Die Zentralbankbilanz (auch Notenbankbilanz, Zentralnotenbankbilanz oder zentrale Notenbankbilanz) ist die Bilanz einer Zentralbank, in der Aktiva und Passiva in Kontenform kurzgefasst gegenübergestellt werden. Die Zentralbankbilanz spiegelt die speziellen Funktionen einer Zentralbank innerhalb einer Volkswirtschaft wider. Aus ihr lässt sich die sogenannte Geldbasis, inklusive ihrer Entstehung (Passiva) und ihrer Verwendung (Aktiva), ermitteln. Insbesondere der Prozess der Zentralbankgeldschöpfung bzw. -vernichtung lässt sich durch sie erklären.Hans-Joachim Jarchow: Theorie und Politik des Geldes. S. 300–301
miniatur|hochkant=3.0|Vereinfachte Zentralbankbilanz
Volkswirtschaftliche Bedeutung Addiert man die Positionen der Aktivseite auf, so erhält man die Entstehungsgleichung des Zentralbankgeldes bzw. -geldmenge Z (= Geldbasis). Aus ihr lassen sich die verschiedenen Entstehungskomponenten erkennen:
: Nettoauslandsforderungen der Zentralbank (Außenwirtschaftliche Komponente) : Forderungen der Zentralbank in Eigenwährung aus geldpolitischen Operationen (Refinanzierungskomponente) : Kredite des Staates bei der Zentralbank (Fiskalische Komponente) : Wertpapiere der Zentralbank (Offenmarktkomponente) : sonstige Aktiva wie bspw. Verwaltungsgebäude, technische Einrichtungen etc.
Der Saldo der Passivseite bildet die sogenannte Verwendungsgleichung. In ihr schlagen sich die Gegenbuchungen nieder, welche entstehen, wenn die Zentralbank Aktiva kauft (i. S. v. generieren) bzw. verkauft. Diese bezahlt sie auf der Passivseite in Form von Bargeld oder Verbindlichkeiten.Gerhard Mussel: Grundlagen des Geldwesens. S. 49
: Banknotenumlauf : Zentralbankguthaben (von Banken, Nichtbanken, Ausland)
Aufbau einer Zentralbankbilanz Wie jede andere Bilanz besteht die Zentralbankbilanz aus der Gegenüberstellung von Aktiva und Passiva, wobei die zwei Salden identisch sein müssen. Die Aktivseite einer Zentralbankbilanz wird auch Entstehungsseite genannt, da sich aus ihren Bilanzpositionen die Entstehungsgleichung der Zentralbankgeldmenge (Z) ableiten lässt. Die Passivseite wird auch Verwendungsseite genannt, da sich aus ihr die Verwendungsgleichung ableiten lässt.Gerhard Mussel: Grundlagen des Geldwesens. S. 46
Der Aufbau, insbesondere die einzelnen Bilanzpositionen, können je nach Währungsraum der Zentralbank (nationale wie beispielsweise die Bank of England oder multinationale wie beispielsweise die Europäische Zentralbank) unterschiedlich sein. Auch die Geldpolitik der Zentralbank kann den Aufbau der Bilanz beeinflussen.
Bilanzpositionen einer Zentralbankbilanz Die folgende Darstellung einer Zentralbankbilanz basiert auf den Bilanzen der Deutschen Bundesbank und der Europäischen Zentralbank. Je nach Zentralbank können einzelne Positionen auch andere Bezeichnungen haben. Außerdem können einzelne Positionen nicht in jeder Zentralbankbilanz enthalten sein. So sind die Forderungen innerhalb des Eurosystems eine Besonderheit der Zentralbanken des Europäischen Systems der Zentralbanken (ESZB). Sie enthalten beispielsweise die Kapitalanteile der nationalen Zentralbanken an der Europäischen Zentralbank. Auch in der Passiva findet sich eine Position Verbindlichkeiten innerhalb des Eurosystems. Diese Positionen finden sich jedoch nur in Zentralbanken innerhalb eines supranationalen Währungssystems.Eigene Darstellung auf Basis der Deutschen Bundesbank Bilanz, der Bilanz der Europäischen Zentralbank und Gerhard Mussel: Grundlagen des Geldwesens, S. 46
miniatur|hochkant=1.7|Bilanz der Europäischen Zentralbank 2007 – Aktiva
Aktiva: Währungsreserven G (auch als Nettoauslandsforderungen bezeichnet) Gold und Goldforderungen Forderungen in Fremdwährung an Ansässige außerhalb des Währungsgebietes Forderungen an den IWF Guthaben bei Banken, Wertpapieranlagen, Auslandskredite und sonstige -aktiva Forderungen in Fremdwährung an Ansässige im Währungsgebiet Refinanzierungskredite F (Forderungen in Eigenwährung aus geldpolitischen Operationen an Kreditinstitute im Währungsgebiet) Hauptrefinanzierungsgeschäfte Längerfristige Refinanzierungsgeschäfte Feinsteuerungsoperationen in Form von befristeten Transaktionen Strukturelle Operationen in Form von befristeten Transaktionen Spitzenrefinanzierungsfazilität Forderungen innerhalb des Eurosystems Beteiligung an der Europäischen Zentralbank Forderung aus der Übertragung von Währungsreserven an die Europäische Zentralbank Forderung aus der Verteilung des Euro-BanknotenumlaufsZur Erklärung: Lenka Krsnakova, Maria Oberleithner, Oesterreichische Nationalbank, Abteilung Bilanzierung und Risikoüberwachung Treasury „Zusammenspiel des euro-Banknotenumlaufs und der intra-eurosystem-salden“ Geldpolitik & Wirtschaft Q1/12 (www.oenb.at, gewi_2012_q1_schwerpunkt5_tcm14-246483.pdf) sonstige Forderungen innerhalb des Eurosystems Kredite an Staat ZKS (Forderung an öffentliche Haushalte) Wertpapiere WZB (Wertpapiere in Eigenwährung von Ansässigen im Währungsgebiet) sonstige Aktiva SoZB
miniatur|hochkant=1.7|Bilanz der Europäischen Zentralbank 2007 – Passiva
Passiva: Banknotenumlauf BG Zentralbankguthaben ZE Zentralbankguthaben der Geschäftsbanken ZEB (Verbindlichkeiten gegenüber Geschäftsbanken) Mindestreserven der Geschäftsbanken sonstige Einlagen der Geschäftsbanken Einlagefazilität Termineinlagen Feinsteuerungsoperationen in Form von befristeten Transaktionen Zentralbankguthaben der Nichtbanken ZENB (Verbindlichkeiten gegenüber sonstigen Ansässigen im Währungsgebiet) Staatseinlagen sonstige Einlagen in Eigenwährung Zentralbankguthaben des Auslandes ZEA Verbindlichkeiten innerhalb des Eurosystems Verbindlichkeiten gegenüber der Europäischen Zentralbank Verbindlichkeiten aus der Verteilung des Euro-Banknotenumlaufs sonstige Verbindlichkeiten innerhalb des Eurosystems sonstige Passiva Rückstellungen Ausgleichsposten Reinvermögen Eigenkapital Gewinn- bzw. Verlustvortrag
Währungsreserven Unter dieser Bilanzposition sind im Wesentlichen die Gold- und die Währungsreserven einer Zentralbank zusammengefasst. Die Goldreserven dienten in der Vergangenheit vor allem zur Wertabdeckung der ausgegebenen Banknoten. Heute kann man die Goldbestände als Reserve für Krisenzeiten sehen. Aber auch das Vertrauen in die Wertbeständigkeit einer Währung hängt entscheidend von der Menge der Gold- und Devisenreserven einer Zentralbank ab. Es besteht jedoch die Gefahr, dass bei einem gleichzeitigen Goldverkauf mehrerer Zentralbanken der Goldpreis rapide absinken würde und so der bilanzierte Wert der Goldreserven nicht dem tatsächlichen entspräche. Durch diese Bilanzverkürzung der Aktivseite müsste sich gleichzeitig auch eine Verkürzung auf der Passivseite vollziehen. Um einen Verfall des Goldpreises entgegenzuwirken, haben 1999 einige Zentralbanken (darunter auch die Europäische Zentralbank) das sogenannte Central Bank Gold Agreement (CBGA) geschlossen, in welchem die Volumina der Goldverkäufe bis zum Jahr 2009 geregelt sind. Am 31. März 2008 stand dem gesamten Banknotenumlauf des Europäischen Währungssystems von 665,749 Mrd. € ein Goldbestand von 201,137 Mrd. € gegenüber. , Pressemitteilung der Europäischen Zentralbank, 9. April 2008
Wenn eine Zentralbank Devisen hält, übernimmt sie die Funktion einer Devisenbank einer Volkswirtschaft. Diesen Währungsreserven kommt im Zusammenhang mit Wechselkursen eine entscheidende Bedeutung zu. In einem System mit festen Wechselkursen (beispielsweise Euro gegenüber litauischen Litas, lettischen Lats und dänischen Kronen) muss eine Zentralbank der Marktnachfrage entgegenwirken, indem sie interveniert und Fremdwährung an- bzw. verkauft. Dies führt jedoch automatisch zu einer nichtgewollten Verlängerung bzw. Verkürzung der Bilanz und somit zu einer Veränderung der Geldbasis. Buchungssatz Devisenankauf: Währungsreserven G↑ (Betrag X) an Banknotenumlauf BG↑ (Betrag X) Buchungssatz Devisenverkauf: Banknotenumlauf BG↓ (Betrag X) an Währungsreserven G↓ (Betrag X)
In Systemen mit flexiblen Wechselkursen (beispielsweise Euro – US-Dollar) besteht ein solcher Zwang nicht. Jedoch benötigt die Zentralbank trotzdem Währungsreserven, um eventuell gewollte Interventionen auf dem Devisenmarkt überhaupt durchführen zu können. Gerade Länder mit einer relativen schwachen Eigenwährung benötigen Währungsreserven zur Absicherung ihrer Währung. So kann es durchaus vorkommen, dass bei der Beurteilung der Zahlungsfähigkeit einer Zentralbank bzw. einer Volkswirtschaft lediglich die Summe ihrer Währungsreserven (inkl. Goldreserven) als Basis dient.Gerhard Mussel: Grundlagen des Geldwesens. S. 44 ff.
Refinanzierungskredite Die Refinanzierungskredite sind Teil der geldpolitischen Instrumentarien einer Zentralbank. Diese Offenmarktgeschäfte sind die klassische Form der Zentralbankgeldschöpfung. Dabei kauft (expansive Geldpolitik) oder verkauft (restriktive Geldpolitik) die Zentralbank Wertpapiere von bzw. an die Geschäftsbanken (es sind auch Nichtbanken als Partner denkbar, sie spielen in der Praxis jedoch eine untergeordnete Rolle). Als Folge erhöht oder reduziert die Zentralbank die Zentralbankgeldmenge.
Würde die Zentralbank ausschließlich mit Nichtbanken Wertpapiergeschäfte betreiben, so könnte sie die Geldmenge direkt steuern. Sind jedoch Geschäftsbanken an diesen Geschäften beteiligt, so kann die Geldmenge nicht mehr direkt gesteuert werden, da die Geschäftsbanken ihrerseits über die sogenannte Giralgeldschöpfung die Geldmenge beeinflussen.Gerhard Mussel: Grundlagen des Geldwesens. S. 210–212
Eigentlich müssten diese Wertpapiere der Bilanzposition Wertpapiere zugerechnet werden. So kauft beispielsweise die Federal Reserve Bank in den USA Wertpapiere von den Geschäftsbanken auf.Olivier Blanchard und Gerhard Illing: Makroökonomie. S. 131 Da jedoch einige Zentralbanken (wie beispielsweise die Europäische Zentralbank) diese Geschäfte in Form von Pensionsgeschäften betreiben, d. h., sie vereinbaren bereits beim Kauf der Wertpapiere einen Rückkaufspreis und -termin, sind sie in einer der folgenden fünf Ausprägungen unter der Position Refinanzierungskredite ausgewiesen, da sie durch die zeitliche Befristung quasi Kreditcharakter besitzen.Gerhard Mussel: Grundlagen des Geldwesens. S. 209 ff.
Hauptrefinanzierungsgeschäfte Wie der Name bereits zum Ausdruck bringt, stellen die Hauptrefinanzierungsgeschäfte die wichtigste Gruppe dar. Dabei legt die Zentralbank den Betrag fest, für den sie Wertpapiere kaufen will. Beim Mengentender-Verfahren bieten daraufhin die Geschäftsbanken Wertpapiere in dem Umfang an, in dem sie Bedarf an Zentralbankgeld haben. Der Zinssatz ist dabei von der Zentralbank festgelegt. Beim Zinstender-Verfahren wird von der Zentralbank ein Mindestbietungszinssatz (gilt auch als erster Leitzins der Zentralbank) festgelegt. Die Geschäftsbanken können nun ihrerseits verschiedene Gebote abgeben (wie viel Zentralbankgeld zu welchem Zinssatz – beispielsweise 1 Mio. Euro zu x %, 2 Mio. Euro zu y % etc.). Anschließend verteilt die Zentralbank die von ihr festgelegte Summe an die Geschäftsbanken.Gerhard Mussel: Grundlagen des Geldwesens. S. 218–221
Diese Geschäfte laufen regelmäßig in bestimmten Intervallen mit einer vorgegebenen Laufzeit ab. So ist das Intervall der Europäischen Zentralbank beispielsweise in einem Tenderkalender mit einer Woche festgelegt. Die Laufzeit für Hauptrefinanzierungsgeschäfte beträgt ebenfalls 1 Woche. Immer montags nimmt sie die Gebote der Geschäftsbanken entgegen. Dienstags erhalten dann die Geschäftsbanken ihre Zuteilung von der Zentralbank.
Längerfristige Refinanzierungsgeschäfte