Die Textilindustrie ist einer der ältesten und, nach Zahl der Beschäftigten und Umsatz, einer der wichtigsten Wirtschaftszweige des produzierenden Gewerbes. Sie umfasst die Gesamtheit der Betriebe und Unternehmen, die sich mit der Herstellung von Garnen aus pflanzlichen, tierischen und chemisch hergestellten Fasern, Zwirnen, Geweben, Maschenwaren wie Gestricken (Flach- und Rundgestricken) und Gewirken (Kulier- und Kettengewirke) und anderen textilen Flächengebilden wie Tuchen, Filzen, Nähgewirken und Vliesstoffen sowie den gesamten Bereich der Textilveredlung befassen. Alfons Hofer: Textil- und Modelexikon. Band 2, L–Z. 7., vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage. Deutscher Fachverlag, Frankfurt am Main 1997, ISBN 3-87150-518-8, S. 916.
Die Textilindustrie untergliedert sich in Spinnstoffaufbereitung (Wäscherei, Kämmerei), Spinnerei, Weberei, Wirkerei (Wirkwaren, Gardinen, Strumpfwirkerei), Strickerei (Strickwaren), und Textilveredelung (Vorbehandlung und Ausrüstung)Brockhaus, Band 27, Brockhaus-Verlag, Mannheim-Leipzig, 2006; ISBN 3-7653-4127-4. Gestrickte und gewirkte Fertigerzeugnisse (Maschenwaren) sind Produkte der Bekleidungsindustrie.
Die Textilindustrie ist die wichtigste Vorstufe der Bekleidungsindustrie. Beide Industriezweige unterscheiden sich in den angewendeten Herstellungstechnologien. In Mitteleuropa existieren fast keine Betriebe mehr, in denen sämtliche Produktionsstufen vom Rohstoff bis zum Endprodukt betrieben werden. Die Betriebe der Textil- und Bekleidungsindustrie sind stark arbeitsteilig und internationalisiert. In Deutschland wird nahezu keine Bekleidung mehr produziert, obwohl einige der größten Bekleidungsproduzenten in Deutschland ansässig sind.
Von der Textil- und Bekleidungsindustrie hängen direkt und indirekt Arbeitsplätze in anderen Industriezweigen ab. Sie ist Zulieferer für die Pharma-, Fahrzeug- und Bauindustrie sowie für den Medizin- und Schutzkleidungsbereich und nimmt ihrerseits Leistungen anderer Industriezweige in Anspruch wie der Maschinenbauindustrie oder der chemischen Industrie.
Des Weiteren kann nach der Art der verarbeiteten Rohstoffe unterschieden werden zwischen Leinenindustrie, Baumwoll-, Woll-, Seiden-, Chemiefaser-, Synthesefasern- und Bastfaserindustrie.
Geschichte
Allgemeine Geschichte mini|hochkant|Packenträgerdenkmal in Neuenkirchen (Kreis Steinfurt). Diese Hollandgänger waren Wegbereiter der Textilindustrie
Die Textilindustrie gehört zu den ältesten Industriezweigen. Als eine ausgesprochen arbeitsintensive Produktion trug sie wesentlich zum Einfluss einzelner Regionen bei. Macht und Einfluss der italienischen Stadt Lucca im 13. Jahrhundert beruhte beispielsweise zu einem großen Teil auf der Seidenindustrie dieser Stadt. Zu den Luccaer Handwerkern gehörten eine Reihe sehr spezialisierter Gruppen. Darunter waren solche, die sich auf das Abwickeln von Seidenraupenkokons spezialisiert hatten, solche, die die Fäden verspannen, Färber und Weber.Amy Butler Greenfield: A Perfect Red – Empire, Espionage and the Qest for the Color of Desire. HarperCollins Publisher, New York 2004, ISBN 0-06-052275-5, S. 5 und S. 6.
Eine ähnlich differenzierte Arbeitsteilung findet sich bei der Verarbeitung von Wolle. Schäfer zogen die Schafe heran, Scherer waren dafür verantwortlich, die Schafe zu scheren, Karder kämmten die Rohwolle und befreiten sie so von groben Verunreinigungen, Spinner verarbeiteten die Wollfasern zu Fäden weiter und Weber produzierten aus den Wollfäden schließlich Tuch. Solche aus Wolle gefertigten Stoffe mussten häufig darüber hinaus gewalkt werden. Färber färbten bei qualitativ hochwertigen Stoffen die Wollfäden; häufiger jedoch bereits die fertig gewebten Stoffe, da diese Methode kostengünstiger war.Amy Butler Greenfield: A Perfect Red – Empire, Espionage and the Qest for the Color of Desire. HarperCollins Publisher, New York 2004, ISBN 0-06-052275-5, S. 7. Den Färbern kam häufig eine besondere Bedeutung zu. Insbesondere während der Renaissance maß man der Farbigkeit von Stoffen eine große Bedeutung zu. Sozialer Rang wurde häufig durch besonders farbenprächtige Kleidung signalisiert.Amy Butler Greenfield: A Perfect Red – Empire, Espionage and the Qest for the Color of Desire. HarperCollins Publisher, New York 2004, ISBN 0-06-052275-5, S. 9 und S. 10. Färber durchliefen eine mehrjährige Ausbildung. Häufig wurden den Färbern jedoch Wohn- und Arbeitsplätze in Randbereichen der Siedlungen und Städte zugewiesen, da ihr Handwerk auch als schmutzig und übelriechend galt.Amy Butler Greenfield: A Perfect Red – Empire, Espionage and the Qest for the Color of Desire. HarperCollins Publisher, New York 2004, ISBN 0-06-052275-5, S. 11.
Im Mittelalter wurde ein großer Teil der Textilprodukte im häuslichen Betrieb (zum Eigenbedarf oder für einen Verleger) oder in kleinen Textilhandwerksbetrieben hergestellt.
Geschichte in Deutschland In Deutschland war die Textilherstellung im Mittelalter und zu Beginn der Neuzeit im ländlichen Raum weit verbreitet, vor allem in den deutschen Mittelgebirgen, da diese Räume sowohl günstige klimatische Bedingungen für den Flachsanbau boten als auch umfangreiche Wiesen für die Schafhaltung vorhanden waren. Daraus entwickelte sich eine Leinen- und Wollverarbeitung.
Durch Hollandgänger, die mit Leinen handelten, entwickelte sich so im nord- und westdeutschen Raum, besonders im Münsterland, die Textilindustrie. Die Textilindustrie war in fast allen Mittelgebirgen vorhanden, besonders: Schwäbische Alb, Eifel, Bergisches Land, Hunsrück, Rhön, Vogelsberg, Frankenwald, Vogtland, Erzgebirge, Lausitzer und Zittauer Gebirge,Boom : 500 Jahre Industriekultur in Sachsen. Sandsteinverlag, Pirna 2020, ISBN 978-3-95498-544-9, S. 108. Eulen- und Riesengebirge, Schwarzwald und Bayerischer Wald. Bedeutende Teile der Textilindustrie der deutschen Mittelgebirge sind als Ersatzindustrien für den rückläufigen bzw. den aufgegebenen Bergbau entstanden – so die Spitzen-Klöppelei und Posamentenindustrie des ErzgebirgesBildband der Heimat ; kultur- und landesgeschichtliche Beiträge über die sächsischen Landschaften. Verlag Weidlich, Frankfurt am Main 1979, ISBN 3-8035-8521-X, S. 77. und die Trikotagenindustrie der Schwäbischen Alb. Nach der Aufnahme von Hugenotten und Waldensern werden verbesserte Maschinen gebaut und betrieben.Seide+Strümpfe
Im 18. Jahrhundert stieg die Nachfrage nach Textilien mit zunehmender Bevölkerung stark an. So entwickelte sich zunächst das Verlagssystem, bei dem ein Verleger das Rohmaterial ankaufte, es gegen Lohn verspinnen und weben ließ und dann schließlich das fertige Produkt vertrieb. Die Spinner und Weber kamen fast ausschließlich aus den ländlichen Unterschichten. Oft musste die ganze Familie durch ihre Arbeit das Einkommen sichern.
In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde die britische Textilindustrie zur Hauptkonkurrenz für die Betriebe auf dem europäischen Festland. Durch die von der britischen Insel ausgehende Mechanisierung des Web- und Spinnvorgangs sowie durch die Verdrängung von Leinen und Wolle durch Baumwolle verlor die Textilindustrie in den Mittelgebirgen zunehmend an Bedeutung, was zu Verarmung und großer wirtschaftlicher Not führte und unter anderem zum Weberaufstand (1844, mit Zentrum im schlesischen Eulengebirge).Schlesien: Wegweiser durch ein unvergessenes Land. Bechtermünz-Verlag, Würzburg 1996, ISBN 3-86047-180-5, S. 30. Die Bedeutung der baumwoll- und seidenverarbeitenden Industrie im deutsch-niederländischen Grenzgebiet wuchs hingegen, so z. B. in der niedersächsischen Stadt Nordhorn. In der Folge entwickelte sich Westsachsen einschließlich des Vogtlandes (Ostthüringen, Oberfranken, Böhmen) zu einem Zentrum der Textilindustrie. Parallel dazu entwickelte sich die Oberlausitz zum Zentrum der Damastweberei und Niederschlesien zum Zentrum der Leinenverarbeitung.Deutscher Textilarbeiterverband, Jahresbericht 1929. Liegnitz 1930 (DGB)
Im Umfeld der Betriebe der Textilindustrie entstanden Zulieferindustrien, in denen Dampfmaschinen und Maschinen für Spinnereien und Webereien produziert wurden. Damit wurde Sachsen zu einem Zentrum des Textilmaschinenbaus in Deutschland. Allein in Chemnitz und direkter Umgebung gab es mehrere führende Webstuhlfabriken, deren bedeutendsten die Sächsische Webstuhlfabrik (vormals Louis Schönherr) und Schubert & Salzer (beide Chemnitz) waren.Expressionistische Industriearchitektur. Passage-Verlag, Leipzig 2000, ISBN 3-932900-45-6. Darauf basierend entwickelte sich Chemnitz zu einem Zentrum des Maschinenbaus in Mitteleuropa (auch als sächsisches Manchester bekannt). Innovative Betriebe wie die von Johann von Zimmermann und Richard Hartmann siedelten sich an, und die Region Chemnitz entwickelte sich zur dichtest industrialisierten in Deutschland. Der Aufstieg von Textilien zum wichtigsten Konsumgut neben Nahrungs- und Genussmitteln brachte zudem die Entstehung weiterer Industrien mit sich wie die Herstellung von Waschmaschinen.
Nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelte sich zunächst das Ruhrgebiet zu einem bedeutenden Standort für die Bekleidungsindustrie der Bundesrepublik, da unter den Flüchtlingen und Vertriebenen etliche Unternehmer aus den ehemaligen Zentren der deutschen Bekleidungsindustrie rund um Breslau, Sachsen und den Osten Berlins ins Ruhrgebiet gekommen waren. Sie eröffneten neue Betriebe, die aufgrund der Rohstoffknappheit zunächst vor allem alte Kleidung und Textilien umarbeiteten, bevor sie der Textil- und Bekleidungsindustrie zu einem kurzzeitigen Boom verhalfen. Ostberlin wurde das Zentrum der Bekleidungsindustrie der DDR, und Chemnitz (ab 1953 Karl-Marx-Stadt) blieb Zentrum der Textilindustrie.
Seit Beginn der 1960er Jahre ist die Industrie jedoch durch einen anhaltenden Schrumpfungsprozess aufgrund der zunehmenden Konkurrenz durch Fernost gekennzeichnet. Von 1955 bis 1980 gingen in der Bundesrepublik Deutschland über 400.000 Arbeitsplätze in der Textil- und Bekleidungsindustrie verloren. In den 1950er Jahren mussten viele Firmen aufgeben. Dies wurde zunächst als eine Nachwirkung der Koreakrise rezipiert: Der Kriegsbeginn löste in der westlichen Welt Panikkäufe von Baumwolle aus; der Preis stieg im März 1951 bis auf 33 DM (rein gewaschene mittelfeine Wolle A) an. Sechs Monate später war der Preis auf nur noch 13 DM gesunken; viele textilverarbeitende Firmen blieben auf den Kosten der teuer eingekauften Baumwolle sitzen.Peter Braun: Die Hersfelder Textilindustrie. Vergangenheit und Gegenwart. Verein für hess. Geschichte u. Landeskunde e.V Kassel 1834 - Zweigverein Bad Hersfeld, Bad Hersfeld 2003, ISBN 3-9806842-5-3, S. 9–10.
Weitere Gründe für den Niedergang der Textilindustrie waren steigende Reallöhne. Ab dem 29. Dezember 1958 war die Deutsche Mark wieder voll konvertibel. Im Bretton-Woods-System (ein System nahezu fester Wechselkurse) wertete die D-Mark mehrfach auf;Tabelle dadurch wurden Textilimporte (bezahlt oft in US-Dollar oder in Pfund Sterling) nach Deutschland billiger. In der deutschen Textil- und Bekleidungsindustrie gingen seit 1980 rund 450.000 Arbeitsplätze verloren (2002 noch 110.000 Beschäftigte). Einen dramatischen Rückgang bei den Beschäftigtenzahlen erlebte die mitteldeutsche und ostdeutsche Textilindustrie von 219.000 Beschäftigten auf 23.000 (1992)Brockhaus, Band 27, Brockhaus-Verlag, Mannheim-Leipzig, 2006; ISBN 3-7653-4127-4.
mini|Produktionshalle der Lauffenmühle 2019 Eine der ältesten Textilfirmen in Deutschland, die Lauffenmühle in Lauchringen am Hochrhein, befindet sich 2019 in der Ausproduktion. Nach mehreren Insolvenzen seit 1993 fand das Unternehmen auch mit einer neu entwickelten, recyclebaren Faser keinen Investor mehr zur Fortsetzung der Produktion.
Bedeutung