste die Funde zu einer Gruppe zusammen, die in ihrer Verbreitung der später postulierten Westgruppe der KAK entspricht. Zum keramischen Inventar zählte er neben den Amphoren auch die weitmundigen Töpfe und die von ihm als Näpfe bezeichneten Schalen. Er erkannte auch die Zugehörigkeit der dicknackigen Feuersteinbeile und -meißel zu dieser Kultur. Den Ursprung der Gruppe suchte er in der „nordischen Steinzeit-Provinz“, und chronologisch betrachtete er sie auf Grund ihrer Beziehungen zum Bernburger Typus „als eine einem relativ späten Abschnitte der jüngeren Steinzeit angehörigen Gruppe“, die entsprechend seinen Vorstellungen jünger als die Schnurkeramik sei.Alfred Götze: Neolithische Kugelamphoren. In: Zeitschrift für Ethnologie. Band 32, 1900, S. 154–177, hier S. 177 (Digitalisat).

In den ersten drei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts bildete die Auseinandersetzung um Entstehung, Chronologie und Wesen der KAK einen Schwerpunkt der Forschung.

Paul Höfer (1911), Hugo Mötefindt (1915) u. a. suchten anlehnend an Alfred Götze und Gustaf Kossinna den Ursprung der KAK im Gebiet östlich und nördlich des Harzes, wobei dem Havelgebiet eine besondere Rolle zukam. Auch sei die KAK älter als die Schnurkeramik.

1918: Nils Åberg lieferte eine zweite Fundzusammenstellung, ging aber in den Erläuterungen nicht über bisher bekannte Tatsachen hinaus. 1922: Gustaf Kossinna legte in Tabellenform eine umfassende Fundplatzliste vor, wobei er eine West- von einer Ostgruppe unterschied. Obwohl eine von ihm angekündigte Auswertung nie erschienen ist, wird diese Einteilung, wenn auch modifiziert, heute noch benutzt. 1927, zusammenfassend: Paul Ludwig B. Kulpka erklärte die KAK aufgrund von Zusammenfunden mit Bernburger-Keramik als zusammengehörige Gruppen und benannte sie Stil IV seiner Ganggrabkeramik. Er trat für eine bodenständige Entwicklung der KAK ein und hielt sie für älter als die Schnurkeramik und die Schönfelder Kultur. 1938: Sprockhoff betrachtete bei seinen Überlegungen zur Megalithkultur die KAK mit einem Ursprung an der Mittelelbe und im Havelgebiet. Auch glaubte er, Elemente zu erkennen, die ihr Fortleben bis in die frühe Bronzezeit andeuteten. 1938: Hans Priebe legte eine umfassende Studie über die Westgruppe der KAK vor, die heute noch eine solide Basis bietet. Für ihn bildet die Westgruppe ein einheitliches Ganzes. Chronologisch ordnet er die Gruppe an das Ende des Neolithikums (Jungsteinzeit), wobei er Beziehungen zur Baalberger-, Bernburger-, Schönfelder- und schnurkeramischen Kultur hervorhebt. 1950er: Ulrich Fischer legt grundlegende Arbeiten über das Neolithikum im Mittelelbe-Saale-Gebiet vor. Chronologisch erachtet er die KAK als jünger als die Schnurkeramik. 1964: Valentin Webers Analyse ergibt: 1.) Die Westgruppe bildet nach wie vor eine einheitliche Gruppe. 2.) Die KAK entstand im Gebiet des heutigen Polens auf der Basis der östlichen Trichterbecherkultur, und bei der Westgruppe handelt es sich um eine losgelöste jüngere Phase dieser Kultur. 3.) In chronologischer Hinsicht wird die Westgruppe als kurzfristige Erscheinung charakterisiert, die „zeitlich einer jüngeren Phase, jedoch nicht dem Ende der Schnurkeramik“ entsprechen soll.Valentin Weber: Die Kugelamphorenkultur in Sachsen. In: Arbeits- und Forschungsberichte zur sächsischen Bodendenkmalpflege. Band 13, 1964, S. 73–192, hier S. 188. Ewald Schuldt bezeichnet die Nachbestattungen der Kugelamphoren-Kultur in Megalithanlagen der Trichterbecherkultur (TBK) für eine wesensgleiche Form der Nutzung. 1973: Hermann Behrens resümiert den erreichten Forschungsstand in der Monographie Die Jungsteinzeit im Mittelelbe-Saale-Gebiet. Im selben Jahrzehnt werden von Kirsch, Müller, Rosenstock weitere Teilgebiete der KAK untersucht. 1985: Hans Nortmann: Er sieht die Westgruppe in Deutschland und Böhmen, die Ostgruppe in Polen und der Ukraine. Westpolen kann als Übergangsbereich angesehen werden. Aufgrund seiner Stilanalyse lehnt er die Hypothese einer monozentrischen Genese der KAK ab. Auch hält er Ost- wie Westgruppe für relativchronologisch nicht gliederbar. Berlin 1985: Erika Nagel: publiziert Die Erscheinungen der KAK im Norden der DDR. 1988: Hans-Jürgen Beier behandelt die KAK im Mittelelbe-Saale-Gebiet. 2001: Johannes Müller befasst sich in seiner Habilitations mit der KAK Mitteldeutschlands. 2023: Johannes Müller hat ein umfassendes Werk zur KAK veröffentlicht.

Chronologie Absolut: Die frühesten Daten liegen bei 3200 v. Chr. und in allen Hauptregionen (wie Mitteldeutschland oder Zentralpolen) datiert sie sicher vor 3100 v. Chr. Ab 3000 v. Chr. ist sie auch in Böhmen, Mähren und Wolhynien anzutreffen. In fast allen Regionen ist sie bis 2700 v. Chr. dokumentiert. Ab spätestens 2600 v. Chr. ist sie lediglich in im Bereich zwischen unterer Weichsel und Podolien anzutreffen bis maximal 2400 v. Chr.

Relativ: zeitweiliger Kontakt zu der Walternienburg-Bernburger Kultur und zu den schnurkeramischen Kulturen. Die KAK markiert den Übergang von der mittleren zur späten Kupferzeit (Saarbrücker Chronologie).

Kulturell: Die KAK ist als dynamische Kultur zu verstehen und mit Wandlungsprozessen innerhalb der Gesellschaften assoziiert. Die KAK bildete sich im Bereich der östlichen Trichterbecherkultur und bildet womöglich eine Grundlage der Schnurkeramischen Kultur. Ab etwa 3000/2900 v. Chr. sind Einflüsse aus benachbarten archäologischen Komplexen festzustellen. Dazu zählen die Wartberg-Kultur, Cham, und Goldberg III sowie Kulturen aus dem mittleren Dniepr-Bereich. Hier stand sie mit frühen Steppenkulturen in Kontakt. Womöglich besteht eine chronologische Überschneidung mit dem sogenannten A-Horizontes der frühen Schnurkeramik.

Marija GimbutasMarija Gimbutas: The Living Goddesses. University of California Press, Berkeley 2001, ISBN 978-0-520-22915-0, S. 188. nahm einen indogermanischen Ursprung an. Dagegen sprechen sowohl die Bestattungssitten, die extrem wenigen Kupferfunde, als auch neue genetische Untersuchungen.Francesca Tassi, Stefania Vai et al. (2017): Genome diversity in the Neolithic Globular Amphorae culture and the spread of Indo-European languages. In: Proceedings of the Royal Society of London: B, Biological sciences. Band 284, Issue 1867, 2017 ().

Verbreitung mini|Kugelamphoren-Kultur (orange) mit den Nachbargruppen Schnurkeramische Kultur (rötlich), Badener Kultur (violett) und Jamnaja-Kultur (gelb).

Die KAK war von der Ukraine bis an die Weser und Leine (durch Nachbestattungen der Kugelamphoren-Kultur belegt) in Niedersachsen verbreitet. Die etwa 20 beschriebenen Untergruppen lassen sich in eine Bernburger Gruppe (entstanden in der Bernburger Kultur), eine Böhmische Gruppe (Řivnáč-Kultur), eine Altmärkische bis Ostholstein (Warnow-Schwentine-Fehmarn) reichende Gruppe und eine Wesergruppe um Hannover bis Hameln, eine Elbe-Havel-Gruppe (einschließlich Spree und Dahme-Gebiet) mit einem Übergangsbereich an der Oder mit Expansion an die Peene bzw. ins Oderhaff und nach Vorderpommern (polnische Küste), eine Oder-Warte-Weichsel-Gruppe mit Expansion an die Haffküste sowie in die Lubin-Volhynia-Gruppe (Wollin) und Bug-Dniestr-Sereth-Gruppe zusammenfassen, die das schwarze Meer bei Odessa (Usatovo-Kultur) erreicht und somit den Bereich der späten Grubengrab-Kultur.

Die Warte-Weichsel-Gruppe zeigt neben der Elbe-Havel- und Bernburger Gruppe die größte Konzentration und bildete wohl auch die typische kugelförmige Gefäßform aus. Alle Gruppen standen dank der neuen Mobilität mit inzwischen auch durch Pferde gezogenen Karren untereinander in Handelskontakt. Sie erweitern das bereits seit der Trichterbecherkultur bestehende Handelsnetzwerk, das von der Schnurkeramik nochmals erweitert wurde.

Über das Kerngebiet hinaus sind Einzelfunde und keramische Mischfunde in Gräbern gefunden worden. Kontakte zeigen hier die Bernburger Gruppe zur Goldberg-Gruppe bzw. Altheimer Gruppe sowie zur Wartenberger Gruppe und die Böhmische Gruppe (Řivnáč-Gruppe) zur Chamer Gruppe an der Donau, die selbst eine wesentliche Rolle in der Expansion der Glockenbecherkultur spielten. Dieser Kontakt intensivierte sich während der Schnurkeramik zunehmend, sodass es fast flächendeckend zur Vermischung in Mitteleuropa kam.

Diese dynamische Kulturexpansion war Anlass zur Diskussion, ob es sich bei den Trägern der KAK um die erste Steppenexpansion handelt, die zum Verständnis der kupferzeitlichen bzw. frühbronzezeitlichen Kulturkomplexe eine Schlüsselrolle spielen könnten. Die Frage muss mit Jein beantwortet werden. Eine Expansion in den asiatischen Steppenraum fand zwar statt, ist jedoch hauptsächlich an die Grubengrabkultur bzw. weiteren Uralkulturen gebunden. Expansionsspuren zeigen sich jedoch bis an die abchasische Küste des östlichen Schwarzmeerraumes, was auf Kulturtransfer über die Krim hindeutet.Manfred Woidich: Die Westliche Kugelamphorenkultur. Untersuchungen zu ihrer raumzeitlichen Differenzierung, kulturellen und anthropologischen Identität (= Topoi. 24). de Gruyter, Berlin 2014, ISBN 978-3-11-030929-4 (Zugleich: Berlin, Freie Universität, Dissertation, 2012).

Materielle Kultur Keramik mini|Amphore der Kugelamphorenkultur, 1979 bei Erdarbeiten am Schloss Friedrichsfelde entdeckt, jetzt Märkisches Museum Berlin Die Kugelamphore kann von bauchiger Form, jedoch auch gesackt oder auf andere Art verzogen sein. Es wurde versucht, die Form von einer Schweinsblase abzuleiten. Daneben gibt es den weitmündigen Topf mit Standboden und oft deutlich abgesetztem kurzen Hals. Die Hälse der Amphoren und Töpfe sind oft reich verziert. Typische Ornamente sind Rauten- und Dreiecksfelder, Kombinationen von hängenden und stehenden Dreiecken, ausgesparte Winkel- und Rautenbänder. Fingertupfen, umlaufende Wülste, Schwalbenschwanzhenkel ergänzen als plastische Verzierungen dieses Inventar.

Die Farbe der Gefäße variiert von gelblich-rötlich über Grau- und Brauntöne bis schwarz, wobei Grau und Braun dominieren. Große „Siedlungsgefäße“ sind in der Regel gröber gemagert und schlechter gebrannt als die übrigen Behältnisse. Bei den Kugelamphoren liegt die durchschnittliche Wandungsstärke bei ca. 0,5 cm, bei den weitmundigen Töpfen etwa bei 0,6 cm; Werte von 0,8 cm und mehr beschränken sich im Wesentlichen auf die größeren, meist von Siedlungsplätzen stammenden Gefäße.

Gefäßformen Es sind dies die

Kugelamphore, die napfartigen Gefäße (a. weitmundiger Topf, b. Napf-Schale, c. Schüssel, d. Warzenbecher, e. echter Napf),