Schwulststil (Schwulst-Stil) ist eine Bezeichnung der Literaturkritik, die sich im 18. Jahrhundert etablierte und der Literatur des Barock rückwirkend prunkhafte Aufgeblasenheit vorwarf. Im engeren Sinne gilt Schwulst als Merkmal des manieristisch übersteigerten Einflusses der Rhetorik auf die Dichtung seit dem Ende des 16. Jahrhunderts. Die moderne Literaturwissenschaft betrachtet Schwulst nicht mehr als negativ, sondern als authentischen Ausdruck der Zeit.
Wortgeschichte Herkunft und Verwendungen Das Wort Schwulst, von mittelhochdeutsch swulst zu swëllen „Anschwellung“ und verwandt mit „Geschwulst“, war ursprünglich der Ausdruck für eine Schwellung oder für das Geschwollene. Das Adjektiv schwulstig, dem das heutige schwülstig entspricht, wurde im Frühneuhochdeutschen schon von Luther in der übertragenen Bedeutung für aufgeblasene Worte verwendet. Das Wort wird im Deutschen Wörterbuch der Brüder Grimm analog zu Geschwulst als Femininum geführt.Jacob und Wilhelm Grimm: Deutsches Wörterbuch. Leipzig 1854–1960, Band 15, Sp. 2751. Seine Bedeutung im medizinischen Sinne deckt sowohl Tumor als auch Ödem ab und bezeichnet damit die unterschiedlichen Formen der innerlichen und äußerlichen Schwellungen. Andere Belege verwenden es auch für den Bauch der Schwangeren.Jacob und Wilhelm Grimm: Deutsches Wörterbuch. Leipzig 1854–1960, Band 15, Sp. 2752.
Johann Christoph Adelungs Grammatisch-kritisches Wörterbuch der hochdeutschen Mundart (1774–86) unterscheidet „die Schwulst“ als Körperschwellung und „den Schwulst“ als „eine Art des Stolzes, da man sich in einem hohen Grade mehrerer Vorzüge mit Worten und Geberden rühmet, als man wirklich besitzet; in welchem Verstande doch das Beywort schwülstig üblicher ist“.Johann Christoph Adelung: Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart, mit beständiger Vergleichung der übrigen Mundarten, besonders aber der Oberdeutschen. Leipzig 1774–1786, Band 3, Sp. 1759. Hier zeigt sich bereits, dass der heutige Sprachgebrauch von „Schwulst“ und „schwülstig“ das im übertragenen Sinne Aufgeblasene und Vordergründige meint, eine Formulierung, die pars pro toto von der Eigenschaft auf den Ausdruck deutet.
Im übertragenen Sinn als Metonymie etwa der „stolzgeschwellten Brust“ sind damit auch Stolz und Aufgeblasenheit an sich gemeint; diese Wortbedeutung findet sich bei Friedrich Schiller, Johann Gottfried Herder und Gotthold Ephraim Lessing. Auch der Barockdichter Daniel Caspar von Lohenstein hatte das Wort zuvor selbst in seinem Ibrahim Bassa (1689) benutzt, jedoch in der Bedeutung einer anschwellenden Welle.
Verwandte Prägungen sind „Schwülstel“ und „Schwulstfresser“ für einen adipösen Menschen, „schwulsterig“ und „schwülsterig“ für eine sichtbare Schwellung. Ein „Schwülstling“ galt als jemand, der sich schwülstig ausdrückt. Luther wandte das Wort zwar als „auffgeblasen“ in seiner Sprache um, seine Bibelübersetzung nutzt es allerdings an zwei Stellen: „Ich will euch heimsuchen mit Schrecken, Schwulst und Fieber.“ (3. Mose 26,16) „Der Herr wird dich schlagen mit Schwulst, Fieber, Hitze, Brunst, Dürre, giftiger Luft und Gelbsucht und wird dich verfolgen, bis er dich umbringe.“ (5. Mose 28,22)
Negative Konnotation mini|hochkant|Johann Christoph Gottsched, der kritische Reformator
Schwulst und vor allem das gebräuchlichere Adjektiv „schwülstig“ haben meist eine abwertende Bedeutung. Eine vermehrt pejorative Verwendung des Begriffs setzte mit dem Wandel der Stilnormen in den 1730er Jahren ein. Insbesondere kritisierte Johann Christoph Gottsched in seiner Critischen Dichtkunst (1730) Schwulst als eine extreme Form der stilistischen Ausarbeitung und führte als Gegenargumente unter anderem die aus der humanistischen Tradition stammenden Forderungen nach Deutlichkeit und Klarheit, aber schlicht auch die Kategorie des Geschmacks an; hierbei verarbeitete er Tendenzen der zeitgenössischen Rhetorik und Ästhetik. Er kennzeichnete Schwulst als Verfallserscheinung und verglich diese mit dem Hellenismus und der römischen Kaiserzeit, wobei er auch moralische Kategorien miteinbezog. Eine positive Sicht des Schwulstes blieb nach Gottsched selten. Versuche in diese Richtung unternahmen Moses Mendelssohn und August Wilhelm Schlegel.
Der Philosoph Karl Popper benutzte in seinem polemischen Brief Wider die großen WorteKarl R. Popper: Wider die großen Worte. In: Die Zeit. Nr. 39 vom 24. September 1971, S. 8. den Begriff abwertend, indem er die Sprache des dialektischen Philosophen Hegel und seiner Nachfolger als Schwulst bezeichnete.
Innerhalb der Literatur befreiten erst die Darstellungen des 20. Jahrhunderts durch eine vorurteilsfreie Betrachtung von Gongorismus und Schwulststil im wissenschaftlichen Kontext den Begriff wieder von seiner abfälligen Einschätzung. Er gilt seither als ein authentischer Ausdruck der frühbarocken Weltsicht. In der Umgangssprache ist die negative Konnotation jedoch nach wie vor erhalten.
Schwulst als Stilphänomen Im übertragenen Sinn wird der Begriff auch für eine dem Inhalt unangemessene und übertrieben ausgeschmückte und ausführliche Sprech-, Denk- und Schreibweise verwendet. Wann welche Stilebene angemessen sei, versucht Johann Georg Krünitz mit folgendem Beispiel zu erklären:
Die übermäßige Ausschmückung („ornatus“ in der Rhetorik) wurde in Frankreich auch als „Phöbus“, im englischsprachigen Raum als „Bombast“ bezeichnet. Schwulst wird insbesondere der minderwertigen Literatur des 18. und 19. Jahrhunderts zugeschrieben.
Schwulststil in deutscher Barockliteratur Seit dem letzten Drittel des 17. Jahrhunderts wird der Begriff Schwulst vor allem auf unterschiedliche literarische Phänomene des späten Barockzeitalters übertragen. Zum Verständnis des bis in die Gegenwart negativ konnotierten Stilbegriffs, der nicht wie „Euphuismus“, „Konzettismus“ oder „Marinismus“ auf literaturimmanente Titel, Begriffe oder Namen zurückgeht, sondern allein die äußere Erscheinungsform anzeigt, muss die Entwicklung der deutschen Literatur beleuchtet werden. Darin zeigt sich auch, dass der Schwulststil kein einheitliches Phänomen war, sondern in unterschiedlichsten Ausformungen eines gemeinsamen Prinzips auftrat.
Rhetorik und Dichtung Das Verständnis von Inhalt und Ausdruck wandelte sich in der europäischen Gelehrtenliteratur der Renaissance grundlegend. Während die spätmittelalterliche Scholastik noch nach dem aristotelischen Stilvorbild schwergängige, aber präzise formulierte Texte produziert hatte, rückten im 15. Jahrhundert die rhetorischen Mittel ins Interesse der Schriftsteller, darunter vornehmlich Pathosformeln, Allegorien und bildhafte Symbolformeln.Jörg Villwock: Rhetorik und Poetik: theoretische Grundlagen der Literatur. S. 98. In: Propyläen Geschichte der Literatur. Literatur und Gesellschaft der westlichen Welt. Berlin 1984, Band 3, S. 98–120. Textgattungen wie Lehrdichtung oder Drama wurden unter dem Einfluss von Francesco Petrarca und dessen Zeitgenossen langsam den Regeln der normativen Poetik entzogen. Dies ging mit der stetigen Emanzipation von Philosophie und Literatur gegenüber der bisher vorherrschenden Theologie einher. Das Verhältnis von Pragmatik und ästhetischer Gestaltung kehrte sich allmählich um; nicht mehr Sein und Denken bestimmten den Ausdruck. Vielmehr nahm die Rhetorik am Ende des Prozesses selbst in Anspruch, die Richtschnur für philosophische Teilgebiete wie Ontologie und Logik zu sein.
mini|hochkant|Julius Caesar Scaligers Poetik legte den Grundstein für die Verbindung von Rhetorik und Dichtung Den wichtigsten und am meisten beachteten Beitrag zu einer Neubewertung im Geist des Humanismus leistete Julius Caesar Scaliger mit seinen 1561 posthum erschienenen Poetices libri septem. Er maß die Dichtung noch an den Zweckkategorien docere („belehren“), delectare („erfreuen“) und movere („bewegen“), hob aber die grundsätzliche Unterscheidung von Rhetorik und Dichtung hinsichtlich der ästhetischen wie auch didaktischen Ziele der Literatur auf.Jörg Villwock: Rhetorik und Poetik: theoretische Grundlagen der Literatur. S. 99. In: Propyläen Geschichte der Literatur. Literatur und Gesellschaft der westlichen Welt. Berlin 1984, Band 3, S. 98–120. Die Tragödie erfuhr in seiner Poetik eine Umdeutung; hatte Aristoteles allein ihr die Katharsis als Wirkungszweck zugebilligt, so erweiterte Scaliger diese Möglichkeit – immer unter dem vorherrschenden Motiv des docere, der moralischen Belehrung – auf alle Dichtung.
Die Festschreibung des Unterschieds von Tragödie und Komödie im Sinne Scaligers ist für lange Zeit die Regel geblieben; er glich die Herkunft der Tragödie aus dem „Edlen“ bzw. der Komödie aus dem „Gemeinen“ der Struktur der damaligen Ständegesellschaft an, unternahm also eine Gattungsunterscheidung im sozialen Kontext der dramatischen Figuren. Scaligers Ansatz für diese Ordnung der Dramenformen beruhte auf seiner rhetorischen Interpretation des Mimesis-Begriffs. Dessen Wirklichkeitsbezug ist somit unter der Perspektive des Wahrscheinlichen zu sehen, d. h., nicht das Sein wird nachgeahmt, sondern dessen mögliche Erscheinungsformen. Der Zweck war eine höhere suggestive Kraft auf den Zuschauer und Leser. Dieser ästhetische Ansatz herrschte während des gesamten Barockzeitalters, nicht nur im Drama, sondern auch in der sich entwickelnden Oper.
Vorbilder und Einflüsse Im Gegensatz zu Italien und Spanien fand die Renaissance in der deutschen volkssprachlichen Dichtung nur wenig Widerhall. Die Wahrnehmung sozialer, politischer und wissenschaftlicher Umbrüche im Wandel zur Neuzeit blieb vor allem auf Universitäten und Fürstenhöfe beschränkt. Noch bis ans Ende des 16. Jahrhunderts hatte sich das Frühneuhochdeutsche nicht endgültig als Literatursprache durchgesetzt. Erst nach der Reformation wandten sich humanistische Autoren dem Deutschen als Schriftsprache zu, spalteten aber die Leserschaft in ein höfisch-gelehrtes und ein bürgerlich-volkstümliches Lager.Gunter E. Grimm: Die Suche nach der eigenen Identität. Deutsche Literatur im 16. und 17. Jahrhundert. S. 326 f. In: Propyläen Geschichte der Literatur. Literatur und Gesellschaft der westlichen Welt. Berlin 1984, Band 3, S. 326–369. Die Verheerungen des Dreißigjährigen Krieges erschwerten den Anschluss an die zeitgenössischen europäischen Entwicklungen zusätzlich.
Der eigentliche Zeitrahmen des barocken Schwulsts umfasst dabei etwa die Spanne zwischen Hofmannswaldaus Übersetzung von Giovanni Battista Guarinis Schäferdichtung Il pastor fido und Barthold Heinrich Brockes als letztem Ausläufer. Für den Transport des Schwulsts formten sich geeignete Textsorten aus, so etwa der Staatsroman oder der heroisch-galante Roman, der höfische Lebensart und Heldentum in eines zu bringen versuchte.
Eine weitere Eigenart des barocken Schwulsts war der Umfang, den dafür typische Publikationen annehmen konnten. Daniel Caspar von Lohensteins 1689/90 postum erschienener Schlüsselroman Großmütiger Feldherr Arminius umfasst allein im Inhaltsverzeichnis mehr als hundert, das Gesamtwerk über dreitausend Quartseiten. Noch in den so genannten sprechenden Titeln, die etwa seit dem Humanismus mit dem sich etablierenden Buchdruck in die Gestaltungshoheit der Dichter gelangten, spiegelt sich das Streben nach Umfang wider. Beispielhaft hierfür ist Johann Michael Moscheroschs Wunderliche vnd Wahrhafftige Gesichte Philanders von Sittewalt. In welchen Aller Welt Wesen / aller Mänschen Händel / mit jhren Natürlichen Farben / der Eitelkeit / Gewalts / Heucheley vnd Thorheit / bekleidet: öffentlich auff die Schauw geführet / als in einem Spiegel dargestellet / vnd von Männiglichen gesehen werden.
Rolle der Sprachgesellschaften hochkant|mini|Martin Opitz, Schöpfer der ersten deutschen Poetik