Die Okertalsperre ist eine Talsperre bei Altenau im Harz im niedersächsischen Landkreis Goslar. Ihr von der Oker durchflossener Stausee, auch Okerstausee genannt, hat bei Stauziel 2,25 Quadratkilometer Wasseroberfläche und einen Speicherraum von 46,85 Millionen Kubikmeter Wasser. Die Staumauer ist 260 Meter lang und bis zu 75 Meter hoch. Das Wasser wird vom Wasserkraftwerk Romkerhalle zur Stromerzeugung verwendet und zum Teil der Trinkwassergewinnung zugeführt. Die Talsperre wird von den Harzwasserwerken betrieben.
Geographie Lage mini|links|Luftaufnahme der gesamten Okertalsperre Die Okertalsperre befindet sich im Oberharz im Naturpark Harz. Der Stauraum erstreckt sich an der Oker direkt nördlich unterhalb des Kernorts der Stadt Altenau, etwas östlich unterhalb von jenem der Gemeinde Schulenberg und etwa 6,5 km (Luftlinie) südsüdwestlich oberhalb des am nördlichen Harzrand gelegenen Goslarer Ortsteils Oker. Die beiden Hauptarme des Stausees – Altenauer Arm (Südarm bzw. Arm der Oker) und Schulenberger Arm (Südwestarm bzw. Arm des Weißen Wassers) – sind durch den langgestreckten Höhenzug des Dietrichsbergs (ca. ) voneinander getrennt; an dessen Hang liegen oberhalb des Ostufers des Südwestarms die Ravensklippen. Die gesamte Stauanlage befindet sich im Landschaftsschutzgebiet Harz (Landkreis Goslar) (CDDA-Nr. 321402; 2001 ausgewiesen; 389,75 km² groß).
Naturräumliche Zuordnung Die Okertalsperre liegt in der naturräumlichen Haupteinheitengruppe Harz (Nr. 38), in der Haupteinheit Oberharz (380) und in der Untereinheit Altenauer Bergland (380.3) im Naturraum Okerbergland (380.30).
Einzugsgebiet und Zuflüsse Das Einzugsgebiet der Okertalsperre ist 85 km² groß. Prägnant sind seine vielen Seitenarme mit ihren starken Zuflüssen. Nur grob 40 % des Zulaufes kommen vom namensgebenden Fluss Oker, der den Stausee in Süd-Nord-Richtung durchfließt und dann weiter nach Norden zum Weser-Zufluss Aller verläuft. Zu den weiteren Zuflüssen gehören: Schwarzes Wasser, Kellwasser, Kalbe, Große Hune, die den Altenauer Arm oder dessen östliche Nebenarme speisen, sowie Lange, Schalke, Riesenbach, Aeke und Große Bramke, die in den Schulenberger Arm oder dessen westliche Nebenarme münden (pro Stauseearm etwa in Süd-Nord-Richtung betrachtet). Gänzlich vom Stausee überstaut sind die einstigen Einflussbereiche des Gemkenthalbachs in die Oker, dessen Quellbäche – Zuflüsse aus dem Kleinen und Großen Gemkenthal – in einen östlichen Nebenarm des Altenauer Arms münden, und des Weißen Wassers, dessen Quellbäche – Lange und Schalke – den Schulenberger Arm speisen. In den staumauernahen Stauseebereich mündet von Osten der Bach aus dem Langen Tal.
Verkehr Die Bundesstraße 498, die zwischen Altenau und Goslar parallel zur Oker angelegt ist, führt entlang des Stausees, quert diesen auf der Weißwasserbrücke und passiert die Staumauer auf dem westlichen Hang. Am Nordwestende der Straßenbrücke zweigt die nach Südwesten entlang dem Südwestarm vorbei an Schulenberg nach Zellerfeld führende Landesstraße 517 ab. Parallel zum Ostufer verläuft eine asphaltierte Forststraße (s. u.), die für den öffentlichen Kraftfahrzeugverkehr gesperrt ist.
Technik und Zweck Die Okertalsperre wurde als Bogengewichtsmauer errichtet. Es dürfte sich hierbei um die einzige Bogengewichtsmauer in Deutschland handeln. Die Staumauer ist 260 m lang und über der Gründungssohle 75 m hoch. Ihre 8 m breite Krone liegt auf einer Höhe von . Am Fuß ist die Staumauer 19 m breit. Die Mauer weist rund 140.000 m³ Betonvolumen auf.
Der Stauraum kann 46,85 Mio. Kubikmeter Wasser aufstauen. Er hat 2,25 km² Fläche. Sein Stauziel liegt auf und der Höchststau auf Höhe.
Die Stauanlage dient der Stromerzeugung, Niedrigwassererhöhung und dem Hochwasserschutz; indirekt wird sie auch zur Trinkwassergewinnung genutzt. Der mittlere Jahresabfluss beträgt 75 Mio. m³. Das Wasser des Stausees treibt die Turbine des Wasserkraftwerks Romkerhalle an.
Bei der Entscheidung, eine Bogengewichtsmauer zu errichten, handelte es sich um einen Sondervorschlag der ausführenden Bauunternehmen Dyckerhoff & Widmann AG, Hochtief AG und Philipp Holzmann AG. Sie konnten nachweisen, dass bei dieser Konstruktion gegenüber einer ursprünglich vorgesehenen Gewichtsstaumauer erheblich Beton eingespart werden konnte.
Die Staumauer muss nur Druckkräfte aufnehmen und kann daher ganz ohne Bewehrung auskommen. Um die Wärmeentwicklung während des Abbindens des Betons zu minimieren, wurde ein Grobrüttelbeton eingesetzt. Hierzu wurden in den relativ normalen Beton bis zu 40 cm große Diabassteine eingerüttelt. Dadurch verringerte sich der Zementanteil. Da Diabas eine relativ hohe Dichte von bis zu 3,0 Tonnen pro Kubikmeter aufweist, erhöht sich durch seinen Anteil auch das Betongewicht, was der Mauer zusätzliche Standsicherheit gibt.
Geschichte Großer Juliusstau mini|Rekonstruktionsskizze vom Großen Juliusstau aus dem 16. Jahrhundert Herzog Julius von Braunschweig-Wolfenbüttel ließ 1570 an der Stelle der heutigen Staumauer, ca. 30 m flussabwärts, eine Stauanlage in Kistenbauweise errichten, der sog. Große Juliusstau. Die Anlage diente dazu, Bau- und Brennholz aus dem Harz okerabwärts in seine Residenzstadt Wolfenbüttel zu flößen. Dazu konnte ein kleines künstliches Hochwasser erzeugt werden, indem das aufgestaute Wasser aus einem bis zu 1320 m langen Stausee schwallartig in die Oker abgegeben wurde. Im 16. Jahrhundert war es die größte künstliche Talsperre in deutschen Landen.Martin Schmidt: Bemerkenswerte wasserbauliche Anlagen für die Flößerei im Westharz, Schriftenreihe der Frontinus-Gesellschaft, Heft 17, Bonn 1992.
Die Konstruktion war 17 m hoch und 49 m breit und bestand als doppelstöckiges Steinkistenwehr aus Baumstämmen, die von jeder Uferseite in je dreieckigem Grundriss in die Flussmitte ragten. Die Kisten waren mit Schotter und Sand gefüllt und wurden mit Moos abgedichtet. Zusätzlich war im hinteren Teil ein weiteres Stockwerk aufgesattelt, so dass die Anlage von der Höhe einem fünfstöckigen Gebäude entsprach. Drei Verschlusstafeln ermöglichten die Funktion als Floßschleuse, um die Wasserabgabe aus der aufgestauten Oker zu regulieren.
mini|Karte von Großem und Kleinem Juliusstau im Vergleich zum heutigen Okerstausee 1573 wurde flussaufwärts im Gemkenthal eine weitere Floßschleuse errichtet, der Kleine Juliusstau. Sie war von gleicher Bauart (Kistenwehr mit ca. 10 m Höhe und 57 Breite) und staute ein rund einen Kilometer langes künstliches Gewässer auf. Beide Staudämme, der Große wie auch Kleine Juliusstau, sind am 27. Juni 1579 durch ein sehr großes Hochwasser zerstört worden.Infotafel: Der Große Juliusstau, Standort: Hauptstaumauer der Okertalsperre , Harzwasserwerke, abgerufen am 20. August 2023.
Überblick Der Bau der Okertalsperre wurde durch die Harzwasserwerke in den Jahren von 1938 bis 1942 in Angriff genommen. Hierzu wurden zunächst die Talstraßen auf die westliche und nördliche Uferseite verlegt und die beiden Straßenbrücken („Weißwasserbrücke“ und „Bramkebrücke“) errichtet. Ab Oktober 1939 wurden auch Kriegsgefangene eingesetzt: im Januar 1941 arbeiteten 50 freie Arbeiter auf der Baustelle und 400 Kriegsgefangene aus Frankreich, die ab August 1941 durch sowjetische Gefangene abgelöst wurden. Durch die harten Arbeitsbedingungen starben bis Ende 1941 zehn Kriegsgefangene, deren Gräber sich auf dem Friedhof von Altenau befinden.Günther Hein, Claudia Küpper-Eichas: Rüstung als Weg aus der Krise? Arbeit und Wirtschaft im Oberharz in der Zeit des Nationalsozialismus. – Montanregion Harz 7, Veröffentlichungen des Deutschen Bergbau-Museums 146, Bochum 2006. Weitere sowjetische Tote wurden ab Januar 1942 in der Nähe des Barackenlagers bestattet, der Beerdigungsplatz am östlichen Okerufer flussabwärts der Weißwasserbrücke ist heute überflutet. Wegen des Krieges und damit anders zu setzender Prioritäten wurde der Bau im April 1942 unterbrochen und die Arbeitskräfte beim Bau der Edertalsperre eingesetzt.Nico Finn Hohensee, Lukas Kleinewig, Maja Jane Müller, Devin-Brooklyn Kwiedor, Alexander Schrader, Angelo Thamm, Ahmad Yassine, Charlotte Deichmann, Jelena Schütz: Okertalsperre – Sowjetische Kriegsgefangene, Geschichts- und Erinnerungstafel des Volksbunds, Standort, abgerufen am 20. August 2023.
Die Bauarbeiten wurden 1948 fortgesetzt. Die Staumauer selbst wurde von 1952 bis 1956 errichtet. Dringend wurde der Weiterbau auch, nachdem im schneereichen Winter 1946/47 Überschwemmungen vor allem in Wolfenbüttel und Braunschweig eingetreten waren. Während der Errichtung musste die Waldarbeitersiedlung Unterschulenberg aufgegeben werden; sie wurde westlich des Stauraumes auf dem Wiesenberg neu gebaut. In regenarmen Jahren kann der Wasserstand der Talsperre so stark absinken, dass Reste einzelner Grundmauern sowie die alte Talstraße mit ihren Brücken sichtbar werden.
Fotos vom Bau
Denkmalschutz Bei der Planung vor allem der vielen Nebengebäude, aber vermutlich auch der Hauptstaumauer spielte der Architekt Carl Bauer eine wesentliche Rolle.Oliver Stade: Das neue Schulenberg ist vom Bauhaus geprägt, Goslarsche Zeitung vom 24. August 2019. Als ein 1956 fertiggestelltes Bauwerk finden sich an der gesamten Anlage auffällig viele und gut erhaltene Stilelemente der 1950er Jahre, was besonders am Windenhaus östlich der Staumauer, am Café Okerterrasse sowie am Betriebsgebäude des Kraftwerks Romkerhalle erkennbar ist. Aus diesem Grunde wurden die Anlagen der Okertalsperre Ende der 1990er Jahre unter Denkmalschutz gestellt.
Selbstmörderfangnetz mini|Talseite der Staumauer mit Fangnetz zum Schutz vor Suiziden Im Jahr 1987 wurde ein Selbstmörderfangnetz installiert. Bis dahin hat es an der Luftseite der Staumauer etwa zwei Suizide im Jahr gegeben. Das Netz ist so konzipiert, dass es für einen potentiellen Selbstmörder sehr schmerzhaft, aber nicht tödlich ist, von der Mauerbrüstung zu springen und schreckt daher von Suizidversuchen ab. Die Anzahl der Suizide hat sich seitdem erheblich verringert. Vor der Installation haben sich die Verantwortlichen darüber vergewissert, dass diese Vorrichtungen Selbstmorde wirklich reduzieren und nicht an andere Stellen verlagern.Justus Teicke, Das Selbstmörderfangnetz an der Okertalsperre - oder was die Okertalsperre mit der Golden Gate Bridge gemeinsam hat in: Allgemeiner Harz-Berg-Kalender für das Jahr 2022, Papierflieger Verlag GmbH, Clausthal-Zellerfeld, 2021
Tourismus Auf dem Okerstausee verkehrte bis 2025 jeweils von März bis Januar das Fahrgastschiff AquaMarin für Touristen (in der Nebensaison nur am Wochenende). Die große Rundfahrt dauerte ca. 1,5 Stunden.HARZ mit Kindern. Die 400 besten Touren & Ausflüge rund ums Jahr. Peter Meyer Verlag. 5. Aufl. (2018) ISBN 978-3-89859-463-9 Diese Schiffsrundfahrt war die höchstgelegene (über Normalhöhennull) in Niedersachsen. Darüber hinaus wird der Stausee in der warmen Jahreszeit von zahlreichen privaten, nicht motorisierten Wasserfahrzeugen befahren. Das Baden und Tauchen ist außerhalb abgesperrter Bereiche zum Beispiel in staumauernahen Teilen zulässig. Im Winter finden bei ausreichend tragfähiger Eisdicke Eisbadeveranstaltungen statt.
Der Okerstausee kann zu Fuß und mit nichtmotorisierten Fahrzeugen auf Straßen und Wegen komplett umrundet werden. Zwischen Vorstaumauer und Hauptstaumauer existiert ein fast durchgängig asphaltierter Fahrweg, der von Fahrradfahrern, Inline-Skatern und Skirollerfahrern genutzt wird; lediglich der Weg zwischen Vorstaumauer und Altenau ist nicht asphaltiert. Auf der Bundesstraße 498 herrscht in den Sommermonaten an Wochenenden starker Motorradverkehr (nördliche Anfahrt nach Torfhaus). Hier liegen entlang des Stausees mehrere Gastronomiebetriebe: eine Gaststätte im Altenauer Ortsteil Gemkenthal, die nahe der Weißwasserbrücke stehende Brückenschänke und das an der Staumauer befindliche Café Okerterrasse. An der Stauwurzel zur Oker liegt ein Campingplatz.
Fischfauna