mini|Bajuwarische Bügelfibel aus dem 6. Jahrhundert Die Agilolfinger (auch Agilulfinger) waren eine vermutlich fränkische Adelsfamilie, die seit dem 6. Jahrhundert Herzöge von Baiern und Alamannien (Schwaben) und Könige der Langobarden stellte. Frühe Mitglieder waren wahrscheinlich als Amtsherzöge von den Merowingern in Bayern eingesetzt worden (Lex Baiuvariorum, Titel III), danach war ihre Herrschaft erblich und unabhängig von den Merowingern geworden. Die Hauptresidenz der Agilolfinger in Bayern befand sich in Regensburg, in Alemannien war ein Hauptort Cannstatt.

Hypothesen zur Herkunft mini|Grabbeigaben eines fränkischen Fürsten aus dem 6. oder 7. Jahrhundert Zu der Herkunft der Agilolfinger gibt es nur mehr oder weniger überzeugende Hypothesen. Als (legendärer) Stammvater der Familie gilt ein Agilulf (* um 420; † um 482), ein Fürst der Sueben und Quaden, wobei unklar ist, welcher der beiden zeitgenössisch überlieferten Agilulfe damit gemeint sein könnte (siehe Agilulf (Suebe) und Agiulf (Warne)). Er könnte der Sohn des donau-suebischen Fürsten Hunimund Filius Hermanarici (* um 395; † nach 469 in Suavia) gewesen sein. Er bedrohte Passau und war wohl vom Glauben her Arianer. Der Historiker Jörg Jarnut sieht in Bischof Agilulf von Metz († 602) ein frühes Mitglied der Familie. Als namensgebenden Stammvater schlägt er jenen Warnen Agiulf vor, der als Statthalter des Westgotenkönigs Theoderich II. für das iberische Suebenreich amtierte und 457 hingerichtet wurde.Jörg Jarnut: Agilolfingerstudien. Untersuchungen zur Geschichte einer adligen Familie im 6. und 7. Jahrhundert. Stuttgart 1986. Diese Ansicht wird weitgehend geteilt in: Wilhelm Störmer: Die Baiuwaren. Von der Völkerwanderung bis Tassilo III. München 2007. Unter dem Vornamen Theodo werden drei Herzöge genannt, die von 508–565 in Baiern regiert haben sollen, wobei es fraglich bleibt, ob Theodo I. – III. tatsächlich regierten oder nur eine Legende sind. Im folgenden Text werden sie bei der Nummerierung ignoriert.

Gut belegbar sind die frühen und intensiven dynastischen und politischen Beziehungen der Agilolfinger zu den Franken und Langobarden. Herzog Garibald I. von Bayern heiratete um 555 n. Chr. die Langobardin Walderada, die Witwe des merowingischen Königs Theudebald. Diese war zunächst mit Chlothar I. verheiratet, die Ehe musste aber aufgrund von Einwänden des Klerus wieder aufgelöst werden. Walderada wurde nun „uni ex suis, qui dicebatur Garipald“ (nach Paulus Diaconus) mit Herzog Garibald I. verheiratet. Diese Eheschließung deutet auf ein bereits in der Frühzeit schon weit gediehene und enge Zusammenarbeit zwischen Bajuwaren und Franken hin. Die innenpolitischen Schwierigkeiten des Frankenkönigs boten Garibald bald Gelegenheit zu einer eigenen, raffinierten Politik im Bunde mit den im Jahr 568 in Italien eingefallenen Langobarden, mit denen ihn ein Interesse an der Brenner-Verona-Route verband. Er vermählte seine Tochter mit dem langobardischen Herzog Ewin (Eoin) von Trient, der etwa zur gleichen Zeit (575) von den Franken angegriffen wurde. Das ist ein Hinweis darauf, dass der Langobarde sich durch ein Bündnis mit seinem nördlichen Nachbarn gegen weitere fränkische Einfälle abzusichern suchte.

Als die Franken im Jahr 584 erneut die Langobarden bedrohten, schloss sich der neue Langobardenkönig Authari, nachdem ihm die Verständigung mit den Franken misslungen war, den Baiern an. Offenbar führte Garibalds Annäherung an die Langobarden dazu, dass die Franken im Jahr 589 auch gegen ihn vorgingen, jedenfalls flohen in diesem Jahr die Kinder Theodelinde und Gundoald nach Italien zu den Langobarden: Garibalds Tochter Theodelinde heiratete, da sie vom Frankenkönig verschmäht worden war, die langobardischen Könige Authari und, nach dessen frühem Tod, Agilulf. Diese Verbindung ist durchaus bemerkenswert, da sie Katholikin war, die Langobarden hingegen Arianer. Garibalds Sohn Gundoald wurde als Herzog von Asti eingesetzt und war als Vater König Ariperts I. Ahnherr und Stammvater der agilolfingischen Linie der Langobardenkönige.

Lange wurde Herzog Garibald I. (auch Garipald) (548–590 n. Chr.) von Bayern als erstes historisch gesichertes Mitglied der Familie angesehen. Dies ist aber heute nicht mehr zweifelsfrei aufrechtzuerhalten.Carl I. Hammer: From Ducatus to Regnum. Ruling Bavaria under the Merovingians and early Carolingians. 2007; Britta Kägler: „Sage mir, wie du heißt …“. Spätantik-frühmittelalterliche Eliten in den Schriftquellen. Das Beispiel der frühen Agilolfinger. In: Hubert Fehr, Irmtraut Heitmeier (Hrsg.): Von Raetien und Noricum zur frühmittelalterlichen Baiovaria. EOS, St. Ottilien 2012, S. 183–196.

Geschichte mini|Frankenreich im 7. Jahrhundert ohne das Herzogtum Baiern mini|Baureste des Ursprungsbaus der agilolfingischen bzw. karolingischen Basilika St. Emmeram in Regensburg Im Jahr 591 wurde Tassilo I. vom Frankenkönig Childebert II. für Baiern als rex (König) eingesetzt. Tassilo hatte damit eine vergleichsweise starke Stellung errungen, gleichberechtigt zu den merowingischen Königen in Neustrien, Austrasien und Burgund (Frankenreich). Er führte kurz nach seiner Amtseinsetzung sowie Mitte der 590er Jahre einige Feldzüge gegen die Slawen, die zu dieser Zeit aus ihrer ursprünglichen Heimat nach Westen gewandert und im Nordgau und Karantanien die neuen Nachbarn der Baiern geworden waren.

Paulus Diaconus erwähnt den ersten dieser Feldzüge mit folgendem Satz: Er (Tassilo I.) zog alsbald mit Heeresmacht ins Land der Slawen und kehrte siegreich und mit großer Beute wieder in sein eigenes Land zurück. Nach seinem ersten Erfolg gegen die vordringenden Slawen im Alpenraum fiel Tassilo um 595 erneut in ihr Land ein. Diesmal endete es mit einer Niederlage der Baiern, da die Awaren den Slawen zu Hilfe kamen. Tassilo verlor bei diesem Feldzug etwa 2000 Krieger.

Garibald II., der Sohn Tassilos, und wurde 610 zu seinem Nachfolger ernannt. Bald war auch er in Kämpfe mit seinen slawischen Nachbarn verwickelt. Im Zuge dessen wurde sein Heer bei Aguntum im heutigen Osttirol von den Slawen geschlagen und das Siedlungsgebiet der Bajuwaren wurde geplündert. Anschließend gelang es den Baiern jedoch offenbar, die Slawen wieder zurückzudrängen. In dieser Zeit wurde Garibald zu Agunt von den Slawen geschlagen und das Gebiet der Bayern geplündert. Doch die Bayern sammelten sich wieder, nahmen den Feinden die Beute ab und vertrieben sie aus dem Lande.Paulus Diaconus, Historia Langobardorum 4, 39. In: ; Vgl. auch Paulus Diaconus. Historia Langobardorum (Geschichte der Langobarden). Lateinisch und deutsch. Herausgegeben und übersetzt von Wolfgang F. Schwarz. Darmstadt 2009, ISBN 978-3-534-22258-2. Diese Kriege besiegelten den endgültigen Niedergang der romanischen Städte Aguntum und Lavant (Tirol), der romanischen Restbevölkerung war damit der Weg zu eigener Staatlichkeit verbaut.

Die süddeutschen Agilolfinger standen in der Regel auf Seiten der Merowinger, das weitere Erstarken des Hausmeiertums der Karolinger konnte daher nicht in ihrem Interesse sein. Bereits 624 gerieten sie, damals vertreten durch Chrodoald, einen austrischen Adligen (von dem Fredegar schreibt: „ex proceribus de gente nobili Agylolfingam“), in Konflikt mit den Karolingern, bzw. deren ältesten bekannten Vorfahren, Bischof Arnulf von Metz (Arnulfinger) und Pippin dem Älteren (Pippiniden), die im Bündnis miteinander zunehmend die Richtung der fränkischen Reichspolitik bestimmten. 632 entschloss sich König Dagobert I. zu einem großangelegten Feldzug gegen das Slawenreich des Samo. Seine Verbündeten, die Alamannen unter Herzog Chrodobert, griffen die Randgebiete der Slawen an, die Langobarden aus Friaul fielen sehr wahrscheinlich von Süden her ein und besetzten die „regio Zellia“, wohl das Gebiet des heutigen Gailtal in Kärnten. Die – vielleicht von Dagobert persönlich angeführte – austrasische Hauptmacht sollte bis in die Kerngebiete des Slawenreiches vordringen. Den drei Heerhaufen gelang es jedoch nicht, sich zu vereinigen. Von bairischen Truppen unter einem Agilolfinger ist in diesem Zusammenhang nicht die Rede, obwohl Baiern unmittelbar an das Reich des Samo angrenzte. Wie die fränkischen und alamannischen Truppen an Baiern vorbei dort eindringen konnten, bleibt gleichfalls ein ungelöstes Rätsel. Während zwei Heersäulen siegreich mit zahlreichen Gefangenen zurückkehrten, wurden die Austrasier nach einer dreitägigen – vergeblichen – Belagerung einer Festung namens castrum vuogastisburc vernichtend geschlagen. Die überlebenden Krieger Dagoberts mussten fliehen und sämtliche Waffen und Ausrüstung zurücklassen.Dagobertus superveter iubet de universum regnum Austrasiorum contra Samonem et Winidis movere exercitum; ubi trebus turmis falange super Wenedos exercitus ingreditur, etiam et Langobardi solucione Dagoberti idemque osteleter in Sclavos perrixerunt. Sclavi his et alies locis e contrario preparantes, Alamannorum exercitus cum Crodoberto duci in parte qua ingressus est victuriam optinuit. Langobardi idemque victuriam obtenuerunt, et pluremum nummerum captivorum de Sclavos Alamanni et Langobardi secum duxerunt. Aostrasiae vero cum ad castro Wogastisburc, ubi plurima manus forcium Venedorum inmuraverant, circumdantes, triduo priliantes, pluris ibidem de exercito Dagoberti gladio trucidantur et exinde fugaceter, omnes tinturius et res quas habuerunt relinquentes, ad propries sedebus revertuntur. – B. Krusch (Hrsg.): Fredegarii et aliorum Chronica. Vitae sanctorum. MGH SS rer. Merov. 2. Hannover 1888, S. 155 Z. 2-11 (Digitalisat). Die Autorität des merowingischen Königtums war durch diese Niederlage nachhaltig erschüttert. Dem Hausmeier Grimoald, der Sohn Pippins des Älteren, gelang es, seinen eigenen Sohn Childebertus adoptivus als König von Austrasien einzusetzen. Grimoald hingegen wurde von König Chlodwig II., der in Neustrien regierte, in einen Hinterhalt gelockt und gefangen genommen. Zunächst in Paris eingekerkert, wurde er dort zwischen 656 oder 657 hingerichtet.

Der Wandermönch Emmeram, Bischof von Poitiers in Aquitanien, gelangte während einer seiner Missionsreisen Mitte des 7. Jahrhunderts aus dem westlichen Franken entlang der Donau an den bayerischen Herzogshof in Regensburg, wo mittlerweile der agilolfingische Herzog Theodo I. regierte. Dieser nahm Emmeram wohlwollend in seine Hofgesellschaft auf und bewog ihn zum längeren Bleiben. Emmeram widmete sich daraufhin der Stärkung des Christentums in Regensburg und im weiteren Umland. Etwa drei Jahre nach seiner Ankunft vertraute sich ihm die Tochter des Herzogs, Uta, in einer delikaten Angelegenheit an. Sie hatte eine heimliche Liaison mit dem Sohn eines Beamten, von dem sie nun ein Kind erwartete. Um das Paar vor einer – wahrscheinlich – strengen Bestrafung des Herzogs zu schützen, riet Emmeram ihr, ihn selbst als Vater zu nennen. Er brach danach zu einer Pilgerreise nach Rom auf, um sich vor dem Papst für den vermeintlichen Fehltritt zu verantworten und nach seiner Rückkehr den Herzog über den wahren Sachverhalt aufzuklären. Uta erzählte kurz nach Emmerams Abreise ihrem Vater die vermeintliche Affäre mit dem Bischof, was diesen sehr erzürnte. Zur Ehrenrettung seiner Schwester verfolgte daraufhin der Sohn des Herzogs, Lantpert, den in seinen Augen flüchtigen Emmeram. Am 22. September 652 stellte Lantperts Gefolge ihn in dem südöstlich von München gelegenen Ort Kleinhelfendorf. Er ließ Emmeram auf eine Leiter binden und bei lebendigem Leibe nach und nach die Körperglieder abschneiden, bis er ihn schließlich auch enthaupten ließ. Nachdem Herzog Theodo jedoch die ganze Wahrheit erfahren hatte, ließ er Emmeram exhumieren und seinen Leichnam nach Regensburg überführen.Bernhard Bischoff: Leben und Leiden des heiligen Emmeram. 2. Auflage. Regensburg 1993.