mini|Der Anfang des siebten Briefes in der ältesten erhaltenen mittelalterlichen Handschrift: Paris, Bibliothèque Nationale, Gr. 1807 (9. Jahrhundert) Der siebte Brief ist ein altgriechisches literarisches Werk, das um die Mitte des 4. Jahrhunderts v. Chr. entstanden ist und den Philosophen Platon als seinen Autor nennt, aber möglicherweise nicht von ihm stammt. Dem Text zufolge ist das Schreiben an eine Gruppe von sizilischen Griechen gerichtet, denen der Verfasser politischen Rat erteilt, doch kann es sich um eine literarische Fiktion handeln. Ausführlich erläutert und rechtfertigt der Brief Platons umstrittene Aktivitäten in Syrakus, die darauf abzielten, den tyrannisch regierten syrakusischen Stadtstaat nach philosophischen Grundsätzen zu reformieren. Der Verfasser schildert das Scheitern dieses Vorhabens und versucht den Fehlschlag zu erklären. Außerdem behandelt er die Frage, wie philosophische Erkenntnisse zu erlangen und zu vermitteln sind. Diese Ausführungen sind offenbar für ein breiteres Lesepublikum bestimmt.

Das Werk ist der siebte in einer Sammlung von dreizehn Briefen, die alle unter Platons Namen stehen, aber größtenteils sicher oder wahrscheinlich nicht von ihm verfasst wurden. Bei einigen ist die Echtheit zweifelhaft, gesichert ist sie bei keinem. Der siebte Brief ist der weitaus längste und inhaltlich gewichtigste der Sammlung und derjenige, der die meisten Befürworter seiner Authentizität gefunden hat. Falls er unecht ist, stammt er nach der vorherrschenden Forschungsmeinung von einem gut informierten Philosophen aus Platons Umfeld. Daher gilt er als wertvolle Quelle für das Leben und die politischen Bestrebungen des Philosophen und für die Geschichte Siziliens. Ideengeschichtlich bedeutsam sind die Ausführungen über die platonische Erkenntnistheorie und über die Unzulänglichkeit des schriftlichen philosophischen Diskurses. Sofern Platon tatsächlich der Verfasser ist, handelt es sich um einen der ältesten autobiographischen Texte der europäischen Literaturgeschichte.

Die Echtheit des siebten Briefes wurde in der Antike kaum bezweifelt, ist aber seit dem späten 18. Jahrhundert von einer Reihe von Altertumswissenschaftlern bestritten worden. Nach langer, intensiver Diskussion dominieren heute in der Forschung die Stimmen, die für die Authentizität plädieren. Eine starke Minderheit verwirft oder bezweifelt Platons Autorschaft jedoch weiterhin, und auch die Annahme, dass der Verfasser zumindest ein zeitgenössischer Philosoph aus der Platonischen Akademie sei, ist auf Widerspruch gestoßen.

Vorgeschichte und historischer Hintergrund Platons politische Agenda

Platon war sehr an Politik interessiert. Er war der Überzeugung, dass es zu den Aufgaben eines Philosophen gehöre, sich nicht nur theoretisch mit Fragen der Gesetzgebung, Verfassungslehre und Staatslenkung zu befassen, sondern auch bei sich bietender Gelegenheit beratend und gestaltend einzugreifen. In seiner Heimatstadt Athen sah er dafür keine Chance, da deren demokratische Verfassung für ein solches Vorhaben keine günstigen Voraussetzungen bot. Anders war die Lage in Syrakus, der bedeutendsten Stadt im griechisch besiedelten Teil Siziliens. Dort bestand eine Tyrannis, eine faktisch unbeschränkte erbliche Alleinherrschaft. Diese Staatsform lehnte Platon zwar vehement ab, doch sah er in ihr auch eine große Chance, falls ein Tyrann bereit war, sich philosophischem Einfluss zu öffnen und dann die Verfassung zu ändern. Ein solcher Tyrann könnte nach Platons Hoffnung seine unbeschränkte Macht nutzen, um seinen Staat nach den Vorschlägen eines qualifizierten Staatsphilosophen umzugestalten. Dann könnte das Ideal einer optimalen Verfassung oder zumindest eine Annäherung an die bestmögliche Staatsform verwirklicht werden.Übersichtsdarstellungen zu Platons politischer Einstellung bieten Malcolm Schofield: Plato and practical politics. In: The Cambridge History of Greek and Roman Political Thought, Cambridge 2005, S. 293–302 (zur Praxis) und Michael Erler: Platon, Basel 2007, S. 441–449 (zur Theorie).

mini|Büste Platons (römische Kopie des griechischen Platonporträts des Silanion, Glyptothek München) Die Reisen des Philosophen nach Syrakus

Platons drei Reisen nach Syrakus, auf denen er jedes Mal den Tyrannenhof aufsuchte, standen im Zeichen seiner politischen Zielsetzung. Auf der ersten Reise um 388 v. Chr. lernte er Dion kennen, den damals erst etwa zwanzigjährigen Schwager des Tyrannen Dionysios I. Er schloss mit dem jungen Mann eine lebenslange Freundschaft. Nach der Darstellung im siebten Brief wurde Dion schon damals zu einem überzeugten Anhänger der platonischen Philosophie und trat daher innerlich in Opposition zur herrschenden Denkweise und Staatsordnung.Platon, Siebter Brief 327a–b. Allerdings geht aus den Quellen hervor, dass Dions Verhältnis zu Dionysios ausgezeichnet war. Er genoss das volle Vertrauen des Tyrannen, der ihm nicht nur seine Tochter zur Frau gab, sondern ihm auch wichtige Gesandtschaften übertrug.Kai Trampedach: Platon, die Akademie und die zeitgenössische Politik, Stuttgart 1994, S. 107; Jürgen Sprute: Dions syrakusanische Politik und die politischen Ideale Platons. In: Hermes 100, 1972, S. 294–313, hier: 296 f.

Als der Tyrann 367 v. Chr. starb, trat sein ältester, rund dreißig Jahre alter Sohn Dionysios II. die Nachfolge an und wurde Alleinherrscher. Dionysios II. hatte zwei Halbbrüder, Hipparinos und Nysaios, die der Ehe seines Vaters mit Dions Schwester Aristomache entstammten, also Dions Neffen waren. Sie gingen bei der Nachfolgeregelung leer aus. Vergeblich hatte Dion versucht, den todkranken Tyrannen zu einer Verfügung zu bewegen, mit der seine beiden jungen Neffen an der Macht beteiligt worden wären, was ihm selbst eine sehr starke Stellung verschafft hätte.Jürgen Sprute: Dions syrakusanische Politik und die politischen Ideale Platons. In: Hermes 100, 1972, S. 294–313, hier: S. 297 und Anm. 3; Kai Trampedach: Platon, die Akademie und die zeitgenössische Politik, Stuttgart 1994, S. 109; Kurt von Fritz: Platon in Sizilien und das Problem der Philosophenherrschaft, Berlin 1968, S. 65 f.

Zunächst konnte Dion unter dem neuen Herrscher seine Position am Tyrannenhof wahren. Er bewog Dionysios II., Platon als Berater an den Hof einzuladen; davon konnte er sich eine Stärkung seines Einflusses erhoffen. Platon ließ sich für das Vorhaben gewinnen, da Dion ihm die Gelegenheit in Aussicht stellte, die politischen Verhältnisse im Sinne der platonischen Staatsphilosophie umzugestalten. So kam es zur zweiten Sizilienreise Platons im Jahr 366 v. Chr. Allerdings gab es am Hof auch eine Gegenpartei, deren Wortführer Philistos, ein treuer Anhänger der Tyrannenfamilie und der tyrannischen Staatsform, Dion mangelnder Loyalität verdächtigte. Als Platon eintraf, bestand am Hof bereits eine starke Spannung zwischen den beiden einander feindlichen Gruppierungen. Der Machtkampf zwischen ihnen hing mit einer außenpolitischen Meinungsverschiedenheit zusammen: Dion unterhielt gute Beziehungen zu den Karthagern, die den Westen Siziliens beherrschten, und strebte einen Ausgleich mit ihnen an, während die Gruppe um Philistos einen antikarthagischen Kurs steuerte. Diese Gruppe wollte wohl die von Dionysios I. nachdrücklich betriebene Politik der militärischen Konfrontation fortsetzen und die Karthager möglichst aus Sizilien vertreiben.Überlegungen zu diesem Hintergrund des Konflikts finden sich bei Lionel J. Sanders: Nationalistic Recommendations and Policies in the Seventh and Eighth Platonic Epistles. In: The Ancient History Bulletin 8, 1994, S. 76–85, hier: 78–85. Vgl. Helmut Berve: Dion, Wiesbaden 1957, S. 27–31, 38.

Anscheinend beabsichtigte Dion schon damals, Dionysios II. entweder mit Platons Hilfe unter seinen Einfluss zu bringen oder ihn zu stürzen.Jürgen Sprute: Dions syrakusanische Politik und die politischen Ideale Platons. In: Hermes 100, 1972, S. 294–313, hier: 297–299; Kurt von Fritz: Platon in Sizilien und das Problem der Philosophenherrschaft, Berlin 1968, S. 68 f. Anm. 110; Helmut Berve: Dion, Wiesbaden 1957, S. 33. Die erste Möglichkeit schien greifbar nahe zu sein, denn Dionysios interessierte sich zumindest oberflächlich für Philosophie und war von Platons Persönlichkeit stark beeindruckt. Allerdings war er auch misstrauisch. Die gegnerischen Kreise versuchten ihn davon zu überzeugen, dass Dion ihn nur mit der Philosophie von der Politik ablenken wolle, um schließlich doch noch seinen Neffen die Macht zu verschaffen oder sie selbst zu ergreifen. Als der Tyrann in den Besitz eines belastenden Schreibens gelangte, das eine landesverräterische Kooperation Dions mit den Karthagern zu belegen schien, schickte er ihn in die Verbannung.Jürgen Sprute: Dions syrakusanische Politik und die politischen Ideale Platons. In: Hermes 100, 1972, S. 294–313, hier: 299 f.; Kai Trampedach: Platon, die Akademie und die zeitgenössische Politik, Stuttgart 1994, S. 109 f.; Hermann Breitenbach: Platon und Dion, Zürich 1960, S. 28 f.; Helmut Berve: Dion, Wiesbaden 1957, S. 32–38.

Dion ging nach Griechenland ins Exil. Aus Rücksicht auf die zahlreichen Angehörigen, Freunde und Anhänger des Verbannten, zu denen die Gattin des Tyrannen und Platon gehörten, stellte Dionysios die Möglichkeit einer Versöhnung in Aussicht und tastete Dions großes Vermögen nicht an. Dennoch entschloss sich Platon zur Abreise, da er unter diesen Umständen vorerst keine Möglichkeit mehr sah, sein Vorhaben einer Umgestaltung der politischen Verhältnisse zu verwirklichen.Helmut Berve: Dion, Wiesbaden 1957, S. 38–44.

Zum dritten Mal fuhr Platon 361 v. Chr. nach Syrakus. Damit erfüllte er einen Wunsch des Tyrannen, der ihn schätzte und hoffte, ihn für sich zu gewinnen. Doch wiederum erreichte er nichts. Weder konnte er Dions Rehabilitierung bewirken noch Dionysios zu einer Lebensweise nach philosophischen Grundsätzen bekehren. Als Dionysios den Eindruck gewann, dass Dion zusammen mit Schülern Platons auf seinen Sturz hinarbeite, konfiszierte er die Besitztümer des Verbannten. So kam es zum endgültigen Bruch. Platon kehrte nach Athen zurück, da er keine Basis für ein Zusammenwirken mit Dionysios mehr sah und selbst in den Verdacht geraten war, mit der Opposition zu sympathisieren.Helmut Berve: Dion, Wiesbaden 1957, S. 45–60.

Die militärischen Auseinandersetzungen

Dion beschloss, Dionysios mit militärischer Gewalt zu stürzen. Er warb Söldner für einen Feldzug an. Platon hielt sich heraus, doch unter seinen Schülern fand das Vorhaben tatkräftige Unterstützung. 357 v. Chr. fuhr Dion mit einer kleinen Flotte nach Sizilien. Es gelang ihm, den in der Bevölkerung von Syrakus verhassten Dionysios zu vertreiben und damit die Tyrannenherrschaft zu beenden. Die Stadt kehrte zu ihrer früheren demokratischen Verfassung zurück. Dion wurde zum Heerführer mit unbeschränkter Vollmacht gewählt. Er setzte ein Kollegium ein, das als gesetzgebende Versammlung eine neue Verfassung ausarbeiten sollte. In der Bürgerschaft stieß er aber auf wachsenden Widerstand. Da er als Aristokrat galt und lange eine Stütze der gestürzten Dynastie gewesen war, war er den Demokraten suspekt. Er wurde verdächtigt, selbst nach der Tyrannenherrschaft zu streben, und unterlag im Machtkampf mit radikaldemokratisch auftretenden Kreisen. Einer seiner Offiziere, der Athener Kallippos, ließ ihn 354 v. Chr. ermorden, trat als Retter der Demokratie auf und übernahm die Rolle des maßgebenden Politikers.Zu den Einzelheiten siehe die gegensätzlichen Interpretationen von Kurt von Fritz: Platon in Sizilien und das Problem der Philosophenherrschaft, Berlin 1968, S. 70–107 und Kai Trampedach: Platon, die Akademie und die zeitgenössische Politik, Stuttgart 1994, S. 111–124.