miniatur|Titelseite der Erstausgabe von 1861 Silas Marner. Der Weber von Raveloe ist ein 1861 veröffentlichter Roman der Autorin George Eliot, der zusammen mit Middlemarch als ihr wichtigster gilt. In ihm klingen die Erlebnisse der Autorin, zum Beispiel die ihrer Jugend im ländlichen Mittelengland nahe Coventry, ihrer eigenen Glaubensentwicklung und der später gesellschaftlich erzwungenen Kinderlosigkeit, zwar an, werden aber mehrfach künstlerisch verwandelt.Gerber, S. 167 f., sieht das hohe künstlerische Niveau Eliots gerade darin, dass sie Parallelen zu ihrer eigenen Lebensgeschichte „in einer Handlung um einen Mann ohne vergleichbare weibliche Gegenspielerin objektiviert“ und verallgemeinert. Diese Figurenwahl ist tatsächlich nur erzählerische Strategie und nicht weibliche Misogynie, da Eliot weibliche Figuren massive Kritik an Männern üben lässt: Dolly Winthrop etwa „ordnete das starke Geschlecht in die Reihe der Tiere ein, die von Natur widerspenstig zu machen dem Himmel gefallen hatte, so wie Stiere oder Truthähne“ und Priscilla, Nancys Schwester, nervt das „Getue von früh bis spät“ und versichert: „Gevatter Selbständig ist der beste Ehemann von allen.“ dtv 1999, S. 113, 130 f. Ob Eliot vielleicht einer frühen Form des Feminismus zuzuordnen ist, wird dagegen mit Bezug auf ihren Roman Middlemarch diskutiert.

Silas Marner wird nach einer konstruierten Beschuldigung wegen Diebstahls aus seiner calvinistischen Sekte ausgeschlossen. Nach dieser spirituellen Enttäuschung zieht er aus der Stadt in die Nachbarschaft des Dorfes Raveloe und konzentriert sich verbittert auf seine einsame Arbeit und die Vermehrung seiner Ersparnisse, die ihm eines Abends aus seiner Hütte gestohlen werden. Nachdem in einer der folgenden Winternächte ein zweijähriges Mädchen, deren Mutter in der Nähe stirbt, zu seiner Hütte gelangt, beginnt er sich um das Kind zu kümmern, was ihn optimistisch und glücklich stimmt. Infolge seiner Rolle als Eppies Pflegevater wird er mehr und mehr in das soziale Netz des Dorfes hineingezogen und entwickelt eine neue Sichtweise auf die dörfliche Gemeinschaft, die umgebende Natur und sein eigenes Leben.Nachdem zweimal Diebstähle Silas Lebenskonzepte zusammenstürzen lassen, hat er beim dritten Mal Glück: „third time lucky“, zitiert Leavis, S. 26 f., die englische Redewendung.

Neben Middlemarch gilt Silas Marner der Kritik „als das vollkommenste Werk der Autorin.“ Für Henry James war Eliot vor allem die Autorin von „Silas Marner und Middlemarch.“Leavis S. 11. „Die Zartheit der Imagination und des Humors und die große Einfachheit der Erfindung“ machen diesen Entwicklungsroman zu einer „perfekten Geschichte“, einem „herrlichen kleinen Buch“.„Die Menschlichkeit der Launen und des Humors und die überzeugende Einfachheit der Erzählung machen Silas Marner zu einer perfekten Geschichte.“ (The tenderness of fancy and humour and the strong simplicity of invention make Silas Marner a perfect story.) George Sampson: The Concise Cambridge History of English Literature, Cambridge University Press, 1975, S. 637. Das „herrliche kleine Buch“ bei Seibt (siehe Weblinks). „In der Erzählung gibt es keine überflüssige Zeile und das Buch hat einen für die großen viktorianischen Erzähler seltenen Zauber.“ (There is not a superfluous line in the narrative and the book has charm, a quality rarely found in the work of the great Victorian novellists) Stapleton, S. 809. „Es gibt so viele Bedeutungen in Silas Marner, dass es überrascht, wie sie alle in diesem kurzen Text Platz gefunden haben; es ist ein Kunststück, sie in solcher Ordnung und Poesie, mit solchem Zauber und Witz zu verbinden.“ (There are so many meanings in Silas Marner that it is surprising there was room in such a short space for them all; it is a feat to have wrapped them up with such neatness, charm, poetry and wit.) Q. D. Leavis, Introduction and Notes, in: George Eliot. Silas Marner. The Weaver of Raveloe, 1967, S. 42.

Übersicht Silas Marner beginnt als Kind in einer mittel- oder nordenglischen Stadt das Handwerk der Weberei zu erlernen und arbeitet mit wöchentlichem Lohn für einen Textilverleger.Eliot gibt nur relative Hinweise auf die absolute Chronologie von Silas’ Leben: Mit den Hinweisen auf den napoleonischen Krieg und die damit verbundene Kontinentalsperre darf man Eppies Erscheinen auf Silvester 1813 oder 1814 datieren. Silas schätzt sich 16 Jahre danach als „fünfundfünfzig ungefähr“, ist also ungefähr 39, als er seine Vaterrolle übernimmt. Da ist er schon 15 Jahre in Raveloe, das er demnach mit etwa 24 um 1798 erreicht, nachdem er vorher schon 20 Jahren in der Weberei gearbeitet hat. Silas wäre dann um 1775 geboren und hätte mit weniger als fünf Jahren in der Weberei begonnen, nicht unüblich für ein Handwerk, in dem Kinder wegen ihrer Größe für bestimmte Aufgaben an den Webstühlen besser als Erwachsene eingesetzt werden konnten. Vgl. dtv 1999, S. 14, 28, 33, 35, 111, 228. Von klein auf gehört er zur Gemeinde einer protestantischen Sekte. Dieser „Lantern Yard“ führt die Hoffnung auf spirituelle „Erleuchtung“ schon im Namen und seine Mitglieder diskutieren engagiert über göttliche Prädestination, so sehr sie auch bei dieser schwierigen Materie „im Zwielicht flattern“.Diese kleine Sekte lässt sich mit den wenigen von Eliot gegebenen Hinweisen immerhin als eine der calvinistischen Dissenter bestimmen: Q. D. Leavis, Introduction and Notes, in: George Eliot. Silas Marner. The Weaver of Raveloe, 1967, S. 250 f.

Silas leidet seit seiner Jugend an einer ihn in Erstarrung und Absenz versetzenden Katalepsie. Einen solchen Anfall nutzt sein bis dahin bester Freund, um den Diebstahl der Kollekte mit einem auf Silas weisenden Indiz zu verschleiern. Silas stellt sich voller Vertrauen in die göttliche Gerechtigkeit einem Losentscheid, der aber gegen ihn ausfällt, ihn zum Dieb stempelt, dann aus der Gemeinde ausschließt und seiner Verlobten den Anlass bietet, ihre Verlobung zu lösen. Daraufhin verlässt Silas seine Geburtsstadt und zieht aufs Land in die Nähe des Dorfes Raveloe im „Merry Old England“, wo er in einer ehemaligen Steinhauerhütte an seinem Webstuhl und ohne Verleger für die Kundschaft der Umgebung arbeitet.

Schon wegen seiner kurzsichtigen, hervortretenden Augen mit ihrem „grausigen Stieren“, wegen seines bleichen Gesichts und wegen seiner Kenntnisse von Heilkräutern ist er den Dörflern unheimlich;dtv 1999, S. 13. Die wiederholte Betonung der auffallenden Äußerlichkeiten hat einen zeitgenössischen Kontext: In der damaligen Physiognomik, einer pseudowissenschaftlichen Basis des Rassismus, wurde die These vertreten, dass sich in den Gesichtszügen auch Charakter und Moral einer Person spiegeln; Eliot schreibt hier gegenan: Der "unschöne" Silas hat eine letztlich schöne Seele. In Literaturen.net (siehe Weblinks) wird Silas’ Kurzsichtigkeit als Symbol seiner Unfähigkeit zur richtigen Einschätzung seiner Mitmenschen interpretiert: Er habe z. B. die Ähnlichkeit zwischen Eppie und Godfrey nicht erkannt - das ist aber auch Nancy vor Godfreys Bekenntnis nie aufgefallen. (dtv 1999, S. 239) und auch infolge der für die Landbevölkerung zwar notwendigen, aber technisch sehr anspruchsvollen und von ungewöhnlichen Geräuschen begleiteten Weberei bleibt Silas ein von Argwohn und Aberglauben umgebener Fremder. In Verbitterung und seelischer DunkelheitGeorge Eliot: Silas Marner, dtv 1999, S. 12 ff., 27 ff., 60, 107. Die Dunkel-Hell-Verschiebung entspricht einer Textur des wachsenden Glücks, die sich bis ins Schlusskapitel steigert: "Von etwas weiter weg schien sie (Eppie) in reines Weiß gehüllt." George Eliot: Silas Marner, dtv 1999, S. 244. Ein doppelter farbsymbolischer Kontrast zu Eppie sind die beiden Lammeter-Schwestern, die Schöne und die Häßliche, die auf dem Silvesterfest beim Squire Cass in identischen gelben (aber auch „käsefarbenen“!, George Eliot: Silas Marner, dtv 1999, 213) Seidenkleidern und damit auf groteske Weise als Vexierbild auftreten. George Eliot: Silas Marner, dtv 1999, S. 128 ff. konzentriert er sich emsig wie ein Insekt auf seine Arbeit und ihren Lohn, der mehr und mehr der Sinn seines einsamen Daseins wird. Er spart, ja: hortet ihn zu einem kleinen Schatz von Goldmünzen, sodass das Materielle sein Leben fokussiert, das sich „von Glauben und Liebe abgeschnitten“ hat und Befriedigung nur im Befingern und Zählen seiner Münzen findet.Die Arbeit und das Materielle drücken Silas ihren Stempel auf: George Eliot: Silas Marner, dtv 1999, S. 28 f., 32, 34, 59 ff., 107. mini|Silas entdeckt den Diebstahl (5. Kapitel), Illustration von Hugh Thomson 1907 Dieser Schatz wird Silas eines Abends von Dunstan, dem zweitältesten Sohn des Squires, einem Mitglied des niederen Adels, gestohlen und taucht erst anderthalb Jahrzehnte später wieder auf. Silas verliert so zum zweiten Mal seinen Trost und Lebenssinn,George Eliot: Silas Marner, dtv 1999, S. 63, 107. „Die Geschichte von Silas Marner ist in erster Linie eine Geschichte des Verlustes […] jedoch auch eine Geschichte des (Wieder)Gewinnens.“ Literaturen.net (siehe Weblinks). aber da er sich in seiner Verzweiflung an die im Dorfgasthof versammelte Dorfgemeinschaft wendet, mischt sich bald zum ersten Mal auch tätiges Mitleid in deren Verhalten, dessen neue Freundlichkeit Silas aber noch nicht erreicht.George Eliot: Silas Marner, dtv 1999, S. 108 ff. „Erst wird das Misstrauen durch ‚verächtliches Mitleid‘ ersetzt, dann folgen die üblichen Angebote nachbarschaftlicher Hilfe.“ (First ‘contemptuous pity’ replaces distrust, then the traditional neighbourly attempts to help him follow.) Q. D. Leavis, Introduction and Notes, in: George Eliot. Silas Marner. The Weaver of Raveloe, 1967, S. 23. In der bald darauf folgenden Neujahrsnacht stirbt die von Godfrey Cass, dem ältesten der Squire-Söhne, wegen der nicht standesgemäßen Heirat aus „niedriger Leidenschaft“ verleugnete Ehefrau nicht weit entfernt von Silas’ Hütte in der Kälte; ihr zweijähriges Kind tappst durch den Schnee auf Silas’ Hütte zu und gelangt durch die offene Tür an dem wieder erstarrten Silas vorbei in die warme Stube. So wird Silas von den Cass-Brüdern sowohl seines Lebenssinns beraubt als auch bereichert, „die Cass-Brüder sind für Silas Marners Werdegang […] Agenten des Schicksals.“Gerber, S. 168.