mini|Marcel Petiot Marcel André Henri Félix Petiot (* 17. Januar 1897 in Auxerre; † 25. Mai 1946 in Paris) war ein französischer Arzt und Serienmörder.
Während der deutschen Besatzung Frankreichs im Zweiten Weltkrieg erschlich Petiot sich das Vertrauen von Menschen, die aus verschiedenen Gründen zur Flucht entschlossen waren, und bot ihnen an, sie in die freie Zone Frankreichs oder außer Landes zu bringen. In seinem Haus beraubte und ermordete er sie. Gerichtlich konnte ihm die Tötung von mindestens 24 Menschen, überwiegend Jüdinnen und Juden, nachgewiesen werden. Darunter war auch eine ganze Familie.
Frühes Leben Kindheit und Jugend Marcel Petiot wurde am 17. Januar 1897 in Auxerre in Frankreich geboren. Nach einem Diebstahl von Postsendungen im Alter von siebzehn Jahren diagnostizierte ein Psychiater bei ihm eine geistige Erkrankung. Er wurde mehrfach vom Schulbesuch ausgeschlossen und erhielt in der Folgezeit privaten Unterricht von einem Onkel. Er schloss seine Schulausbildung im Juli 1915 mit dem Baccalauréat (Bachot d’Enseignement Secondaire) ab.Biographische Angaben gemäß David King: Death in the City of Light. Sphere, London 2012, ISBN 978-1-84744-548-3.
Soldat im Ersten Weltkrieg Während des Ersten Weltkrieges wurde Petiot im Januar 1916 in die Armee einberufen und zur militärischen Ausbildung zunächst in Sens stationiert. Als Soldat der französischen Infanterie nahm er an der Schlacht an der Aisne teil und erlitt im Mai 1917 durch eine explodierende Handgranate eine schwere Fußverletzung. Daraufhin eingewiesen in ein Hospital in Orléans, wurden weitere Symptome körperlicher Erkrankungen – wie angenommen wurde, aufgrund erlittener Gasvergiftungen –, als auch Symptome psychischer und mentaler Störungen diagnostiziert. Es folgten zwei Jahre, in denen Petiot abwechselnd in Kliniken, Nervenheilanstalten und einmal wegen Diebstahls in einem Armeegefängnis untergebracht war sowie im Sommer 1918 bei der Schlacht an der Marne an Kampfhandlungen teilnahm. Im Juli 1919 wurde er mit neuen klinischen Diagnosen aus der Armee entlassen und erhielt infolgedessen eine Invalidenrente.
Berufliche Entwicklung Nach seiner Zeit beim Militär absolvierte Petiot ein Kriegsveteranen angebotenes verkürztes Studium der Medizin. Die ersten achtzehn Monate des Studiums fanden in Dijon statt, das letzte Studienjahr in Paris. Bereits im Dezember 1921 konnte er dies Studium an der Medizinischen Fakultät der Universität von Paris abschließen.
Im Alter von 25 Jahren eröffnete er im nicht weit von seiner Geburtsstadt Auxerre entfernt gelegenen Villeneuve-sur-Yonne seine erste eigene Arztpraxis. Weitere fünf Jahre später, 1927, wurde er zum Bürgermeister des Ortes gewählt. Im selben Jahr heiratete er Georgette Lablais, und ungefähr ein Jahr darauf wurde ihr Sohn Gerhardt geboren.
Während sich später herausstellen sollte, dass er schon in dieser Zeit vermutlich weitaus größere Verbrechen begangen hatte, waren es zunächst Kleindiebstähle von Gegenständen aus dem Rathaus, die ihm nachgewiesen wurden. Im August 1931 wurde er deswegen von seinem Amt als Bürgermeister suspendiert, woraufhin er zurücktrat. Allerdings strebte er sofort anschließend das nächste öffentliche Amt an, in das er im Oktober des Jahres gewählt wurde – in den conseil général (Départementrat) von Yonne. Die politische Karriere Petiots endete, als er ungefähr zwei Jahre später, im Juli 1933, angeklagt war, Elektrizität aus dem Stadtnetz, ohne dafür zu zahlen, in sein Privathaus geleitet zu haben. Petiot verließ daraufhin die Provinzstadt und zog nach Paris.
In Paris eröffnete er seine Arztpraxis unter der Anschrift 66 Rue Caumartin und bezog im selben Haus auch seine Wohnung.
1936 wurde er kurzzeitig wegen Kleptomanie in die Nervenheilanstalt Maison de Santé d’Ivry eingewiesen, aber bereits im folgenden Jahr wieder entlassen.
Nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges und dem Fall Frankreichs begann Petiot, falsche Krankenscheine für französische Bürger auszustellen, damit sie sich der Einberufung zur Zwangsarbeit in Nazi-Deutschland entziehen konnten.Diese Tatsache war einer der Punkte die Petiots Anwalt in seinem Plädoyer am Ende des Gerichtsverfahrens geltend machte. – David King schreibt in diesem Zusammenhang: “Witnesses had confirmed his (Petiot’s) strong anti-German stance, and indeed there was not a single instance in the dossier that could show anything remotely pro-German.” („Zeugen hatten seine strikt anti-deutsche Haltung bestätigt, und tatsächlich gab es in der Anklageschrift keinen einzigen Beleg dafür, dass er auch nur im Entferntesten deutsch-freundlich gewesen wäre.“) Death in the City of Light. Sphere, London 2012, ISBN 978-1-84744-548-3, S. 313.
Entdeckung Nachdem am 11. März 1944 Anwohner der Rue Le Sueur gemeldet hatten,Die Abschnitte „Entdeckung“ und „Ermittlungen“ bilden, wenn nicht im Einzelnen anders angegeben, eine Zusammenfassung der betreffenden Kapitel in The Unspeakable Crimes of Dr. Petiot von Thomas Maeder (s. Literatur) und in L’Affaire Petiot et la Shoah von Jean-Marc Dreyfus (s. Literatur). dass aus dem Schornstein des Hauses der Nummer 21 stark übel riechender Rauch aufstieg, trafen dort am frühen Abend Polizei- und Feuerwehrkräfte ein. Da niemand anwesend war, drangen sie in das Haus ein und fanden im Keller herumliegende Leichenteile und den noch in Betrieb befindlichen Ofen, in dem weitere Überreste menschlicher Körper verbrannten.
Eigentümer des Hauses war seit drei Jahren Docteur Marcel Petiot. Die Concierge des Nebenhauses kannte die Telefonnummer, unter der er an seiner Wohnadresse in der Rue Caumartin zu erreichen war. Er wurde telefonisch angerufen und traf eine Weile später per Fahrrad am Ort seiner Mordtaten ein.
Ihm gelang es, das Vertrauen der zu dem Zeitpunkt anwesenden Polizisten zu gewinnen. Er soll – so wurden seine Äußerungen kolportiert – behauptet haben, er sei Leiter einer Widerstandsgruppe, die Toten seien allesamt Deutsche oder Kollaborateure. Er müsse dringend zurück in seine Wohnung in der Rue Caumartin, um Dokumente zu vernichten, die nicht in die Hände „des Feindes“ fallen dürften. Petiot wurde nicht festgenommen, sondern konnte den Tatort per Fahrrad wieder verlassen.
Ein hinzugezogener Kommissar nahm dennoch unmittelbar danach eingehendere Durchsuchungen des Hauses vor. In einer Werkstatt im Hinterhof fand man inmitten eines Haufens von ungelöschtem Kalk weitere Leichenteile. Erst jetzt wurde die für Mordfälle zuständige „brigade judiciaire“ am Quai des Orfèvres informiert; man beauftragte Kommissar Georges-Victor Massu, sich noch am späten Abend des 11. März in die Rue Le Sueur zu begeben. Die Fahndung nach Petiot begann jedoch erst am darauf folgenden Tag.
Ermittlungen Beginn der Fahndung Georges-Victor Massu, ein erfahrener und für seine Fahndungserfolge bekannter Pariser Polizeikommissar, übernahm die Leitung der Ermittlungen und der forensischen Untersuchungen. Als am Vormittag des 12. März 1944 drei seiner Mitarbeiter Petiots Wohnung in der Rue Caumartin aufsuchten, fanden sie diese bereits verlassen vor. Petiot, und mit ihm seine Frau, waren kurz zuvor geflohen. Am Montag, den 13. März, bestimmte das Thema und insbesondere die Nachricht, dass Petiot auf der Flucht war, die Schlagzeilen der französischen Pariser Presse.
Die Kenntnisse der Gestapo Zwei Tage später, am 15. März 1944, übergab die Pariser Außenstelle der Gestapo Unterlagen an Kommissar Massu,Der Abschnitt „Die Kenntnisse der Gestapo“ bildet, wenn nicht im Einzelnen anders angegeben, eine Zusammenfassung des Kapitels The Gestapo File in David King: Death in the City of Light. Sphere, London 2012, ISBN 978-1-84744-548-3. die ihre Kenntnisse über Petiot darlegten. Es waren, wie sich durch die Leichenfunde in der Rue Le Sueur gezeigt hatte, Kenntnisse, die sich bezüglich der Auswahl und der Übergabe der späteren Opfer an Petiot als zutreffend erweisen sollten, die sich jedoch nicht auf deren Ermordung bezogen.
Dem sogenannten Judenreferat der Gestapo in Paris war Anfang 1943 aufgefallen, dass einige der Jüdinnen und Juden, die zu gegebener Zeit festgenommen und den Deportationslagern überstellt werden sollten, plötzlich unauffindbar waren. Die Gestapo ging davon aus, dass sie mit der Hilfe eines Fluchtnetzwerks in die freie Zone Frankreichs entkommen oder ins Ausland geflohen waren. Der Gestapo-Agent Robert Jodkum, tätig für den SS-Obersturmführer Heinz Röthke, hatte einen Friseurladen in der Rue des Mathurins aufgespürt, der von den „Geflohenen“ offenbar als Anlaufpunkt genutzt wurde. Jodkum versuchte, einen von seinen Angehörigen freigekauften jüdischen Häftling in das Fluchtnetzwerk einzuschleusen. Dieser erste Versuch misslang – Petiot, der sich zu diesem Zeitpunkt „Dr. Eugène“ nannte, konnte seine Verfolger abschütteln. In seiner Begleitung war jener junge jüdische Mann, Yvan Dreyfus, der mit großer Wahrscheinlichkeit in der Rue Le Sueur ermordet wurde. Bei einem zweiten ähnlich angelegten Versuch einer anderen Pariser Gestapo-Stelle wurden die zwei Betreiber des Friseurladens sowie ein Mittelsmann zu Petiot festgenommen. Unter Folter gaben sie die Identität und den Wohnsitz von „Dr. Eugène“ preis.
Petiot saß acht Monate im Gefängnis Fresnes in Haft, ehe er im Januar 1944 entlassen wurde.
Was das vorgebliche, nicht-existente Fluchtnetzwerk betraf, so ergab sich für die französische Polizei aus den Gestapo-Unterlagen und den ersten eigenen Ermittlungen das folgende Bild: „Dr. Eugène“ / Petiot akzeptierte jeden zur Flucht Entschlossenen, der sich seinen Preis in Höhe von 25.000 Francs (oder mehr) pro Person leisten konnte. Dabei war ihm gleichgültig, ob es Juden, Widerstandskämpfer oder Kriminelle waren. Petiot behauptete, er könne eine sichere Passage nach Argentinien oder in jedes andere Land in Südamerika arrangieren. In den Verhören durch die Gestapo hatte Petiot angegeben, dass er selbst nur für eine übergeordnete, ihm intern unbekannte Organisation gearbeitet habe und von den Hintergründen nie etwas gewusst habe. Später gab er als Namen des von ihm geleiteten Fluchtnetzwerks, das in Wirklichkeit nie existiert hatte, „Fly-Tox“ an.
Weitere Ermittlungen Es stellte sich heraus, dass Petiot der Polizei und den Gerichten bereits aus einer Affäre, die sich zwei Jahre zuvor zugetragen hatte, bekannt war. Er hatte im Frühjahr 1942 drogenabhängigen Klienten hohe Mengen an Betäubungsmitteln verschrieben, und ein Verfahren gegen ihn war angestrengt worden. Wenige Wochen vor Prozessbeginn im Mai 1942 waren die zwei wichtigsten Belastungszeugen von Angehörigen und ihren Anwälten als vermisst gemeldet worden. Petiot wurde zu einer auf Bewährung ausgesetzten Haft- und einer geringfügigen Geldstrafe verurteilt. Die beiden Zeugen – Jean-Marc Van Bever und Marthe Khaït – konnten niemals aufgefunden werden. Jetzt, im März 1944, musste man davon ausgehen, dass sie zu Petiots ersten Todesopfern gehörten.
Bei drei weiteren Todesfällen, die noch länger zurücklagen und in die Zeit von Petiot in Villeneuve-sur-Yonne fielen, entstand nunmehr die dringende Vermutung, dass auch sie ihm anzulasten waren.
1926, noch unverheiratet, bestand eine Liebesbeziehung Petiots zu Louisette Delaveau. Die junge Frau war plötzlich von einem auf den anderen Tag verschwunden und ihre Leiche später in der Nähe von Dijon aufgefunden worden. Petiot konnte damals glaubhaft machen, dass sie unvermittelt abgereist sei.David King: Death in the City of Light. Sphere, London 2012, ISBN 978-1-84744-548-3. Darin zu Louisette Delaveau: S. 32–34.