Die Literaturoper (oder Literatur-Oper) ist ein von Edgar IstelEdgar Istel, Das Libretto. Wesen, Aufbau und Wirkung des Opernbuchs nebst einer dramaturgischen Analyse des Librettos von Figaros Hochzeit, Schuster & Loeffler, Berlin/Leipzig 1914, . geprägter Begriff und beschreibt das im 20. Jahrhundert entstandene Genre der Oper, bei dem bereits bestehende Bühnenwerke des Theaters ohne wesentliche Veränderungen – allenfalls Kürzungen – in Musik gesetzt werden. Die noch bis circa 1980 übliche erweiterte Verwendung des Begriffes „Literaturoper“ auch für Opernlibretti auf der Basis literarisch bedeutsamer Dramen, Romane und Erzählungen ist durch die jüngere Forschung zur Geschichte des Opernlibrettos überholt worden, da ein Rückgriff auf literarische Stoffe der Vergangenheit die Librettogeschichte seit der Entstehung der Gattung Oper generell geprägt hatte.Albert Gier: Das Libretto. Theorie und Geschichte einer musikoliterarischen Gattung. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1998, ISBN 3-534-12368-9. (Taschenbuch: Insel, Frankfurt am Main 2000, ISBN 3-458-34366-0)

Definition Nach einer neueren Definition von Hans-Gerd Winter und Peter Petersen bedeutet der Terminus „Literaturoper“ „eine Sonderform des Musiktheaters, bei der das Libretto auf einem literarischen Werk basiert, dessen sprachliche, semantische und ästhetische Struktur in dem musikalisch-dramatischen Werk als Strukturschicht kenntlich bleibt.“Hans-Gerd Winter und Peter Petersen: Die Büchner-Opern im Überblick. Zugleich ein Diskussionsbeitrag zur Literaturoper. In: Büchner-Opern. Georg Büchner in der Musik des 20. Jahrhunderts. Peter Lang, Frankfurt am Main 1997, S. 6–31; Peter Petersen: Der Terminus „Literaturoper“ – eine Begriffsbestimmung. In: Archiv für Musikwissenschaft 56, 1999, S. 52–70. Zur Diskussion siehe auch Swantje Gostomzyk: Literaturoper am Ende des 20. Jahrhunderts. Eine interdisziplinäre Studie am Beispiel der Opern von Detlev Glanert. Peter Lang, Frankfurt am Main 2009. Istel lehnte die Literaturoper als eine untaugliche Notlösung ab.

Geschichte Die Literaturoper setzte sich im europäischen Opernschaffen erst durch, als mit Richard Wagner und der von ihm entwickelten durchkomponierten dramatischen Großform die Konventionen der Versmetrik für die Form eines Libretto-Textes schwanden und gleichzeitig die Personalunion von Librettodichter und Komponist als neue Norm der Opernproduktion erschien.

Gerade im Bereich der romanischen Sprachen wurde der alliterierende Vers in Wagners Ring des Nibelungen als Prosatext wahrgenommen, da die silbenzählende Versmetrik im Französischen, Italienischen, Spanischen und Portugiesischen den konsonantischen Anlaut der germanischen Sprachen nicht als Verselement verstehen konnte.Jürgen Maehder: Erscheinungsformen des Wagnérisme in der italienischen Oper des Fin de siècle. In: Annegret Fauser, Manuela Schwartz (Hrsg.): Von Wagner zum Wagnérisme. Musik, Literatur, Kunst, Politik. Leipziger Universitätsverlag, Leipzig 1999, S. 575–621.

Da die Produktion von Literaturopern die Gestalt des Librettisten potentiell überflüssig macht, konnte sich die Gattung zuerst in denjenigen Opernkulturen durchsetzen, in denen die professionelle Librettistik noch nicht über eine lange Tradition verfügte (Russland, Deutschland). In der Geschichte der französischen und russischen Musik des 19. Jahrhunderts finden sich erste Beispiele für dieses dramaturgische Verfahren.Jürgen Maehder: »Salome« von Oscar Wilde und Richard Strauss – Die Entstehungsbedingungen der sinfonischen Literaturoper des Fin de siècle. In: Jürgen Kühnel, Ulrich Müller, Sigrid Schmidt (Hrsg.): Richard Strauss, »Salome«: Stofftraditionen, Text und Musik. Mueller-Speiser, Anif / Salzburg 2013, S. 55–107.

Zu den ersten Literaturopern der europäischen Operngeschichte zählen Alexander Dargomyschskis Oper Der steinerne Gast (nach Puschkin) sowie Modest Mussorgskis Opernfragment Die Heirat und sein Boris Godunow (ebenfalls nach Puschkin).Richard Taruskin: Realism as Preached and Practiced — The Russian Opera Dialogue. In: Musical Quarterly. 56, 1970, S. 431–454;Jürg Stenzl: Heinrich von Kleists Penthesilea in der Vertonung von Othmar Schoeck. In: Günter Schnitzler: Dichtung und Musik – Kaleidoskop ihrer Beziehungen. Klett-Cotta, 1979, S. 224 ff.

Im französischen und italienischen Opernschaffen, die seit Jahrhunderten über eine etablierte Librettotradition verfügten, vollzog sich die Einführung der Literaturoper parallel zu den Diskussionen über die Möglichkeit eines Prosalibrettos.Hugh MacDonald: The Prose Libretto. In: Cambridge Opera Journal. 1, 1989, S. 155–166. Da die italienische Tradition des Opernverses sich als besonders resistent gegenüber dem Vordringen von Librettodichtungen in Prosa erwies, konnte die Tradition der italienischen Literaturoper sich erst dank der Vertonungen der Dramen Gabriele d’Annunzios – Alberto Franchetti, La figlia di Iorio (1906), Pietro Mascagni, Parisina (1913), Riccardo Zandonai, Francesca da Rimini (1914), Ildebrando Pizzetti, Fedra (1915) – dauerhaft etablieren.Jürgen Maehder: The Origins of Italian »Literaturoper« – »Guglielmo Ratcliff«, »La figlia di Iorio«, »Parisina« and »Francesca da Rimini«. In: Arthur Groos, Roger Parker (Hrsg.): Reading Opera. Princeton University Press, Princeton 1988, S. 92–128.

Zu den ersten Komponisten außerhalb Russlands, die Theaterstücke direkt vertonten, zählen Charles Gounod,Hugh MacDonald: The Prose Libretto. In: Cambridge Opera Journal 1, 1989, S. 155–166. Pietro Mascagni, Claude Debussy, Richard Strauss und Alberto Franchetti. Nach dem Zweiten Weltkrieg erlangte das Genre vor allem in Deutschland eine Blüte, und Komponisten griffen häufig auch auf historische Theaterstücke zurück. Die Produktion von Literaturopern hält bis heute an.

Literaturopern auf Theatertexte Modest Mussorgski Die Heirat nach Nikolai Gogols Theaterstück, 1868 (unvollendet) Boris Godunow nach Alexander Puschkins Drama, 1874 Alexander Dargomyschski Der Steinerne Gast (Каменный гость) nach Alexander Puschkins Schauspiel Der Steinerne Gast (1830), 1872 (unvollendet) Charles Gounod: George Dandin, nach der gleichnamigen Komödie von Molière, unvollendet (?), 1874 Pietro Mascagni: Guglielmo Ratcliff nach Heinrich Heine in der Übersetzung durch Andrea Maffei, 1895 Parisina nach Gabriele d’Annunzio, 1913 Claude Debussy: Pelléas et Mélisande nach Maurice Maeterlinck, 1902 Richard Strauss: Salome nach Oscar Wilde, 1905 Elektra nach Hugo von Hofmannsthal, 1909 Alberto Franchetti: La figlia di Iorio nach Gabriele d’Annunzio, 1906 Paul Dukas: Ariane et Barbe-Bleue nach Maurice Maeterlinck, 1907 Riccardo Zandonai: Francesca da Rimini nach Gabriele d’Annunzio, 1914 Ildebrando Pizzetti: Gigliola nach Gabriele d’Annunzios Drama La fiaccola sotto il moggio (1914, unvollendet) Fedra nach Gabriele d’Annunzio, 1915 La figlia di Iorio nach Gabriele d’Annunzio, 1954 Assassinio nella cattedrale nach Thomas Stearns Eliot in der Übersetzung von Alberto Castelli, 1958 Alexander von Zemlinsky: Eine florentinische Tragödie nach Oscar Wilde, 1917 Italo Montemezzi: La Nave nach Gabriele d’Annunzios gleichnamigem Drama, 1918 Domenico Alaleona: Mirra nach Vittorio Alfieri, 1920 Sergei Prokofjew: Die Liebe zu den drei Orangen nach Carlo Gozzi, 1921 Alban Berg: Wozzeck nach Georg Büchners Woyzeck, 1925 Lulu nach Frank Wedekind, 1937 Manfred Gurlitt: Wozzeck nach Georg Büchners Woyzeck, 1926 Soldaten nach Jakob Michael Reinhold Lenz’ Schauspiel Die Soldaten, 1930 Othmar Schoeck: Penthesilea nach dem gleichnamigen Drama (1808) von Heinrich von Kleist, 1927 Franco Alfano Cyrano de Bergerac nach dem gleichnamigen Drama von Edmond Rostand, 1936 Francis Poulenc: Les mamelles de Tirésias (Die Brüste des Tiresias) nach Guillaume Apollinaire, 1941 La voix humaine (Die menschliche Stimme) nach Jean Cocteau, 1958 Carl Orff: Antigonae nach Friedrich Hölderlin bzw. Sophokles, 1949 Oedipus der Tyrann nach Sophokles, 1959 Prometheus nach Aischylos, 1968 Werner Egk: Irische Legende nach The Countess Cathleen von William Butler Yeats, 1955 Der Revisor nach Ревизор von Nikolai Gogol, 1957 Siebzehn Tage und vier Minuten nach El mayor encanto, amor von Pedro Calderón de la Barca, 1966 Wolfgang Fortner: Bluthochzeit nach Bodas de sangre von Federico García Lorca, 1957 In seinem Garten liebt Don Perlimplin Belisa nach Amor de don Perlimplín con Belisa en su jardín von Federico García Lorca, 1962 That Time nach dem gleichnamigen Drama von Samuel Beckett, 1967 Benjamin Britten: A Midsummer Night’s Dream nach William Shakespeare, 1960 Hans Werner Henze: Das Wundertheater nach El retablo de las maravillas von Miguel de Cervantes, 1949 König Hirsch nach dem Märchenspiel Il ré cervo von Carlo Gozzi, 1956 Der Prinz von Homburg nach dem Drama Prinz Friedrich von Homburg oder die Schlacht bei Fehrbellin von Heinrich von Kleist, 1960 Die Bassariden nach Βάκχαι (Die Bakchen) von Euripides, 1966 Bernd Alois Zimmermann: Die Soldaten nach dem gleichnamigen Drama von Jakob Lenz, 1965 Gottfried von Einem: Dantons Tod nach dem gleichnamigen Drama von Georg Büchner, 1947 Der Besuch der alten Dame nach der gleichnamigen Tragikomödie von Friedrich Dürrenmatt, 1971 Kabale und Liebe nach dem gleichnamigen Drama von Friedrich Schiller, 1976 Boris Blacher: Romeo und Julia nach der gleichnamigen Tragödie von William Shakespeare, 1950 Preußisches Märchen nach Der Hauptmann von Köpenick von Carl Zuckmayer, 1952 Yvonne, Prinzessin von Burgund nach Witold Gombrowicz, 1973 Giselher Klebe: Die Räuber nach dem gleichnamigen Drama von Friedrich Schiller, 1957 Die Ermordung Cäsars nach The Tragedy of Julius Cesar von William Shakespeare, 1959 Alkmene nach Amphitryon von Heinrich von Kleist, 1961 Figaro lässt sich scheiden nach der gleichnamigen Komödie von Ödön von Horváth, 1963 Jacobowsky und der Oberst nach dem gleichnamigen Bühnenstück von Franz Werfel, 1965 Ein wahrer Held nach The Playboy of the Western World von John Millington Synge, 1975 Das Mädchen von Domrémy nach Die Jungfrau von Orleans von Friedrich Schiller, 1976 Der jüngste Tag nach dem gleichnamigen Theaterstück von Ödön von Horváth, 1980 Hugo Weisgall: Six Characters in Search of an Author nach dem Drama Sei personaggi in cerca d’autore von Luigi Pirandello, 1959 Sylvano Bussotti Lorenzaccio nach dem Drama Lorenzaccio von Alfred de Musset, 1972 Le Racine nach dem Drama Phèdre von Jean Racine, 1980 Fedra nach dem Drama Phèdre von Jean Racine, 1988 Aribert Reimann: Ein Traumspiel nach August Strindbergs Ett drömspel, 1964 Melusine nach Yvan Goll, 1970 Lear nach William Shakespeares King Lear, 1978 Die Gespenstersonate nach August Strindbergs Spöksonaten, 1983 Troades nach Die Troerinnen des Euripides von Franz Werfel, 1985 Das Schloss nach Franz Kafkas gleichnamigem Roman und der Dramatisierung von Max Brod, 1991 Bernarda Albas Haus nach Federico García Lorcas gleichnamigem Drama, 2000 Medea nach dem gleichnamigen dritten Teil von Franz Grillparzers Das goldene Vlies, 2009 L’invisible (nach Maurice Maeterlincks Dramen L'intruse, L’intérieur und La mort de Tintagiles), 2017 Wolfgang Rihm: Faust und Yorick nach Jean Tardieu, 1977 Walter Steffens: Eli nach dem Mysterienspiel von Nelly Sachs, 1967 Unter dem Milchwald nach Under Milk Wood von Dylan Thomas, 1973 Adriana Hölszky: Bremer Freiheit nach Rainer Werner Fassbinder, 1988 Die Wände nach Jean Genets Les paravents, 1995 Krzysztof Penderecki: Ubu Rex nach Alfred Jarrys Drama König Ubu, 1991 Michael Denhoff: Der Pelikan nach August Strindberg, 1992 Manfred Trojahn: Enrico nach dem Drama Enrico IV von Luigi Pirandello, 1991 Was ihr wollt nach Shakespeares Twelfth Night or What you will, 1998 Orest nach dem Drama Orestes von Euripides, 2011

Literaturopern nach Romanen und Erzählungen Frederick Delius: Romeo und Julia auf dem Dorfe nach Gottfried Keller, 1907 Leoš Janáček: