mini|Pavees mit geschmücktem Wagen (1954) Als Pavee, englisch auch oder sowie irisch genannt, wird ein Mitglied der gleichnamigen und als fahrend beschriebenen soziokulturellen Gruppe irischen Ursprungs bezeichnet, die vor allem in Irland, Großbritannien und den USA lebt. Darüber hinaus findet man Pavees in kleinerer Anzahl auch in Australien und Kanada. Mit Reisen bzw. Fahren ist eine historisch durch ökonomischen, rechtlichen und sozialen Ausschluss bedingte und kulturell verfestigte Form dauerhafter Binnenmigration gemeint, die familienweise ausgeübt wurde und zum Teil noch wird.
Bezeichnungen Pavee ist eine der Eigenbezeichnungen irischer Reisender, die ebenso wie Minkiers oder irisch (‚die wandernden Leute‘) üblich ist.
Die weit verbreitete Fremdbezeichnung Eilert Ekwall: The Etymology of the Word Tinker. In: English Studies. Vol. 18. 1936. Issue 1–6. verweist auf die englischen Begriffe für Zinn bzw. für verzinntes Eisenblech. Sie bezieht sich ähnlich dem deutschen Kesselflicker auf ein in dieser Gruppe historisch besonders verbreitetes Gewerbe, die Reparatur und Herstellung billigen Küchengeschirrs. Weitere Bezeichnungen sind und auch .Lucian Cherata: The Etymology of the words țigan (gypsy) and (r)rom (romany) In: Journal of Romanian Linguistics and Culture. Nr. 21/2019. Die Pavee sind allerdings mit Roma-Gruppen ethnisch nicht verwandt. Die Ausdrücke Gyppo collinsdictionary.com. und sind besonders in Großbritannien weit verbreitet und negativ belegt. In Irland wird der Begriff (irisches Englisch: ‚Umherziehende‘ oder ‚Wandernde‘) für Pavees verwendet. Viele der Betroffenen legen heute jedoch Wert darauf, mit ihrer Eigenbezeichnung oder der weit verbreiteten und eher neutralen Fremdbezeichnung benannt zu werden. Zum Teil bezeichnen sie sich als gypsy.https://tysonfuryofficialmerchandise.com/
Geschichte und Kultur Die Pavee sind soziologisch mit den mitteleuropäischen Jenischen und spanischen Mercheros vergleichbar – alle drei Gruppen kombinieren traditionell das Altwarensammeln mit dem Wanderhandwerk und dem Hausierhandel. Auch der Überbegriff Travellers bzw. Gens de Voyage findet für sie und andere auf europapolitischer Ebene Anwendung.Europäische Kommission (Hrsg.): Mitteilungen der Kommission an das Europäische Parlament, den Rat, den Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschuss und den Ausschuss der Regionen, EU-Rahmen für nationale Strategien zur Integration der Roma bis 2020. 5. April 2011 .
Die Pavee leben mit abweichender Sprache, Kultur und abweichendem Wertesystem innerhalb einer traditionell sesshaften Gesellschaft und Kultur. Innerhalb der Gruppen zu heiraten, auch aus wirtschaftlichen Gründen (Mitgift etc.), spielt eine wichtige Rolle und untersteht internen Regeln. Ehen werden früh arrangiert und jung geschlossen. Eine verordnete, formale und staatliche Bildung lehnen sie meist ab und tradieren Wissen und Werte in vormoderner Weise auf dem Weg der familiären und Gruppensozialisation.Presseheft Filmdokumentation Rules of the Road, 1993 (PDF; 5,4 MB). Als Menschen ohne festen Wohnsitz und mit von außen wenig durchsichtigen Erwerbsweisen und kulturellen Besonderheiten sind sie seit langem mehrheitsgesellschaftlich stigmatisiert und dem Verdacht der staatlichen Institutionen ausgesetzt.
Zur historischen Herkunft der Pavee gibt es unterschiedliche Vorstellungen. Dass die Namen der Paveefamilien sich vom irischen Namensbestand nicht unterscheiden, spricht dafür, dass sie eine Teilgruppe der irischen Bevölkerung darstellen. Dies entspricht auch der Eigensicht der Pavee, wie von jüngeren Untersuchungen bestätigt wird. Demnach wäre davon auszugehen, dass die Angehörigen der Gruppe wie vergleichbare Gruppen in anderen Ländern (siehe oben) durch sozioökonomische Prozesse aus der Mehrheitsbevölkerung herausgefallen oder an ihren Rand geraten sind, nicht aber auf eine historische Gruppe anderer Ethnizität zurückgehen wie gelegentlich behauptet.
Zwei auf isolierte historische Einzelereignisse reduzierende und daher kaum plausible Herkunftsbestimmungen nennen die Rückeroberung Irlands durch Oliver Cromwell (1649–1653) bzw. die Große Hungersnot in Irland von 1845 bis 1852 (The Great Famine, irisch: An Gorta Mór) als Entstehungsgrund der Pavee.
Wie regelmäßig bei soziokulturellen und ethnisch-kulturellen Gruppen, die von mehrheitsgesellschaftlichen Betrachtern als auf eine faszinierende Weise abweichend und „exotisch“ wahrgenommen werden, bieten auch in diesem Fall Autoren des 19. und 20. Jahrhunderts mythische Herkunftserklärungen an, so den Mythos von einer kryptischen Gruppe der Tarish als Vorläufer. Dabei handelt es sich mutmaßlich um eine rein literarische Erfindung der letzten Jahre.
Traditionell waren sie Hausierer, Wanderhandwerker (Blechschmiede, Kupferschmiede, Kesselflicker usw.) und Pferdehändler. Historisch spielte die Migration der Tinker eine wichtige Rolle bei der Verbreitung von Musik, Geschichten und Neuigkeiten. In Zeiten ohne moderne Medien und mit eingeschränkter Mobilität waren Traveller in entlegenen Gegenden wesentliche Übermittler von Kultur und Information. So beeinflussten sie stilistisch auch sesshafte Musiker und trugen auf diese Weise maßgeblich zur Entwicklung des Irish Folk bei.
Von William Shakespeare wird 1594 in seinem Werk Der Widerspenstigen Zähmung mit einer der Hauptfiguren, dem Tinker Sly, die Gruppe thematisiert. Eine weitere literarische Behandlung des irischen Tinker-Milieus im 18. Jahrhundert findet sich in John Millington Synges Zweiakter Die Kesselflickerhochzeit (The Tinker’s Wedding, 1909).
Großbritannien und Irland Der wirtschaftliche Aufschwung der Nachkriegszeit markierte einen Wendepunkt im Leben der britischen und irischen Nomaden. Mit dem wachsenden Wohlstand hielten moderne Kraftfahrzeuge Einzug, die die traditionellen Pferdefuhrwerke verdrängten, und einige Familien erwarben erstmals feste Immobilien. Doch während die Modernisierung den Alltag erleichterte, verblasste gleichzeitig das romantische Klischee von bunten Kleidern, kunstvollen Holzwagen und überlieferten Tänzen. In der Wahrnehmung der Mehrheitsgesellschaft wandelte sich das Bild: Aus den einst „romantisierten“ Wanderern wurden zunehmend unwillkommene Fremde. Die gesetzliche Lage verschärfte sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts massiv. In den 1950er-Jahren verbot das britische Parlament das althergebrachte Übernachten am Straßenrand. Zudem erhielten die Gemeinden weitreichende Befugnisse, das Campieren auf öffentlichem Grund konsequent zu untersagen. Mit dem Caravan Sites Act aus dem Jahre 1968 wurden die Kommunen gesetzlich verpflichtet, spezielle Standplätze ausschließlich für Traveller bereitzustellen. Mit der Abschaffung dieser Verpflichtung 1994 durch den Criminal Justice and Public Order Act entfiel die staatliche Fürsorgepflicht. Viele öffentliche Stellplätze verfielen, was einen Teil der Nomaden dazu zwang, eigene, private Trailerparks zu gründen, um ihre Lebensweise überhaupt noch aufrechterhalten zu können.
Der abweichende Lebensstil – das Zusammenleben im großen Familienverband und eine als nomadisch empfundene Lebensweise – sowie die Vorstellung einer mit dem Auftreten der Minderheit einhergehenden erhöhten Delinquenz erzeugen Konflikte zwischen den Travellern bzw. Pavee und der Mehrheitsbevölkerung, besonders in urbanen Zonen und aus raumplanerischen Gründen. Bewilligungen zum Erstellen von Wohnbaracken und Aufstellen von Wohnwagen werden oftmals nicht eingeholt, da Travellers schon im Vorfeld davon ausgehen, dass diese nicht erteilt werden. Die Pavee berufen sich dann, für die Legitimität ihrer Lager und Siedlungen, auf Menschen-, Minderheiten-, Gewohnheits- und Grundrechte. Zeitweise wurde die Taktik der rückwirkenden Bewilligung verfolgt, die im britischen Wahlkampf 2005 durch Michael Howard von der Konservativen Partei zum Nachteil der Traveller thematisiert wurde. So werden neuerdings verstärkt Traveller durch Zonenplanung und Bewilligungsverfahren an den Rand der Gesellschaft gedrängt, mit den entsprechenden negativen sozialen Folgen (Elendsquartiere etc.). Im Oktober 2011 hat das oberste Gericht Großbritanniens die Auflösung der 2,4 Hektar großen Dale Farm in Essex (nahe Basildon) durch die Stadtverwaltung genehmigt. Von ursprünglich 400 irischen Travellern und Roma waren noch etwa 200 von der Räumung betroffen, da viele den Ort bereits verlassen hatten. Obwohl den Bewohnern das Grundstück gehörte, verfügten sie über keine Baugenehmigung, was zu einem langjährigen Rechtsstreit führte. Anwohner beschwerten sich über die Verschandelung der Landschaft und sinkende Immobilienpreise.
Obwohl sie oft unter dem Sammelbegriff „Traveller“ zusammengefasst werden, legen die Gemeinschaften großen Wert auf ihre unterschiedlichen Wurzeln. Als „Gypsies“ bezeichnen sich jene Familien, die ursprünglich von den Roma abstammen. Der Begriff Traveller wird im engeren Sinne für jene Gruppen verwendet, die keine Roma-Vorfahren haben. Pavees (Irish Traveller): Diese irischen Nomadenfamilien haben eine ganz eigene Geschichte, sie zogen bereits lange vor der Ankunft der Roma durch die britischen Inseln. Von den rund 250.000 bis 300.000 Travellern, die nach verschiedener Medienberichterstattung heute in Großbritannien leben, führt nur noch ein kleiner Teil ein rein nomadisches Leben. Unter der Labour-Regierung wuchs die Zahl der Wohnwagen von Landfahrern um 50 % auf insgesamt 18.000 an. Ein wesentlicher Grund war die rechtliche Stärkung der Minderheit: Unter Verweis auf die Menschenrechtskonvention konnten Siedlungen nur dann aufgelöst werden, wenn die Behörden den Betroffenen angemessene alternative Stellplätze anboten. Parallel dazu wurden die Kommunen angewiesen, ihr Platzangebot aktiv auszuweiten. Viele Traveller arbeiten heute selbständig in einfachen Berufen, für die man keine Ausbildung braucht, wie Gärtner, Kammerjäger oder Reinigungskräfte. Sie bleiben in den britischen Medien als Pöbler, Säufer und damit als gesellschaftliches Problem. Der überwiegende Teil ist mittlerweile sesshaft geworden und lebt in festen Wohnungen.
Einer aktuellen Umfrage zufolge lehnen 75 Prozent der englischen Bevölkerung ansässige Traveller in ihrer Nachbarschaft ab. Die Medien tun ihr Übriges, um das negative Bild der Traveller zu verankern, und die Boulevardpresse diskriminiert sie in der Öffentlichkeit. Es ist statistisch komplex und umstritten, der Gruppe der Traveller, auch ein Synonym für Gauner, pauschal eine signifikant höhere Kriminalitätsrate im Bereich der Eigentums- oder Gewaltdelikte zuzuschreiben. Oftmals vermischen sich hier Vorurteile mit einer schwierigen Datenlage, da ethnische Herkunft in polizeilichen Statistiken nicht immer deckungsgleich mit der Lebensweise erfasst wird. Ein differenziertes Bild ergibt sich jedoch bei ordnungswidrigen Übertretungen und Konflikten mit dem Verwaltungsrecht. Hier stehen häufig Verstöße gegen die Landnutzungsrechte, das Baurecht sowie behördliche Auflagen im Vordergrund, die oft aus dem nomadischen oder halb-nomadischen Lebensstil resultieren. Besonders deutlich wird die Problematik beim Blick auf die Inhaftierungsraten im Vereinigten Königreich, der Anteil in britischen Gefängnissen der Gesamtbevölkerung liegt bei ca. 0,13 %, bei Traveller, Gypsies und Roma ca. 5,00 %. Ein oft niedrigerer Bildungsgrad und erschwerter Zugang zum Arbeitsmarkt erhöhen statistisch das Risiko für eine Straffälligkeit. Traveller erhalten aufgrund ihres fehlenden festen Wohnsitzes seltener eine Freilassung auf Kaution, was die Zahl der Untersuchungshäftlinge in dieser Gruppe künstlich erhöht.