mini|Im Hôtel de la Balance in Sonvilier wurde die Juraföderation am 12. November 1871 gegründet Die Juraföderation (; auch Jurassischer Bund oder Jura-Bund genannt) war eine revolutionäre Bewegung in der Westschweiz, die hauptsächlich aus Uhrenarbeitern im historischen Berner Jura und im Neuenburger Jura bestand. Sie wurde als Föderation von antiautoritären und anarchistischen Sektionen der Ersten Internationale 1871 gegründet und wurde in den 1870er Jahren praktisch zum Zentrum der internationalen anarchistischen Bewegung.
Geschichte Anfänge der Internationale in der Westschweiz (1866–1868) mini|hochkant|James Guillaume gehörte zu den aktivsten Mitgliedern der Juraföderation Der Aufruf zum Zusammenschluss aller Arbeiter durch die 1864 in London gegründete Ersten Internationale führte im Berner und Neuenburger Jura 1866 zur Bildung von Sektionen der Internationale. Besonders aktive Sektionen wurden in Le Locle von James Guillaume und in Sonvilier von Adhémar Schwitzguébel mitbegründet. Die Mitglieder der jurassischen Sektionen hatten vorwiegend Berufe in der Uhrenbranche und waren Uhrmacher, Graveure und Guillocheure, Uhrenschalen- und Federmacher. Die Mitglieder dieser Sektionen, wie beispielsweise James Guillaume, sahen sich noch als fortschrittliche Radikale und Freidenker. Einen wichtigen Stellenwert hatte die Kirchen- und Religionskritik. Die Jurassier sahen den religiösen orthodoxen Calvinismus, der diesen Teil der Schweiz besonders prägte, als Hauptgegner der Arbeiterbewegung.
Die Jurassier teilten einige Standpunkte des Anarchismus, wie den Atheismus oder die Überzeugung, dass die soziale Emanzipation nicht durch Reformen erreicht werden könne. Sie waren aber in der Gründungszeit der ersten Sektionen noch keine Anarchisten. In der Anfangszeit versuchte beispielsweise auch die Sektion von Le Locle bei den Wahlen von 1866 den Einstieg ins Kantons- und Gemeindeparlament, was jedoch ein einmaliger Versuch blieb. Dagegen wurde in der Folgezeit der Abstentionismus, d. h. die Verweigerung der Teilnahme an Wahlen, zu einem wichtigen Element der jurassischen Arbeiterbewegung. Im Laufe der Zeit entwickelten die Jurassier dann immer radikalere, revolutionärere Ideen und näherten sich stetig kollektivistischen und anarchistischen Positionen an.
Neben diesen Sektionen, die später den Kern der Juraföderation bildeten, bestanden noch zwei weitere Zentren der Westschweizer Arbeiterbewegung, die in der Internationale organisiert waren. Dazu gehörten im Jura die Sektionen unter der Leitung von Dr. Coullery, einem Arbeiterarzt, der der Freisinnig-Demokratischen Partei nahestand, und der Genfer Fabrique, mehreren Sektionen, die zum grossen Teil aus deutschen Emigranten bestanden. Diese Westschweizer Sektionen beschlossen am Rande des zweiten Kongresses der Internationale 1867 in Lausanne, die Bildung einer gemeinsamen Föderation voranzutreiben, um den Zusammenhalt und die Zusammenarbeit zu verstärken.
Doch verschlechterten sich die Beziehungen mit Coullery im Laufe des Jahres rasch, weil dieser gemeinsam mit Royalisten und Klerikalen für Wahlzwecke eine eigene Partei gründete und die Arbeiter unter seinem Einfluss für dieses Vorhaben einspannte. Zum offenen Bruch kam es dann nach dem Kongress von Brüssel 1868, nachdem Coullery die Resolutionen des Kongresses in seiner Zeitung Voix de l’Avenir offen kritisiert hatte. Da man zuvor die Zeitung von Coullery zum gemeinsamen Organ der Westschweizer Internationalen gemacht hatte, versuchte man nun mit einer eigenen Zeitung gegenzusteuern. In Le Locle gab James Guillaume am 17. Dezember 1868 die erste Ausgabe der Zeitschrift Progrès heraus, die zum Organ der Internationalisten im Jura wurde.
Bildung der Romanischen Föderation (1869) mini|Die Teilnehmer des Basler Kongresses der Internationale von 1869. Am 2. Januar 1869 trafen sich 30 Westschweizer Sektionen der Internationale zu einer gemeinsamen Konferenz in Genf, an der die Sektion von Dr. Coullery nicht mehr teilnahm. Zum gemeinsamen Organ der Westschweizer Sektionen wurde dort die Zeitschrift Égalité ernannt und zu diesem Zweck in Genf gegründet. Im Januar und Februar 1869 genehmigten die einzelnen Sektionen die Föderalstatuten, die während des Kongresses ausgearbeitet worden waren. Somit war die Romanische Föderation gegründet, die ein Zusammenschluss der Westschweizer Sektionen der Internationale war. Dies war eine Ausnahmeerscheinung innerhalb der Internationale, da sich üblicherweise nur ganze Länder und nicht einzelne Landesteile zu Föderationen zusammenschlossen.
Im Verlauf des Jahres 1869 bewegten sich die Arbeiter im Neuenburger und Berner Jura hin zu radikaleren, kollektivistischen bzw. anarchistischen Positionen. Durch eine erfolgreiche Agitation im Jura wurde die Bewegung für eine grössere Anzahl von Arbeitern interessant, was den Einfluss von Dr. Coullery im Jura schwächte. Den Höhepunkt dieser Entwicklung bildete das Treffen von Crêt-du-Locle bei La Chaux-de-Fonds, das vom Kern der radikalen Sektionen im Jura, James Guillaume, Adhémar Schwitzguébel und Auguste Spichiger organisiert wurde. Das Treffen zog viele Arbeiter an und die votierten Resolutionen zeigten die Entwicklung dieses radikalen Kreises hin zum Anarchismus. Hinzu kamen Vortragsreisen von Michail Bakunin, zu dem die Jurassier eine freundschaftliche Beziehung pflegten.
1869 vollzog sich auf dem Kongress von Basel ein ideologischer Wechsel innerhalb der Internationale. Unter dem Einfluss der belgischen Sektionen um César de Paepe, der jurassischen Sektionen und Michail Bakunin bewegte sich die Internationale weg vom Mutualismus, der seit der Gründung der Internationale die wichtigste sozialistische Strömung in der Internationale war. Statt der Mutualisten wurden die kollektivistischen Anarchisten zur wichtigsten Kraft, was sich auch in den Debatten und den Kongressresolutionen von 1869 niederschlug. Diese Entwicklung der Internationale wurde von Karl Marx und Friedrich Engels, die als Mitglieder im Generalrat der Internationale tätig waren, als persönlicher Versuch von Michail Bakunin gesehen, die Macht in der Internationale an sich zu reissen.
In der Folgezeit verhärteten sich die Fronten zwischen diesen zwei Lagern innerhalb der Internationale. Auf der einen Seite standen die Anhänger der politischen Aktion (Parteienbildung, Wahlbeteiligung zum Wohl der Arbeiter) und die Kommunisten mit Marx und Engels, die auf die Unterstützung der Englischen Föderation und der Deutschen Sozialdemokratie zählen konnten. Und auf der anderen Seite standen die Antiautoritären und Kollektivisten, die für unmittelbare revolutionäre Aktionen, den Streik und die Selbstverwaltung einstanden und nichts von der Bildung von politischen Parteien und der Teilnahme an der Wahlpolitik hielten. Sie stellten nach dem Kongress von 1869 mit den Föderationen von Spanien, Italien, Belgien, Holland und grossen Teilen der Französischen Föderation die Mehrheit in der Internationale.
Die Schweiz war in dieser Hinsicht ein Spezialfall, da sich der Konflikt zwischen den beiden Lagern hier innerhalb eines einzigen Landes zu zeigen begann. Den antiautoritären Jurasektionen standen grosse Teile der Genfer Sektionen mit ihrem Wortführer Nikolai Utin gegenüber. Dazu kamen die wenigen Deutschschweizer Sektionen mit Herman Greulich, die sich an der Deutschen Sozialdemokratie orientierten, jedoch in diesem Konflikt keine grosse Rolle spielten.
Die Romanische Föderation als erster Schauplatz des Konflikts in der Internationale (1870–September 1871) mini|hochkant|Jean-Louis Pindy war einer von vielen Flüchtlingen der Pariser Kommune, die aus Frankreich in den Jura kamen. Zu einem ersten Konflikt kam es innerhalb der Romanischen Föderation wegen des Beitritts der Allianz zur Internationale. Die Allianz war eine Gruppe von etwa 80 Revolutionären, der neben Michail Bakunin auch die Jurassier James Guillaume und Adhémar Schwitzguébel angehörten. Ein Mitgliedschaftsantrag der Allianz wurde vom Generalrat der Internationale jedoch mit der Begründung abgelehnt, dass internationale Organisationen nicht direkt ein Teil der Internationale werden könnten. Stattdessen wurde vorgeschlagen, dass sich die Allianz-Mitglieder den Föderationen der jeweiligen Herkunftsländer anschliessen, was diese wiederum akzeptierten.
Die Debatte um die Aufnahme der Allianz-Mitglieder in die Romanische Föderation verlief auf ihrem Kongress im April 1870 turbulent. Der Russe Nikolai Utin, ein persönlicher Feind von Michail Bakunin, trat als Vertreter der Genfer Sektionen der Fabrique auf und gab sich unversöhnlich. Er forderte die Mitglieder der Romanischen Föderation auf, den Mitgliedern der Allianz den Zutritt zur Föderation zu verweigern. Bei der anschliessenden Abstimmung stimmten die Mitglieder der Romanischen Föderation mit 28 zu 18 Stimmen einem Beitritt der Allianz-Mitglieder zu. Der Präsident des Kongresses, der einer Sektion von Dr. Coullery angehörte, akzeptierte die Niederlage nicht und setzte die vorwiegend jurassischen Teilnehmer vor die Türe. Die Ausgeschlossenen hielten den Kongress dann in einem eigenen Lokal ab, sodass zwei Kongresse der Romanischen Föderation zur gleichen Zeit tagten. Der Kongress der Jurassier beschloss in seinem Kongress den Kollektivismus als Ziel und übertrug die Herausgabe eines eigenen Organs mit dem Namen Solidarité James Guillaume.
Der Streit innerhalb der Romanischen Föderation gelangte nun zum Generalrat der Internationale nach London. Nach Berichten beider Parteien über den Verlauf des Kongresses, entschied der Generalrat zugunsten der Genfer Sektionen. Der Generalrat schrieb in einer Stellungnahme, dass die Mehrheit der Jurassier bei der Abstimmung zur Allianzresolution nur „nominal“ gewesen sei und erkannte den Jurassiern das Recht ab, sich Romanische Föderation zu nennen. Die Jurassier hingegen akzeptieren das Urteil des Generalrats nicht und entgegneten, dass nur ein ordentlicher Kongress der Internationale eine Entscheidung in diesem Streit bringen darf. Nachdem jedoch am 19. Juli der Deutsch-Französische Krieg ausbrach, trat der Konflikt in der Romanischen Föderation für die Mitglieder der Internationale in den Hintergrund. Die Arbeiterbewegung blickte nach Frankreich und später vor allem auf die Pariser Kommune.
Im Verlauf des Deutsch-Französischen Krieges gab James Guillaume ein Flugblatt mit dem Titel Manifest an die Sektionen der Internationale heraus. Es wurde den Abonnenten der Solidarité zugeschickt und warb bei diesen um Unterstützung für Frankreich. Die Neuenburger Kantonsregierung verfügte daraufhin die Beschlagnahmung des Manifests und Verbot die weitere Herausgabe der Solidarité im September 1870. Das Fehlen eines eigenen Organs, der Einzug der Arbeiter zur Grenzbesetzung aufgrund der Kriegssituation und die kriegsbedingt fehlende Nachfrage in der Uhrenbranche führten zu einem Rückgang der Aktivitäten in der jurassischen Arbeiterbewegung im Winter 1870/71.
Nach der Niederschlagung der Pariser Kommune gründeten die jurassischen Internationalen eine Hilfsorganisation für die Kommuneflüchtlinge. Die Organisation ermöglichte den Flüchtlingen die Einreise in die Schweiz und organisierte ihre Unterbringung bei Arbeiterfamilien. Adhémar Schwitzguébel reiste zu diesem Zweck nach Paris und verhalf vielen Kommunarden mit Hilfe von mitgeführten Schweizer Pässen zur Einreise in die Schweiz. Viele der französischen Kommunarden schlossen sich in der Folge den jurassischen Internationalen an, wie Gustave Lefrançais, Jean-Louis Pindy und der spätere marxistische Anführer des Parti ouvrier Jules Guesde.