Margaret „Gretel“ Bergmann, verheiratete Lambert (* 12. April 1914 in Laupheim; † 25. Juli 2017 in New York City) war eine deutsche Leichtathletin. Obwohl sie zu den damals besten deutschen Hochspringerinnen gehörte, wurde sie vom NS-Regime auf Grund ihrer jüdischen Herkunft nicht für die Olympischen Sommerspiele 1936 in Berlin nominiert, sondern aus antisemitischen Gründen an der Teilnahme gehindert.Jutta Braun: Gretel Bergmann. In: Berno Bahro, Jutta Braun, Hans Joachim Teichler (Hrsg.): Vergessene Rekorde – jüdische Athletinnen vor und nach 1933. vbb, Berlin 2009, S. 96. Ab 1942 war sie US-amerikanische Staatsbürgerin. Sie gewann mehrere britische und US-amerikanische sowie regionale deutsche Meisterschaften.
Leben und sportliche Erfolge mini|Gedenktafel an der Gretel-Bergmann-Sporthalle in Berlin-Wilmersdorf Gretel Bergmann war die Tochter des Unternehmers Edwin Bergmann (Bergmann GmbH & Co. KG) aus dem oberschwäbischen Laupheim. Sie begann ihre Karriere in ihrem Heimatort. 1930 trat sie für den Ulmer Fußball-Verein 1894 (UFV) an und erreichte als 16-Jährige bei den süddeutschen Meisterschaften im Hochsprung mit 1,47 m den zweiten Platz.Berliner Volkszeitung, 22. Juli 1930, S. 1. Im folgenden Jahr gewann sie den Titel mit einer übersprungenen Höhe von 1,46 m;Der Kicker, 14. Juli 1931, Nr. 29, S. 1131 f. vorher war sie bereits mit 1,50 m süddeutsche Jahresbestleistung gesprungen. Auch 1932 wurde sie Süddeutsche Meisterin.Der Kicker, Nr. 26 vom 21. Juni 1932, S. 1022. Trotz anhaltender Überlegenheit in der Region trat sie bei deutschen Meisterschaften nicht in Erscheinung.1930 waren keine süddeutschen Springerinnen am Start, 1931 war Bergmann im Kicker als süddeutsche Teilnehmerin zunächst angekündigt (Nr. 30, 21. Juli, S. 1168), dann aber anscheinend doch nicht dabei. 1932 fehlt ihr Name in der Vorschau wie auch im Wettkampfbericht. An den Olympischen Spielen 1932 in Los Angeles nahmen Helma Notte und Ellen Braumüller als deutsche Hochspringerinnen teil.
Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde Gretel Bergmann im April 1933 wegen ihrer jüdischen Herkunft aus ihrem Sportverein ausgeschlossen.„In dem Brief (vom 12. April 1933) informierte man mich, meine Mitgliedschaft im UFV sei gekündigt und ich dort nicht mehr willkommen.“ Gretel Bergmann, zitiert nach Lorenz Peiffer: Gretel Bergmann – „Spielball“ der Nazis. In: Diethelm Blecking, Lorenz Peiffer (Hrsg.): Sportler im „Jahrhundert der Lager“. Göttingen 2012, S. 151. Daraufhin verließ sie Deutschland und nahm am 30. Juni 1934 für den Polytechnics Ladies A.C. an den offenen britischen Meisterschaften (Women’s A.A.A. Championships) teil.The Times (London), 2. Juli 1934, S. 5 Dabei gewann sie den Hochsprung mit 1,55 m.5 ft. 1 in = 1,5494 m (The Times (London), 2. Juli 1934, S. 5) – Siehe auch: Jutta Braun: Gretel Bergmann. In: Berno Bahro, Jutta Braun, Hans Joachim Teichler (Hrsg.): Vergessene Rekorde – jüdische Athletinnen vor und nach 1933. vbb, Berlin 2009, S. 92.
Das NS-Regime zwang Gretel Bergmann zur Rückkehr und zum Training für die Olympischen Spiele 1936 in Berlin, indem es ihrer in Deutschland verbliebenen Familie mit Repressalien drohte. Hintergrund war sein Ziel, Deutschland als weltoffenes und tolerantes Land zu präsentieren. Entscheidend dürfte auch gewesen sein, dass die Amerikaner die Teilnahme deutscher Juden forderten, da sie andernfalls die Spiele boykottiert hätten. Tagesschau (ARD). Ohne geeignete Trainingsmöglichkeiten war ihre Lage im Hinblick auf einen Wettkampf erschwert, da es gleichwertige Trainingsmöglichkeiten für Juden im NS-Deutschland nicht mehr gab. Obwohl sie ins Olympiateam sollte, durfte sie in keinem Verein starten, sondern trat dem jüdischen Sportbund Schild bei.Zum Olympiakurs für Leichtathleten ab 12. Oktober 1934 seien „sechs Mitglieder des Sportbundes des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten einberufen“ worden, darunter Bergmann „von der Sportgruppe Laupheim“, so die Neue Freie Presse (Wien), 19. Oktober 1934, S. 10. Sie war stundenlang unterwegs, um in Stuttgart auf einem Sportplatz zu üben.
Trotz dieser Widrigkeiten übersprang sie im Sommer 1935 bei den Frauen-Olympiaprüfungskämpfen in Ulm erneut 1,55 mKarlsruher Tagblatt, 3. Juni 1935, S. 6: „Eine sehr gute Leistung vollbrachte auch die Hochspringerin Frl. Bergmann (Stuttgart). Sie übersprang bei schlechten Bodenverhältnissen glatt 1,55 Meter.“ und einige Wochen später, Anfang Juli, gewann sie die württembergische Meisterschaft mit 1,50 m.Der Leichtathlet, 9. Juli 1935, S. 20 (Gaumeisterschaft). In derselben Ausgabe (S. 4) erscheint sie in der Jahresbestenliste mit 1,55 m an vierter Stelle. Zu den nächsten Olympiaprüfungskämpfen unmittelbar danach in Hamburg wurde sie jedoch nicht hinzugezogen (12 Springerinnen nahmen teil)Der Leichtathlet, 9. Juli 1935, S. 7, sowie vom 16. Juli 1935, S. 7 ff. und bei den deutschen Meisterschaften am 3. und 4. August des Jahres fehlte sie ebenfalls, obwohl von den 20 Teilnehmerinnen nur vier in dem Jahr höher gesprungen waren.Der Leichtathlet, 30. Juli 1935, S. 4 und 12. Lorenz Peiffer: Gretel Bergmann – „Spielball“ der Nazis. In: Diethelm Blecking, Lorenz Peiffer (Hrsg.): Sportler im „Jahrhundert der Lager“, Göttingen 2012, S. 152 schreibt, Bergmann seien „als Jüdin die Teilnahme an Meisterschaften des Deutschen Reichsbundes für Leibesübungen verwehrt“ gewesen. Formal war sie als vereinslose Sportlerin nicht RBL-Mitglied, für die Gaumeisterschaften war das aber offenbar irrelevant. Am 25. August gewann sie bei den Reichsmeisterschaften des Sportbundes Schild und kam abermals auf 1,55 m.Lorenz Peiffer: Gretel Bergmann – „Spielball“ der Nazis. In: Diethelm Blecking, Lorenz Peiffer (Hrsg.): Sportler im „Jahrhundert der Lager“, Göttingen 2012, S. 153. Im September übersprang sie in München 1,53 m,Der Leichtathlet, 17. September 1935, S. 16. Eine österreichische Zeitung schrieb dazu, „Fräulein Bergmann“ sei „eine der wenigen Nichtarierinnen, die als Olympia-Kandidatinnen öffentlich starten darf“ (Neues Wiener Journal, 19. September 1935, S. 18) die bei den DM zum Titel gereicht hatten.
Im Olympiajahr verteidigte Bergmann Ende Juni ihren Meistertitel in Württemberg; dabei stellte sie in Stuttgart den deutschen Rekord (1,60 m) ein.Wiener Sport-Tagblatt, 4. Juli 1936, S. 6. Dieser Rekord wurde erst 2009 vom DLV offiziell anerkannt, allerdings ließ Der Leichtathlet sie 1936 mit dieser Leistung korrekt in der Jahresbestenliste nach oben rücken und gleich nach Stuttgart wurde Bergmann in der Tagespresse als Olympiahoffnung„Ratjen sprang wieder 1,57 1/2 Meter hoch, wobei sie übertrumpft wurde von der Stuttgarterin Bergmann mit 1,60 Meter. Wenn es keine Eintagsleistung bleibt, ist hier knapp vor Toresschluss noch eine olympische Hoffnung auferstanden.“ Hamburger Anzeiger, 7. Juli 1936, S. 7, in einem Gesamt-Rückblick auf alle Gaumeisterschaften (Ratjen war Bremerin, startete nicht in Stuttgart). sowie Mitfavoritin bei der deutschen Meisterschaft hervorgehoben.„Ratjen (Bremen), Bergmann (Stuttgart), Hagemann (Hamburg) und Kaun (Kiel) machen den Hochsprung unter sich aus“. Hamburger Anzeiger, 10. Juli 1936, S. 11.
Es wiederholte sich die Abfolge des Vorjahres: Die Chance, ihre Leistung bei der DM am 12./13. Juli in Eichkamp bei Berlin zu bestätigen, erhielt Gretel Bergmann nicht. In der Fachpresse fehlte ihr Name schon in der Vorschau.Der Leichtathlet, 7. Juli 1936, Nr. 27, nennt unter der Überschrift Neue Meisterin erwartet die Namen von 11 Teilnehmerinnen (es waren dann 12), begründet Bergmanns Fehlen aber nicht. Auch im Wettkampfbericht eine Woche später wurde auf Bergmanns Abwesenheit nicht eingegangen (es gewann Dora Ratjen vor Elfriede Kaun).Der Leichtathlet, 14. Juli 1936, Nr. 28, S. 23.
Am 15. Juli 1936 verließ das Schiff mit der US-Mannschaft an Bord die USA; einen Tag später teilte der Reichssportführer Hans von Tschammer und Osten Gretel Bergmann mit, sie werde nicht berücksichtigt, weil ihr Leistungsstand nicht ausreichend sei.Jutta Braun: Gretel Bergmann. In: Berno Bahro, Jutta Braun, Hans Joachim Teichler (Hrsg.): Vergessene Rekorde – jüdische Athletinnen vor und nach 1933. vbb, Berlin 2009, S. 96. Nominiert wurden Ratjen und Kaun, die ebenfalls schon 1,60 m übersprungen hatten; der dritte Startplatz blieb unbesetzt, auch wenn eine Tageszeitung in Hamburg noch zwei Wochen später Bergmanns Teilnahme ankündigte.Hamburger Fremdenblatt, 27. Juli 1936, S. 5 Um einen öffentlichen Skandal während der Olympischen Spiele zu verhindern, wurde ihr Heimtrainer für die Dauer der Spiele in Schutzhaft genommen.Arnd Krüger: Die Olympischen Spiele von 1936 und die Weltmeinung. Bartels & Wernitz, Berlin 1973, ISBN 3-87039-925-2.
Im folgenden Jahr war Bergmanns Leistung aus der Weltbestenliste in Deutschland bereits getilgt.Siehe Der Leichtathlet, 25. Februar 1937, Nr. 8, S. 5. Mit ihren 1,60 m hätte sie gemeinsam mit Kaun auf dem zweiten Platz erscheinen müssen, ihr Name fehlt jedoch ganz. Bergmann emigrierte in die USA, wo sich ihr Bruder bereits aufhielt. Sie konnte zehn Mark bzw. vier Dollar mitnehmen und musste ihren Lebensunterhalt mit Gelegenheitsarbeiten verdienen. 1938 heiratete sie den aus Deutschland stammenden Arzt Bruno Lambert, der mit ihrer finanziellen Unterstützung aus Deutschland ausgewandert war; aus seiner Familie überlebte niemand den Holocaust. Mit ihm lebte sie über 75 Jahre zusammen, bis er im November 2013 im Alter von 103 Jahren starb. Auch Bergmanns Familie war von der NS-Verfolgung betroffen. Ihr Vater verbrachte sechs Wochen in einem NS-Lager und litt sein Leben lang an den gesundheitlichen Folgeschäden.
Margaret Bergmann-Lambert gewann auch in den USA die nationalen Meisterschaften im Hochsprung (1937, 1938) und im Kugelstoßen (1937). Mit Kriegsbeginn 1939 war ihre sportliche Karriere beendet, und sie widmete sich ihrer Familie und der Kindererziehung. 1942 erhielt sie die amerikanische Staatsbürgerschaft. Sie lebte im Stadtteil Jamaica in Queens in New York City, wo sie 2017 im Alter von 103 Jahren starb.
mini|Gretel-Bergmann-Stadion in Laupheim, 2015 thumb|Nach Gretel Bergmann benannter Weg im Olympiapark Berlin, 2026 Ehrungen 1980 wurde Margaret Bergmann-Lambert in die International Jewish Sports Hall of Fame aufgenommen, 1995 erfolgte die Aufnahme in die US-amerikanische National Jewish Sports Hall of Fame and Museum. 1999 erhielt sie den Georg von Opel-Preis. 2012 wurde sie in die Hall of Fame des deutschen Sports aufgenommen. Sportstätten in Berlin und Laupheim sowie eine Schule im Hamburger Stadtteil Neuallermöhe, eine Grundschule in Eystrup, eine Grundschule im Nürnberger Stadtteil Langwassernuernberg.de sowie eine Schule in Berlin-Marzahn-Hellersdorf wurden nach ihr benannt. 2014 erhielt sie die Staufermedaille in Gold und die Bürgermedaille der Stadt Laupheim. Im Olympiapark Berlin wurde im August 2014 der bislang unbenannte Weg an der ehemaligen Dienstvilla des Reichssportführers Hans von Tschammer und Osten als Gretel-Bergmann-Weg eingeweiht. Die französisch-deutsche Hochspringerin Marie-Laurence Jungfleisch gratulierte im Namen des gesamten Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) am Tage ihrer erneuten deutschen Hallen-Meisterschaft 2014 Bergmann zum 100. Geburtstag. (mp4-Video, 6,6 MB, 55 Sekunden).
Filmische Rezeption Im August 2008 wurde Gretel Bergmanns Leben von der Gemini Film für das Kino verfilmt. Der Film lief am 10. September 2009 in den deutschen Kinos unter dem Titel Berlin 36 an. Die Regie führte Kaspar Heidelbach, die Rolle der Gretel Bergmann spielte Karoline Herfurth. Darin wird auch im Rahmen künstlerischer Freiheit unter anderem eine Beziehung zu einer „Marie Ketteler“ (reale Olympiateilnehmerin: Dora Ratjen) aus dem Olympiakader dargestellt, die nach den Unterlagen so nicht stattgefunden hat.
Im ARD-Dokudrama Der Traum von Olympia – Die Nazispiele von 1936 (2016) wird Gretel Bergmanns verhinderte Olympiateilnahme ebenfalls thematisiert, hier wird sie von Sandra von Ruffin dargestellt.
Film