Die Psychotherapieforschung beschäftigt sich mit der Wirksamkeit und Wirkweise psychotherapeutischer Verfahren. Angesichts der Vielzahl von Schulen und Methoden der Psychotherapie ist zu beachten, dass die therapeutischen Schulen teils sehr unterschiedliche Kriterien für die Beurteilung eines Therapieerfolgs postulieren. Einige therapeutische Wirkfaktoren sind noch nicht messbar gemacht (operationalisiert) worden und somit empirischer Forschung kaum zugänglich. Deshalb werden manche Ergebnisse kontrovers diskutiert.
Forschungsinhalte und -methoden
Bei der Ergebnisforschung bzw. Wirksamkeitsprüfung oder (engl.) Outcome-Forschung interessiert die Frage, ob (bzw. in welchem Ausmaß) Psychotherapie wirkt, bzw. ob eine Therapieform wirksamer ist als die andere (Therapievergleichsforschung). Hier werden in der Regel quantitative bzw. gruppenstatistische Methoden, aber auch vereinzelt Einzelfalluntersuchungen eingesetzt.Philip C. Kendall, Grayson Holmbeck, Timothy Verduin: Methodology, Design, and Evaluation in Psychotherapy Research. In: Michael J. Lambert (Hrsg.): Bergin and Garfield's Handbook of Psychotherapy and Behavior Change. 5. Auflage. Wiley, New York 2004, S. 16–43. Es kann dabei unterschieden werden zwischen Efficacy-Studien (Wirksamkeit von Psychotherapie unter Idealbedingungen) und Effectiveness-Studien (Wirksamkeit von Psychotherapie unter Realbedingungen).Caspar, Jacobi, 2007. Die Standardmethode bei Efficacy-Studien ist das randomisiert-kontrollierte Studiendesign (RCT) mit dem Ziel einer möglichst hohen internen Validität. Die Frage der Effectiveness wird am besten durch systematische naturalistische Studien (quasi-experimentelles Design ohne Randomisierung) beantwortet, mit dem Ziel möglichst hoher externer Validität und Generalisierbarkeit der Ergebnisse auf andere Therapeuten, Patienten und klinische SettingsKenneth I. Howard, Karla Moras, Peter L. Brill, Zoran Martinovich, Wolfgang Lutz: Evaluation of psychotherapy: Efficacy, effectiveness, and patient progress. In: American Psychologist. 51 (10), 1996, S. 1059–1064, ..
Prozessforschung hat dagegen die Prozesse bzw. Wirkungsweisen von Psychotherapie zum Inhalt, analysiert werden z. B. Wirkfaktoren von Psychotherapie wie die therapeutische Beziehung. Hier kommen sowohl quantitative als auch qualitative Forschungsmethoden zum Einsatz.Clara E. Hill, Michael J. Lambert: Methodological Issues in Studying Psychotherapy Processes and Outcomes. In: Michael J. Lambert (Hrsg.): Bergin and Garfield's Handbook of Psychotherapy and Behavior Change. 5. Auflage. Wiley, New York 2004, S. 84–135.
Prozess-Ergebnis-Forschung untersucht den Zusammenhang zwischen Therapieprozess und -ergebnis.David E. Orlinsky, Michael Helge Ronnestad, Ulrike Willutzki: Fifty Years of Psychotherapy Process-Outcome Research: Continuity and Change. In: Michael J. Lambert (Hrsg.): Bergin and Garfield's Handbook of Psychotherapy and Behavior Change. 5. Auflage. Wiley, New York 2004, S. 307–389.
Meta-Analysen dienen dazu, mit Hilfe quantitativer statistischer Methoden Ergebnisse verschiedener Einzeluntersuchungen zur selben Fragestellung zu aggregieren und zusammenzufassen. Die zentrale Aussage (z. B. Wirksamkeit einer bestimmten Intervention) wird in Form von Effektstärken berichtetArjan Berkeljon, Scott A. Baldwin: An introduction to meta-analysis for psychotherapy outcome research. In: Psychotherapy Research. 2009, 19 (4-5), S. 511–518..
Zunehmend häufig wird auch die Effizienz (engl. Efficiency) psychotherapeutischer Interventionen mit Hilfe gesundheitsökonomischer Methoden untersucht.Claudia Baltensperger, Klaus Grawe: Psychotherapie unter gesundheitsökonomischem Aspekt. In: Zeitschrift für Klinische Psychologie und Psychotherapie. 30 (1), S. 10–21.
Phasen der Psychotherapieforschung Meyer beschrieb 1990 drei Phasen der Psychotherapieforschung:Adolf-Ernst Meyer: Eine Taxonomie der bisherigen Psychotherapieforschung. In: Zeitschrift für Klinische Psychologie. 19 (4), 1990, S. 287–291. Die Klassische Phase begann 1895 mit den Einzelfallstudien von Freud und Breuer ("Studien zur Hysterie"), die methodisch auf dem intra-individuellen Vor-Nach-Vergleich beruhen. Die Rechtfertigungs-Phase begann 1952 mit der provokativen These von Hans Jürgen Eysenck, dass Psychotherapie nicht besser wirke als keine oder eine unspezifische Behandlung (s. u.). Die Differentielle Psychotherapie-Effizienz-Forschung behandelt nicht mehr die Frage, ob Psychotherapie wirkt, sondern "welche Behandlungsmaßnahme durch wen, in welchem Zeitpunkt, [...] bei diesem Individuum mit diesem spezifischen Problem unter welchen Bedingungen zu welchem Ergebnis in welchem Zeitpunkt" führt.
Darauf aufbauend postulierte Klaus Grawe (1992, 1997) folgende vier Phasen der Psychotherapieforschung:Klaus Grawe: Psychotherapieforschung zu Beginn der neunziger Jahre. In: Psychologische Rundschau. 43, 1992, S. 132–162.Klaus Grawe: Research-Informed Psychotherapy. In: Psychotherapy Research. 7 (1), 1997, S. 1–19. Legitimationsphase (engl. legitimation phase): Frage nach der Wirksamkeit ("Ist Psychotherapie effektiv?") Wettbewerbsphase (engl. competition phase): Frage nach der vergleichenden Wirkung ("Welche Form der Psychotherapie ist besser oder am besten?") Verschreibungsphase (engl. prescriptive phase): Frage nach der differentiellen Indikation ("Welche Form der Psychotherapie ist bei wem indiziert?") Prozessforschungsphase (engl. process-research phase): Frage nach der Wirkungsweise ("Auf welche Weise wirkt Psychotherapie?")
Im Handbook of Psychotherapy and Behavior Change beschreiben David Orlinsky et al. vier Phasen der Psychotherapieforschung: späte 1920er bis frühe 1950er Jahre: Beginn der systematischen Therapie-Ergebnisforschung etwa 1955 bis 1970: Suche nach wissenschaftlicher Genauigkeit, Beginn der Prozess-Ergebnisforschung etwa 1970 bis 1985: Phase der „Expansion, Differenzierung und Organisation“, Fokus auf objektive, quantitative und experimentelle Studien, Aufkommen von Meta-Analysen; im Rahmen der Prozess-Forschung vermehrtes Interesse an der therapeutischen Beziehung sowie an therapeutischen Ereignissen während der Sitzungen seit 1985: Phase der „Konsolidierung, Standardisierung und Elaboration, aber auch fundamentaler Kritik, Innovation und Kontroverse“: Publikation verschiedener Langzeitstudien (z. B. die NIMH-Studie zur Behandlung der DepressionIrene Elkin: The NIMH Treatment of Depression Collaborative Research Program: Where we began and where we are. In: Allen E. Bergin, Sol L. Garfield: Handbook of psychotherapy and behavior change. 4. Auflage 1994, S. 114–139.), Durchführung randomisiert-kontrollierter Studien zu manualisierten Therapien bei Patienten mit spezifischen Diagnosen, Weiterentwicklung statistischer Methoden zur Datenanalyse (z. B. Hierarchisch Lineare Modellierung), aber auch Aufkommen von Kritik an gruppenstatistischen Methoden, Entwicklung alternativer individualisierter Ansätze (z. B. Patient Profiling, s. u.) und Weiterentwicklung und stärkere Verbreitung qualitativer Ansätze, Kontroverse um die evidenzbasierte Psychotherapie (vgl. Evidenzbasierte Medizin) und die am „medizinischen Modell“ beziehungsweise an pharmazeutischen Studien ausgerichteten Methoden, Einbeziehung gesundheitsökonomischer Gesichtspunkte vor dem Hintergrund knapper Ressourcen und neuer Entwicklungen (z. B. Managed Care) im Gesundheitswesen.
Ergebnisse Wirksamkeit Hans Jürgen Eysenck veröffentlichte 1952 eine Übersichtsarbeit über 24 Psychotherapiestudien (19 zu „eklektischer Psychotherapie“, 5 zur Psychoanalyse), deren Erfolgsraten er den in zwei Studien gefundenen spontanen Remissionsraten unbehandelter Patienten gegenüberstellte.Hans Jürgen Eysenck: The Effects of Psychotherapy: An Evaluation. In: Journal of Consulting Psychology. 16, 1952, S. 319–324. Aus den Ergebnissen (Ausmaß der Besserung bei Psychoanalyse 44 %, bei eklektischen Therapien 65 % und weitgehend unbehandelten Patienten 72 %) schloss er, dass es unter Psychotherapie zu keiner Besserung bei neurotischen Störungen kommt ("the figures fail to support the hypothesis that psychotherapy facilitates recovery from neurotic disorder"), d. h. die beobachteten Besserungsraten auf Spontanremission zurückzuführen sind. Zudem forderte er gut geplante und durchgeführte experimentelle Studien (mit Kontrollgruppendesign). Während die Forderung nach experimentellen Studien aufgegriffen wurde, wurde seine inhaltliche Schlussfolgerung vielfach in Frage gestellt und unter anderem von Donald J. Kiesler als „Mythos der spontanen Remission“ bezeichnet.Donald J. Kiesler: Some myths of psychotherapy research and the search for a paradigm. In: Psychological Bulletin, Vol 65(2), Feb 1966, S. 110–136. In einer Reanalyse konstatierte Allen Bergin 1971 unter anderem nichtvergleichbare Kontrollgruppen, arithmetische Fehler und Fehlinterpretationen der Originaldaten, ein Mangel an vergleichbaren Ergebniskriterien, diagnostische Unklarheiten und Variationen in der Therapiedosis.Allen E. Bergin: The Evaluation of Therapeutic Outcomes. In A.E. Bergin, S.L. Garfield (Hrsg.): Handbook of Psychotherapy and Behavior Change. Wiley, New York, S. 217–270. Cheryl L. McNeilly und Kenneth I. Howard veröffentlichten 1991 eine Reanalyse der Originaldaten von Eysencks' Review unter Berücksichtigung der Therapiedauer. Mit Hilfe von Probitanalysen kamen sie zu dem Ergebnis, dass bei Psychotherapiepatienten die Besserungsrate nach acht Wochen bei 50 % liegt, bei unbehandelten Patienten dagegen nur bei 2 %. Psychotherapie erreiche nach diesem Modell in 15 Sitzungen das, wofür die Spontanremission zwei Jahre benötige ("psychotherapy accomplishes in about 15 sessions what spontaneous remission takes two years to do").Cheryl L. McNeilly, Kenneth I. Howard: The Effects of Psychotherapy: A Reevaluation Based on Dosage. In: Psychotherapy Research. 1 (1), 1991, S. 74–78. Inzwischen hat sich in Tausenden Studien und Hunderten Meta-Analysen Psychotherapie als wirksam erwiesen.Michael J. Lambert, Benjamin M. Ogles: The Efficacy and Effectiveness of Psychotherapy. In: Michael J. Lambert (Hrsg.): Bergin and Garfield's Handbook of Psychotherapy and Behavior Change. 5. Auflage. John Wiley & Sons, New York NY, 2004. Zum Beispiel analysierten Lipsey und Wilson (1993) 302 Meta-Analysen psychologischer, pädagogischer und behavioraler Therapien und kamen zu einem „überwältigend positiven Ergebnis“ (90 % der Effektstärken lagen über 0.10 und 85 % über 0.20), so dass sie von einem methodischen Artefakt ausgingen. Aber auch eine methodisch strengere Auswahl (156 Meta-Analysen) ergab nach wie vor ein positives Ergebnis mit einer mittleren Effektstärke von 0.47.Mark W. Lipsey, David B. Wilson: The efficacy of psychological, educational, and behavioral treatment: Confirmation from meta-analysis. American Psychologist 48 (12), 1993, S. 1181–1209, .
Vergleichende Wirkung In einer Überblicksarbeit zu Psychotherapie-Vergleichsstudien von 1975 kamen Lester Luborsky und KollegenLester Luborsky, Barton Singer, Lise Luborsky: Comparative Studies of Psychotherapies: Is it true that "everyone has won and all must have prices"? In: Archives of General Psychiatry. 1975, 32 (8), S. 995–1008. zu dem vielzitierten Ergebnis „jeder hat gewonnen und alle müssen einen Preis bekommen“ (auch bekannt als das „Dodo-Bird-Verdict“, anspielend auf das Zitat aus Alice im Wunderland und einen Artikel von Rosenzweig aus dem Jahr 1936Saul Rosenzweig: Some implicit common factors in diverse methods of psychotherapy. In: American Journal of Orthopsychiatry. 6, 1936, S. 412–415. (abstract)). Auch Smith und Glass kamen 1977 in ihrer Metaanalyse an fast 400 Therapie-Vergleichsstudien zu dem Ergebnis, dass Psychotherapie wirkt, die einzelnen Psychotherapieformen jedoch im Ausmaß ihrer Wirksamkeit keine bedeutsamen Unterschiede aufweisen.Mary Lee Smith, Gene V. Glass: Meta-Analysis of Psychotherapy Outcome Studies. In: American Psychologist. Sept. 1977, S. 752–760.