Das stillgelegte Kernkraftwerk Philippsburg (KKP) befindet sich in der Stadt Philippsburg im Landkreis Karlsruhe, Baden-Württemberg. Karlsruhe liegt 25 km südlich, Heidelberg 26 km nordöstlich, Mannheim 28 km nördlich und Landau 25 km westlich (alle Angaben Luftlinie). Seit dem 31. Dezember 2019 ist es planmäßig nach dem Atomgesetz vollständig abgeschaltet. Seit 2017 wird Block 1 und seit 2020 Block 2 zurückgebaut.

Geschichte der Anlage mini|Das Kühlwassereinlaufbauwerk mini|Der Kühlwasserablauf

Im Jahre 1969 plante die damalige Kernkraftwerk-Baden-Württemberg-Planungsgesellschaft mbH (KBWP) den Bau von vier baugleichen Siedewasser-Reaktorblöcken der Baulinie 69 auf der Gemarkung der benachbarten Gemeinde Oberhausen-Rheinhausen. Nachdem diese Pläne dort abgelehnt wurden, entschloss man sich, das Kraftwerk auf der Rheinschanzinsel der Gemeinde Philippsburg zu errichten. 1971 ging aus der KBWP die Kernkraftwerk Philippsburg GmbH (KKP) hervor.25 Jahre Kernkraftwerk Philippsburg GmbH, Seite 4/5. Herausgeber: Kernkraftwerk Philippsburg GmbH, Philippsburg 1996. Die Planungen wurden danach überarbeitet, man reduzierte die Zahl der Blöcke von vier auf zwei. 1977 wurde beschlossen, Block 2 als Druckwasserreaktor zu errichten.25 Jahre Kernkraftwerk Philippsburg. Herausgeber: Kernkraftwerk Philippsburg GmbH, Philippsburg 1996.

Der Bau des ersten Blocks (KKP 1), eines Siedewasserreaktors, wurde 1970 begonnen. Er ging am 7. Mai 1979 ans Netz. Er war nahezu baugleich mit den drei anderen deutschen Siedewasserreaktoren der Baulinie 69 (nämlich dem Kernkraftwerk Krümmel, dem Kernkraftwerk Brunsbüttel (beide in Schleswig-Holstein) und dem Block 1 des Kernkraftwerks Isar) sowie dem Kernkraftwerk Zwentendorf (Österreich), das nach einem Volksentscheid nicht in Betrieb ging.Atomkraft – Laufzeitverlängerung trotz Sicherheitsdefiziten. In: ARD-Magazin kontraste, 15. Juli 2010.

Der Block 2 hatte einen Druckwasserreaktor der dritten Generation (Vor-Konvoi-Anlage) und ging am 17. Dezember 1984 in Betrieb. Die nominelle elektrische Nettoleistung des KKP 1 betrug 890 MW, die des KKP 2 1402 MW. Das KKP wurde von der EnBW Kernkraft GmbH betrieben.

Im Jahre 2001 ließ der damalige Bundesumweltminister Jürgen Trittin im Zuge der Auswertung der meldepflichtigen Ereignisse 06/2001 und 07/2001 das KKP 2 Anfang Oktober vom Netz nehmen und stellte die Zuverlässigkeit des Betreibers in Frage.Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit: Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit: Nach personellen Konsequenzen und technischen und organisatorischen Änderungen ging die Anlage mit Zustimmung Trittins unter Auflagen im Dezember 2001 wieder in Betrieb.Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit:

Aufgrund der meldepflichtigen Ereignisse 06/2001 und 07/2001 wurde vom Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit auch die IAEO hinzugezogen. Nach einer mehrwöchigen Untersuchung urteilten Experten der IAEO, das KKP 2 sei, gemessen an internationalen Standards, eine sehr gute Anlage. Sie lobten die Motivation und Teamfähigkeit des Personals, die Sicherheitskultur, die Instandhaltung und das Alterungsmanagement sowie Ordnung und Sauberkeit in der Anlage. Verbesserungspotenziale wurden beim internationalen Erfahrungsaustausch, bei der Nutzung von Performance-Indikatoren und bei der Häufigkeit von Anlagenbegehungen durch Führungskräfte ausgemacht.IAEO: OSART Mission to the Philippsburg-2 NPP Germany. (PDF; 901 kB). Eine Folgeuntersuchung 2006 bestätigte die Erstuntersuchung. Die Empfehlungen waren dabei nach Angabe der IAEO zu 70 Prozent umgesetzt.EnBW: „OSART-Mission im Kernkraftwerk Philippsburg endet mit sehr gutem Ergebnis“

Gemäß Atomausstiegsbeschluss von 2002 war die endgültige Abschaltung des KKP 1 für 2011/2012 vorgesehen, die des KKP 2 für 2016/2017.nabu.de: Nach der erneuten Novellierung des Atomgesetzes 2010 („Laufzeitverlängerung“) war die endgültige Abschaltung von KKP 1 für 2026 und von KKP 2 für 2032 vorgesehen. (englisch)

KKP 1 wurde am Morgen des 17. März 2011 für das von der Bundesregierung (Kabinett Merkel II) beschlossene dreimonatige Atom-Moratorium heruntergefahren. Ende Mai 2011 beschlossen die Umweltminister der Länder und des Bundes, die sieben ältesten Kernreaktoren (darunter Philippsburg 1) und das Kernkraftwerk Krümmel endgültig abgeschaltet zu lassen.Badische Zeitung: Länder wollen das Aus für 7 Atomkraftwerke.siehe auch Drucksache 17/6246, S. 6 (PDF; 229 kB). Am 30. Juni 2011 beschloss der Bundestag die Energiewende (siehe auch Atomausstieg): KKP 2 durfte gemäß Atomgesetz bis längstens 31. Dezember 2019 (entsprechend vereinbarter Reststrommenge) in Betrieb bleiben. An diesem Tag wurde die Anlage tatsächlich gegen 18:55 Uhr endgültig abgeschaltet.

Anfang Mai 2017 wurde mit dem Abriss von Block I begonnen. Der Abriss von Block II begann unmittelbar nach der Stilllegung im Januar 2020. Die Sprengung der beiden markanten Kühltürme erfolgte am 14. Mai 2020 um 06:05 Uhr. Aufgrund der Kontaktbeschränkungen und zur Vermeidung der Verbreitung des Coronavirus während der COVID-19-Pandemie in Deutschland sollte dieses ohne Publikum erfolgen. Daher wurde der genaue Termin nicht bekanntgegeben, sondern lediglich ein Zeitfenster von 48 Stunden zwischen dem 14. und dem 15. Mai 2020.

Der laufende Abriss umfasst eine Masse von 398.000 Tonnen. Auch nach dem Ende der Stromproduktion werden noch einige Jahre lang Brennelemente des AKWs weiter im Lagerbecken der Anlage gekühlt. Erst danach können sie in Castorbehälter umgeladen und zur Zwischenlagerung innerhalb des Geländes der Anlage verbracht werden. Dort lagern abgekühlte Brennelemente des AKWs für weitere Jahre.

Wo der hoch radioaktive Abfall endgelagert werden soll, bleibt unklar. Der Deutsche Bundestag setzte bereits im Jahre 2014 die Kommission Lagerung hoch radioaktiver Abfallstoffe ein, um einen Endlagerungsstandort zu finden. Deren Vorschläge und Handlungsempfehlungen flossen in das im Mai 2017 in Kraft getretene „Gesetz zur Fortentwicklung des Standortauswahlgesetzes“ mit ein. Ziel des Gesetzes sei nach Info der Bundesregierung 2019: eine „offene, wissenschaftsbasierte und transparente Suche eines Endlagerstandortes nach dem Prinzip der ‚weißen Landkarte‘“. Keine Region würde „von vornherein ausgeschlossen“. Dieses Verfahren sei bis zum Jahr 2031 plangerecht abzuschließen und ab 2050 soll der hoch radioaktive Müll am endgültigen Standort endgelagert werden.https://www.bundesregierung.de/breg-de/aktuelles/akw-philippsburg-394304

KKP 1 mini|Links KKP 1 mit Maschinenhaus, rechts KKP 2

Daten Der Siedewasserreaktor in Block 1 enthielt 592 Brennelemente mit je 96 Brennstäben (die 102 Tonnen Uran enthielten) und 145 je 3,64 Meter lange Steuerstäbe. Diese Stäbe hatten eine Einfahrzeit von 120 Sekunden und eine Schnelleinfahrzeit von 2,6 Sekunden. Der Reaktor hatte unter Volllast eine thermische Leistung von 2575 Megawatt und eine elektrische Nettoleistung von 890 Megawatt, was einem Nettowirkungsgrad von 34,5 % entspricht. Im Reaktordruckbehälter wälzten neun Zwangsumwälzpumpen (ZUP) maximal 14,3 Kubikmeter Wasser pro Sekunde um, das als Dampf-Wasser-Gemisch aus dem Kern austrat. Der Hochdruckteil der Dampfturbine wurde mit 1,38 Tonnen pro Sekunde gesättigten Dampfes (Temperatur 287 °C, Druck 6,9 MPa) gespeist. Der Dampf verließ den Hochdruckteil der Turbine mit 1,03 MPa und 185 °C, wurde über je zwei Wasserabscheider geleitet, in Zwischen-Überhitzern mittels 0,11 Tonnen pro Sekunde Anzapfdampf im Gegenstromprinzip getrocknet und um rund 50 °C überhitzt. Danach speiste der Dampf zwei Niederdruckturbinen, ehe er in je einem Kondensator durch Kühlung mit Rheinwasser niedergeschlagen und als Kondensat in den Kreislauf zurückgeführt wurde. Die Anlage hatte einen 152 Meter hohen Naturzug-Nasskühlturm, der im Ablauf- oder im Rückkühlbetrieb einsetzbar war.Herausgeber: EnBW Kernkraft GmbH Kernkraftwerk Philippsburg. 2007, Seite 14–15 (siehe Kühlung durch Trocknung und Verdunstung)

Geschichte Der Bauantrag für KKP 1 wurde im Oktober 1969 gestellt; bereits ein Jahr später, nach Erteilung der ersten Teilerrichtungsgenehmigung am 9. Oktober 1970, begann man mit dem Bau. Nach der Fertigstellung im Jahr 1979 lief die Anlage fast ein Jahr im Probebetrieb und wurde am 18. Februar 1980 bei 100 Prozent Leistung übernommen. Am 17. März 2011 wurde KKP 1 im Zuge des Moratoriums zum Atomausstieg des Bundeskabinetts Merkel II nach 32 Betriebsjahren endgültig stillgelegt. Im April 2017 wurde der Rückbau genehmigt.https://www.welt.de/regionales/baden-wuerttemberg/article163570376/Atommeiler-Philippsburg-1-wird-zurueckgebaut.html

KKP 2 mini|Kühlturm KKP 2 (im Mai 2020 gesprengt) mini|Eine Niederdruckturbine von KKP 2, eingesetzt 1984, ausgebaut 1995, ausgestellt im Technik-Museum Speyer

Daten Der Druckwasserreaktor in Block 2 enthielt 193 Brennelemente (das entspricht rund 103 Tonnen Uran) und 61 Steuerstäbe (Länge 3,72 Meter, Einfahrzeit 375 Sekunden, Schnellabschaltzeit 1,7 Sekunden). Im Primärkreislauf des Reaktors wälzten vier Kühlmittelpumpen etwa 68.000 Tonnen Wasser pro Stunde um. Das Wasser trat mit einer Temperatur von 326 Grad Celsius und einem Druck von 158 bar in vier Dampferzeuger ein, wo in je 4000 U-Rohren der Speisedampf des Sekundärkreislaufs erzeugt wurden. Der Speisedampf trieb mit rund 65 bar die Turbine mit einer Nennleistung von 1468 Megawatt, nach Abzug des Eigenverbrauchs blieb eine elektrische Nettoleistung von 1402 Megawatt (Nettowirkungsgrad 35,3 Prozent; thermische Reaktorleistung von 3950 Megawatt).Herausgeber: EnBW Kernkraft GmbH Kernkraftwerk Philippsburg. Redaktion: Michael Maurer. Druck: Kraft Druck und Verlag GmbH, Ettlingen-Oberweier. 2007 Seite 16–17 Die Anlage war mit einem Naturzug-Nasskühlturm (Höhe 153,5 Meter) ausgestattet, der im Ablaufbetrieb oder im Rückkühlbetrieb einsetzbar war. Der Basisdurchmesser des Kühlturms betrug 123,5 Meter und der Wasserdurchsatz im Kühlturm konnte bis zu 140.500 Kubikmeter pro Stunde unter Volllast erreichen. Die Anlage speiste den erzeugten Strom auf der 380-kV-Hochspannungsebene in das Stromnetz des Übertragungsnetzbetreibers Transnet BW ein.

Geschichte Der Bauantrag für KKP 2 wurde im Juni 1975 beim damaligen Ministerium für Wirtschaft, Mittelstand und Verkehr in Stuttgart gestellt, Baubeginn war am 20. Juli 1977. Aus politischen Gründen wurde der Block nicht wie ursprünglich vorgesehen als Siedewasserreaktor, sondern als Druckwasserreaktor der Vor-Konvoi-Generation ausgeführt. Nach der Fertigstellung des Rohbaus Ende 1981 wurden bis Ende 1983 die technischen Komponenten eingebaut. Der Warmprobebetrieb mit Brennelementen begann im Oktober 1984; angefahren wurde der Reaktor erstmals am 13. Dezember 1984. Am 17. Dezember 1984 wurde der Generator erstmals mit dem Netz synchronisiert; am 6. Februar 1985 lief KKP erstmals unter Volllast. Der im Vertrag vorgesehene vierwöchige Probebetrieb bei voller Leistung endete am 13. April 1985; am 17. April 1985 wurde die Anlage vom Hersteller an den Betreiber übergeben.

Da in der Zwischenzeit der Bau des Kernkraftwerks Wyhl unterbrochen (und später ganz gestoppt) wurde, wurden die für Wyhl-1 bereits bestellten und produzierten Großkomponenten (unter anderem das Reaktordruckgefäß und Dampferzeuger) für KKP 2 verwendet. Dies war ohne Probleme möglich, da dieser Block nahezu zeichnungs- und baugleich mit dem geplanten Block 1 in Wyhl war. KKP 2 wurde auf den damaligen sicherheitstechnisch neuesten Stand gebracht.

KKP 2 wurde am 31. Dezember 2019 um 18.55 Uhr erfolgreich abgeschaltet und vom Netz genommen. Die EnBW erfüllte somit eine Vorgabe des Atomgesetzes fristgerecht.