Das Parlamentsgebäude an der Ringstraße in der österreichischen Hauptstadt Wien ist der Sitz des Parlaments Österreichs. Der Neorenaissancebau wurde 1874 bis 1883 durch Franz Joseph I. von Theophil von Hansen als k. k. Reichsratsgebäude errichtet. Es ist eines der größten und bedeutendsten Parlamentsgebäude der Welt.Parlamentsgebäude – Parlament Österreich
Geschichte
Vorgeschichte mini|Provisorisches Abgeordnetenhaus, Ansicht von der Votivkirche
Das erste Parlament Österreichs war der separat zur Frankfurter Nationalversammlung gebildete kurzlebige Reichstag vom 22. Juli 1848 bis 1849, welcher in der Winterreitschule und später in Kroměříž tagte. Der 1861 mit der Februarpatent genannten Verfassung gegründete Reichsrat des späten Kaisertums Österreich wurde 1867 mit der Dezemberverfassung Parlament der österreichischen Reichshälfte Österreich-Ungarns.
Da 1861 kein Parlamentsgebäude bestand, mussten dringend Provisorien geschaffen werden. Der provisorische Bau für das Abgeordnetenhaus des Reichsrats in Wien wurde nach dem Ministerpräsidenten Anton von Schmerling etwas despektierlich Schmerlingtheater genannt. Der noch spöttischere Name war „Bretterbude“.Oktoberdiplom und Februarpatent: Verfassung mit Widerständen. In: parlament.gv.at, abgerufen am 22. Juli 2016. Die andere Kammer des Reichsrats, das Herrenhaus, nutzte als Versammlungsort das historische Landhaus in der Herrengasse 13 in der Altstadt, Tagungsort des Landtags von Österreich unter der Enns.
Das Provisorium für das Abgeordnetenhaus wurde vom Architekten Ferdinand Fellner in der Währinger Straße 2–6 (gegenüber der Baustelle der den Platz beherrschenden Votivkirche, nur einen Häuserblock von der Ringstraße entfernt) errichtet. Baubeginn des zweigeschoßigen Riegelwandbaus war am 12. März 1861. Mit der Aufmauerung der Fundamente wurde am 14. März begonnen. Nach nur sechs Wochen stand der Bau, der am 25. April 1861 schlüsselfertig war. In dieser kurzen Zeit waren an die 500 Arbeiter Tag und Nacht beschäftigt; Nachtschichten wurden bei Fackelbeleuchtung durchgeführt. Das Grundkonzept des Gebäudes mit der Rampe und der Vorhalle, durch die man in den Sitzungssaal kam, entsprach schon dem späteren Parlamentsgebäude. Auch die Kaiserloge durfte nicht fehlen. Das Gebäude wurde vom Abgeordnetenhaus bis zur Fertigstellung des heutigen Parlaments, 1883, benutzt.
Planung und Ausführung mini|Parlamentsgebäude um 1900; der Pallas-Athene-Brunnen wurde erst 1902 errichtet
Ursprünglich waren zwei Gebäude, je eines für das Herrenhaus (an Stelle des heutigen Palais Epstein) und das Abgeordnetenhaus geplant. Dies änderte sich jedoch mit den Veränderungen hin zur Doppelmonarchie, und so wurden architektonische Elemente beider Gebäudepläne verschmolzen. Beispielsweise wurde der Brunnen vor dem Eingang zum Herrenhaus für das nunmehrige gemeinsame Parlamentsgebäude übernommen, wobei nun nicht Austria, sondern Athene als Statue des Brunnens ausgeführt wurde.
Am 2. September 1874 wurde mit der Ausmauerung der Fundamente des heutigen, von Theophil von Hansen entworfene Parlamentsgebäudes (damals in seiner Funktion als Reichsrathsgebäude) begonnen. Der Grundstein wurde erst zu einem späteren Zeitpunkt „nach der Ausmauerung der Fundamente auf einem entsprechenden Platze innerhalb derselben gelegt“. Das genaue Datum der Grundsteinlegung ist derzeit unklar. Fest steht bislang nur, dass Ende April 1875 die Fundamentierungsarbeiten noch nicht vollständig abgeschlossen waren: „Die Arbeiten für den Bau des Parlamentshauses schreiten rüstig vorwärts und dürften in kurzer Zeit sämmtliche Fundamente aus dem Boden heraus gearbeitet sein.“ Die ersten Plenarsitzungen von Abgeordnetenhaus und Herrenhaus im neuen Reichsratsgebäude fanden neun Jahre später, am 4. Dezember 1883, statt. (PDF; 249 kB) Österreichisches Parlament, S. 16.
Maßgeblichen Einfluss auf die Gestaltung des Gebäudes hatte der griechischstämmige Industrielle und Kunstmäzen Nikolaus Dumba genommen; er wurde 1885 von Kaiser Franz Joseph I. als Mitglied des Herrenhauses berufen. Auffallend ist die architektonische Ähnlichkeit des Parlamentsgebäudes mit Hansens Akademie von Athen und dem vom gleichen Architekten entworfenen und ebenfalls 1874 begonnenen Athener Zappeion.emporis.com. Ausführende Baufirma in Wien war die Union-Baugesellschaft. Zum ersten Mal wurde in Wien ein größerer Bau nicht nur im gewohnten Längenmaß Klafter, sondern auch in der 1871/1872 eingeführten neuen Maßeinheit MeterGesetz vom 23. Juli 1871, womit eine neue Maß- und Gewichtsordnung festgestellt wird. Reichsgesetzblatt Nr. 16 / 1872. geplant und ausgeführt.Renate Wagner-Rieger: Die Wiener Ringstraße, Bild einer Epoche. Die Erweiterung der Inneren Stadt Wien unter Kaiser Franz Joseph. Band 8, Teil 4, H. Böhlaus Nachf., Wien 1969, ISBN 3-515-02676-2, S. 128.
Der Sitz des Reichsrates hatte zwei deutlich voneinander abgesetzte Hälften, die der damaligen Gliederung des Reichsrates in Herrenhaus und Abgeordnetenhaus entsprachen; ursprünglich waren sogar zwei separate Gebäude vorgesehen gewesen. Der offizielle Name war „k.k. Reichratsgebäude“, der Name „Parlament“ war aber schon von Anfang an in Gebrauch.
Nachgeschichte mini|Ausrufung der Ersten Republik am 12. November 1918 vor dem Parlamentsgebäude
Am 12. November 1918 fand hier die letzte Sitzung des Abgeordnetenhauses des k.k. Reichsrates statt, dann trat am gleichen Tag die Provisorische Nationalversammlung für Deutschösterreich (die bis dahin im Niederösterreichischen Landhaus getagt hatte) erstmals im Parlamentsgebäude zusammen und übernahm die Verfügungsgewalt über das Parlamentsgebäude vom Reichsrat. Hierauf wurde vor der auf der Ringstraße wartenden Menschenmenge auf der Parlamentsrampe die Republik ausgerufen. Seit März 1919 tagte hier die Konstituierende Nationalversammlung, die 1920 die Bundesverfassung beschloss, und seit 10. November 1920 (1933/1934–1945 unterbrochen) tagen hier Nationalrat und Bundesrat. Die symbolische Bedeutung des Parlamentsgebäudes wird durch seine Abbildung auf der 1-Schilling-Münze der 1. Republik deutlich, für deren Entwurf der Graveur Heinrich Zita verantwortlich zeichnete.
Nach der „Selbstausschaltung des Parlaments“ im März 1933 tagte hier ab Mai 1934 der Bundestag, das formale Gesetzgebungsorgan des austrofaschistischen Ständestaates, sowie die vorberatenden Organe Staatsrat, Bundeswirtschaftsrat, Bundeskulturrat und Länderrat. Die offizielle Bezeichnung war Haus der Bundesgesetzgebung, Sitz des Bundestags. 1938–1945 wurde das Gebäude vom nationalsozialistischen Regime als „Gauhaus der NSDAP“ bezeichnet und nicht für parlamentarische Zwecke genutzt.Parlament in der Diktatur: Forschung zu den Jahren 1933 bis 1945. APA-Meldung vom 26. Juni 2015, abgerufen am 28. Juni 2015.
Am 29. April 1945 übergab der sowjetische Stadtkommandant Alexej Blagodatow der am 27. April gebildeten Provisorischen Staatsregierung mit Karl Renner an der Spitze das Parlamentsgebäude. (Die Regierung hatte sich bei Bürgermeister Theodor Körner im Rathaus getroffen und war dann, von Körner und anderen Kommunalpolitikern begleitet, durch ein Spalier von Zuschauern über Rathausplatz und Ring zum Parlament gegangen, was durch Pressefotos dokumentiert wurde.) Der Wiederaufbau und die Restaurierung erfolgten 1945–1956 nach Plänen der österreichischen Architekten Max Fellerer und Eugen Wörle.
Im Verlauf der Kriegshandlungen wurde das Wiener Parlamentsgebäude stark durch Bomben in Mitleidenschaft gezogen. Am 7. Februar 1945 zerstörte ein Treffer zwei der insgesamt 24 monolithischen, aus einem rotgrauen Kalkstein vom Typ Rot-Grau-Schnöll aus Adnet (Salzburg) bestehenden Säulen der zentralen Halle. Die beiden zerstörten Säulen wurden 1950 durch zwei neue, aus demselben Steinbruch gebrochene ersetzt.Andreas Rohatsch: Werksteinbeschaffung für die Baudenkmalpflege während der Zeit des Wiederaufbaus nach dem 2. Weltkrieg. In: Österreichische Zeitschrift für Kunst und Denkmalpflege. Jg. LVIII, Wien 2004, Heft 3/4, S. 472 ff. Die beiden ersetzten Säulen stehen nebeneinander und sind aufgrund der bräunlicheren Farbgebung des Marmors, der fehlenden weißen Marmorierung sowie leicht veränderter Fundamente erkennbar. Der südlich gelegene Herrenhaustrakt wurde ebenfalls schwer in Mitleidenschaft gezogen, der Plenarsaal des Herrenhauses fast komplett zerstört. Nach der ersten Nationalratswahl der Zweiten Republik, die am 25. November 1945 stattfand, übernahmen das Gebäude wieder die beiden 1920 eingerichteten Parlamentskammern der Republik Österreich, Nationalrat und Bundesrat.
Beschreibung Äußeres mini|Vorderseite des Parlamentsgebäudes mini|Beleuchtung am Abend mini|Grundriss des Parlamentsgebäudes (vor Sanierung) mini|Rückseite an der Reichsratsstraße mini|Pallas-Athene-Brunnen Das Parlamentsgebäude ist eine stilistische Wiederbelebung der antiken griechischen Architektur und damit der Neorenaissance zuzuordnen, einer Richtung des im 19. Jahrhundert verbreiteten Historismus. In den Plänen Theophil von Hansens zur Außengestaltung des Parlamentsgebäudes fanden sich bemerkenswerte Gestaltungselemente. Ursprünglich wollte der Architekt, in Anlehnung an antike griechische Tempel, das Gebäude außen polychrom gestalten. Die antike Polychromie war jedoch zu der Zeit sehr umstritten, das herrschende Vorurteil erlaubte nur die Bauweise in weißem Marmor. Farbe wurde als „urvölkerhafte“, wenn nicht sogar „barbarische“ Kunstweise betrachtet. Dies beeinflusste das Baukomitee, welches den Vorschlag des Architekten zur mehrfarbigen Außengestaltung ablehnte. Erschwerend dazu kamen die Kostengründe. Von Hansen wurde lediglich gestattet, Proben anzufertigen. Diese befinden sich an der linken Ecke der Fassade des ParlamentsgebäudesParlament mit Straßenbahn sowie an der Ecke Reichsratsstraße/SchmerlingplatzRückseite und zeugen noch heute von Hansens Konzept.parlament.gv.at
Der Giebel des Parlamentsgebäudes zeigt bis heute Symbole der 17 Kronländer des k.k. Österreich. An den unteren Enden der Auffahrtsrampe befinden sich Bronzestatuen von Rossbändigern als Symbol der Unterdrückung von Leidenschaften als Voraussetzung für konstruktive parlamentarische Zusammenarbeit. Die vier Bronzeplastiken wurden vom Bildhauer Josef Lax entworfen und in der k.k. Kunst-Erzgießerei 1897 und 1900 gegossen. Die auf dem Dach befindlichen Statuen stellen berühmte Philosophen, Schriftsteller und Politiker der griechischen und römischen Antike dar.
Der von Theophil von Hansen entworfene Pallas-Athene-Brunnen vor dem Parlament wurde erst 1898 bis 1902 erbaut, obwohl die Pläne schon seit 1870 bestanden. Die Figuren, eine vier Meter hohe Pallas Athene, Allegorien der gesetzgebenden und der vollziehenden Gewalt, sowie der vier wichtigsten Flüsse Altösterreichs – Donau, Inn, Elbe und Moldau – wurden von den Bildhauern Hugo Haerdtl, Josef Tautenhayn und Carl Kundmann geschaffen. Dass Pallas Athene, die griechische Göttin der Weisheit, dem Parlamentsgebäude den Rücken zukehrt, führte im österreichischen Volksmund zu verschiedenen Witzen und Spottworten, wonach die Weisheit nicht im Parlament anzutreffen sei. (PDF; 249 kB) Österreichisches Parlament, S. 19.
An der Auffahrtsrampe des Parlamentsgebäudes finden sich acht aus Laaser Marmor gemeißelte Sitzstatuen: auf der Seite des ehemaligen Herrenhauses Statuen der griechischen Geschichtsschreiber Xenophon, Thukydides, Herodot und Polybios, auf der Seite des ehemaligen Abgeordnetenhauses Statuen der römischen Geschichtsschreiber und Politiker Sallust, Caesar, Livius und Tacitus.. Abgerufen am 22. Juli 2016.