mini|Der Heilige Geist und seine Rolle in der christlichen Glaubenslehre, das reflektiert die Pneumatologie Pneumatologie (griechisch πνεῦμα pneûma ‚Hauch, Atem‘ und λόγος lógos ‚Rede, Sinn‘) bezeichnet innerhalb der Dogmatik der Christlichen Theologie die Lehre vom und die Reflexion über den Heiligen Geist, die dritte Person der Trinität.

Pneumatologie in der Bibel

Im Blick auf die Bibel wird vor allem über die alttestamentliche, die johanneische und die paulinische Pneumatologie gesprochen. In der johanneischen Pneumatologie sticht besonders die Anschauung vom Parakleten hervor.

Pneumatologie in der Alten Kirche Grundlage für die Pneumatologie ist unter anderem der dritte und letzte Teil des Apostolischen Glaubensbekenntnisses. Dieser Bekenntnistext der Alten Kirche stammt aus dem 5. nachchristlichen Jahrhundert. Der dritte Artikel hat dabei folgenden Wortlaut:

Lateinisch Deutsch (ökumenische Fassung) Credo in Spiritum Sanctum, sanctam Ecclesiam catholicam, Sanctorum communionem, remissionem peccatorum, carnis resurrectionem, vitam aeternam. Amen.

Textfassung aus dem Missale Romanum von 1970. Ich glaube an den Heiligen Geist, die heilige katholische (christliche/allgemeine)Aus historischen Gründen und um eine Verwechslung mit der römisch-katholischen Kirche zu vermeiden, übertragen Kirchen reformatorischer Tradition „katholische Kirche“ mit „christliche Kirche“ oder „allgemeine Kirche“. Kirche, Gemeinschaft der Heiligen, Vergebung der Sünden, Auferstehung der TotenZur Übersetzung: Beschlüsse bezüglich der Übersetzung des Artikels „Carnis resurrectionem“ des Apostolischen Glaubensbekenntnisses. Kongregation für die Glaubenslehre, 14. Dezember 1983, abgerufen am 6. Februar 2016. und das ewige Leben. Amen.

Übersetzung, die am 15./16. Dezember 1970 von der Arbeitsgemeinschaft für liturgische Texte der Kirchen des deutschen Sprachgebietes verabschiedet wurde.

Der Glaube an den Heiligen Geist mini|Pneumatologie in der abendländischen Ikonographie: Das Dreieck-Symbol im oberen Bildfeld signalisiert, dass die christliche Trinität thematisiert wird. Gott, der Heilige Geist (im Symbol einer weißen Taube) findet sich hier genau in der Mitte zwischen Gott dem Vater und Gott dem Sohn, der als Christus am Kreuz leidet. Die Abbildung zeigt eine alpenländische Prozessionsfahne aus dem 18. Jahrhundert. Bereits das Altrömische Glaubensbekenntnis, das Romanum, das von manchen auf die Zeit zwischen 125 und 135 nach Christus datiert wird, enthält einen ähnlichen Hinweis auf den Heiligen Geist, wenn es diesen Geist als Gegenstand des Glaubens hervorhebt:

Dieses Bekenntnis ist eines der ersten überlieferten christlichen Glaubensbekenntnisse außerhalb des Neuen Testaments, aus dem sich später sowohl das Nicäno-Konstantinopolitanum als auch das Apostolische Glaubensbekenntnis entwickelt hat. Allen drei Bekenntnissen ist gemeinsam, dass in einem dritten Abschnitt der Heilige Geist thematisiert wird.

Dem Heiligen Geist ist in diesen Bekenntnissen sowohl die Kirche als auch die Gemeinschaft der Heiligen eng zugeordnet. Dies begünstigt das Missverständnis, dass Geist genauso wie Kirche und Gemeinschaft der Heiligen auf eine gemeinsame Ebene gestellt seien. Allerdings heißt es bei der Kirche nicht „Ich glaube an …“. Das Wort an (lateinisch in, griechisch εἰς) fehlt bei der Kirche. So bemerkt Wolfhart PannenbergWolfhart Pannenberg, Das Glaubensbekenntnis. Ausgelegt und verantwortet vor den Fragen der Gegenwart. Gütersloher Taschenbücher Siebenstern 1292. 5. Auflage, Gütersloher Verlagshaus Mohn, Gütersloh 1990, S. 180f, ISBN 3-579-01292-4 nach der Analyse dieser sprachlichen Details:

Zwischen dem Glaubensgegenstand im Sinne des Glaubensgrund und dem Glaubensgegenstand im Sinne von Glaubensinhalt wird also unterschieden. Der Heilige Geist ist in anderer Weise Glaubensgegenstand als die Kirche.

Das Bekenntnis zur Gottheit des Heiligen Geistes Bereits in der Alten Kirche kam es zu Auseinandersetzungen bei dem Versuch einer Klärung, in welchem Verhältnis der Heilige Geist zu Gott, dem Vater und zu Jesus Christus steht. Die Pneumatomachen bestritten im vierten Jahrhundert die Gottheit des Heiligen Geistes. Es entzündete sich darüber der Filioque-Streit.

Auf dem Ersten Konzil von Konstantinopel, das im Jahre 381 einberufen wurde, setzte sich in der Kirche die Richtung durch, die für ein ausdrückliches Bekenntnis zur Gottheit des Heiligen Geistes eintrat. Der dritte Artikel des nicaenischen Glaubensbekenntnisses wurde in der lateinischen Fassung durch die Einfügung von „und dem Sohne“ ergänzt:

Hier wird der Heilige Geist auch als spiritus vivificans beschrieben, als Lebensspender, als Lebendigmacher, der „ein die Schöpfung belebender Geist ist“.Wilfried Härle, Dogmatik, 4. Auflage, Berlin 2012, S. 377, ISBN 978-3-11-027275-8

Norbert Scholl deutet die Zeit nach dem Konzil als eine Phase der theologischen SpekulationenNorbert Scholl, Die großen Themen des christlichen Glaubens, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2002, S. 177, ISBN 978-3-534-26257-1:

Pneumatologie im Verständnis der Reformation Die Reformation im 16. Jahrhundert knüpft in der Pneumatologie erst einmal an den Bekenntnissen der Alten Kirche an, schreibt dem Heiligen Geist dann aber spezifische Wirkungen im Blick auf die Glaubensentstehung und -weckung zu.

Confessio Augustana In der Confessio Augustana (1530) wird in Artikel I (Von Gott) zunächst am trinitarischen Gottesbild entsprechend den altkirchlichen Bekenntnissen, und damit am Verständnis des Heiligen Geistes im traditionellen Sinn, festgehaltenConfession Augustana, Artikel I., in: Bekenntnisschriften der evangelisch-lutherischen Kirche, Göttingen 1979, ISBN 3-525-52101-4, hier sprachlich leicht angepasst, S. 50:

Die Reformation hält also an der Göttlichkeit des Heiligen Geistes grundsätzlich fest. Prädikationen, die über Gott, den Vater, ausgesagt werden, gelten in gleicher und ungeminderter Weise auch für Gott, den Heiligen Geist. Damit bewegt sich die Reformation in der tradierten Trinitätstheologie und sucht bewusst den Anschluss an die Lehrentscheidungen der Alten Kirche und deren große Ökumenische Konzilien.

In Artikel V. (Vom Predigtamt) der Confessio Augustana wird die glaubenswirkende Kraft des Heiligen Geistes beschrieben, der in aller Freiheit, „wo und wann er will“, den Glauben stiftetConfession Augustana, Artikel V., in: Bekenntnisschriften der evangelisch-lutherischen Kirche, sprachlich leicht angepasst, S. 58:

Martin Luther Martin Luther weist dem Heiligen Geist in seinem Kleinen Katechismus (1529) ebenfalls die Aufgabe der Glaubensvermittlung zu:Martin Luther, Kleiner Katechismus, unter anderem in den Bekenntnisschriften der evangelisch-lutherischen Kirche, S. 511.512

Der Glaube ist somit weder die Sache eigener Entschlussfähigkeit noch das Ergebnis eigener denkerischer Bemühung. Der Glaube ist nicht in die Verfügbarkeit des Menschen gestellt. Vielmehr sieht die reformatorische Theologie im Glauben-Können und im Lieben-Können den Heiligen Geist am Werk. Zugleich konstituiert der Heilige Geist die Gemeinde und Kirche, indem er die „Christenheit … beruft, sammelt und erleuchtet“.

Heidelberger Katechismus Der Heidelberger Katechismus (1563) als komprimierter Ausdruck reformierter TheologieHeidelberger Katechismus im Internet, abgerufen am 3. Mai 2017 und zugleich der am weitesten verbreitete Katechismus der reformierten Kirche behandelt den Heiligen Geist explizit in der Frage 53:

Auch hier wird die Göttlichkeit des Heiligen Geistes festgestellt und auch hier ist der Geist ausdrücklich Bestandteil eines trinitarischen Gottesbildes. Der Heilige Geist vermittelt die Wohltaten, die von Christus den Menschen zuteilwerden. Der biblische Gedanke des Trostes kommt hinzu; der Heilige Geist trägt in die Erfahrung der Zeitlichkeit die göttliche Perspektive der Ewigkeit.

Pneumatologie in der Fundamentaltheologie und in der Systematischen Theologie Katholische Theologie Nach katholischem Verständnis ist die Ekklesiologie auf die Pneumatologie verwiesen. Daher ist in der klassischen Gestalt der katholischen Dogmatik die Pneumatologie als eigenes Traktat traditionell nicht weiter ausgeführt worden. Allerdings ist der Heilige Geist für die Darstellung der Gotteslehre und der Trinitätslehre – schon von den altkirchlichen Bekenntnissen her – unabdingbar. Auch werden die Gaben des Heiligen Geistes gelehrt.

Für Hans Küng darf sich in der Pneumatologie der Geist Gottes nicht verselbstständigen:Hans Küng, Credo. Das Apostolische Glaubensbekenntnis – Zeitgenossen erklärt, München – Zürich 1992, 2. Auflage, S. 167, ISBN 3-492-03009-2

Evangelische Theologie Die Lehre vom Heiligen Geist (Pneumatologie) ist wichtiger Teil der christlichen Glaubenslehre (Dogmatik). Diese Lehre wird oft, ausgehend vom dritten Artikel des Apostolischen Glaubensbekenntnisses (Credo), ausformuliert und entfaltet. Die Lehre vom Heiligen Geist „gehört zu den zentralen Themen der Dogmatik“.Wilfried Härle, Dogmatik, 4. Auflage, Berlin 2012, S. 366, ISBN 978-3-11-027275-8

Allerdings ist nach Wolfhart Pannenberg „die Rede vom Heiligen Geist für die Gegenwart in besonderem Maße unverständlich geworden“, mit der Folge, dass man Pneumatologie „auf sich beruhen lässt“.Wolfhart Pannenberg, Das Glaubensbekenntnis. Ausgelegt und verantwortet vor den Fragen der Gegenwart, Hamburg 1974, 2. Auflage, Seite 136 Auch Horst Georg Pöhlmann konstatiert eine „Vernachlässigung der Pneumatologie im Luthertum“. Der Heilige Geist ist heute weithin der unbekannte Gott. Die Pneumatologie scheint „in die Freikirchen und Sekten ausgewandert zu sein“.Horst Georg Pöhlmann, Abriß der Dogmatik, 3. Auflage, Gütersloh 1980, S. 259; ISBN 3-579-00051-9 Ähnlich stellt Wilfried Härle fest, dass die Pneumatologie „für die meisten (westlichen) Christen, sofern sie nicht einer Pfingstkirche angehören oder der charismatischen Bewegung nahestehen, eher am Rande als im Zentrum ihres Interesses“ liegt.Wilfried Härle, Dogmatik, 4. Auflage, Berlin 2012, S. 363; ISBN 978-3-11-027275-8

Einordnung in die Dogmatik im 20. und 21. Jahrhundert Die Einordnung der Pneumatologie in den Kanon der christlichen Dogmatik und ins Ganze der Systematischen Theologie geschieht in den Entwürfen nicht einheitlich. Es lassen sich grundsätzlich auch mehrere Modelle und Orte ausmachen. Freilich werden dennoch pneumatologische Schwerpunkte erkennbar.

Pneumatologie als Teil der Gotteslehre Pneumatologie gehört damit an den Anfang der Dogmatik und wird innerhalb der Gotteslehre behandelt. Speziell im Blick auf die Dreieinigkeit Gottes, in der Trinitätslehre, ist von der Göttlichkeit des Geistes zu reden und gleichzeitig von der dritten Person der Trinität. Diese Stellung kommt der Pneumatologie schon von Seiten der Alten Kirche und ihren klassischen Bekenntnissen zu.

Pneumatologie in der Schöpfungslehre Der Heilige Geist wird im Nicäno-Konstantinopolitanum als eine lebendigmachende, lebensstiftende Kraft beschrieben, als „Dominum et vivificantem“, als der Geist, der „Herr ist und lebendig macht“. Das hebt mit der Schöpfung an, führt an Pfingsten aber auch zur Erschaffung von Kirche und zur Ermöglichung der christlichen Gemeinde. Meist wird darauf verwiesen, dass der Geist bei Erschaffung der Welt als schöpferische Kraft Gottes präsent war: „der Geist Gottes schwebte auf dem Wasser“ (Lutherübersetzung 1545) und „über dem Wasser“ (Lutherübersetzung 2017; ).

Pneumatologie als Oberbegriff für alle im dritten Artikel genannten Glaubensgegenstände Pneumatologie kann als Oberbegriff für Soteriologie, Ekklesiologie und Eschatologie verwendet werden. Diese übergeordnete Stellung im Sinne eines Oberbegriffs leitet sich unter anderem vom dritten Artikel des Apostolischen Glaubensbekenntnisses ab und lässt sich dann bis hinein in die systematischen Entwürfe von Eberhard Jüngel und anderer beobachten.