mini|Richard Redgrave, 1844: Die Gouvernante Gouvernante (von lat. gubernare, dt. lenken, leiten) ist eine veraltete Bezeichnung für Hauslehrerin oder Erzieherin. Der Begriff wird heutzutage nur noch selten benutzt und hat einen negativen Beiklang bekommen. „Gouvernantenhaft“ wird beispielsweise ein strenger, nicht unbedingt vorteilhaft wirkender Kleidungsstil genannt. In abgewandelter Bedeutung ist er heute noch in der Hotellerie gebräuchlich: Als Etagen-Gouvernante wird in der Schweiz die Hausdame bezeichnet, welche die Zimmermädchen in ihrer Arbeit anleitet.
Ursprünglich waren es Familien des Hochadels, die die Erziehung von Kleinkindern oder älteren Töchtern einer Gouvernante oder Hofmeisterin anvertrauten. In Großbritannien wurde es ab der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts auch in bürgerlichen Kreisen üblich, eine Gouvernante zu beschäftigen. In Deutschland und Frankreich blieb die Anstellung einer Gouvernante dagegen vorwiegend auf Familien des Großbürgertums und des Adels begrenzt.
Für Frauen der gebildeten Mittelschicht war die Tätigkeit einer Gouvernante über zwei Jahrhunderte eine der wenigen Möglichkeiten, einen standesgemäßen Beruf auszuüben. Er wurde fast ausschließlich von Frauen ergriffen, die an einem bestimmten Punkt ihrer Biografie keinen Vater, Ehemann oder Bruder hatten, der für ihren Lebensunterhalt aufkam, und die daher für sich selbst sorgen mussten oder wollten. In Großbritannien sahen sich um die Mitte des 19. Jahrhunderts so viele Frauen gezwungen, auf diese Weise ihren Broterwerb zu verdienen, dass man vom „Gouvernantenelend“ sprach. Darunter verstand man materielle Notlage, Kränkung des Selbstwertgefühls durch das geringe Ansehen dieses Berufes, Missachtung ihrer individuellen Bedürfnisse und den Kampf um einen standesgemäßen Beruf auf einem Arbeitsmarkt, der Frauen im Vergleich zu Männern nur sehr begrenzte Möglichkeiten bot. Entsprechend breiten Raum nimmt die Gouvernante in der englischen Literatur dieser Zeit ein. Romane wie Jane Eyre von Charlotte Brontë und Agnes Grey von deren Schwester Anne Brontë haben das Bild der Gouvernante bis heute geprägt. In anderen europäischen Ländern bedingten andere gesellschaftliche Verhältnisse und eine frühere Verschulung der Mädchenerziehung, dass sich der Beruf der Gouvernante nicht zu einem vergleichsweise starken Symbol spezifisch weiblicher Benachteiligung entwickelte.
Der Ausübung der Rolle der Gouvernante ging zumindest in Großbritannien lange Zeit keine pädagogische Ausbildung voraus. Allein die Abstammung aus einer „guten“ Familie begründete das Recht auf seine Ausübung. In Deutschland dagegen gab es erste Lehrerinnenseminare bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Mit zunehmendem Tempo entstanden weitere Ausbildungsstätten für Lehrerinnen, deren Absolventinnen häufig zeitweilig in Privathäusern arbeiteten. Sie wurden zunehmend häufiger als Erzieherinnen und Hauslehrerinnen bezeichnet. Die Gouvernante, die lange Zeit die erwerbstätige Frau in einem qualifizierten Beruf schlechthin verkörperte, steht deshalb auch für das Vordringen von Frauen in einen qualifizierten Erwerbsbereich, als die bürgerliche Vision der Geschlechterverhältnisse Frauen lediglich die Rolle der Gattin, Hausfrau und Mutter zustand.
Beispielhaft für Frauen, die zeitweilig als Gouvernante arbeiteten, sind die Schriftstellerinnen Anne und Charlotte Brontë, die Frauenrechtlerin Mary Wollstonecraft, die spätere Friedensnobelpreisträgerin Bertha von Suttner, die Chemie- und Physik-Nobelpreisträgerin Marie Curie, die Salonnière Henriette Herz, die deutschen Frauenrechtlerinnen Minna Cauer, Helene Lange, Auguste Schmidt, Franziska Tiburtius, Clara Zetkin und die Zoologin Katharina Heinroth.
Quellenlage mini|Robert Harris (1849–1919): Anna H. Leonowens (Ausschnitt), die fünf Jahre lang am siamesischen Hof als Gouvernante arbeitete Nicht viele Frauen, die als Gouvernanten ihren Lebensunterhalt verdienen mussten, haben eigene Zeugnisse und Quellen zu ihrem Leben hinterlassen. Bei den wenigen, von denen direkte Lebenszeugnisse der Nachwelt erhalten blieben, handelt es sich überwiegend entweder um Personen, die zu Ruhm gelangten oder mit Personen verwandt waren, die berühmt wurden. So weiß man, dass die Brontë-Schwestern ihre Arbeit als Gouvernanten hassten, ähnlich negativ waren die Erfahrungen von Eliza Bishop und Everina Wollstonecraft, den Schwestern der Frauenrechtlerin Mary Wollstonecraft. Claire Clairmonts Erfahrungen als Gouvernante in einer russischen Familie kannte auch glückliche Momente. Insgesamt hasste sie es jedoch, ihr Leben mit einer Familie teilen zu müssen, mit der sie nichts gemeinsam hatte.Ruth Brandon: Other People’s Daughters – The Life and Times of the Governess, S. 6.
Eine Ausnahme in dieser Quellensituation stellen die Aufzeichnungen der Gouvernanten Agnes Porter, Nelly Wheeton, Elizabeth Ham und Ellen Weeton dar. Agnes Porter arbeitete ausschließlich für die Familie des Earl of Ilchester, deren Wohnsitz im Besitz der Familie blieb. Ihre Tagebücher und Briefe wurden fast anderthalb Jahrhunderte nach ihrem Tod in einer Schublade gefunden und 1998 veröffentlicht. Nelly Wheetons Aufzeichnungen wurden auf einem Trödelmarkt entdeckt.Ruth Brandon: Other People’s Daughters – The Life and Times of the Governess, S. 2. Die Tagebücher von Elisabeth Ham und Ellen Weeton, die beide in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts veröffentlicht wurden, geben Einblick in das Leben von Gouvernanten im Zeitraum 1810 bis 1820.Lescaros: The Victorian Governess Novel. 2001, S. 23. Daneben veröffentlichten im 19. Jahrhundert mehrere Frauen, die im Ausland als Gouvernante tätig gewesen waren und dabei so außergewöhnliche Erfahrungen sammeln konnten, dass sie auf ein breiteres Lesepublikum hoffen konnten, Autobiografien. Zu den bekanntesten Autoren diesen Genres dürfte Anna Leonowens zählen, die 1870 ihren Bericht über ihre Tätigkeit am Hofe in Siam veröffentlichte (The English Governess at the Siamese Court). Emmeline Lott veröffentlichte 1865 ihren Bericht über ihre Erfahrungen als Gouvernante des jüngsten Sohnes von Ismail Pascha (The English Governess in Egypt: Harem Life in Egypt and Constantinople).Lescaros: The Victorian Governess Novel. 2001, S. 23.
Einblicke in das Leben einer Gouvernante geben außerdem die Briefe, Tagebücher und Autobiografien von Personen, die von ihnen erzogen wurden. Zwischen dem Ersten und Zweiten Weltkrieg erschien eine Reihe von Biografien, deren Autorinnen in einem Haushalt aufwuchsen, in dem eine Gouvernante arbeitete. Allerdings sind nach Ansicht der Historikerin Kathryn Hughes diese Biografien nicht nur von einem nostalgischen Blick auf eine Kindheit im Viktorianischen Zeitalter geprägt, sondern die Autorinnen entstammen überwiegend einer sehr privilegierten Schicht.Hughes; The Victorian Governess. 1993, S. XIV. Die Lebenssituation von Gouvernanten wurde darüber hinaus in der Presse ihrer Zeit aufgegriffen. Insbesondere in Großbritannien wiesen Zeitungen häufig Kolumnen auf, in denen sie ihren Lesern Rat zu Fragen rund um die Beschäftigung einer Gouvernante boten. Daneben gab es eine umfangreiche Ratgeberliteratur, die sowohl für die Frauen, die diese Tätigkeit ergreifen wollten, als auch für ihre Arbeitgeber geschrieben wurde. Zu den bekanntesten Werken dieser Ratgeberliteratur zählt Anna Jamesons The Relative Position of Mothers and Governesses.Lescaros: The Victorian Governess Novel. 2001, S. 24.
Die Gouvernante ist daneben gelegentlich Protagonistin in Erzählungen, die zum heute noch wesentlichen Literaturkanon zählen. Darüber hinaus entwickelte sich mit dem Viktorianischen Gouvernantenroman ein eigenes Genre, von dem aber nur die beiden Romane Agnes Grey und Jane Eyre noch heute ein Lesepublikum finden. Unabhängig von der heutigen literarischen Bedeutung geben diese Romane und Erzählungen jedoch Einblicke, wie die Rolle einer Gouvernante oder Hauslehrerin wahrgenommen wurde.Ruth Brandon: Other People’s Daughters – The Life and Times of the Governess., S. 1–2.
Höfische Herkunft mini|Ludwig XIV. mit seinem Bruder Philippe und der Erzieherin Madame Lansac Der Titel Gouvernante wurde ursprünglich analog zum Begriff des Hofmeisters gebraucht. Als Hofmeister wurden Personen bezeichnet, die die Leitung der königlichen Hauswirtschaft und den Dienst um den Monarchen innehatten. Eine Gouvernante oder Hofmeisterin verwaltete ursprünglich Einkünfte fürstlicher Kinder, stellte für sie Dienstboten und Lehrpersonal ein und erteilte ihnen gelegentlich auch selbst Unterricht.Hardach-Pinke, Die Gouvernante: Geschichte eines Frauenberufs, S. 80. In Deutschland, wo die höfische Lebensführung seit dem 17. Jahrhundert nach dem Vorbild Versailles aufwendiger geworden waren und Fürst, Fürstin und fürstliche Kinder jeweils eigene Haushalte hatten, handelte es sich meist um Angehörige des einheimischen Adels, die solche Stellen wahrnahmen. Meist wurde sie aus der Gruppe der am Hofe lebenden oder dem Hofe nahestehenden adeligen Frauen rekrutiert, deren Manieren und Charakter bekannt waren.Hardach-Pinke, Die Gouvernante: Geschichte eines Frauenberufs, S. 83.
Der soziale Status einer solchen Gouvernante war – anders als dies in bürgerlichen Haushalten später der Fall sein sollte – eindeutig; die Aufgabe war in der Regel mit erheblichem Prestige verbunden. Gouvernanten erhielten Gagen, Geschenke und in der Regel auch Pensionen.Hardach-Pinke, Die Gouvernante: Geschichte eines Frauenberufs, S. 88. Häufig entstanden zwischen Gouvernante und Zögling enge Bindungen. Beispielhaft dafür sind Elisabeth Charlotte von der Pfalz und ihre Hofmeisterin Anna Katharina von Uffeln, Maria Anna Christiana von Bayern und ihre Gouvernante Magdalena Maria Gräfin Portia, Friedrich der Große und Marthe de Roucoulle, Wilhelmine von Preußen und Sophie von Danckelmann, Luise von Mecklenburg-Strelitz und Salomé von Gélieu sowie die spätere britische Königin Victoria und Baronin Louise Lehzen. Antonie Forster, die Schwester von Georg Forster, blieb mit ihren einstmaligen Zöglingen, den Töchtern des Herzogs von Kurland, in engem Kontakt und war im hohen Alter über Monate zu Gast bei Wilhelmine von Sagan.Hardach-Pinke, Die Gouvernante: Geschichte eines Frauenberufs, S. 91. Elisa von Ahlefeldt zahlte ihrer Gouvernante Marianne Philipi in einer ihrer ersten Handlungen, nachdem sie das Erbe ihres Vaters angetreten hatte, die Pension aus, die ihr Vater Friedrich von Ahlefeldt-Laurvigen ihrer ehemaligen Gouvernante auf Lebenszeiten versprochen, aber 21 Jahre lang nicht ausbezahlt hatte.Hardach-Pinke, Die Gouvernante: Geschichte eines Frauenberufs, S. 94.
Einige wenige Gouvernanten gelangten zu großem Einfluss. Die bekannteste dürfte Françoise d’Aubigné, Marquise de Maintenon sein, die 1669 Gouvernante der Kinder der Madame de Montespan und Ludwigs XIV. wurde und sich im Laufe der Jahre immer besser mit deren Vater verstand. 1684, ein Jahr nach dem Tod der französischen Königin, ging Ludwig XIV. mit der Marquise de Maintenon eine heimliche Ehe ein. 1686 gründete sie in Saint-Cyr ein Internat für mittellose adelige Töchter, das bis 1793 bestand und in dem sie selbst ihren Lebensabend verbrachte.
Pädagogische Begründung des Gouvernantenwesens