mini|hochkant|Stefan Zweig (1927, Fotografie von Franz Xaver Setzer) Ungeduld des Herzens ist ein 1939 erschienener Roman des österreichischen Schriftstellers Stefan Zweig. Es handelt sich um den einzigen vollendeten Roman des Autors.

Entstehung Stefan Zweig hatte schon zu Beginn seiner Schriftstellerkarriere Überlegungen zu einem längeren Romanprojekt angestellt, vor dem Erscheinen der Ungeduld des Herzens allerdings ausschließlich Novellen, Erzählungen, Gedichte und Biografien veröffentlicht. Nach mehreren wieder abgebrochenen Projekten begann er 1936 parallel zu seiner Magellanbiographie an einem neuen Roman zu arbeiten. Zweig, ein Schriftsteller jüdischer Herkunft, befand sich zu dem Zeitpunkt im Londoner Exil. Ungeduld des Herzens war 1938 fertiggestellt und erschien mit der Jahreszahl 1939 versehen in den Exilverlagen Bermann-Fischer und Allert de Lange. Es folgten in den nächsten beiden Jahren Übersetzungen in neun europäische Sprachen.Margarete Wagner: Ungeduld des Herzens. In: Arturo Larcati, Klemens Renoldner und Martina Wörgötter (Hrsg.): Stefan-Zweig-Handbuch., S. 365–375, hier: S. 365–366

Inhalt In der Rahmenhandlung des Romans berichtet der Ich-Erzähler dem Leser die Lebensgeschichte Anton Hofmillers, die dieser ihm persönlich erzählt habe. Die Handlung spielt am Vorabend des Ersten Weltkriegs. Der junge Leutnant Anton Hofmiller wird in das Schloss des ungarischen Magnaten Lajos von Kékesfalva – tatsächlich ein von Hofmiller wegen magyarisiertem Namen nicht als solcher erkannter neureicher assimilierter Jude – eingeladen. Dort lernt er dessen gelähmte Tochter Edith kennen und entwickelt Zuneigung, vor allem aber tiefes subtiles Mitleid für sie. Hofmiller macht der unheilbar Kranken, die sich in ihn verliebt, nach einem Gespräch mit dem Familienarzt Dr. Condor Hoffnungen auf baldige Genesung und verlobt sich schließlich sogar mit ihr. Doch da er nur aus Mitleid, nicht aus Liebe handelt, nimmt das Unheil seinen Lauf. Aus Angst vor Spott und Verachtung steht er in der Öffentlichkeit nicht zu ihrer Verbindung. Als Edith erfährt, dass er die Verlobung vor anderen verleugnet, stürzt sie sich von einem Turm. Von Schuldgefühlen überwältigt, stürzt er sich in einer sinnlosen Flucht in die Kämpfe des beginnenden Ersten Weltkriegs.

Rezeption Ungeduld des Herzens erwies sich als großer Publikumserfolg, besonders im englischsprachigen Raum, wo der Roman unter dem Titel Beware of Pity erschienen war. Er trug maßgeblich dazu bei, Zweigs Finanzen im Exil zu sichern. Das Erscheinen der ersten Verfilmung konnte Zweig allerdings nicht mehr miterleben – er beging aus Verzweiflung über die Zerstörung Europas durch die Nationalsozialisten 1942 im brasilianischen Petrópolis mit seiner zweiten Ehefrau Charlotte Altmann Suizid.Margarete Wagner: Ungeduld des Herzens. In: Arturo Larcati, Klemens Renoldner und Martina Wörgötter (Hrsg.): Stefan-Zweig-Handbuch., S. 365–375, hier: S. 367–368

Die zeitgenössische Kritik war gespalten. Der französische Schriftsteller Romain Rolland, den eine gute Freundschaft mit Zweig verband, sprach von einem „ausgezeichnete[n] Roman“, kritisierte allerdings auch das Erzählverhalten – ein objektiver Erzähler wäre dem von Zweig gewählten Ich-Erzähler vorzuziehen gewesen – und die Überlänge. Walter A. Berendsohn meinte, dass Ungeduld des Herzens als „große[s] neuromantische[s] Einzelschicksal“ im Vergleich zu Romanen zum Schicksal der Massen wenig innovativ und in Teilen sogar unfassbar banal sei. Auch moderne Zweigforscher wie Donald A. Prater konstatieren, dass der Roman Zweig nicht ganz gelungen sei. So meint Joseph P. Strelka, dass es sich hier eher um eine „Super-Novelle“ handle, deren Darstellung der alten österreichischen Gesellschaft aus dichterischem Unvermögen an soziologischem Scharfblick fehle und eher Zweigs Nostalgie für die untergegangene k.u.k. Monarchie reflektiere. Die psychologischen Porträts bezeichnet er hingegen als „meisterhaft“.Margarete Wagner: Ungeduld des Herzens. In: Arturo Larcati, Klemens Renoldner und Martina Wörgötter (Hrsg.): Stefan-Zweig-Handbuch., S. 365–375, hier: S. 367–369

Einen von mehreren Literaturwissenschaftlern übernommen biografisch-psychologischen Interpretationsansatz lieferte Zweigs erste Ehefrau Friderike Maria Zweig. In ihrem Buch Stefan Zweig – Wie ich ihn erlebte meinte sie, dass Stefan Zweig in der Ungeduld des Herzens sein eigenes Mitleid mit seiner zweiten Ehefrau verarbeitet habe. Die Literaturwissenschaftlerin Margarete Wagner meint hingegen, dass diese Idee in ihrer Einfachheit reduzierend sei.Margarete Wagner: Ungeduld des Herzens. In: Arturo Larcati, Klemens Renoldner und Martina Wörgötter (Hrsg.): Stefan-Zweig-Handbuch., S. 365–375, hier: S. 368 Hervorgehoben wurden unter anderem auch der Einfluss des deutschen Philosophen Friedrich Nietzsche auf Zweigs Mitleidskonzeption. Der Literaturhistoriker Adrian Del Caro betont dabei, dass Zweig im Gegensatz zu Nietzsche keinen Angriff auf das Christentum beabsichtige, sondern eher vor einer nihilistischen Art des Mitleids warne, die nur ein „instinktives Abwehr des fremden Leidens von der eigenen Seele“ sei. Der zweiten Art des Mitleids, dem „unsentimentale[n], aber schöpferische[n] Mitleid“, räumt er in einem Monolog des Dr. Condor einen bestimmten Wert ein.Adrian Del Caro: Stefan Zweig’s „Ungeduld des Herzens“: A Nietzschean Interpretation In: Modern Austrian Literature, Band 14 (1981), S. 194–204, hier: S. 197, 201

Hörspiel 1961: Ungeduld des Herzens. Mit Gustl Halenke, Walter Andreas Schwarz, Matthias Fuchs, Dagmar von Thomas, Kurt Ebbinghaus u. a., Regie und Hörspielbearbeitung: Gert Westphal; Musik: Peter Zwetkoff. Produktion des Südwestfunk, Westdeutscher Rundfunk, Schweizer Radio DRS und Österreichischer Rundfunk.

Filme 1946: Ungeduld des Herzens (Beware of pity) – Regie: Maurice Elvey – Darsteller: Lilli Palmer und Albert Lieven 1970: Merhamet (Pity) – Regie: Bilge Olgaç – Darsteller: Türkan Şoray und Demir Karahan 1979: La Pitié dangereuse / Ungeduld des Herzens – Regie: Édouard Molinaro – Darsteller: Marie-Hélène Breillat, Mathieu Carrière 2013: Любовь за любовь (Liebe um Liebe) – Regie: Sergei Ashkenazi 2023: Kysset – Regie: Bille August – Darsteller: Esben Smed und Clara Rosager 2025: Ungeduld des Herzens – Regie: Lauro Cress – Darsteller: Giulio Brizzi und Ladina von Frisching

Manuskripte Eine große Sammlung an Manuskripten von Stefan Zweig liegt im Deutschen Literaturarchiv Marbach. Der Roman Ungeduld des Herzens ist dort im Literaturmuseum der Moderne in Marbach in der Dauerausstellung zu sehen, von den ersten Notizen über die Reinschrift bis hin zu den Druckfahnen.

Literatur Ausgaben Ungeduld des Herzens. Roman. Bermann-Fischer/Allert de Lange, Stockholm/Amsterdam 1939

Sekundärliteratur Margarete Wagner: Ungeduld des Herzens. In: Arturo Larcati, Klemens Renoldner und Martina Wörgötter (Hrsg.): Stefan-Zweig-Handbuch. De Gruyter, Berlin 2018, S. 365–375

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Einzelnachweise

Kategorie:Literarisches Werk Kategorie:Werk von Stefan Zweig Kategorie:Roman, Epik Kategorie:Literatur (20. Jahrhundert) Kategorie:Literatur (Deutsch) Kategorie:Literatur (Österreich) Kategorie:Exilliteratur