Eine schizotypische Persönlichkeitsstörung (STP) oder schizotype Störung zeichnet sich durch ein tiefgreifendes Verhaltensdefizit im zwischenmenschlichen und psychosozialen Bereich aus. Das äußert sich in Verhaltenseigentümlichkeiten, mangelnder Fähigkeit zu engen persönlichen Beziehungen und Verzerrungen in Denken und Wahrnehmung. Das Auftreten ist oft schrullig und exzentrisch.

Diese Persönlichkeitsstörung ist insgesamt noch wenig erforscht. Es wird von 0,5–3 % Betroffenen in der Bevölkerung ausgegangen, in der hochgradigen Ausprägung sogar nur von 0,05–0,1 % der Bevölkerung.

Die schizotype Störung zeigt einen chronischen Verlauf mit unterschiedlicher Intensität. Obwohl sie gelegentlich in eine eindeutige Schizophrenie übergeht (bis zu der Fälle), entwickelt die Mehrheit der betroffenen Menschen nie eine Psychose. Es lässt sich kein exakter Beginn feststellen; Entwicklung und Verlauf entsprechen gewöhnlich einer Persönlichkeitsstörung. Die schizotype Störung findet sich häufiger bei Personen mit manifest Erkrankten aus dem schizophrenen Spektrum in der Familie. Man nimmt daher an, dass sie einen Teil des genetischen Spektrums der Schizophrenie verkörpert und eine abgeschwächte Form darstellt.

Zum Begriff Es gibt eine Reihe veralteter Bezeichnungen für die schizotype Störung, z. B. Borderline-Schizophrenie, latente schizophrene Reaktion oder pseudoneurotische Schizophrenie. Der Begriff „schizotypisch“ war ursprünglich als Abkürzung für „schizophrener Phänotypus“ gedacht. Er wurde 1956 von Sándor Radó geprägt und bezog sich auf Personen, die seiner Meinung nach ein genetisches Bindeglied zur Schizophrenie gemeinsam hätten, aber kein psychotisches Verhalten zeigten. Paul Meehl baute diese Idee dann in seinen Arbeiten zur Schizotaxie weiter aus.Theodore Millon: Chapter 12 - The Schizotypal Personality. (PDF) In: Personality Disorders in Modern Life. 2nd Edition. Wiley, 2004, ISBN 0-471-23734-5.

Beschreibung Die schizotypische Persönlichkeitsstörung ist durch einen oftmals unfreiwilligen sozialen Rückzug gekennzeichnet. Nur selten knüpfen Schizotypische soziale Kontakte, und es fällt ihnen schwer, diese aufrechtzuerhalten, da ihr Misstrauen gegen Menschen groß ist. Auch durch längeres Zusammensein wird dieses nicht abgebaut, sondern eher verstärkt. Nicht selten steigert sich dies zu einem reizbaren und aggressiven Verhalten. Mitmenschen fällt ihr unzugängliches, gemütsarmes und gleichgültig wirkendes Verhalten auf.

Als typisch wird ein unkonventionelles Verhalten beschrieben, das sich in einem skurrilen und grotesken bis ungepflegten äußeren Erscheinungsbild oder einer idiosynkratischen Sprache äußert. Auch bei kreativen Arbeiten heben sie sich gelegentlich von der Allgemeinheit durch außergewöhnliche Kunstwerke ab, die ihrer hohen Sensibilität zu verdanken sind. Hochgradig Schizotypische sind jedoch selten künstlerisch begabt, sondern denken und handeln eher technisch-funktionell und abstrakt.

Das übersensible Naturell von Menschen mit einer schizotypischen Persönlichkeitsstörung verursacht eine Reizüberflutung. Deshalb bauen sie häufig einen „seelischen Schutzwall“ auf, der aber auch den Ausdruck von Gefühlen verhindert. In Krisensituationen fällt ihnen logisches Denken schwer und sie haben Probleme, unwichtige von wichtigen Informationen zu unterscheiden.

Diagnose Nach DSM Im DSM-5 gehört die schizotypische Persönlichkeitsstörung zusammen mit der schizoiden und der paranoiden Persönlichkeitsstörung zu den schizophrenienahen Persönlichkeitsstörungen (Cluster A).

Es handelt sich dabei um ein tiefgreifendes Muster sozialer und zwischenmenschlicher Defizite, das durch mangelnde Fähigkeit zu engen Beziehungen oder akutes Unbehagen darin gekennzeichnet ist. Weiterhin treten Verzerrungen der Wahrnehmung oder des Denkens und eigentümliches Verhalten auf. Die Störung beginnt im frühen Erwachsenenalter und zeigt sich in verschiedenen Situationen. Wenigstens fünf der folgenden Kriterien müssen erfüllt sein:

Beziehungsideen (jedoch kein Beziehungswahn), Seltsame Überzeugungen oder magische Denkinhalte, die das Verhalten beeinflussen und nicht mit den Normen der jeweiligen subkulturellen Gruppen übereinstimmen (z. B. Aberglaube, Glaube an Hellseherei, Telepathie oder an den „sechsten Sinn“; bei Kindern und Jugendlichen bizarre Fantasien und Beschäftigungen), Ungewöhnliche Wahrnehmungserfahrungen einschließlich körperbezogener Illusionen, Seltsame Denk- und Sprechweise (z. B. vage, umständlich, metaphorisch, übergenau, stereotyp), Argwohn oder paranoide Vorstellungen, Inadäquater oder eingeschränkter Affekt, Verhalten oder äußere Erscheinung sind seltsam, exzentrisch oder merkwürdig, Mangel an engen Freunden oder Vertrauten außer Verwandten ersten Grades, Ausgeprägte soziale Angst, die nicht in zunehmender Vertrautheit abnimmt und die eher mit paranoiden Befürchtungen als mit negativer Selbstbeurteilung zusammenhängt.

Die Symptome dürfen nicht durch eine andere Störung besser erklärt werden können (z. B. Schizophrenie, eine bipolare Störung oder depressive Störung mit psychotischen Merkmalen, eine andere psychotische Störung oder eine Autismus-Spektrum-Störung).

Nach ICD Im ICD-10 ist die schizotype Störung (F21) nicht den Persönlichkeitsstörungen zugeordnet, sondern den „schizophrenen und wahnhaften Störungen“.Veraltete Namen für ähnliche Konzepte wie die Schizotype Störung (ICD-10)

Es handelt sich um eine Störung mit exzentrischem Verhalten und Anomalien des Denkens und der Stimmung, die schizophren wirkt, obwohl nie eindeutige und charakteristische Symptome aufgetreten sind. Es gibt kein beherrschendes oder typisches Merkmal. Die Betroffenen haben über einen Zeitraum von mindestens zwei Jahren mindestens vier der folgenden Merkmale entweder ununterbrochen oder wiederholt gezeigt:AWMF: . S. 8

Unangepasster und eingeengter Affekt, so dass die Betroffenen kalt und unnahbar erscheinen, Seltsame(s), exzentrische(s) und eigentümliche(s) Verhalten und Erscheinung, Wenig soziale Bezüge und Tendenz zu sozialem Rückzug, Sonderbare Ansichten, bizarre Ideen oder magisches Denken, das das Verhalten beeinflusst und nicht mit subkulturellen Normen übereinstimmt, Misstrauen oder paranoide Vorstellungen, Zwanghaftes Grübeln ohne inneren Widerstand, oft mit dysmorphophoben, sexuellen oder aggressiven Inhalten, Ungewöhnliche Wahrnehmungen, einschließlich Körpergefühlsstörungen, Illusionen, Depersonalisations- oder Derealisationserleben, Vages, umständliches metaphorisches, gekünsteltes und oft stereotypes Denken, das sich in einer seltsamen Sprache oder auf andere Weise äußert, ohne deutliche Zerfahrenheit, Gelegentliche, vorübergehende quasi-psychotische Episoden mit intensiven Illusionen, akustischen oder anderen Halluzinationen und wahnähnlichen Inhalten; diese Episoden treten im Allgemeinen ohne äußere Veranlassung auf.

Abgrenzung Ein großes Problem bei der Diagnose ist die Überlappung mit anderen Krankheiten.

Andere Persönlichkeitsstörungen Schizotypische Personen haben die gleichen zwischenmenschlichen Probleme wie schizoide Personen. Allerdings mit dem Unterschied, dass Schizotypische unter der sozialen Isoliertheit leiden, während Schizoide anscheinend keinen Wert auf zwischenmenschliche Kontakte legen. Zudem zeigen Schizoide in der Regel nicht solche Auffälligkeiten wie magisches Denken, bizarre Überzeugungen und seltsame Sprechweisen.

Der größte Unterschied zur Borderline-Persönlichkeitsstörung ist die fehlende Impulsivität und Stimmungslabilität. Auch sind Borderliner eher extravertiert und kontaktfreudig, wenngleich ihre Beziehungen selten stabil sind. Narzisstische Persönlichkeiten weisen ein ausgeprägteres Selbstbewusstsein auf, jedenfalls nach außen hin, und sind viel eher in der Lage, Kontakte herzustellen, wenngleich diese häufig eine egoistische Ausprägung haben.

Bei sozialer Phobie und ängstlich-vermeidender Persönlichkeitsstörung ist es die Angst vor dem Werturteil der anderen, die den Betroffenen den Kontakt erschwert. Schizotypische hingegen sorgen sich eher darum, dass andere sie ausnutzen oder ihnen schaden wollen.

Schizophrenien Schizophrene Störungen können ähnliche Symptome aufweisen, aber mit stärkerer Ausprägung in Form von Wahnvorstellungen und Halluzinationen. Sie stellen eine häufige Fehldiagnose dar. Dabei ist zu beachten, dass bis zu 25 % aller schizotypischen Personen tatsächlich zusätzlich eine Psychose entwickeln.

Überschneidungen gibt es auch besonders zu den bei der Schizophrenia simplex auftretenden Negativsymptomen (Willensschwäche, verarmtes Denken und verflachter Affekt). Bei der schizotypen Störung handelt es sich jedoch um ein lebenslang gleichbleibendes Muster, während die Schizophrenia simplex einen plötzlichen Verfall bei vorher unauffälligen Menschen darstellt.Anhang B – Kriterienlisten und Achsen, die für weitere Forschung vorgesehen sind. In: DSM-IV-TR, 2003, ISBN 978-3-8017-1660-8, S. 831 f.

Autismus Auch die Abgrenzung von dem in der Kindheit beginnenden Asperger-Syndrom ist nicht einfach, vor allem da einige Menschen mit Autismus zusätzlich schizotype Merkmale zeigen. Bei den Störungen des Autismus-Spektrums stehen jedoch Symptome wie eingeschränkte Erlebnis- und Ausdrucksfähigkeit, paranoide Vorstellungen und Argwohn nicht im Zentrum. Schizotypische Persönlichkeiten erkennen soziale Hinweise (Gestik, Mimik etc.) zwar meist, überinterpretieren sie aber dann in eher misstrauischer Weise („Hyper-Mentalizing“). Personen mit Asperger-Syndrom haben mehr Probleme damit, soziale Zeichen überhaupt wahrzunehmen und zu lesen („Hypo-Mentalizing“).Differenzialdiagnose Schizophrenienahe Persönlichkeitsstörungen (S. 760) In: Fritz-Georg Lehnhardt u. a (2013).: Deutsches Ärzteblatt.

Im Unterschied zu vielen autistischen Menschenhttps://www.appliedbehavioranalysisedu.org/what-is-theory-of-mind-and-how-does-it-relate-to-autism/ verfügen schizotypische Personen auch durchaus über eine Theory of Mind (ToM). In der Imprinted Brain Theory von Bernard Crespi (wonach Autismus und Psychosen gegensätzliche Extreme sein sollen) werden schizotype PS und Asperger-Syndrom gegenübergestellt, analog als jeweils abgeschwächte Form.Matthias Dose, Katja Weber (2012): Autismus, Asperger-Syndrom und schizotypische Persönlichkeitsstörung. In: Hans Förstl (Hrsg.): Theory of Mind. Springer, ISBN 978-3-642-24916-7. (eingeschränkte Vorschau auf Google Books)

Ursachen Es wird eine multikausale Entstehungsgeschichte vermutet. Als mögliche Ursachen werden unter anderem genannt:Henning Saß (2001): Zur ätiologischen Stellung und Therapie der schizoiden und schizotypischen Persönlichkeitsstörung.doi:10.1055/s-2001-16542.Kapitel 7: Die Schizoide und Schizotypische Persönlichkeitsstörung. In: Aaron T. Beck: Kognitive Therapie der Persönlichkeitsstörungen. Beltz, 1995, ISBN 978-3-621-27155-4. Genetische Veranlagung: Schizotypische Persönlichkeiten findet man häufig in Familien, in denen es Fälle von Schizophrenie gibt. Es wird daher von einer gemeinsamen genetischen Disposition für beide Krankheiten ausgegangen. Die Häufigkeit der schizotypischen PS unter den erstgradigen Verwandten schizophrener Patienten beträgt etwa 7–14 %. Erste molekulargenetische Untersuchungen zeigen eine gewisse Überlappung mit dem velokardiofazialen Syndrom und schwächer mit dem fragiles-X-Syndrom Frühkindliche Traumatisierungen: Menschen mit einer schizotypischen Persönlichkeitsstörung berichten häufig über Erfahrungen von sexuellem Missbrauch und körperlicher Misshandlung. Auch eine schwere Geburt kommt als traumatische Erfahrung in Betracht. Frühkindliche Vernachlässigung: Viele schizotypische Personen konnten in ihrer Kindheit keine enge Verbindung zu ihren Eltern aufbauen, sei es, weil sie (oder einer von ihnen) ihrer Verantwortung nicht gerecht wurden, oder sei es, weil sie (oder einer von ihnen) ebenfalls psychisch krank sind. Auch Hospitalismus kommt als Ursache in Betracht.

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