mini|Julien Green (1933) Leviathan (frz.: Léviathan) ist der Titel eines 1929in der Librairie Plon in Paris publizierten Romans von Julien Green. Erzählt wird die Liebes-Obsession des Privatlehrers Paul Guéret zu der Wäscherin Angèle, die zu einer Tragödie führt, als er erfährt, dass sie eine Prostituierte ist. An den auf den Titel bezogenen dämonischen Handlungen beteiligt sind vor allem zwei Frauen mit psychopathischen Persönlichkeitsbildern, in deren Machtbereiche die beiden Hauptfiguren geraten. Die erste deutsche Übersetzung von Gina und Hermann Kesten erschien 1930 (s. Übersetzungen ins Deutsche).

Inhalt Überblick Die Handlung spielt von August bis Dezember im fiktiven französischen Doppelstädtchen Lorges/Chanteilles. Der unglücklich verheiratete Privatlehrer Paul Guéret verliebt sich nach seinem Umzug von Paris in das Provinzstädtchen in die 18-jährige Wäschereiangestellte Angèle und steigert sich in eine obsessive Vorstellung hinein, sie müsse seine Liebe erwidern. Als er erfährt, dass sie sich hinter der Fassade eines kleinbürgerlichen Lebens mit den Gästen der Wirtin Londe prostituiert, entwickelt sich aus seiner zwanghaften Liebe Hass. Er überfällt sie und verletzt sie schwer im Gesicht. Angèle, die in ihrem Leben nie echte Liebe erfahren hat, leugnet in ihren Aussagen vor der Polizei, ihn als Täter erkannt zu haben. Trotzdem deuten alle Indizien auf ihn und er wird gesucht. Auf der Flucht tötet er, aus Angst vor der Verhaftung, einen alten Mann und taucht in Paris unter.

Nach drei Monaten kehrt Guéret zurück, um mit Angèle Kontakt aufzunehmen und sie zur gemeinsamen Flucht zu überreden, und vereinbart mit ihr einen Treffpunkt. Sein Vorhaben misslingt jedoch, denn er wird in die Rachepläne der mit dem Leben unzufriedenen Mme. Eva Grosgeorge, deren Sohn er unterrichtet hat, verwickelt. Sie sieht in ihm einen Seelenverwandten und Rächer ihrer durch die Affäre ihres Mannes mit Angèle erlittenen Demütigung. Als sie erkennt, dass Guéret die Tat nicht aus Hass, sondern aus Liebe begangen hat, schließt sie ihn in einem Zimmer ein und fordert Angèle in einem Brief auf, ihn anzuzeigen. Sie hofft ihm durch das Auftauchen der Polizei sein falsches Bild von der Geliebten zu beweisen. Als er jedoch von Angèle gewarnt wird, versucht Eva sich durch einen Pistolenschuss zu töten. Nachdem die Wirtin den Brief gelesen hat, meldet sie der Polizei seinen Aufenthalt in der Villa. Angéle verlässt fiebrig ihr Krankenlager, läuft zum vereinbarten Treffpunkt, bricht zusammen und wird von einem Milchmann geistig verwirrt zurückgebracht.

Vorgeschichte In der kleinen Provinzstadt Lorges betreibt Madame Georges Londe ein Restaurant mit einem Table d’Hôte. Von einem erhöhten Sitz aus überwacht die 55-jährige alleinstehende Frau, wie eine Lehrerin die Klasse, ihre Stammgäste, belauscht ihre Gespräche und sorgt für den zeremonienhaften Ablauf des genau terminierten Mittag- und Abendessens. Sie ist von einer notorischen Neugier besessen, alles über die Menschen ihrer Umgebung zu erfahren und diese zu beherrschen. Dazu benutzt sie die schöne Angèle, ein Mädchen, das sie als 14-Jährige in ihren Haushalt aufgenommen und in ihrem Sinn erzogen hat und das, nachdem sie in einer Wäscherei arbeitet, weiterhin bei ihr kostenlos wohnen und essen darf. Seit Angèle 16 Jahre alt ist, übt sie auf sie Druck aus, sich abwechselnd mit den sie umwerbenden Gästen sonntags zu treffen, was dieser anfangs schmeichelt. Über die damit verbundenen bezahlten Dienstleistungen will die Wirtin nichts wissen und sie lehnt dafür alle Verantwortung ab, aber sie kennt aus ihren eigenen Erfahrungen die Ergänzung eines kleinen Einkommens durch Prostitution (Teil I, Kap. 8). Sie überlässt Angèle größtenteils den Verdienst und fordert als Gegenleistung das Aushorchen ihrer Kunden. Mit dem, was sie erfährt, ist sie jedoch oft unzufrieden und vermutet hinter den Alltäglichkeiten tiefere Geheimnisse, aber sie selbst begreift nicht, dass das „Ziel ihrer Leidenschaft nicht darin [besteht], Unbekanntes in Bekanntes zu verwandeln, sondern das Unbekannte um seiner selbst willen zu suchen und in seiner Nähe zu leben“.Julien Green: Leviathan. Carl Hanser Verlag München Wien, 1986

Während die Wirtin im ersten Romanteil als wichtige Drahtzieherin fungiert, ist es im zweiten Teil Mme. Eva Grosgeorge, die mit ihrem Mann eine großbürgerliche Villa bewohnt. Sie verbirgt hinter der gesellschaftlichen Fassade eine tiefe Einsamkeit, Traurigkeit und meist versteckte Wut über ihr Schicksal: die unglückliche Ehe mit einem ungeliebten Mann, die sie als Gefängnis und Vergewaltigung empfindet. Diese Gefühlslage äußert sich ihrem Mann und dem Dienstpersonal gegenüber in Kälte und Arroganz, während sie ihren schüchternen Sohn bei schlechten Schulleistungen sadistisch bestraft. Obwohl sie eine Abscheu ihrem Mann gegenüber empfindet, ist die 45-Jährige eifersüchtig auf die jungen Frauen, die von ihm für Sex-Dienste bezahlt werden, und träumt von Rache.

Der Romanhandlung unmittelbar voraus geht der Zuzug Paul Guérets und seiner Frau Marie in das der Provinzstadt Lorges benachbarte Chanteilles, wo er von der großbürgerlichen Familie Grosgeorge angestellt wird, um deren wenig begabten Sohn André auf das Gymnasium vorzubereiten. Er arbeitete bereits zuvor in Paris als Privatlehrer und sie als Näherin, aber trotz Einschränkungen konnten sie das teure Leben in der Metropole nicht mehr finanzieren. Guéret ist mit seinem Leben unzufrieden und in seiner Ehe mit seiner einfachen, wenig gebildeten Frau unglücklich. Aber ein Blick des Sternenhimmels lässt sein Herz höher schlagen und er schwingt sich „in einer dunklen Regung […] zu dieser schweigenden Unendlichkeit empor, die ihn zu rufen [scheint]“. und erhofft sich offenbar in der Bekanntschaft mit der 18-jährigen Angèle einen Aufbruch.

Guérets Obsession Die Haupthandlung des Romans beginnt im September, vier Wochen nach dem Zuzug Guérets nach Chanteilles. Der Protagonist verliebt sich in die 18-jährige anmutige Angèle. Er beobachtet sie von einem Café aus, das der Wäscherei gegenüberliegt, wenn sie das Geschäft mit anderen Angestellten verlässt. Er verfolgt sie zwanghaft auf ihren Wegen in der Stadt, wenn er ihr bei ihren Wäschetransporten begegnet, spricht sie schließlich an und bittet um ein Gespräch. Sie willigt ein, sie treffen sich mehrmals und sie achtet jeweils darauf, dass sie nicht beobachtet werden. Die kurzen Begegnungen verlaufen jeweils für beide enttäuschend (I, 6, 8). Angèle erwartet eine von ihren Kunden gewohnte Einladung zu einem bezahlten Treffen, doch Paul spricht unsicher und unentschlossen von seiner Liebe und schenkt er ihr einmal einen Ring. Er hat Minderwertigkeitsgefühle, da er sich, alt, hässlich und als Versager fühlt. Er ist hin- und hergerissen zwischen Leidenschaft, Angst vor Zurückweisung seiner Werbung und Angst vor seinem eigenen Mut. Sie wiederum ist verwirrt, als sie merkt, dass er kein Kunde ist, sondern eine tiefere Zuneigung zu ihr empfindet. Obwohl er nicht ihren Mädchenträumen von einem schönen jungen Mann entspricht und sie eher Mitleid mit seiner Unbeholfenheit hat, geht sie mehrmals auf seine Bitten nach einem neuen Treffen ein, behandelt ihn dann aber, wenn er schüchtern herumredet, unfreundlich und ablehnend (I, 9). Darauf reagiert er eifersüchtig, vermutet andere Verehrer und macht entsprechende Bemerkungen, die bei ihr zum Missverständnis führt, er habe Gerüchte über ihr Gewerbe gehört, und sie verlässt ihn. Sein Verhalten und ihre Abwendung von ihm lösen eine labyrinthische Entwicklung aus: Er unterstellt seine eigenen Bedenken der Geliebten, sie reagiert auf seine Widersprüche ratlos, ihre Fragen nach seinen Wünschen verwundern ihn, denn er erwartet, dass sie seine Gefühle kennt. In der Folge wechseln in seiner Gemütslage Schüchternheit und Aggression, Liebe und Hass, Sinnlichkeit und Verzweiflung, Lust und Schmerz.

Wendepunkt Angèle ist unzufrieden mit ihrem Leben, das nicht ihren Träumen entspricht und das junge Männer abhält, sich um sie zu bemühen. Sie wiederum ist zu gehemmt und schüchtern, Männer, die ihr gefallen, zu ermuntern. So fürchtet sie, ihre Glückschancen zu verspielen. Auslöser dieser Nachdenklichkeit sind die Begegnungen mit Guéret und seine unbeholfenen Liebesbekenntnisse. Als sie aus dem Gespräch der Wirtin erfährt, dass Guéret verheiratet ist, erblasst sie kurz (I, 8). Nach dem letzten Treffen mit dem Lehrer kündigt sie der Chefin, die mit der 13-jährigen Fernande bereits ihre Nachfolgerin heranzieht, ihre Dienste auf, und beschuldigt sie der Ausnutzung. Sie will sich eine besser bezahlte Anstellung suchen und die Prostitution mit dem Gästen beenden.

Guérets Arbeitgeber M. Grosgeorge hat die Melancholie des Lehrers bemerkt, rät ihm in einem freundlich vertraulichen Gespräch zu einer Affäre mit einem einfachen jungen Mädchen aus dem Volk und führt als eigenes Beispiel die von ihm mit Geschenken belohnten Besuche einer Wäscherin in seinem Haus an. Als der Lehrer entdeckt, dass Angèle die Besucherin ist, bricht für ihn seine Traumwelt zusammen (I, 7). Er findet heraus, dass Angèle im Haus Mme. Londes wohnt, geht zum Mittagessen ins Restaurant und erfährt, dass man seine Angebetete als Sonntags-Termin bei der Wirtin gegen eine Vorauszahlung buchen kann und dass sie sich mit allen Männern der Table d’Hôte im Wechsel trifft. Sein Tischnachbar empfiehlt sie ihm wegen ihrer Mischung aus engelhafter Mädchenhaftigkeit und Gewitztheit, das sie von einer gewöhnlichen Prostituierten unterscheide (I, 10).

Durch diese Nachricht steigert sich Guérets Besessenheit. Ihn verfolgt der Gedanke, dass Angèle nur ihn allein abweist und er will sie zur Rede stellen. Nachts klettert er in verzweifelten mühsamen Versuchen an der Fassade des Restaurants hoch, dringt in Angèles Zimmer ein und findet ihr Bett leer vor (I, 11). Inzwischen ist Wirtin von den Einbruchgeräuschen aufgewacht und schreit um Hilfe. Er flieht aus dem Haus und setzt am nächsten Tag seine Suche nach Angèle fort. Als er ihr begegnet, zerrt er sie ans Flussufer, und zwingt sie zu sagen, dass er ihr widerwärtig sei. Sie versucht ihn zu beruhigen und mit ihm über seinen Kummer zu sprechen. Er wird daraufhin noch wütender und hält sie fest. Sie schreit. Darauf schlägt er in einem Zornausbruch mit einem Ast wild auf sie ein, bis sie schweigt und wie tot am Boden liegt. Dann flieht er und versteckt sich (I, 12).

Am nächsten Morgen fühlt er sich ruhig und von einem Druck befreit. Die Tat kommt ihm, in einer Art Schizophrenie, wie ein Traum vor oder wie ein Erlebnis aus einem anderen Leben, das mit ihm nichts zu tun hat, und er empfindet keine Schuld und kein Mitgefühl für das Opfer (I, 13). Er weiß jedoch, dass die Tat der Wendepunkt in seinem Leben ist und dass er gesucht wird. Er läuft durch einsame Straßen, um die Stadt zu verlassen. und begegnet vor einem Hospiz dem alten Kriegsinvaliden Sarcenas. Er hat Angst, dass ihn dieser erkennt und der Polizei meldet, und erschlägt ihn. Dann verschwindet er aus der Stadt und taucht in Paris unter. Obwohl Angèle aussagt, ihn nicht erkannt zu haben, gerät er sofort unter Verdacht, da er im Gespräch mit dem Opfer gesehen worden ist und am nächsten Tag nicht zum Unterricht erscheint. Die Fahndung verläuft jedoch erfolglos und die Bevölkerung hat noch monatelang Angst, nachts allein durch die Stadt zu gehen.

Verlust der Schönheit