mini|Abū l-Aʿlā Maudūdī Sayyid Abū l-Aʿlā Maudūdī (, auch Mawdudi geschrieben; geboren am 25. September 1903 in Aurangabad, Maharashtra, Indien; gestorben am 22. September 1979 in Buffalo, New York) war ein indisch-pakistanischer Journalist, islamisch-fundamentalistischer Theologe, Politiker und einer der führenden Interpreten des Islams im 20. Jahrhundert.Robinson: Mawdūdī, Sayyid Abu ’l-Aʿlā. 1989, S. 872a. Er wandte sich insbesondere gegen den Säkularismus und befürwortete theokratische Konzepte. Seine Ideen beeinflussten Pakistans Politik und wurden zum Programm der vor allem in Pakistan, aber auch in Indien, Sri Lanka, Großbritannien und den USA agierenden islamistischen Organisation Jamāʿat-i Islāmī, JI. Bis zu seinem Rücktritt als Emir dieser Organisation im Jahre 1972 war er der bekannteste, umstrittenste und sichtbarste aller religiösen Führer Pakistans.Adams: “Mawdudi and the Islamic State”. 1983, S. 99. Nach dem Politikwissenschaftler Seyyed Vali Nasr wollte Maudūdī anders als die islamischen Modernisten nicht nur den Islam modernisieren, sondern auch die Moderne islamisieren. Einer der Gründe für seinen Erfolg war sein Schreibstil in Urdu, der eine große Anziehungskraft auf Pakistaner ausübte.Adams: The ideology of Mawlana Mawdudi. 1966, S. 381.

Maudūdī gehörte auch dem Beratungsausschuss an, der das Konzept für die Gründung der Islamischen Universität Medina ausarbeitete, und war von der Gründung der Universität im Jahr 1962 bis zu seinem Tod Mitglied ihres Akademischen Rates.Khurshid Ahmad, Zafar Ishaq Ansari (Hrsg.): Islamic Perspectives. Studies in Honour of Mawlānā Sayyid Abul Aʿlā Mawdūdī. Islamic Foundation, London 1979. S. 364.

Familiärer Hintergrund Maudūdī wurde väterlicherseits in eine scherifische Familie aus Delhi hineingeboren, die ihre Abstammung auf den bekannten Chishti-Scheich Maudūd Tschischtī (gest. 1182) zurückführte.Hans-Peter Hartung: A system of life: Mawdūdī and the ideologisation of Islam. Oxford University Press, Oxford 2014. S. 12. Die Familie hatte den Moguln gedient und dem Hof während der Herrschaft von Bahadur Shah Zafar, dem letzten Herrscher dieser Dynastie, besonders nahegestanden. Nach dem Zusammenbruch des Mogulreichs hatte sich die Familie im Dekkan niedergelassen und mehreren Generationen von Nizams von Hyderabad gedient.Nasr: “Mawdudi and the Jama‘at-i Islami: The Origins, Theory and Practice of Islamic Revivalism”. 1994, S. 99. Auch von mütterlicher Seite stammte Maudūdī aus einer vornehmen Familie. Sein mütterlicher Großvater Mīrzā Qurbān ʿAlī Beg Khān Sālik (gest. 1893) war ein Schüler von Mirza Ghalib gewesen und hatte ebenfalls Verbindungen zum Mogulhof.

Maudūdīs väterliche Großmutter war eine Verwandte von Sayyid Ahmad Khan, und sein Vater Sayyid Ahmad Hasan (geb. 1857 in Delhi) hatte seine frühe Ausbildung an Ahmad Khans Anglo-Oriental College in Aligarh erhalten.Ahmad: Maulana Maududi and the Islamic state. 1976, S. 21. Der Großvater hatte jedoch große Vorbehalte gegenüber der westlichen Bildung, die in Aligarh vermittelt wurde, und drängte den Sohn zum Abbruch seiner dortigen Ausbildung. Sayyid Ahmad Hasan vervollständigte daraufhin seine Rechtsausbildung in Allahabad. Danach ließ er sich im Dekkan nieder, zuerst in Hyderabad und dann, 1896, in Aurangabad.Roy Jackson: Mawdudi and Political Islam: Authority and the Islamic State. Routledge, London 2011. Dort arbeitete er eine Zeit lang als Anwalt. 1900 trat er dem Chishtiyya-Orden bei.

Leben In Britisch-Indien Kindheit und Jugend zwischen Aurangabad, Delhi und Hyderabad Maudūdī wurde am 3. Radschab 1321 (= 25. September 1903) in Aurangabad geboren, das damals zum indischen Fürstenstaat Hyderabad gehörte.Khurshid Ahmad, Zafar Ishaq Ansari: Mawlānā Mawdūdī: an introduction to his life and thought. Islamic Foundation, Leicester 1979. Als er ein Jahr alt war, gab sein Vater seine Tätigkeit als Anwalt auf, weil er zu der Auffassung gelangt war, dass er seinen Lebensunterhalt auf unislamische Weise verdiente. Er löste den Haushalt auf, und die Familie zog nach Delhi und ließ sich in einem alten Dorf in der Nähe des Schreins von Nizām ad-Dīn Auliyāʾ nieder, wo der Vater nun die meiste Zeit mit religiösen Übungen zubrachte. Nach drei Jahren zwangen die zunehmenden wirtschaftlichen Schwierigkeiten die Familie, nach Aurangabad zurückzukehren, und Sayyid Ahmad Hasan, seine Anwaltspraxis wieder aufzunehmen.

mini|Das Mausoleum Aurangzebs bei Aurangabad Maudūdī erhielt in seiner Kindheit eine religiöse Erziehung durch seinen Vater und verschiedene Lehrer, die dieser engagiert hatte, um seinen Söhnen die Grundlagen des Islam, der islamischen Geschichte und des literarischen Erbes der arabischen, persischen und Urdu-Sprache zu vermitteln.Adams: “Mawdudi and the Islamic State”. 1983, S. 100. Gemeinsam mit seinem Vater besuchte er häufig das Mausoleum Aurangzebs bei Aurangabad, was in ihm den Drang hervorrief, Aurangzebs Mission fortzuführen.Jameil Ali: Islamic Thought and Movement in the Subcontinent. A Study of Sayyid Abu A´lā Mawdudi and Sayyid Abul Hasan Ali Nadwi. D.K. Printworld, New Delhi 2010. S. 153. Mit elf Jahren wurde Maudūdī bei der Madrasa Fauqānīya angemeldet, einer Schule in Aurangabad, an der auch moderne naturwissenschaftliche Fächer unterrichtet wurden.Nasr: “Mawdudi and the Jama‘at-i Islami: The Origins, Theory and Practice of Islamic Revivalism”. 1994, S. 99–100.

Allerdings zog die Familie schon 1915, also ein Jahr später nach Hyderabad weiter. Hier wurde Maudūdī im lokalen Dār al-ʿulūm angemeldet, einem Seminar für islamische Studien, das von Hamīd ad-Dīn Farāhī (gest. 1930), einem bekannten Aligarh-Absolventen, geleitet wurde. Auch hier blieb er allerdings nur sehr kurz, weil sein Vater, der alleine nach Bhopal weitergezogen war, einen Schlaganfall erlitt und danach gelähmt war. Die Familie zog daraufhin nach Bhopal weiter, um sich dort um ihn zu kümmern. Nach eigener Aussage beherrschte Maudūdī mit 14 Jahren Arabisch bereits so gut, dass er Qāsim Amīns Buch al-Marʾa al-ǧadīda („Die neue Frau“), eines der wichtigsten Werke der islamischen Frauenrechtsbewegung, aus dem Arabischen ins Urdu übersetzen konnte.

Bijnor und Jabalpur: Beginn der journalistischen Karriere In Bhopal lernte Maudūdī den Journalisten und Kritiker Niyāz Fātihpūrī kennen, der ihn dazu ermutigte, eine Laufbahn als Schriftsteller einzuschlagen. 1918, als er 15 Jahre alt war, entschloss sich Maudūdī, mit zum Lebensunterhalt der Familie beizutragen. Er zog zu seinem älteren Bruder Abū l-Chair nach Bijnor, der dort die Zeitung Madina herausgab. Hier kam Maudūdī mit der Khilafatbewegung in Kontakt, die sich nach dem Ende des Ersten Weltkriegs für den Fortbestand des osmanischen Kalifats einsetzte. Als sich diese Bewegung Mahatma Gandhis Bewegung des passiven Widerstands (Satyagraha) annäherte und dieser sich der Kalifatsbewegung anschloss, um das Wohlwollen der indischen Muslime zu gewinnen, beteiligte sich Maudūdī aktiv an dieser Bewegung und schrieb auch sein erstes Buch über Gandhis Persönlichkeit und Werk. Dieses wurde aber vor der Veröffentlichung von der britischen Regierung beschlagnahmt.Ahmad: Maulana Maududi and the Islamic state. 1976, S. 22.

1919 lud ihn ein gewisser Maulavi Taj-ud-Din die beiden Brüder dazu ein, nach Jabalpur zu ziehen und Herausgeber für dessen Zeitung Weekly Taj zu werden. Die Zeitung unterstützte die Khilafatbewegung und trug vor Ort maßgeblich dazu bei, breite Unterstützung für den Indischen Nationalkongress zu gewinnen. Bald darauf wurde sie aber geschlossen, als die Regierung einen von Maudūdīs Artikeln für politisch anstößig befand.Ahmad: Maulana Maududi and the Islamic state. 1976, S. 23.

Delhi: Als Zeitungsherausgeber im Dienste der Deobandī-Bewegung Maudūdī zog daraufhin nach Delhi und schloss sich kurzzeitig der Hidschra-Bewegung (taḥrīk-i hijrat) an, die sich gegen die britische Herrschaft über Indien wandte und die Muslime des Landes dazu aufrief, massenhaft nach Afghanistan auszuwandern.Khurshid Ahmad, Zafar Ishaq Ansari: Islamic Perspectives. Studies in Honour of Mawlānā Sayyid Abul Aʿlā Mawdūdī. Islamic Foundation, London 1979. S. 361. Genau zu diesem Zeitpunkt, im Jahre 1921, lernte Maudūdī die Führer der stark von Deoband beeinflussten Jamʿīyat-i ʿUlamā-i Hind („Organisation der indischen ʿUlamā'“) kennen, Maulānā Mufti Kifāyatullāh und Maulānā Ahmad Saʿūd. Sie beauftragten ihn, Muslim, die offizielle Zeitung der Jamʿīyat, herauszugeben. Diese Aufgabe übernahm er bis 1923, als die Zeitung ihr Ende fand. Als Gandhi 1921 die Kampagne der Nichtkooperation abbrach, kritisierte Maudūdī ihn scharf dafür, dass er die Unabhängigkeit Indiens verraten habe.Adams: The ideology of Mawlana Mawdudi. 1966, S. 373. Im Jahre 1922 schrieb er außerdem Artikel zum Griechisch-Türkischen Krieg, in denen er für die türkische Seite Partei ergriff.

Seine neue Verbindung zur Jamʿīyat ermutigte ihn außerdem, sich um eine formale religiöse Ausbildung zu bemühen. Er begann das Dars-i Nizami, zunächst bei dem islamischen Gelehrten ʿAbd as-Salām Niyāzī (gest. 1966) und nach der Schließung von Muslim in Bhopal.

mini|hochkant|Swami Shradhanand im Jahre 1913 Im Jahr 1924 nahm Maudūdī die Herausgeberschaft von al-Jamʿīyat an, der von der Jamʿīyat-i ʿUlamā-i Hind herausgegebenen Nachfolgezeitung von Muslim, die wie sie zwei Mal in der Woche erschien. Diese führte er bis 1927 oder 1928 weiter. In dieser Zeit nahm er auch seine Dars-i-Nizami-Studien wieder auf, und zwar dieses Mal bei Deobandi-Gelehrten des Seminars der Fatihpuri-Moschee in Delhi.Nasr: “Mawdudi and the Jama‘at-i Islami: The Origins, Theory and Practice of Islamic Revivalism”. 1994, S. 101. 1926 erhielt er seine Idschāza und konnte damit seine islamische Gelehrtenausbildung abschließen.

Ein bedeutender Wendepunkt für Maudūdī war die Ermordung des Arya-Samaj-Missionars Swami Shradhanand durch einen muslimischen Fanatiker im Dezember 1926. Der Mord löste einen großen öffentlichen Aufschrei aus, und in der Presse erschienen Kritiken am Islam und den Muslimen. Es gab Anschuldigungen, der Islam verlasse sich bei seiner Verbreitung allein auf das Schwert und verspreche denen das Paradies, die einen Ungläubigen töten. Maudūdī nahm sich dieser Vorwürfe in einer Serie von Essays an, die zwischen Februar und Mai in seiner Zeitung erschienen. 1930 fasste er sie in einem Buch zusammen, das er unter dem Titel al-Jihād fī l-Islām („Der Dschihad im Islam“) veröffentlichte.

Hyderabad: Gründung der Zeitschrift Tarjumān al-Qurʾān 1928 kehrte Maudūdī nach Hyderabad zurück.Abbott: Islam and Pakistan. 1968, S. 172. Hier hatte 1917 der regierende Nizam Usman Ali Khan als erste Urdu-sprachige Hochschule die Osmania-Universität gegründet. Zur Unterstützung von Lehre und Forschung wurde 1918 ein Übersetzungsbüro (Dār al-Tarjama) eingerichtet. Das Büro gewann eine große Anzahl von Übersetzern und Gelehrten aus Hyderabad und darüber hinaus für seine Arbeit. Es gibt keine Aufzeichnungen darüber, dass Maudūdī fester Mitarbeiter dieses Büros wurde, doch erhielt er Aufträge zur Übersetzung verschiedener Bücher aus dem Arabischen. So war er zum Beispiel an der Übersetzung von Ibn Challikāns biographischen Lexikon Wafāyāt al-aʿyān beteiligt, und im Juli 1931 erhielt er den Auftrag, den zweiten und dritten Band von Mullā Sadrās Hauptwerk al-Ḥikma al-mutaʿāliya fī l-asfār al-ʿaqlīya al-arbaʿa, einem der wichtigsten Werke der persischen Illuminationsphilosophie, ins Urdu zu übersetzen.