mini|Seite aus einer von Pomponius eigenhändig geschriebenen Handschrift (Claudian, In Rufinum mit Kommentar des Pomponius) Julius Pomponius Laetus (* 1428 in Diano [heute Teggiano], Provinz Salerno; † wahrscheinlich 9. Juni 1498 in Rom Maria Accame, Pomponio Leto, Giulio. In: Dizionario Biografico degli Italiani 84, 2015.; italienisch Giulio Pomponio Leto) war ein einflussreicher italienischer Humanist. Er gründete eine Gemeinschaft von Gelehrten, die ein lockerer Kreis seiner humanistischen Freunde und Schüler war und altertumswissenschaftliche Studien trieb. Später wurde für diese Gemeinschaft die Bezeichnung Accademia Romana gebräuchlich.

Die Forschungen des Pomponius zur Topographie des antiken Rom waren wegweisend. Auf dem Gebiet der Klassischen Philologie gehörte er als Herausgeber und Kommentator zu den maßgeblichen Gelehrten seiner Zeit. Als Hochschullehrer zeigte er eine außergewöhnliche Befähigung, seine zahlreichen Schüler für die Altertumswissenschaft zu begeistern.

Großes Aufsehen erregte der Konflikt zwischen der Gemeinschaft des Pomponius und Papst Paul II. Der Papst verdächtigte die Humanisten der Häresie (Ketzerei) und einer Verschwörung gegen seine Herrschaft. Die Verdächtigen, darunter Pomponius, wurden zeitweilig eingekerkert. Nach einem Jahr wurde Pomponius freigelassen, da sich der Verdacht nicht erhärtete.

Leben Herkunft und Jugend Pomponius war ein unehelicher Sohn des Grafen von Marsico Giovanni Sanseverino aus einem alten, berühmten Adelsgeschlecht normannischen Ursprungs. Seine Kindheit und Jugend verbrachte er auf dem Schloss seines Vaters in Diano.Italo Gallo: Piceni e Picentini: Paolo Giovio e la patria di Pomponio Leto. In: Rassegna Storica Salernitana, Nuova serie, fascicolo 5 (= annata III/1), 1986, S. 43–50, hier: 45; zum Geburtsort Diano siehe Giovanni Lovito: L’opera e i tempi di Pomponio Leto, Salerno 2002, S. 11–13. Am 19. Dezember 1444 starb der Graf. Er hinterließ ein Testament, in dem er den unehelichen Sohn nicht erwähnte. Pomponius befand sich nun in einer prekären Situation, denn seine Stiefmutter war ihm feindlich gesinnt. Um die Mitte des Jahrhunderts verließ er seine Heimat im Königreich Neapel und ging nach Rom, wo er sich dauerhaft niederließ. Von seiner Familie distanzierte er sich einer Anekdote zufolge schroff.Richard J. Palermino: The Roman Academy, the Catacombs and the Conspiracy of 1468. In: Archivum Historiae Pontificiae 18, 1980, S. 117–155, hier: 121. Aus Begeisterung für die Antike verwendete er statt seines italienischen Namens die lateinische Form Julius Pomponius mit dem Zusatz Laetus („der Fröhliche“).

Studium und erste Phase der Lehrtätigkeit In Rom studierte Pomponius Rhetorik bei dem berühmten Humanisten Lorenzo Valla und dessen Nachfolger Pietro Odi (Oddi) da Montopoli. Nach Odis Tod (1462/63) erlangte er dessen Rhetoriklehrstuhl an der Universität, dem studium urbis. Neben seiner dortigen Lehrtätigkeit hielt er private Vorlesungen, die anscheinend besser besucht waren als die universitären.Paolo Cherubini: Studenti universitari romani del secondo Quattrocento a Roma e altrove. In: Roma e lo Studium Urbis, Rom 1992, S. 101–132, hier: 129. Sein Konzept war das einer umfassenden historisch-philologischen Altertumswissenschaft, die das textkritische Studium der antiken Quellen mit dem der archäologischen Stätten und Funde verband.Zur Breite seines Interessenspektrums siehe Maria Accame Lanzillotta: L’insegnamento di Pomponio Leto nello Studium Urbis. In: Lidia Capo, Maria Rosa Di Simone (Hrsg.): Storia della Facoltà di Lettere e Filosofia de „La Sapienza“, Rom 2000, S. 71–91. Eifrig war er bestrebt, die Angaben der antiken Autoren mit den archäologischen Befunden zu vergleichen und die historischen Schauplätze zu identifizieren. Er regte auch seine Studenten zu solchen Bemühungen an. Spätere Forschung hat zwar viele seiner Identifizierungen verworfen, aber seine Rolle als Pionier gewürdigt. Seine am Morgen gehaltene Vorlesung soll so überfüllt gewesen sein, dass Hörer sich schon um Mitternacht einstellten, um ihre Plätze zu sichern. Viele fanden keinen Einlass.Giovanni Lovito: L’opera e i tempi di Pomponio Leto, Salerno 2002, S. 24. Zu den Vorlesungen siehe Maurizio Campanelli, Maria Agata Pincelli: La lettura dei classici nello Studium Urbis tra Umanesimo e Rinascimento. In: Lidia Capo, Maria Rosa Di Simone (Hrsg.): Storia della Facoltà di Lettere e Filosofia de „La Sapienza“, Rom 2000, S. 93–195, hier: 103, 125, 128, 139, 143f. Sein Gehalt stieg von 150 römischen Gulden im Jahr 1474 auf 300 Gulden (für 1496 bezeugt); es ermöglichte ihm den Besitz zweier Häuser auf dem Quirinal.Egmont Lee: Sixtus IV and Men of Letters, Rom 1978, S. 178.

Als Humanist fasste er die römische Antike nicht als bloßes Objekt distanzierter Neugier und Gelehrsamkeit auf, sondern als „klassisches“ Vorbild für die Gegenwart und konkret für die eigene Lebensführung. Er war für seine einfache, frugale Lebensweise bekannt. Eifrig sammelte er Antiquitäten.Sara Magister: Pomponio Leto collezionista di antichità. Note sulla tradizione manoscritta di una raccolta epigrafica nella Roma del tardo Quattrocento. In: Xenia Antiqua 7, 1998, S. 167–196; Sara Magister: Pomponio Leto collezionista di antichità: addenda. In: Massimo Miglio (Hrsg.): Antiquaria a Roma. Intorno a Pomponio Leto e Paolo II, Rom 2003, S. 51–124. Sein Haus wurde zum Mittelpunkt eines Kreises von Freunden und Schülern, die seine Begeisterung teilten. Sie verwendeten griechische oder lateinische Pseudonyme und bildeten eine literarische Gemeinschaft (sodalitas litteratorum). Man traf sich zu Diskussionen über philologische und historische Themen und zum Vortragen eigener lateinischer Gedichte und Reden und führte Komödien von Plautus und Terenz sowie humanistische Stücke auf.Zu den Aufführungen und zu Pomponius’ Verhältnis zum antiken Theater siehe Antonio Stäuble: La commedia umanistica del Quattrocento, Firenze 1968, S. 212–214; Phyllis Pray Bober: The Legacy of Pomponius Laetus. In: Stefano Colonna (Hrsg.): Roma nella svolta tra Quattro e Cinquecento, Rom 2004, S. 455–464, hier: 460; Maria Accame: Pomponio Leto. Vita e insegnamento, Tivoli 2008, S. 60f. Die Gruppe beschäftigte sich nicht nur mit Literatur und Architektur, Religions- und Verwaltungsgeschichte, sondern auch mit dem Alltagsleben im antiken Rom (Kochkunst, Gärtnerei).

Diese Gelehrtengemeinschaft wurde erst später unter dem Namen Academia Romana bekannt, den Begriff Akademie pflegte man zu Pomponius’ Zeit gewöhnlich für die Universität (das Studium Urbis) zu verwenden. Man nannte die Gelehrtengemeinschaft später auch nach ihrem Gründer Academia Pomponiana, um sie von anderen römischen Akademien zu unterscheiden.Zum Namen der Gemeinschaft siehe Concetta Bianca: Pomponio Leto e l'invenzione dell'Accademia romana. In: Marc Deramaix u. a. (Hrsg.): Les académies dans l'Europe humaniste. Idéaux et pratiques, Genève 2008, S. 25–56. Prominente Akademieangehörige waren Bartolomeo Platina und Filippo Buonaccorsi (Pseudonym: Callimachus Experiens). Die Akademie war ein lockerer Kreis, sie verfügte nicht über eigene Räume und Einrichtungen.Susanna de Beer: The Roman ‚Academy‘ of Pomponio Leto: From an Informal Humanist Network to the Institution of a Literary Society. In: Arjan van Dixhoorn, Susie Speakman Sutch (Hrsg.): The Reach of the Republic of Letters, Bd. 1, Leiden 2008, S. 181–218, hier: 185f., 189–193.

Aufenthalt in Venedig und Haft 1467 verließ Pomponius Rom in der Absicht, sich im Osmanischen Reich Griechisch- und Arabischkenntnisse anzueignen, und begab sich zunächst nach Venedig. Dort erteilte er Privatunterricht an zwei Söhne vornehmer Familien. Er schloss Freundschaft mit seinen beiden Schülern, die ihn überschwänglich verehrten. Einer von ihnen war der junge Bruder von Cecilia Contarini, die mit Giovanni Tron, einem Sohn des Dogen Niccolò Tron, verheiratet war. In Gedichten verherrlichte Pomponius seinen jungen Freund. Die nach seinen eigenen Angaben intensiven Beziehungen zu seinen Schülern brachten ihm eine Anklage wegen „Sodomie“ (Homosexualität) ein. Darauf stand in Venedig die Todesstrafe, die oft auf dem Scheiterhaufen vollzogen wurde. Pomponius wurde verhaftet. Sein freundschaftliches Verhältnis zur Familie Tron wurde dadurch aber nicht beeinträchtigt.Siehe dazu Josef Delz: Ein unbekannter Brief von Pomponius Laetus. In: Italia medioevale e umanistica 9, 1966, S. 417–440, hier: 420–424.

Es kam jedoch nicht zu einem Prozess in Venedig, sondern der Angeklagte wurde im März 1468 nach Rom ausgeliefert, wo in einer anderen Angelegenheit gegen ihn ermittelt wurde. In Rom war in seiner Abwesenheit ein schwerer Konflikt zwischen der Akademie und Papst Paul II. ausgebrochen. Paul war der Akademie nicht wohlgesinnt und war von Platina scharf provoziert worden. Der Konflikt eskalierte, als die Akademiker im Februar 1468 beschuldigt wurden, eine Verschwörung zur Ermordung des Papstes und zur Einführung einer republikanischen Verfassung unternommen zu haben. Solche Bestrebungen, deren Vertreter sich auf die Größe und Freiheit der antiken römischen Republik beriefen, hatten in Rom schon seit dem 12. Jahrhundert (Arnold von Brescia) Anhänger und waren aus der Sicht der Päpste eine direkte Bedrohung ihrer weltlichen Macht über die Stadt. Auch unter Pauls Vorgängern, den Päpsten Nikolaus V. (1447–1455) und Pius II. (1458–1464), waren derartige Verschwörer und Aufrührer aufgetreten. Daher ging Paul mit Härte vor. Die Akademie wurde aufgelöst und eine Gruppe von Humanisten, darunter Pomponius, in der Engelsburg eingekerkert. Pomponius durfte aber in der Haftzeit wissenschaftlich arbeiten. Die Hauptverdächtigen – zu denen er nicht gehörte – wurden gefoltert.

Ob es nur zu Ermittlungen oder auch zu einem förmlichen Gerichtsverfahren kam, ist unklar. Die fünf Beschuldigungen gegen Pomponius waren: Beteiligung an der Verschwörung, Häresie, Majestätsbeleidigung des Papstes, respektlose Äußerungen über die Priester und Sodomie. Die wichtigsten Vorwürfe waren Verschwörung und Häresie. Im Lauf der Ermittlungen erwies sich der Verschwörungsverdacht bald als unbegründet, worauf einige Gefangene freigelassen wurden. Die meisten mussten jedoch in der Engelsburg bleiben, da der Vorwurf der Ketzerei noch zu klären war. Sie fanden aber einflussreiche Fürsprecher (darunter Kardinal Bessarion) und wurden mild behandelt, nachdem sich herausgestellt hatte, dass sie politisch harmlos waren. Pomponius, für den sich auch Giovanni Tron eingesetzt hatte, wurde im März oder April 1469 freigelassen, und der Papst ließ ihm ebenso wie anderen Beschuldigten bei der Entlassung eine finanzielle Unterstützung zukommen. Bald erhielt er seinen Lehrstuhl zurück.Zu diesen Vorgängen siehe Josef Delz: Ein unbekannter Brief von Pomponius Laetus. In: Italia medioevale e umanistica 9, 1966, S. 417–440, hier: 422–425.