Fasil Ghebbi () ist eine Festungsstadt in Gonder in der Region Amhara in Äthiopien. 1979 wurde die Festungsstadt zusammen mit sieben weiteren Komponenten unter den Kriterien (ii) und (iii) in die Liste des UNESCO-Weltkulturerbes aufgenommen.
Über zwei Jahrhunderte, von 1636 bis 1855, war die Stadt Residenz und Hauptstadt der äthiopischen Kaiser, begründet unter Fasilides; ab 1769, mit Beginn der Zemene Mesafint, jedoch nur noch nominell. Fasilides’ Nachfolger bauten Stadt und Palast weiter aus.
Die Bauwerke entstanden im gondarinischen Stil, der nubische, indische und arabische Einflüsse mit durch Jesuiten vermittelten Elementen des Barock verbindet.
Die Festungsstadt liegt im Zentrum der rund 2133 m hoch gelegenen Stadt Gonder und ist von einer 900 m langen Festungsmauer mit zwölf Toren und drei Brücken umgeben, innerhalb derer sich auf etwa 70.000 m² Paläste, Kirchen, Klöster und weitere öffentliche sowie private Gebäude befinden.
Von 2024 bis 2025 wurde die Anlage umfassend restauriert.
Geschichte
Kaiser Fasilides (regierte 1632–1667) machte Gonder 1636 zur dauerhaften Hauptstadt; zuvor waren die äthiopischen Herrscher mit ihrem Hoflager umhergezogen. Die Festungsstadt wurde unter seinen Nachfolgern im späten 17. und frühen 18. Jahrhundert ausgebaut.
1704 wurde der Iyasu-Palast durch ein Erdbeben teilweise beschädigt. Ab 1769, mit Beginn der Zemene Mesafint, verloren die in Gonder residierenden Kaiser ihre politische Macht und wurden zu Repräsentationsfiguren, während Regionalfürsten um die Vorherrschaft kämpften. Die Stadt blieb jedoch Sitz des Kaiserhofs und nominell Hauptstadt.
Gonder verlor 1855 unter Kaiser Tewodros II. seine Funktion als Hauptstadt Äthiopiens und wurde im Januar 1888 bei einem Angriff mahdistischer Truppen zerstört. Von 1936 bis 1941 gehörte Gonder zu Italienisch-Ostafrika. Während des Zweiten Weltkriegs wurde die Festungsstadt im Verlauf des Ostafrikafeldzugs durch britische Bombardements getroffen, wobei das Erdgeschoss des Iyasu-Palasts einstürzte. Am 27. November 1941 kapitulierten in der Schlacht von Gondar die letzten italienischen Truppen Ostafrikas. Mit dem Fall Gondars endete die italienische Kolonialherrschaft in Ostafrika.
Architektur
Die Bauwerke der Festungsstadt wurden in Bruchsteinmauerwerk mit Kalkmörtel errichtet. Als Baumaterialien dienten vorwiegend Basaltgestein und Bimsstein („Beha Dingay“), der aus der Umgebung von Gonder, etwa aus Kuskuam Mariam und Azezo, herangeschafft wurde.
Ihre Architektur zeigt nubische, indische und arabische Einflüsse. Später kamen durch jesuitische Missionare vermittelte Elemente des Barock hinzu. Der zu Beginn des 17. Jahrhunderts in Gonder entstandene gondarinische Stil prägte die äthiopische Baukunst für mehr als zwei Jahrhunderte. Die UNESCO beschreibt die Hauptburg mit ihren hohen Türmen und Zinnenmauern als „ein Stück mittelalterlichen Europas, versetzt nach Äthiopien“.
Welterbe
1979 nahm das Welterbekomitee der UNESCO die Stätte auf seiner dritten Sitzung unter den Kriterien (ii) und (iii) in die Liste des Weltkulturerbes auf. Die UNESCO begründete die Einschreibung damit, dass die Anlagen ein außergewöhnliches Zeugnis der äthiopischen Zivilisation im Hochland nördlich des Tanasees vom 16. bis zum 18. Jahrhundert seien (Kriterium iii) und dass der gondarinische Stil die Entwicklung der äthiopischen Architektur über mehr als 200 Jahre maßgeblich beeinflusst habe (Kriterium ii).
Bestandteile der Welterbestätte
mini|Plan von Fasil Ghebbi Die Welterbestätte ist eine serielle Stätte aus acht Komponenten. Die Festungsstadt Fasil Ghebbi innerhalb der Mauer umfasst sechs größere Baukomplexe mit Nebengebäuden und insgesamt rund zwanzig Paläste und königliche Bauten. Der gesamte Komplex historischer Bauten besteht aus:
dem zuerst errichteten Palast des Fasilides, der Kanzlei und der Bibliothek seines Sohnes Yohannes I. (Kaiser von 1667 bis 1682), dem Palast des Iyasu I. (Kaiser von 1682 bis 1706), Sohn des Yohannes, dem Palast Davids III., der von 1716 bis 1721 regierte, dem Bankettsaal des Asma Sagad, eines Halbbruders Davids III., dem er von 1721 bis 1730 nachfolgte, dem Schloss der Mentewab, der Gattin Asma Sagads, sowie drei Kirchen: Asasame Qeddus Mikael, Elfign Giyorgis und Gemjabet Mariyam.
Die übrigen sieben Komponenten liegen in und um Gonder: das Kloster und die Kirche Debre Berhan Selassie, das Bad des Fasilides, Kiddush Yohannes, das Kloster und die Kirche von Kuskuam (auch Qusquam), ein Thermalgebiet, Sosinios (auch Maryam Ghemb) sowie das Kloster und die Kirche von Gorgora mit dem Palast von Guzara, dessen Ursprung bereits Kaiser Sarsa Dengel zugeschrieben wird, während der heutige Bau aus der Zeit von Sissinios und Fasilides stammt.
Das Bad des Fasilides hat bis heute eine religiöse Funktion: Alljährlich am 19. Januar (in Schaltjahren am 20.) wird das Becken zum Fest Timkat, der äthiopisch-orthodoxen Feier der Taufe Christi, mit Wasser gefüllt; es repräsentiert dabei den Jordan. Nach der Weihe des Wassers baden darin die Gläubigen. Das Fest wurde 2019 in die Repräsentative Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit der UNESCO aufgenommen.
Erhaltung
Zwischen 1930 und 1936 wurden an den Baudenkmälern Restaurierungseingriffe mit Zement und Stahlbeton vorgenommen, die die ursprüngliche Bausubstanz beeinträchtigten. Bei Restaurierungsarbeiten der UNESCO in den 1970er Jahren wurden diese Materialien wieder durch die ursprünglichen Kalkmörtelmischungen ersetzt. Seit 1990 laufen weitere umfangreiche Konservierungsprogramme. Eine 2020 veröffentlichte bautechnische Untersuchung des Fasilides-Palasts stellte schwere strukturelle Schäden fest, die auf Klima- und Witterungseinflüsse, Wurzelbewuchs in den Mauern und menschliche Einwirkung zurückgeführt werden. Besonders gefährdete Bauteile waren zum Zeitpunkt der Untersuchung durch Ausfugungen und Stützgerüste gesichert.
Eine 2024 begonnene, einjährige Restaurierung der Anlage umfasste die Instandsetzung der Paläste der Kaiser Fasilides, Yohannes I. und Iyasu I. sowie historischer Tore, Brücken und Bäder unter Verwendung traditioneller Materialien. Zugleich wurden die Besuchereinrichtungen ausgebaut und über 40.000 m² der Anlage landschaftlich gestaltet. Die auffallend hellen Kalkfassaden der wiederhergestellten Bauten lösten eine Debatte unter Fachleuten und Anwohnern über den Umgang mit dem historischen Erscheinungsbild aus. Im November 2025 wurde die restaurierte Stätte durch Ministerpräsident Abiy Ahmed eingeweiht.
Literatur
Weblinks
Fasil Ghebbi – Gondar – 3D-Dokumentation des Zamani-Projektes mit Modellen und 360-Grad-Panoramen der Bauwerke (englisch)
Einzelnachweise
Kategorie:Amhara Kategorie:Bauwerk in Äthiopien Kategorie:Erbaut im 16. Jahrhundert Kategorie:Erbaut im 17. Jahrhundert Kategorie:Serielle Welterbestätte Kategorie:Welterbestätte in Afrika Kategorie:Welterbestätte in Äthiopien Kategorie:Weltkulturerbestätte