mini|Ehemaliger Eingang/Pförtnerhaus der Lauffenmühle in Unterlauchringen (abgerissen Anfang 2021) mini|Werksgelände mit stillgelegtem Schornstein
Die Lauffenmühle mit Hauptsitz in Lauchringen im Landkreis Waldshut in Baden-Württemberg gehörte im 20. Jahrhundert zu den größten vollstufigen Textilunternehmen in Deutschland mit Spinnerei, Weberei und Ausrüstung. 1835 als Baumwollspinnerei gegründet, wurde Lauffenmühle im Zuge der Industrialisierung zu einem der großen Arbeitgeber in der im 19. Jahrhundert verarmten deutschen Hochrheinregion. Vor der ersten Insolvenz 1993 wurden über 2000 Arbeitnehmer beschäftigt. Die Firmierung änderte sich im Laufe der Geschichte des Unternehmens immer wieder, zuletzt firmierte sie als Lauffenmühle GmbH & Co. KG.
Die Lauffenmühle konnte sich der Talfahrt der deutschen Textilindustrie in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts nicht entziehen. Ab 1993 durchlief sie insgesamt fünf Insolvenzverfahren, über welche sich das Sortiment, die Produktionskapazitäten und die Zahl der Arbeitnehmer immer weiter verringerten. Die Lauffenmühle bestand zuletzt noch aus dem Werk in Lauchringen und dem Veredelungsbetrieb im Lörracher Ortsteil Brombach. Bei seiner Schließung 2019 beschäftigte das Unternehmen noch 242 Mitarbeiter.
Das Werk prägte die Entwicklung der Ortschaft Unterlauchringen vom einfachen Dorf bis zur heutigen Gemeinde Lauchringen. Nach der Schließung des Werkes Ende Juli 2019 erwarb die Gemeinde Lauchringen am 20. Mai 2020 das Areal der Lauffenmühle am Hauptstandort und gestaltet seither einen langandauernden Umwidmungs- und Erneuerungsprozess des Industriegeländes.
mini|Teilabriss Februar 2021, entfernt: Eingangsbereich/Verwaltungsgebäude
Geschichte Mühle Die Lauffenmühle erhielt ihren Namen von der 1433 erstmals als herrschaftliche Mühle urkundlich erwähnten Mühlin an der Wut am Louffen bei nider Loucheringen („Mühle am Lauffen“) oder kurz Loffenmüli, einer Getreidemühle, der eine Gipsmühle, Ölpresse, Hanfreibe und ein landwirtschaftlicher Betrieb mit Gastwirtschaft angeschlossen waren.Karl-Friedrich Hoggenmüller: Die Gemeinde Lauchringen. In: Heimat am Hochrhein. 1996, S. 13 ff.Originalurkunde des Schiedsspruchs zwischen der Stadt Tiengen und dem Dorf Kadelburg über einen Waldbezirk bei der "Loffenmüli", 1433. Kadelburger Gemeindearchiv.
Ursprüngliches Naturphänomen Wutachlauffen mini|Wutach-Lauffen (Restwassermenge)
Während die Mühle – so Weissenberger – sich noch harmonisch in die Landschaft eingefügt habe, „plätschern dort, wo seit Jahrtausenden der tosende, wirbelnde Wasserfall donnernd in sein Felsbecken stürzte, ein paar spärliche Rinnsale über die Felsstufe.“ Neben dieser, durch die Umleitung des Wassers auf die Turbine bewirkten Beeinträchtigung, kam die Überbauung durch die alte Eisenbrücke, die 1968 durch eine Betonbrücke ersetzt wurde: „Durch den Straßenverlauf bedingt, ließ sich an der bisherigen Lage der Brücke nichts ändern, sodaß sie nach wie vor direkt über den interessantesten Teil der Schnellen führt und den freien Ausblick auf den Wasserfall versperrt.“Walter Weissenberger: Der Wutach-Lauffen. In: Heimat am Hochrhein 1969/70. S. 27. „Man muß sich damit abfinden“ – so schließt der Autor seinen Beitrag –, „daß hier, wie auch an anderen Flüssen, dem Streben nach restloser Ausnutzung der natürlichen Wasserkraft ein einmaliges Stück Natur geopfert worden ist.“Walter Weissenberger: Der Wutachlauffen bei Unterlauchringen-Tiengen. In: Heimat am Hochrhein, 1969/70. S. 26 ff.
Geschichte der Mühle bis zur Firmengründung Ursprünglich gehörte die Lauffenmühle den Grafen von Sulz, den damaligen Herren des Klettgaus. Die Lauffenmühle besaß das Privileg, dass flussabwärts kein neues Mühlwerk errichtet werden durfte. Die Grafen von Sulz vergaben die Nutzung der Mühle lehensweise. Der erste namentlich bekannte Müller ist Rudolf Müller von Pfäffigheim. Am Dienstag, den 4. Juli 1504 wurde von Vogt Jörg von Württemberg zu Tiengen ein bestätigter Lehensrevers ausgestellt, der Rudolf Müller die Nutzung der Mühle übertrug. Am 23. Juni 1611 veräußerte Graf Rudolf von Sulz die Lauffenmühle für 11.000 Gulden an Abt Petrus vom Zisterzienserkloster in Wettingen. 1712 verkaufte das Kloster die Lauffenmühle für 5.000 Gulden an den Oberlauchringer Adlerwirt Carl Würtenberger.Der Waldshuter Erzähler vom 4. März 1995: Die Lauffenmühle-Pioniere kamen aus der Schweiz. Der Müller Georg Gehringer verkaufte die Lauffenmühle am 10. August 1834 für 30.000 Gulden an den Schweizer Johannes Müller von Gossau.
Gründung der Baumwollspinnerei Am 29. September 1834 reichte der damals 26 Jahre alte Johannes Müller beim Finanzministerium in Karlsruhe ein Gesuch zur Erteilung einer Konzession für eine Baumwollspinnerei ein. In seinem Gesuch weist er darauf hin, dass die Realisierung des Projektes dem Interesse der „Staatsuntergebenen“ diene, also der Schaffung von Arbeitsplätzen in einer abgelegenen Region. Neben der Wasserkraft als Energiequelle war damals auch der Standort innerhalb des Deutschen Zollvereins für Schweizer Unternehmer attraktiv, denn dadurch konnten sie Zölle vermeiden, die bei einer Produktion in der Schweiz angefallen wären. Die Genehmigung wurde am 2. Februar 1835 erteilt. Johannes Müller errichtete neben der alten Mühle ein 4-stöckiges Fabrikgebäude und ließ darin 13 Spinnstühle mit 3.000 Spindeln aufstellen. Auf den neuen Maschinen wurde Baumwolle gesponnen. Die Garne wurden an Webereien in Baden, Württemberg, Bayern und Hessen verkauft.
Spinnerei Lauffenmühle Aktiengesellschaft Gründer Johannes Müller hatte sich bei diesem Projekt übernommen. Neben dem Kaufpreis von 30.000 Gulden hatte er weitere 100.000 Gulden für die Errichtung der Spinnerei aufgewandt. Er verkaufte das Unternehmen am 9. Dezember 1835 an einen seiner Hauptgläubiger, einen Baumwolllieferanten, das Handelshaus Heinrich Maier, Baumwolle und Baumwollwarenhandel, in Brugg. Die Käufer gründeten eine Aktiengesellschaft unter dem Namen Spinnerei Lauffenmühle mit einem Kapital von 110.000 Gulden. Einer der Inhaber des Handelshauses Heinrich Maier, Carl Fischer, war Vorstand und erwarb die badische Staatsbürgerschaft und das Bürgerrecht der Stadt Tiengen. Neben dem Textilbetrieb betrieb Carl Fischer auch die alte Mahlmühle mit gutem Ertrag weiter und finanzierte damit das mit Verlust arbeitende Textilunternehmen.
1837 wurde das Textilunternehmen ausgebaut, es wurden 26 Webstühle aufgestellt. Das Textilunternehmen erzeugte damals jährlich etwa 1.000 Zentner Garne und Tücher im Wert von 75.000 Gulden,Michael Neubert: Lauffenmühle. 176 Jahre textile Produktion in Lauchringen. In: Heimat am Hochrhein, Jahrbuch des Landkreises Waldshut 2011. Edition Isele, Eggingen 2010, ISBN 978-3-86142-506-9, S. 52. die Mühle brachte es auf jährlich 4.000 Zentner Mehl mit dem Wert von 36.000 Gulden.
In der Mühle arbeiteten 4 Personen, im Textilunternehmen werden 105 Personen beschäftigt; darunter befanden sich 40 Kinder. In Anbetracht der Beschäftigung von Kindern richtet die Lauffenmühle eigens eine Fabrikschule ein, die bis zum Jahre 1872 bestand. Nach deren Auflösung besuchten die Kinder die öffentliche Volksschule in Unterlauchringen. mini|Wutachaufstauung am Wehr zwischen Unterlauchringen und Tiengen, Tunnelausgang bzw. Wasserablauf der Stromerzeugung
1845 entstand am nördlichen Wutachufer ein moderner Spinnereihochbau, „aus dem sich das heutige, bedeutende Textilwerk entwickelte.“ 10.000 neue Spindeln produzierten dort Garne. Das Wutachwasser wurde zur Erzeugung elektrischen Stroms durch einen offenen Kanal auf eine Turbine umgeleitet und danach durch ein unterirdisch durch den Felsen gesprengtes Kanalstück wieder der Wutach zugeführt. Diese Anlage besteht noch heute. Die Zahl der Mitarbeiter stieg auf 250. Ein Arbeiterwohnhaus wurde bereits zusammen mit dem neuen Fabrikgebäude 1847 errichtet. Auch in der Folgezeit entstanden weitere Wohnungen für die Arbeiter.
In der Nacht vom 25. auf den 26. Januar 1876 brannte der Spinnereihochbau vollständig ab. Der Wiederaufbau wurde sofort in Angriff genommen, nunmehr als Spinnereiflachbau. 1904 wurde eine neue Weberei mit 416 Webstühlen errichtet.
Wechselnde Eigentümer Familie Fischer war noch immer Eigentümer der Lauffenmühle, jedoch waren viele Familienmitglieder im Ersten Weltkrieg gefallen. Die verbliebene Eigentümerin Martha Fischer veräußerte deshalb das Unternehmen an den Geschäftsfreund Rudolf Großmann-Simon aus Basel. Großmann musste den Betrieb infolge Rohstoffmangels stilllegen und veräußerte ihn nach Kriegsende an die Blumenstein-Gruppe. Die Blumenstein-Gruppe der Finanziers Josef und Alfred Blumenstein umfasste damals 70 bis 80 Textilunternehmen und Beteiligungen. Der Rohstoffmangel wurde durch den Aufbau einer Papierspinnerei vorübergehend umgangen.
Auch nach dem Ersten Weltkrieg zog sich die Krise hin, Streiks und Aussperrungen waren die Folge. 1926 gab es wegen Absatzschwierigkeiten Betriebseinschränkungen. Im gleichen Jahr wurde das Unternehmen in eine GmbH umgewandelt. Im Anschluss konnten die Eigentümer die Krise überwinden. In den folgenden Jahren entstanden ein großer Webereineubau für 700 Webstühle und eine moderne Heizanlage.
1931 wurde die Blumenstein-Gruppe aufgelöst. Im Zug dessen fielen die Geschäftsanteile der Lauffenmühle GmbH in die Hände von fünf Großbanken unter der Führung der Deutschen Bank AG und der Diskonto-Gesellschaft.
Nachkriegszeit Die Lauffenmühle erlitt keine Kriegsschäden. Zusammen mit seinem Sohn, Helmut Winkler, gelang Gustav Winkler „unmittelbar nach Kriegsende, die Lauffenmühle zu einem der modernsten Textilunternehmen der Nachkriegsgeschichte in der Bundesrepublik auf- und auszubauen.“ 1949 errichteten sie in Blumberg eine neue Taschentuchweberei mit 504 Webstühlen. Sie wurde vom bekannten Architekten Egon Eiermann entworfen. Gemeinsam mit der Spinnerei gab es nun zwei große Textilbetriebe, in denen zunächst fast ausschließlich Vertriebene bzw. Flüchtlinge beschäftigt wurden. Später kamen Gastarbeiter, vor allem aus der Türkei dazu.
1955 erwarben die Winklers die in unmittelbarer Nachbarschaft in Lauchringen gelegene Weberei von Heinrich Honegger. Ebenfalls 1955 begann die Erneuerung des Maschinenparks. In Lauchringen wurden 704 Rascher-Webstühle als Automaten aufgestellt. Von 1956 bis 1958 wurde die Spinnerei mit modernsten Maschinen neu gestaltet. Im Spinnsaal standen 96 Ringspinnmaschinen zu je 400 Spindeln. Damit erhöhte sich die Spindelzahl von 38.400 auf 70.000. Darüber hinaus wurden eine Kämmerei und ein neues Webereigebäude errichtet; dieses wurde mit 96 neuentwickelten Sulzer-Webmaschinen ausgestattet. Diese Anlage erreichte im Dreischichtbetrieb eine Produktion von 650.000 m2/Monat. 1960 entstand der Neubau für eine Weberei, die mit 200 Dornier-Webautomaten ausgestattet war.
Da der Taschentuchbedarf stetig stieg, mietete die Lauffenmühle in Blumberg weitere Räume an, um 50 Saurer-Buntautomaten aufzustellen. 1961 wurde mit einem Erweiterungsbau in Blumberg begonnen, in den Jahren 1962–1964 mit 96 Sulzer-Buntwebmaschinen ausgestattet. Diese Vier-Schuss-Buntwebmaschinen wurden von der Firma Sulzer in Zusammenarbeit mit Lauffenmühle für die Taschentuchherstellung entwickelt.
Am 25. August 1962 brannte die Spinnerei in Lauchringen infolge einer Selbstentzündung im Ballenlager aus. Die Spinnerei wurde innerhalb von 15 Monaten neu auf- und ausgebaut und erlaubte der Lauffenmühle die Entwicklung hin „zu einem der größten und modernsten Textilbetriebe in Deutschland, ja in Europa.“Nach: Karl-Friedrich Hoggenmüller: Die Gemeinde Lauchringen. In: Heimat am Hochrhein. 1996, S. 16.
mini|Werk in Lörrach-Brombach