mini|hochkant|Gedächtnistafel der Verkündigung des Dogmas der Aufnahme Mariens in den Himmel (Eingang der Kirche Unserer Lieben Frau von der Herrlichkeit in Rio de Janeiro)
Unter einem Dogma () versteht man eine feststehende Definition oder eine grundlegende, normative Lehraussage, deren Wahrheitsanspruch als unumstößlich festgestellt wird.
Insbesondere in der christlichen Theologie wird der Begriff Dogma für einen Lehrsatz gebraucht, der unter Berufung auf göttliche Offenbarung, die Autorität der kirchlichen Gemeinschaft bzw. des kirchlichen Lehramts oder auf besondere Erkenntnisse als wahr und relevant gilt. Die systematische Entfaltung und Interpretation der Dogmen wird Dogmatik genannt.
Begriffsgeschichte
Der Begriff Dogma bedeutet im antiken Griechisch zunächst „das Geglaubte, Gemeinte, Beurteilte, Beschlossene“ – die unreflektierte Meinung ebenso wie den philosophischen Grund- oder Lehrsatz, den Beschluss über das Zusammenleben der Gesellschaft ebenso wie die von Herrschenden erlassene und somit nicht zu hinterfragende Verordnung. Diesem Verständnis entspricht auch der biblische Sprachgebrauch.Vgl. ; ; . In der lateinisch schreibenden Philosophie verwendet man folgende Äquivalente: decretum (Grundentscheidung), assertio (rechtsverbindliche Erklärung bzw. versichernde Behauptung), scitum (etwas, das als Bewusstsein vorausgesetzt ist), placitum (etwas, das als sinnenfällig vorausgesetzt ist) oder primum principium (zugrundegelegter Ausgangssatz, ebenfalls die Übersetzung des griechischen Synonyms „Axiom“). Das Dogma stand – als durchweg positiv besetzter Begriff – für Klarheit und Eindeutigkeit, für die unhinterfragbare Diskussions-, Lebens- oder Handlungsgrundlage.Reinhard Slenczka: Kirchliche Entscheidung in theologischer Verantwortung. Göttingen 1991, S. 66, 68f. In der antiken Philosophie hat besonders der Stoiker Seneca über das Dogma reflektiert.Seneca: Epistulae morales ad Lucilium, Nr. 95.
Der Begriff wanderte im Zuge der gnostischen Krise in der Alten Kirche in die christliche Theologie ein und erhielt hier neben der strukturellen Begriffsbedeutung der Philosophie einen konkreten Gegenstand: Er beschrieb nun den Lehrsatz der christlichen Gesamtgemeinde, der die von Gott in Jesus Christus und der Lehre der Apostel offenbarte Wahrheit festhält (zum Beispiel in der regula fidei, dem Apostolischen und dem Nicäno-konstantinopolitanischen Glaubensbekenntnis und anderen). Ihm gegenüber standen die Irrtümer Einzelner (nova dogmata), die abzuwehren waren. Anders als deren Individualismen halten die dogmata (auch als „Symbole“, griechisch symbola bezeichnetVgl. Edmund Schlink: Ökumenische Dogmatik. 2. Auflage. Göttingen 1985, S. 652.) nach altkirchlichem Verständnis den überpersönlichen, objektiven Glaubensgehalt fest, in dem die Kirche ihren Bestand hat.Karlmann Beyschlag: Grundriß der Dogmengeschichte. Band 1: Gott und Welt. 2. Auflage. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1988, S. 6ff.; Entsprechend ist es die Kirche, die sie als die ihr zugrundeliegende, verbindliche Lehr- und Glaubensnorm formuliert. Dies geschah bis zum vierten Jahrhundert in der Form des Konsenses (Übereinstimmung, lat. magnus consensus), seit dem vierten Jahrhundert dann in der Form der Konzilien.Vgl. Edmund Schlink: Ökumenische Dogmatik. 2. Auflage. Göttingen 1985, S. 650f. In der Sprachform des Dogmas fielen Doxologie, Lehre, Gebet und Zeugnis zunächst zusammen; dies verschob sich dann aber immer mehr in Richtung auf Lehre und Verkündigung.Edmund Schlink: Ökumenische Dogmatik. 2. Auflage. Göttingen 1985, S. 33–47, 646–652; Schlink verwendete als evangelischer Theologie den Begriff „Bekenntnis“ synonym zu „Dogma“. Im Verlauf der Kirchengeschichte gewann die Kirche als kollektive Instanz und dann im Besonderen das kirchliche Lehramt als die das Dogma formende Autorität immer größere Bedeutung. Vinzenz von Lérins (5. Jahrhundert) formulierte als verbindliche Norm und Bezugsrahmen, „was allenthalben, stets und von allen geglaubt worden ist“; Bernhard von Clairvaux (12. Jahrhundert) weist das Wächteramt darüber den Päpsten zu.Walter Kasper: Art. Dogma/Dogmenentwicklung. In: Neues Handbuch theologischer Grundbegriffe (Neuausgabe). Band 1 (1991), S. 177–179.
In der Reformationszeit wandte sich Martin Luther gegen Vinzenz’ Auffassung und stellte die kirchlichen Dogmen als norma normata („normierte Norm“) unter die norma normans („normierende Norm“) der Heiligen Schrift. Nicht die Kirche bestimmt also das Dogma als Bezugsrahmen der Bibelinterpretation, sondern umgekehrt bestimmt die Bibel den Glaubensgehalt, der im Dogma durch die Kirche lediglich adaptiert und zu ihrem eigenen Bekenntnis wird; darum wird im evangelischen Raum gern vom „Bekenntnis“ statt vom „Dogma“ gesprochen.Karlmann Beyschlag: Grundriß der Dogmengeschichte, Band 1 Gott und Welt. 2. Auflage. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1988, S. 18–21. Unter anderem auf diesen Ansatz hin, der – um der Restauration des Dogmas willen (Harnack) – auf die Autorität der Kirche als Begründung des Dogmas verzichtete, stellen das Konzil von Trient (1545–1562) und das Erste Vatikanische Konzil (1869–1870) die konstitutive Bedeutung des kirchlichen Lehramtes heraus. Was der Papst ex cathedra verkünde, sei aus sich selbst heraus unabänderlich (sogenanntes Unfehlbarkeitsdogma). Erst im Zuge dieser Entwicklung zu einem „Dogma vom Dogma“ seit dem 18. Jahrhundert wird der Begriff theologisch definiert.Edmund Schlink: Ökumenische Dogmatik. 2. Auflage. Göttingen 1985, S. 652.
Parallel zur nachreformatorischen Entwicklung – und zum Teil in ausdrücklicher Abgrenzung dazu – werden Dogmen seit dem Zeitalter der Aufklärung kritisch als eine auf Autoritäten beruhende Denkweise oder Glaubensüberzeugung abgelehnt. Einer der zentralen Leitgedanken der Aufklärung, der von Immanuel Kant zitierte und so wieder bekannt gewordene Spruch des lateinischen Dichters Horaz Sapere aude (lateinisch „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“) bildet nach moderner Auffassung einen unvereinbaren inhaltlichen Gegensatz zum Dogma bzw. zur entsprechenden Lehre, der Dogmatik. In der evangelischen Theologie der Neuzeit hat man teilweise im Gefolge Kants die (alt-)kirchlichen Dogmen destruiert (Adolf von Harnack), teilweise aber auch restauriert (Karl Barth). In der römisch-katholischen Theologie ist man dazu übergegangen, die Geschichtlichkeit des Dogmas in seinem Begriff mitzudenken.Walter Kasper: Art. Dogma/Dogmenentwicklung. In: Neues Handbuch theologischer Grundbegriffe (Neuausgabe). Band 1, 1991, S. 180–183.
Gegenwärtige Begriffs(be)deutungen
Die komplexe Entstehungsgeschichte bringt es mit sich, dass der Begriff „Dogma“ je nach Kontext verschiedene Bedeutungen und Konnotationen haben kann.
Theologie
In der Theologie unterscheidet man zwischen „Dogma“ im engeren und im weiteren Sinne.Vgl. zu dieser Unterscheidung Regin Prenter: Schöpfung und Erlösung. Dogmatik. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1960, S. 2ff.
Im engeren Sinne bezeichnet man als „Dogmen“ (oder in der Einzahl „Dogma“, dann wird meist konkret angegeben, um welches es sich genau handelt) die „Symbole“ der sieben ökumenischen Konzilien sowie diejenigen Konzilsentscheidungen der römisch-katholischen Kirche, die dogmatischen Rang haben. Die Dogmen in diesem Sinne beanspruchen Verbindlichkeit. Die Bekenntnisschriften der evangelisch-lutherischen Kirche (namentlich die „Confessio Augustana“) werden seltener so bezeichnet, obgleich sie eine mit den letztgenannten vergleichbare Stellung haben. Im weiteren Sinne wird vom „Dogma“ (im Kollektivsingular) gesprochen, um damit das Ganze der christlichen Lehre zu bezeichnen, und zwar „die kirchliche Verkündigung, sofern sie mit der Bibel als dem Worte Gottes wirklich übereinstimmt“ (Karl BarthKarl Barth: Kirchliche Dogmatik I, 1, S. 283.). Gemeint ist also die Gesamtheit des christlichen Glaubens in ihrer Konzentration auf den Konsens mit den biblischen Schriften und der bisherigen kirchlichen Verkündigung, jedoch unter Zurückstellung innovativer Versuche, den Glauben in neuer Form für die Gegenwart zur Sprache zu bringen. Diese (das Anliegen des altkirchlichen „magnus consensus“ aufnehmende) Verwendung erscheint fast deckungsgleich mit dem Begriff „Dogmatik“ (als Literaturgattung) und ist ein Teilgebiet des theologischen Fachgebietes „Systematische Theologie“. Das Dogma in diesem Sinne beansprucht nicht, sondern lehrt und erschließt Verbindliches und Verbindendes. Hinzu gesellt sich eine dritte Bedeutung, die die (in der Theologie lange unbeachtete) strukturelle Begriffsbedeutung der antiken Philosophie wieder in die Debatte einbezieht. Sie führt zu einer phänomenologischen Begriffsbetrachtung. Diese erweitert die theologische Bedeutung des Wortes „Dogma“ um die empirische Wirklichkeit, die exemplarisch im pejorativen Gebrauch des Adjektivs „dogmatisch“ zum Ausdruck kommt. „Als dogmatisch wird bezeichnet, wer in der Äußerung seiner Meinung als Starrkopf gilt, der sich den Forderungen der Zeit und den Erkenntnissen der Zeitgenossen verschließt und stattdessen zwangsläufig dem Denken der Vergangenheit verhaftet ist und rückständig bleibt“ (Slenczka). „Dogma“ beschreibt hier die (vorbewusste) Grundüberzeugung, die das Bewusstsein bestimmt und Grundlage für Meinungs- und Urteilsbildung darstellt. Dabei bemerken Kritiker des Dogmatischen oft nicht, dass sie in ebendieser Kritik selbst von unhinterfragbaren Grundüberzeugungen („Dogmen“) ausgehen. Die Frage ist gemäß dieser Betrachtungsweise nicht, ob man ein Dogma hat, sondern welches; Dogmenkritik erscheint als Dogmenkonflikt zwischen verschiedenen Denkvoraussetzungen (Axiomen), der an der emotionalen Brisanz erkennbar wird und über den eine Verständigung nur schwer zu führen ist.Reinhard Slenczka: Kirchliche Entscheidung in theologischer Verantwortung. Grundlagen, Kriterien, Grenzen. Göttingen 1991, S. 64–73. Phänomenologisch werden im Begriff „Dogma“ daraufhin mindestens drei Ebenen unterschieden: Die subjektive, die kollektive und die autoritative Ebene.Vgl. zum Folgenden Reinhard Slenczka: Kirchliche Entscheidung in theologischer Verantwortung. Grundlagen, Kriterien, Grenzen. Göttingen 1991, S. 66–69. Auf der subjektiven Ebene bezeichnet „Dogma“ die persönliche Überzeugung, die die Grundlage des eigenen, persönlichen Bewusstseins und die Voraussetzung aller Erkenntnis bildet. Auf der kollektiven Ebene (nahe bei Vinzenz von Lerinum) beschreibt der Begriff die Verbindung Einzelner zu Schulrichtungen durch die Gemeinsamkeit dieser Grundlagen und Überzeugungen. Auf der autoritativen Ebene (die dem 1. Vaticanum am nächsten kommt) bezeichnet „Dogma“ die von einer anerkannten Autorität verbindlich durchgesetzte Lehrnorm.Ähnlich Ratschow: Dogma II: Systematisch-theologisch. In: TRE 9, 1982, S. 35f.; Hubert Filser: Dogma, Dogmen, Dogmatik. Eine Untersuchung zur Begründung und zur Entstehungsgeschichte einer theologischen Disziplin von der Reformation bis zur Spätaufklärung. Lit-Verlag, Berlin/Hamburg/Münster 2001, S. 13–20. Das „Dogma“ als Denkstruktur, als integraler (und notwendiger) Bestandteil menschlichen Denkens bezeichnet das, was für Menschen jeweils verbindlich und verbindend ist. Es ist nicht auf den weltanschaulich-religiösen Bereich eingeschränkt, sondern in sämtlichen Wissenschaftszweigen sowie außerwissenschaftlich (zum Beispiel in Religionen und politischen und wirtschaftlichen Systemen) zu finden.Thomas S. Kuhn: Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen. 2. Auflage. Frankfurt 1976. Das Dogma taucht bei ihm unter dem Begriff Paradigma auf.
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