mini|Verlagseinband der Erstausgabe 1909 Königliche Hoheit ist der Titel eines 1909zunächst in der Neuen Rundschau und dann als Buch im S. Fischer Verlag Berlin veröffentlichten Gesellschafts- und Entwicklungsromans von Thomas Mann. Erzählt wird die Sozialisation Prinz Klaus Heinrichs in einem fiktiven Großherzogtum und, mit autobiographischen Bezügen, seine Liebe zur nicht standesgemäßen Milliardärstochter Imma Spoelmann. Mit ihrer Hochzeit verbinden sich privates Glück und Staatsraison.

Inhalt Das Land (Kap. 1) Der Roman spielt um die Wende zum 20. Jahrhundert in einem fiktiven deutschen Großherzogtum. Durch hohe Ausgaben für die Hofhaltung, die aufwändige Renovierung des Stammsitzes der Herrscherfamilie „Grimmburg“ auf Kosten der schadhaften Residenz und der Landschlösser, die schlechte Verwaltung der Güter und die mangelnde forstwirtschaftlichen Pflege der Waldungen ist das Fürstentum hoch verschuldet und die Einnahmen aus den wichtigsten Wirtschaftszweigen, der Land- und Forstwirtschaft, reichen bei weitem nicht aus, die Defizite auszugleichen. Für Innovationen fehlt das Geld: die Eisenbahn und die Silbergruben sind unrentabel, der Kurbetrieb wenig einträglich und die Universitäten nur provinziell. Da die Minister sich nicht getrauten, dem Großherzog Johann Albrecht III. die wahre Situation zu offenbaren und die Verschleppung alter Gewohnheiten und die Reform der überzähligen Staatsämter zu thematisieren, werden die Finanzen durch Vermischung planmäßiger und außerplanmäßiger Ausgaben und die Auflösung alter Kredite durch teurere neue verschleiert. So lebt der Fürstenhof in der irrealen Welt seiner Schlösser, Theater und Parkanlagen. Sinnbild für diesen Zustand ist ein Rosenstock im Hof des „Alten Schlosses“, dessen schöne Blüten nach Moder riechen.

Amniotische Hemmung (Kap. 2) Der einzige Sohn des Großherzogs, Prinz Albrecht, ist kränklich und überwintert regelmäßig im warmen Südeuropa. Man erwartet nicht, dass er ein höheres Alter erreichen wird. Deshalb ist die Freude groß, als sechs Jahre nach Albrecht Prinz Klaus Heinrich geboren wird, leider mit einem verkürzten linken Arm und einer verkümmerten Hand, die der neben dem Leibarzt bei der Geburt anwesende Arzt Dr. Sammet als amniotische Hemmung erklärt. Ein Berater versucht den aufgebrachten Vater zu beruhigen, indem er an eine alte Zigeunerweissagung erinnert, nach der einst ein Prinz dem Land mit einer Hand mehr geben werde als andere mit zweien. Aber die Fürstenfamilie betrachtet die Deformation als Makel und Klaus Heinrich wird von klein auf dazu angehalten, die Deformation zu verstecken, soll doch „der Anblick des Fürsten […] seinem Volk andere Empfindungen erwecken als Mitleid.“

Kindheit (Kap. 4) Der kleine Klaus Heinrich wird mit der zwei Jahre jüngeren Schwester, Prinzessin Ditlinde, standesgemäß zunächst von einer Hauslehrerin erzogen, einer „Madame aus der Schweiz“, deren schwerste und wirksamste Strafe darin besteht, ihre Schützlinge „traurig“ anzusehen. „Du Reiner, Du Feiner“, liest der Prinz in allen Mienen und durchlebt seine Kindheit überbehütet und realitätsfern. Seine und Ditlindes Lieblingsbeschäftigung ist das „Stöbern“ in unbekannten Bereichen des Alten Schlosses, in dem sie aufwachsen. Dabei begegnen sie einmal einem verirrten Lieferanten, dem Schuster Hinnerke, der ihnen die Augen dafür öffnet, dass sie in einer Scheinwelt leben, und auf die Korruption und Bosheit hinter der scheinbaren Freundlichkeit der Lakaien hinweist.

Ausbildung (Kap. 5) In der nächsten Erziehungsphase wird Klaus Heinrich in einem auf dem ländlichen Schloss „Fasanerie“ für ihn eingerichteten Internat gemeinsam mit fünf ausgewählten Mitschülern unterrichtet. Die Lehrer behandeln ihn mit größter Schonung. So ruft Professor „Kürtchen“ ihn nur auf, wenn er durch die Art des Meldens zeigt, dass er die Antwort kennt. Zu den Mitschülern kann der Prinz wegen seiner besonderen Abkunft kein wirklich kameradschaftliches Verhältnis aufbauen.

Eine fast freundschaftliche Beziehung verbindet ihn dagegen mit dem jungen Hilfslehrer Dr. Raoul Überbein, einem nur mit dem Arzt Dr. Sammet befreundeten Sonderling. Außerordentlich hässlich, nach eigenen Worten ein „Malheur von Geburt“, ist er als uneheliches Kind unter ärmlichen Lebensumständen in einer Pflegefamilie aufgewachsen, hat dann aber unbändigen Ehrgeiz entwickelt, studierte und brachte es zum Gymnasiallehrer. Bei jeder Gelegenheit hält er den Schülern vor, anders als sie habe er sich bereits in einem Zigeunerleben „den Wind um die Nase wehen lassen“. Klaus Heinrich behandelt er nicht mit der devoten Rücksichtnahme der anderen Lehrer und gewinnt dadurch sein Herz. Überbein vertritt ein elitäres Menschenbild: Neben dem Genie als „sehr bestimmbares Einzelwesen“ hebe sich auch der Fürst vom Volk ab, denn er sei für das Volk „ein Inbegriff, eine Art Ideal. Ein Gefäß. Eine sinnbildliche Existenz.“ Deshalb gebe es für den Prinzen als „Form“ keine „Unmittelbarkeiten“ mit den anderen Menschen (Kap. 5). Überbeins Erziehung zielt auf Klaus Heinrichs spätere Repräsentationsaufgaben und die damit verbundene Distanz dem Volk gegenüber hin.

Als der 17-jährige Prinz, wie es üblich ist, für das letzte Schuljahr zusammen mit seinen Lehrern in die Prima des öffentlichen Gymnasiums der Hauptstadt wechselt, verlangt er, dass Überbein bis zum Ende seiner Universitätszeit sein Mentor bleibt. In diese Zeit fällt ein peinliches Erlebnis: Klaus Heinrich hat auf dem alljährlich stattfindenden Bürgerball mit Begeisterung getanzt und sich an der Gemeinschaft mit den jungen Leuten, die ihm oft versagt blieb, so erfreut, dass er das Wort „wir“ in jedem Satz gebraucht. Doch als Überbein, der den Prinzen einige Zeit aus den Augen gelassen hat, in den Ballsaal zurückkehrt, findet er Klaus Heinrich, einen Bowlendeckel auf dem Kopf, die spöttische Huldigungen der beschwipsten Jugend entgegennehmend, die die Situation offenbar ausnützt, um den Prinzen zu sich „herunter, herunter, herunter“ zu ziehen.

Klaus Heinrich legt planmäßig die Reifeprüfung ab und wird mit 18 Jahren in einem großen Staatszeremoniell in die Reihe der Thronfolger aufgenommen. Er tritt formal als Leutnant in das großherzogliche Gardefüsilierregiment ein. Das „Vorspiel“ zum Roman präsentiert ihn in einer Straßenszene: „Gekannt und doch fremd bewegt er sich unter den Leuten, geht im Gemenge und gleichsam doch von einer Leere umgeben, geht einsam dahin und trägt auf seinen schmalen Schultern die Last der Hoheit.“ Später absolviert er noch einmal für ein halbes Jahr leichten Militärdienst und wird zum Major befördert, ohne freilich jemals am Alltag des Soldatenlebens teilgenommen zu haben. Dazwischen besucht er ein Jahr lang die Universität, hört einige Vorlesungen und wird Mitglied einer Studentenverbindung, deren harte Sauf- und Paukbräuche für ihn auf ein „sinniges Ungefähr“ abgemildert werden. Auch hier wirkt er wie bei den vorausgegangenen Bildungsgängen als freundlicher, interessierter Gast und seine hohe Herkunft sorgt, trotz der Du-Form der Anrede, für Distanz. Darauf folgt für den inzwischen 20-Jährigen, begleitet von einem militärischen Reisemarschall, die obligatorische Bildungsreise durch einige europäische Länder, die neben dem Kulturprogramm und den Besuchen der Fürstenhöfe auch dem Zweck dient, ihn von einer Dame der Theaterwelt diskret in die Geheimnisse des Geschlechtslebens einweihen zu lassen.

Der hohe Beruf (Kap. 6–7) Nach dem Tod des Großherzogs Johann Albrecht III. verändert sich die Familiensituation. Die bereits vor dem Tod ihres Mannes früh gealterte Großherzogin Dorothea zieht sich auf ein Landschlösschen zurück. Ditlinde heiratet als 20-Jährige ein Jahr nach dem Tod des Vaters den geschäftstüchtigen, aber nicht standesgemäßen Prinzen Philipp zu Ried-Hohenried und entscheidet sich damit für ein großbürgerliches Leben im Wohlstand. Die Krone geht zwar auf den ältesten Sohn über und dieser führt formal als Albrecht II. die Regierung, doch er überträgt die Repräsentationspflichten seinem Bruder und dieser darf ebenfalls mit „Königliche Hoheit“ angesprochen werden. Doch dies geschieht nicht nur wegen der schwachen Konstitution des scheuen und introvertierten Albrecht. Er sieht für sich keinen Sinn im Hofzeremoniell, lehnt das öffentliche Schauspiel seiner Auftritte ab und bezeichnet diese Art von Popularität als eine Schweinerei. Weder kann er sich im Volk erkennen noch fühlt sich das Volk in ihm repräsentiert. Klaus Heinrich versteht die Bedenken seines Bruders, aber er erkennt im Fürstenamt ein Bedürfnis des Volkes nach Beachtung von höchster Stelle, wenn die Grüße der Passanten vom vorbeifahrenden Großherzog freundlich erwidert werden. So tritt der beim Volk beliebte Heinrich bereits als 21-jähriger Prinz in den Mittelpunkt der Öffentlichkeit und kommt recht gern seinem „hohen Beruf“ nach. Ob er den Grundstein für ein Rathaus legt oder eine Veteranenparade beim Landeskriegerfest abschreitet, ob er Preise bei den Fünfhausener Fischertagen verleiht oder eine Ackerbauausstellung eröffnet, wohin er kommt, ist „Feier- und Ehrentag, da verherrlicht[-] das Volk sich selbst im Feste, da verklärt[-] sich das graue Leben und w[i]rd Poesie. […] Aber nicht nur er, Klaus Heinrich, [sieht] die Welt in diesem Lichte, sondern sie selbst [sieht] sich so, für die Dauer seiner Anwesenheit. Eine seltsame Unechtheit und Scheinbarkeit herrscht[-] auf den Stätten seiner Berufsausübung, […] eine falsche und herzerhebende Verkleidung der Wirklichkeit aus Pappe und vergoldetem Holz […] hingezaubert für eine schöne Stunde, und er selbst [steht] im Mittelpunkt des Schaugepränges“ (7. Kap.). Die notwendigste Fachkunde eignet er sich vor solchen Anlässen an, Ergänzungen lässt er sich vor Ort hastig von seinen Mitarbeitern soufflieren, Klagen von Untertanen nimmt er „ernst“ entgegen, ohne sich freilich in der Sache zu engagieren. Selbst die dem Volk großzügig gewährten „Freiaudienzen“ geraten ob ihrer formellen Steifheit und der fachlichen Inkompetenz des Prinzen zur Farce.

Spoelmanns (Kap. 8) Eines Tages sagt sich der amerikanische Stahlmagnat und Milliardär Samuel N. Spoelmann zur Kur in der Residenzstadt an, um dort mit dem Wasser der Ditlindenquelle ein Nierenleiden zu kurieren. Wie man in der Gesellschaft munkelt, ist er ein wahrer „Leviathan“, ein „Vogel Roch“. Ein Jahr darauf übersiedelt er mit seiner 19-jährigen Tochter Imma, deren Gesellschaftsdame, der „wahnsinnigen“ Gräfin Löwenjoul, dem Leibarzt Dr. Watercloose, dem hysterischen Collie Perceval und weiterem Personal endgültig in das Großherzogtum, erwirbt zu einem stattlichen Preis das vernachlässigte Schloss „Delphinenort“ und lässt es herrichten.

Bald werden die Spoelmanns neben der großherzoglichen Familie zum Mittelpunkt der öffentlichen Aufmerksamkeit. Zwar ist Spoelmann von unscheinbarer Gestalt, legt in seinem „missfarbenen Paletot“ wenig Wert auf Äußerlichkeiten und tut als eher misanthropischer Kunstsammler und Orgelspieler wenig dafür, sich populär zu machen. Doch ist er einer der größten Steuerzahler des Landes, gestattet dem Volk weiterhin freien Zugang in seinen Schlosspark, lässt sich beim Teetrinken auf der Terrasse beobachten und spendet bei entsprechenden Anlässen genau die gleiche Summe wie das Fürstenhaus. Dementsprechend zieht er auch Bettler, Schnorrer und Plänemacher aller Art an.