mini|280px|Die Rotunda, das Wahrzeichen der University of Virginia mini|Thomas Jefferson (1805): US-Präsident, Architekt und Gründer der Universität mini|Lage der Universität im Bundesstaat Virginia (links Vereinigte Staaten)
Die University of Virginia (Universität von Virginia) – kurz UVa oder U.Va. (englisch ausgesprochen als U-V-A: ) – ist eine staatliche Universität in den Vereinigten Staaten von Amerika und liegt in Charlottesville im Bundesstaat Virginia. Sie wurde 1819 auf Betreiben von Thomas Jefferson, dem dritten Präsidenten der Vereinigten Staaten, gegründet. Die zentralen Gebäude der Universität – das sogenannte „akademische Dorf“ – wurden von Thomas Jefferson unter Mitwirkung von Benjamin Latrobe im Stil des Klassizismus entworfen und stehen auf der Liste des Weltkulturerbes der UNESCO.
Die University of Virginia ist Mitglied der Association of American Universities, eines seit 1900 bestehenden Verbundes der führenden nordamerikanischen Forschungsuniversitäten, und zählt zu den Public-Ivy-Universitäten.
Die Universität bietet zahlreiche Bachelor-, Master- und Ph.D.-Studiengänge an, vor allem in den Geistes-, Natur- und Ingenieurwissenschaften.
Geschichte Allgemeine Geschichte 1800–1826: Vorbereitungen und Gründung Mindestens seit dem Jahr 1800 hegte der aus Virginia stammende Thomas Jefferson, damals Vizepräsident der Vereinigten Staaten, den Plan, in Virginia neben dem College of William and Mary eine zweite Universität zu gründen. Am College of William and Mary, das er selbst besucht hatte, kritisierte er vor allem die starke religiöse Prägung der Hochschule und das Fehlen von naturwissenschaftlichen Fächern. Außerdem besuchten viele Studenten aus Virginia Universitäten im Norden der Vereinigten Staaten, was Jefferson ablehnte, weil sie dort nördliche Wertvorstellungen lernten, die sie gegen die vermeintlich überlegene, landwirtschaftlich geprägte Lebensweise der Südstaaten – einschließlich der Sklaverei – aufbrächten.Wills, Garry (2002). Mr. Jefferson’s University. National Geographic. (S. 131–132).
Nach dem Ende seiner Amtszeit als Präsident der Vereinigten Staaten im Jahr 1809 zog sich Jefferson auf seinen Wohnsitz Monticello bei Charlottesville zurück und trieb in den folgenden Jahren seinen Plan für eine Universität voran. Ab 1814 nutzte er dafür die Albemarle Academy, eine 1804 gegründete, aber bisher nur auf dem Papier bestehende Akademie, die Jefferson 1816 von der Virginia General Assembly (d. h. Delegiertenhaus und Senat) zum Central College aufwerten ließ – also einer Hochschule, die Bachelorabschlüsse vergibt. 1814 wurde Jefferson zum Trustee des College gewählt. Das Gelände, auf dem die Hochschule gegründet werden sollte, wurde 1817 James Monroe, dem fünften Präsidenten der Vereinigten Staaten, abgekauft. Es lag damals außerhalb des Stadtgebiets von Charlottesville. Schon am 31. August des Jahres wurde der Grundstein für das erste Gebäude der Hochschule gelegt, in Anwesenheit des eigens angereisten residierenden US-Präsidenten Monroe und – mit Jefferson und James Madison – zweier von insgesamt erst vier ehemaligen US-Präsidenten; Washington war bereits verstorben, damit war der in Massachusetts wohnende John Adams der einzige lebende Expräsident des Landes, der der Feierlichkeit nicht beiwohnte.
mini|hochkant=1.2|Eine der frühesten Abbildungen der University of Virginia, 1826, auf einer Landkarte von Virginia
Sogleich nach der Grundsteinlegung arbeiteten Jefferson und seine Unterstützer darauf hin, den Status des college in den einer university – einer Hochschule, die Abschlüsse über den Bachelor hinaus vergeben kann – zu ändern. Auf Betreiben Jeffersons und des ihn unterstützenden Politikers Joseph C. Cabell beschloss das Parlament von Virginia, eine weitere staatliche Universität einzurichten. Mehrere Orte bewarben sich darum (vor allem Staunton und Lexington), zumal in Aussicht stand, dass die Hauptstadt von Virginia aus Richmond fortverlegt würde; der Standort der staatlichen Universität hätte dann große Chancen, zur neuen Hauptstadt Virginias zu werden. Jefferson und Cabell gelang es letztlich, sich mit ihren Universitätsplänen gegen die Mitbewerber durchzusetzen: Am 19. Januar verabschiedete das Delegiertenhaus von Virginia ein Gesetz (University Act), das das Central College zur staatlichen University of Virginia erhob, und am 25. Januar 1819 stimmte auch der Senat von Virginia entsprechend ab.Bruce, Philip Alexander (1919). History of the University of Virginia, 1819–1919: The Lengthened Shadow of One Man: Empfehlung durch die Rockfish Gap Commission (benannt nach einem Pass in den Blue Ridge Mountains) Anfang August 1818 und University Act am 19. Januar 1819 , elektronische Kopien vom Elektronischen Textzentrum der Bibliothek der University of Virginia Library (englisch) abgerufen am 29. April 2007; siehe auch Wills, Garry (2002). Mr. Jefferson’s University. National Geographic. (S. 21–23; 35) Das Datum gilt als das formelle Gründungsdatum der Universität.
mini|hochkant=0.9|Bau der Kapelle ca. 1889
Jefferson selbst entwarf – unter Anregungen vor allem von Benjamin Latrobe – die Pläne für die Universitätsgebäude (siehe Campus der Universität) und suchte sowohl in Nordamerika als auch in Europa nach Professoren für die Fächer Philosophie, Kunst (arts), Fremdsprachen, Naturwissenschaft, Rechtswissenschaft und Medizin. (englisch) abgerufen am 7. März 2007 Innerhalb ihres fachlichen Schwerpunkts hatten die Professoren auch Spezialisierungen auf von Jefferson ausgesuchte, weniger traditionelle Studienfächer zu unterrichten, so dass die University of Virginia die erste Universität der Vereinigten Staaten wurde, die das Studium von Bereichen wie Astronomie, Architektur, Botanik, Philosophie und Politikwissenschaft anbot. Theologie dagegen stand – und steht bis heute – nicht auf dem Lehrplan, ganz im Gegensatz zu anderen zeitgenössischen Hochschulen, die fast alle stark religiös geprägt waren und zum Teil die Funktion eines Priesterseminars hatten. Die Kapelle der Universität wurde erst 1885–1890 und entgegen den Plänen Jeffersons gebaut.
1826–1850: Unterrichtsaufnahme und Probleme der ersten Jahre Aufgrund von Verzögerungen bei den Bauarbeiten und den transatlantischen Reisen dauerte es noch bis zum 7. März 1825, bevor der Universitätsbetrieb für die ersten 123 Studenten und acht junge DozentenEncyclopædia Britannica: University of Virginia (englisch) abgerufen am 7. März 2007 aufgenommen werden konnte. Sieben der Professoren waren im Ausland geboren und fünf von ihnen – vier Briten und ein Sachse – zogen erst für ihre neue Stelle in die Vereinigten Staaten.Pendleton Hogan (1987). The Lawn. A Guide to Jefferson’s University. Charlottesville, Virginia: University Press of Virginia. Erst nach und nach beschäftigte die Universität mehr US-amerikanische Professoren. (Zum Vergleich: An der damals fast 200 Jahre alten Harvard-Universität unterrichteten 1821 ca. 20 Professoren.)Harvard... with her twenty professors – Thomas Jefferson am 31. Januar 1821, zitiert in Wills, Garry (2002). Mr. Jefferson’s University. National Geographic. (S. 132)
Wie in den Vereinigten Staaten des 19. Jahrhunderts üblich, bot die University of Virginia zunächst vor allem Master-Studiengänge an. Der erste Universitätsabschluss in Medizin (M.D.) wurde 1828 vergeben, der erste Master of Arts 1831 und der erste Abschluss in Rechtswissenschaften 1842. Im Laufe der nächsten Jahre stiegen die Zahlen der Studenten und Professoren und Dozenten an, und das Fächerangebot wuchs insbesondere um die Ingenieurwissenschaften (1836).
In den ersten Jahren gab es immer wieder Zwischenfälle und Unruhen der Studenten. Viele Studenten waren Söhne von Plantagenbesitzern und gewohnt, eigene Waffen zu besitzen und von Sklaven bedient zu werden; sie ordneten sich nicht unter und wiegelten auch die übrigen Studenten auf. Sie missbrauchten die ihnen nach Jeffersons Plänen gewährten Freiheiten, es kam zu Konflikten mit den Professoren, vor allem einigen der Europäer. Bereits im ersten Jahr wollten zwei Professoren kündigen, nachdem sie von maskierten Studenten terrorisiert worden waren. Die Beziehungen zwischen Studenten und Professoren besserten sich etwas, aber auch in den nächsten Jahren flackerten immer wieder Unruhen auf. Auch untereinander trugen die Studenten Streitigkeiten aus, sie fochten sogar Duelle.Wills, Garry (2002). Mr. Jefferson’s University. National Geographic. (S. 127–130) Ihren Höhepunkt fand die Entwicklung, als am 12. November 1840 ein maskierter Student und Unruhestifter den Juraprofessor und Vorsitzenden der Professoren erschoss, nachdem der aus seinem Pavillon getreten war und ihm die Maske vom Gesicht streifen wollte. Der Schock über den Todesfall brachte die Studenten zur Besinnung und änderte schließlich die Beziehung zu den Professoren (siehe auch Ehrenkodex der Universität).Dabney, Virginius (1981). Mr. Jefferson’s University: A History. Charlottesville, Virginia: University Press of Virginia. (S. 9–10)
1850–1900: Amerikanischer Bürgerkrieg und Brand der Rotunda Zu Zeiten des Amerikanischen Bürgerkriegs war die University of Virginia nach Harvard die zweitgrößte Universität der Vereinigten Staaten. Während des Krieges wurde der Staat Virginia – als Grenzstaat, als Heimatstaat der Südstaaten-Hauptstadt (Richmond) und aufgrund seiner Lage in unmittelbarer Nähe der Nordstaaten-Hauptstadt (Washington) – Schauplatz von mehr Schlachten als jeder andere Staat der Vereinigten Staaten. Obwohl einige Schlachten weniger als 100 km von Charlottesville entfernt stattfanden, wurde der Universitätsbetrieb, anders als an vielen anderen Hochschulen der Südstaaten, nicht unterbrochen. Nach der ersten Schlacht von Manassas (1861) und im Fortgang des Kriegs dienten der zentrale Universitätsbau der Rotunda und andere Universitätsgebäude als Militärhospital.Pendleton Hogan (1987). The Lawn. A Guide to Jefferson’s University. Charlottesville, Virginia: University Press of Virginia. (S. 16) Im März 1865 marschierte die Nordstaaten-Armee unter Brigadegeneral George A. Custer, bekannt vor allem für seine spätere Niederlage am Little Bighorn gegen die verbündeten Lakota-Sioux, Arapaho und Cheyenne, in Charlottesville ein. Vertreter der Stadt und der Universität kamen mit Custer am Rande des Hochschulgeländes zusammen und überzeugten ihn davon, die Universität zu schonen. Die Truppen der Nordstaaten schlugen ihr Lager im Zentrum der Universität (Lawn) auf und verwüsteten einige der umliegenden Gebäude (Pavillons), aber es kam zu keinem Blutvergießen. (englisch) abgerufen am 7. März 2007
Ab 1868 vergab die Universität auch Bachelor-Abschlüsse, doch erst 1899 wurde der Bachelor das primär angebotene Studienziel.
mini|hochkant=0.8|Brand der Rotunda 1895
Am 27. Oktober 1895 kam es zu einem Brand im zentralen Gebäude und Wahrzeichen der Universität, der Rotunda. Das Feuer war im Anbau des Baus entstanden. Der Mathematikprofessor William H. „Reddy“ Echols, nach dem 1960 ein prestigeträchtiges Förderungsprogramm für begabte Studenten (honor student program) benannt wurde, versuchte, den Brand mit einer Explosion von ca. 45 kg Dynamit einzudämmen, das er vom Dach der Rotunda auf die in Flammen stehende Verbindung zwischen Rotunda und Anbau warf. Stattdessen löste er damit den Einsturz der Gebäudekuppel der Rotunda aus. Nur 17.194 Bücher des über 56.000 Titel umfassenden Bestandes konnten gerettet werden. (englisch) abgerufen am 8. März 2007 Mithilfe von Dynamit und Wasser gelang es immerhin, ein Übergreifen des Feuers auf die nächstliegenden Pavillons zu verhindern.Wills, Garry (2002). Mr. Jefferson’s University. National Geographic. (S. 107) Die Rotunda wurde unter Leitung des New Yorker Architekten Stanford White in veränderter Form wiederaufgebaut. (englisch) abgerufen am 7. März 2007
1900–1970: Weiteres Wachstum